Block IV – Analyse und Interpretation
Theoretisch-schriftliche Aufgabe

Gerhard Richter
(*1932)
Helga Matura mit Verlobtem, 1966
Öl auf Leinwand,
200 × 100 cm

David Hockney
(*1937)
Mr. und Mrs. Clark und Percy, 1970/71
Acryl auf Leinwand,
214 × 305 cm
Beschreibung
Schildere deine ersten Eindrücke und beschreibe die dargestellten Situationen beider Werke.
Analyse
Analysiere beide Werke im Hinblick auf die Aspekte Gegenstand, Komposition, Farbe sowie Raum.
Stelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus.
Interpretation
Interpretiere die Werke vergleichend unter Berücksichtigung deiner Sicht auf das Thema SCHEIN UND SEIN.
Materialien:
beiliegende Reproduktionen, weißes Kopierpapier zum Schreiben (gestempelt)
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Gerhard Richter: Helga Matura mit Verlobtem, 1966 vs. David Hockney: Mr. und Mrs. Clark und Percy, 1970/71
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Fotografie oder Malerei?
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zudem verschwommen in Schwarzweiß
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ein seltsames Paar, ungleich im Hinblick auf Größe und Ausstrahlungskraft, bildet das Motiv; dem Titel nach zeigt es Helga Matura mit Verlobtem und somit ein Doppelporträt
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eleganter Chic der 60er Jahre kennzeichnet den Modestil
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die Dargestellten sitzen in ungleicher Höhe und sind dem Betrachter zugewandt
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sie trägt ein helles kniekurzes Kleid mit Dreiviertelarm und dazu dunkle Spangenpumps, er einen eleganten dunklen Anzug, darunter ein weißes Hemd, um dessen Kragen ein gestreifter Schlips gebunden ist
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während Helga Matura erhobenen Hauptes, welches von kinnlangem, etwas toupiertem Haar gerahmt ist, in die Kamera schaut, wirkt ihr Verlobter, der tiefer platziert ist, nicht so selbstbewusst und fast wie ein Kind, das die Mutter im Arm hält, zudem hält er den Kopf schräg und schmiegt sich so in die Armbeuge, nur die übereinandergeschlagenen Beine zeugen von Extravaganz
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der Raum um das Paar ist als Innenraum erahnbar, zumindest ist am Boden ein orientalischer Teppich zu erkennen
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die Komposition wirkt durch die Schräge, die der Höhenunterschied der Köpfe auslöst, spannungsvoll, zudem wird die Aufmerksamkeit so voll auf die erhöhte Matura gelenkt, auch das gestreckte Hochformat ist etwas provozierend
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entsprechend der Suggestion eines Schwarzweißfotos zeigt sich der Hell-Dunkel-Kontrast: während die Dame hell und strahlend erscheint, bildet der Mann das dunkle Pendant, allerdings besitzen beide auch Akzente der gegenläufigen Helligkeitsstufe, bei ihr ist es das Dunkel der Pumps, bei ihm das Hell des Hemdes; der Hintergrund verschwimmt in den unterschiedlichen Grautönen der Wand, der Möblierung und den Ornamenten des Teppichs
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Räumlichkeit wird durch Licht-Schatten-Modulation, die sich durch das Werk zieht, sowie Überschneidungen des Interieurs durch die Porträtierten ausgelöst, an den Möbeln zeigen sich zudem einige perspektivische Schrägen; allerdings verschwimmen Konturen und lösen stellenweise den räumlichen Eindruck wieder auf
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was wie ein inszeniertes Verlobungsfoto wirkt, ist eine Malerei und ist dem Fotorealismus, der Gerhard Richters Werk in den 60er Jahren bestimmte, zuzuordnen
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Richter, der kürzlich seinen 90. Geburtstag feierte, gilt als einer der bedeutendsten und vielseitigsten Künstler Deutschlands
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seine Motivation entsprang der Faszination, die Schein und Sein auslösen kann
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auch David Hockneys Arbeit ist eine Malerei und thematisiert das Porträt eines Paares; dieses ist aber nicht mehr optisch so verbunden wie die Matura mit ihrem Verlobten
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zudem wird mit ihm auch ein Dritter gezeigt, nämlich Kater Percy
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ebenso wie Richters ist die Arbeit realistisch ausgeführt, zeigt aber Klarheit, Farbe und Liebe zum Detail
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etwas später entstanden, werden in ihr der Mode- und Kleidungsstil der beginnenden 70er Jahre präsentiert
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Mr. und Mrs. Clark und Percy befinden sich in ihrem eleganten Appartment, in welches ein weißer Tisch, auf dem ein gelbes Buch liegt und ein Lilienstrauß steht, den Blick führt
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die Protagonisten haben sich vor einem Balkonfenster eingefunden, dessen Läden halb geöffnet sind und den Ausblick auf eine weiße Brüstung sowie Bäume im Innenhof gewähren, dabei steht sie links und er sitzt rechts mit dem Kater auf dem Schoß
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die Kleidung der beiden ist lässig, ihre mit dem langen weichen Kleid über einer Bluse mit Schärpe mehr elegant, seine mit dem Pullover über dem Hemd und der Trompetenhose mehr casual, ihr Haar ist schulterlang in blonde Locken gelegt, seins dunkel und halblang
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der weiche Wollteppich, den ihre Füße berühren, kann der Situation keine echte Wärme spenden
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an der kostbar tapezierten Wand hängt links moderne Kunst, rechts neben dem Mann stehen ein Telefon und ein kleines Objekt auf dem Boden
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hier sind der Wohlstand der Upperclass ebenso wie Gefühlskälte zu Hause, was anders als bei dem Motiv Richters ist
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die Komposition ist zwar zentralperspektivisch gebaut, erreicht ihren Ausdruck aber vor allem durch die Reihung der Bildobjekte im Mittelgrund, bei welcher Abstände Beziehungen kennzeichnen, so ist der zwischen dem Paar sehr groß, sogar das Telefon sowie das kleine Objekt sind sich näher
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daneben werden den Personen auch die Dinge in ihrer Bildhälfte zugeordnet, also Mrs. Clark das moderne Bild sowie der Tisch mit den Blumen und dem Buch und Mr. Clark der Kater auf seinen Knien, das Telefon sowie das kleine Objekt, das auch ein Pokal sein könnte – die Andersartigkeit der Komposition gegenüber dem anderen Bild ist schon in der unterschiedlichen Komplexität begründet
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die Farbigkeit ist üppiger als bei Richter, aber gegenüber anderen Malereien reduziert; so dominiert auch hier der Hell-Dunkel-Kontrast und wird nur von einigen Farbakzenten aufgelockert; die hellen Töne sind dabei Beige und Weiß im Interieur sowie das weiße Fell des Katers; Dunkles zeigt sich vor allem in der Kleidung der Clarks, ihrem Überrock und seinen Hosen; der Akzent ist vor allem das Rot ihrer Bluse, das im Komplementärkontrast zum Grün der Lilienstängel sowie der Bäume steht, das Gelb des Buches lässt Blautöne, die sich im Bild an der linken Wand befinden, violett erscheinen
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Räumliches liegt hier in einer ausgeprägten Licht-Schatten-Modulation begründet, aber wie im Doppelporträt von Gerhard Richter zeigen sich Überschneidungen und, deutlicher als dort, Zentralperspektive im Mobiliar; durch das Fenster verblaut zudem die Landschaft und die Objekte werden kleiner
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im Gegensatz zu „Helga Matura mit Verlobtem“ wird hier nicht der Anfang, sondern das Ende einer Liebe erzählt, das sich zudem in einer ganz anderen Gesellschaftsschicht abspielt
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so wirkt alles großartig, aber in Wirklichkeit entpuppt sich der Schein nicht als Sein
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sein Stil ist formal den Realismen nach 1945 zuzuordnen, offenbart dabei aber Eigenständigkeit