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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 1

Thema

Textbezogenes Schreiben: Erörterung literarischer Texte

Aufgabenstellung

  • Stelle die wesentlichen Aussagen des Textauszugs von Brigitte Kronauer dar und formuliere schlussfolgernd, wie Kronauer die Figur des Woyzeck interpretiert. (30 %)

  • Erörtere diesen Interpretationsansatz. Beziehe dabei deine Kenntnisse zu Büchners Dramentext ein. (70 %)

Material

Dankrede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2005 (Auszug; 05.11.2005)

Brigitte Kronauer (* 1940 – † 2019)

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Warum bloß, frage ich Sie, sehr geehrte Damen und Herren, und nicht weniger mich,
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hat Georg Büchner die hier gleich folgenden Worte von jemandem sprechen lassen,
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aus dessen Mund sie dermaßen unnatürlich, ja unglaubwürdig klingen: „... so ein
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schöner, fester, grauer Himmel, man könnte Lust bekommen, einen Kloben hineinzu-
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schlagen und sich dran zu hängen, nur wegen des Gedankenstrichels zwischen Ja und
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Nein und wieder Ja – und Nein. Ja und Nein? Ist das Nein am Ja oder das Ja am Nein
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schuld?“
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Nicht der eloquent müde Revolutionär Danton sagt die verblüffenden Sätze, nicht
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der graziös ennuyierte Prinz Leonce, nicht der in den Wahnsinn kippende Schrift-
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steller Lenz. Ihnen allen wäre solch spitzfindig formulierter Tief- oder Unsinn ohne
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weiteres zuzutrauen. Aber Woyzeck? Ihm doch wohl eigentlich nicht, nicht Woyzeck,
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dem vierten Protagonisten von Büchners in fundamentaler Unterschiedlichkeit und
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notgedrungener Eile errichteten Universen. Trotzdem, er, das arme Stück Mensch,
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wahlweise tauglich für erniedrigend idiotische Experimente oder, in tödlicher Vari-
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ante, als Kanonenfutter, er hat’s geäußert.
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Jedoch: Darf er das?
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Nicht seine Überlegung an sich ist das mögliche Ärgernis, nur der Umstand, daß er,
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Woyzeck, sie anstellt. Obwohl er uns allerdings vorwarnte mit der ebenfalls für einen
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wie ihn befremdlichen Bemerkung, manchmal habe man „so ’nen Charakter, so ’ne
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Struktur“. Ein hier von mir unterschlagenes, von Büchner zwischengeschobenes
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„Herr Hauptmann“ und ein paar, je nach Ausgabe, volksnah stimmend und in dialekt-
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naher Manier weggelassene n’s am Ende, ein „schlage“ und „hänge“ tun dabei kaum
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was zur Sache. Was Woyzeck da in großer Not entschlüpft, ist richtiggehend intellek-
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tuell, klingt keineswegs nach urtümlich schlichtem Gemüt, hört sich unpassend akro-
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batisch, ja, um Himmels willen, heraus mit dem bösen Wort, artifiziell an!
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Liegt aber der literaturhistorische Ruhm Büchners nicht zu einem großen Teil darin
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begründet, daß er, ungeschönt und Mitgefühl weckend, einen jener Rechtlosen zum
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ersten Mal auf die Bühne brachte als das, was er war und ist: ein von der relevanten
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Gesellschaft allenfalls als Dreiviertelmensch angesehenes und benutztes Wesen,
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ohne Bildung und daher fast unzivilisiert, das sein vermutlich ungeschlachtes Innen-
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leben lieber, wenn’s schon sein muß, leihweise in sogenannten Volksliedern oder Bi-
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belversen artikulieren und eventuell goutierbar machen sollte?
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Gilt Büchner nicht jedem Schulkind als Revolutionär auch deshalb, weil er, im Gegen-
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satz zum ungeliebten Schiller, die Wirklichkeit nicht idealisiert, sondern endlich in
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ihrer realen Erscheinung darstellte?
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Und dann ausgerechnet bei unserem Woyzeck, dem uns inzwischen so teuren Pracht-
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exemplar des Geringen, des leidend Anspruchslosen derart komplizierte Gedanken
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und Gedankenstrichel! […]
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Woyzeck […] konstatiert zu seiner Verzweiflung, jedoch ab sofort zu unserem Trost:
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„Jeder Mensch ist ein Abgrund“.
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Wir atmen auf! Ist das nicht plötzlich in unseren Ohren Engelsmusik? […] Auch Hinz
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und Kunz, oder, wie der Dichter Ror Wolf sagen würde, Noll, Lemm, Sapp und
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Klomm, sind: vielfältig? Sind jeder für sich: unergründlich, gerade so wie Sie und ich?
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[…]
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Das ist die Revolution, eine Binsenweisheit, aber eine dauerhaft revolutionäre:
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Nicht die Erkenntnis, daß, recht unverbindlich, alle Menschen Menschen und irgend-
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wie auch Brüder sind. Vielmehr, daß kein Mensch, ob Überflieger oder nicht, flach ist,
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simpel ist! Keiner, was er an Floskeln auch daherredet, gedankenlos, hilflos, Einver-
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ständnis heischend, ist, egal was Augenschein und Verabredung behaupten mögen,
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nur mit dieser einen, von ihm verbalisierten Dimension ausgestattet. […]

Aus: Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung: Dankrede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2005; zuletzt abgerufen am 28.11.2024.

Brigitte Kronauer war Schriftstellerin.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

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