Block IV – Analyse und Interpretation
Theoretisch-schriftliche Aufgabe

Edvard Munch (1863-1944)
Der Schrei, 1893-1910
Öl auf Leinwand, 91 × 73,5 cm

Francis Bacon (1909-1992)
Studie zu Porträt VII, 1953
Öl auf Leinwand, 152,3 × 117 cm
Beschreibung
Schilder deine ersten Eindrücke und beschreibe die dargestellten Situationen beider Werke.
Analyse
Analysiere beide Werke im Hinblick auf die Aspekte Gegenstand, Komposition, Farbe sowie Raum und stelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus.
Interpretation
Interpretiere die Werke vergleichend. Berücksichtige dabei deine Sicht auf das Thema DENKBARES – SICHTBARES – FÜHLBARES.
Materialien:
beiliegende Reproduktionen, weißes Kopierpapier zum Schreiben (gestempelt)
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Edvard Munch: Der Schrei, 1893, vs. Francis Bacon: Studie zu Porträt VII, 1953
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Porträts der Verzweiflung
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nichts kann diese Menschen trösten
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Edvard Munch platziert seinen Schreienden auf einer Brücke; im Hintergrund zeigt sich eine maritime Landschaft, bei Francis Bacon befindet er sich in einem Innenraum, der Klaustrophobie suggeriert
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der gellende Schrei besitzt jeweils eine solch zerstörerische Kraft, dass er im ersten Gemälde Person und Landschaft und im zweiten den Porträtierten zerfließen lässt
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wenngleich Form sowie Farbe jeweils die Situation unterstützen, sind sie bei Bacon deutlich reduzierter als bei Munch
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beiden Bildern gleich ist das Motiv des Schreienden, dabei erscheint es aber unterschiedlich interpretiert
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das Wesen in Edvard Munchs Bild besitzt ein Gesicht, das dem eines Totenschädels gleichkommt, Mund und Augen sind weit geöffnet, es hält sich mit beiden Händen zudem die Ohren zu und steht mit gekrümmtem Oberkörper, der mit einem schlichten Hemd bekleidet ist, da
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Francis Bacon lässt seinen formell mit dunklem Jackett, weißem Hemd und einem Schlips ausgestatteten Porträtierten sitzen, dabei wird er auch nur zur Hälfte sichtbar, denn ab Bauchhöhe umfängt ihn ein enges, schlittenartiges Gebilde, das die angedeuteten Proportionen des Mannes nur brutal einquetschen kann, was das schmerzverzerrte Gesicht erklärt
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zudem ist das Umfeld in beiden Darstellungen verschieden:
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Munchs Figur befindet sich am Meer, konkret auf einer Brücke, welche auch von zwei weiteren Personen begangen wird, die dahinterliegende stark bewegte Landschaft zeigt Wasser, Schiffe, Ufer und einen glühenden Himmel
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der nüchterne Raum bei Bacon ist lediglich durch perspektivische Linien angedeutet, eine herunterhängende Glühbirne, zwei Schmuckelemente und das Geländer, auf dem sie wie Pokale stehen, schaffen etwas zusätzliche Strukturierung
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unterschiedlich ist auch die Komposition der Bilder
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in Munchs Gemälde führt die Brücke mit perspektivischer Verjüngung von unten schräg nach links bis zum Horizont und lässt noch etwa ein Drittel Himmel unberührt
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ebenso wie sie ist der schreiende Mensch im Vordergrund angeschnitten, ein Anschnitt zeigt sich auch links, während rechts ein Pfosten die Bildsituation begrenzt
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Bacons Schreiender befindet sich im optischen Zentrum und wird dort von den ihn umgebenden Linien, die seitlich angeschnitten sind, wie von einem Gerüst gehalten
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die Farbgestaltung ist in beiden Darstellungen ausdrucksstark, unterscheidet sich aber vor allem im Hinblick auf die Vielfalt der Töne
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Munchs Bild ist farblich virtuos, nebeneinander befinden sich an etlichen Stellen alle Komplementärkontraste, daneben ist auch das Hell-Dunkel durchgängig aufgebaut
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Bacon konzentriert sich auf Schwarz, Weiß, monochrome Blautöne und ironisiert das Grauen mit festlich anmutendem Gold, das sich von der restlichen helldunklen Palette stark abhebt
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der Raum ist in beiden Gemälden vorwiegend durch Zentralperspektive bestimmt, daneben offenbart sich aber auch Licht-Schatten-Modulation
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Formensprache und Bewegung tragen sowohl bei Munch als auch bei Bacon den jeweiligen Schrei
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Munch transportiert die Unruhe im gesamten Bild mit Farbwellen
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Bacon arbeitet mit dieser Bewegung nur innerhalb der detailreichen Figur, daneben suggeriert das beengende verknappt dargestellte Gefährt eine Abfahrt nach rechts unten aus dem Bild hinaus, möglicherweise ins Ungewisse
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beide Maler, Munch als Wegbereiter des Expressionismus und Bacon, ein britischer Maler, dem erst nach dem 2. Weltkrieg der Durchbruch gelang, stellen keine realistische Situation dar, sondern bewegen sich in beklemmend Denkbarem
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wenngleich sie unterschiedlichen Epochen angehören, hängen die Anlässe doch zusammen, wiederholen sich und bestimmen das Schicksal der Menschen bis heute
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am Ende des 19. Jahrhunderts, der Zeit, in der Munchs Bild entstand, erahnen bürgerliche Intellektuelle den Untergang einer Ära, der sich tatsächlich in der Katastrophe des 20. Jahrhunderts, das von zwei Weltkriegen, dem Holocaust und Diktaturen ebenso wie der Ausbeutung der Natur bestimmt war, bewahrheitet hat
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für Bacon ist dies keine Ahnung mehr, sein berühmtes Papstbild, welches auf Velasquez Porträt von Innozenz X. zurückgeht, zeigt selbst das Oberhaupt der Christenheit verzweifelt
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auch für uns gibt es genug Anlass zum Schrei, unsere Existenz ist aktuell so bedroht wie lange nicht mehr: Klimawandel, Ressourcenknappheit, sinnloser Terror, Kriege und eine Pandemie mit unbekanntem Algorithmus bestimmen unser tägliches Sein und Denken
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insofern besitzen beide Werke eine traurige Aktualität
Quelle:
Thomas, Karin, Seydel, Fritz, Sowa, Hubert: Kunst Bildatlas, Ernst-Klett-Verlag, Stuttgart 2007