Aufgabe 4
Thema
Materialgestütztes Schreiben: Materialgestütztes Verfassen argumentierender Texte
Aufgabenstellung
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Eine überregionale Tageszeitung richtet einen Schreibwettbewerb zu der Frage aus, ob bzw. inwiefern durch soziale Medien eine demokratische Verständigung über gemeinsame gesellschaftliche Themen, Probleme und Ziele ermöglicht werden kann.
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Der Beitrag der Siegerin bzw. des Siegers soll im Kulturteil der Zeitung veröffentlicht werden.
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Verfasse für den Schreibwettbewerb einen argumentierenden Beitrag, in dem du zu der strittigen Frage Stellung nimmst.
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Nutze dazu die folgenden Materialien 1 bis 6 und beziehe unterrichtliches Wissen über Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen sowie eigene Erfahrungen ein.
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Formuliere eine geeignete Überschrift.
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Verweise auf die Materialien erfolgen unter Angabe des Namens der Autorin bzw. des Autors und ggf. des Titels.
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Dein Beitrag sollte ca. 1000 Wörter umfassen.
Material 1
Zwischen Partizipationsversprechen und Algorithmenmacht. Wie soziale Medien politisches Handeln prägen (Auszug; 2022)
Jan-Hinrik Schmidt (* 1972)
Aus: Jan-Hinrik Schmidt: Zwischen Partizipationsversprechen und Algorithmenmacht. Wie soziale Medien politisches Handeln prägen. Hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2022, S. 49 f.
Jan-Hinrik Schmidt (geb. 1972) erforscht digitale interaktive Medien und politische Kommunikation am Leibniz-Institut für Medienforschung|Hans-Bredow-Institut (HBI) in Hamburg.
Ungewöhnliche Schreibweisen in der Textvorlage wurden zum Zweck der besseren Lesbarkeit angepasst. Zudem wurden Fehler in der Textvorlage entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
Material 2
Facebook, Twitter und Co. Social Media – Fluch und Segen zugleich. Zusammenfassung eines Radiointerviews des Deutschlandfunk Kultur mit der Politikwissenschaftlerin Nikita Dhawan (2020)
Aus: Facebook, Twitter und Co. Social Media – Fluch und Segen zugleich. Deutschlandfunk Kultur, 06.06.2020; zuletzt abgerufen am 03.12.2024.
Nikita Dhawan (* 1972) ist Politikwissenschaftlerin. Seit 2021 ist sie Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Technischen Universität Dresden.
Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
Material 3
Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik (Auszug; 2022)
Jürgen Habermas (* 1929)
Aus: Jürgen Habermas: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2022, S. 44-46.
Jürgen Habermas (* 1929) ist Philosoph und Soziologe.
Material 4
Die große Gereiztheit (Auszug; 2018)
Bernhard Pörksen (* 1969)
Aus: Bernhard Pörksen: Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung. München: Carl Hanser Verlag, 2. Auflage, 2018, S. 76-78.
Bernhard Pörksen (* 1969) ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.
Material 5
Umfrageergebnisse aus der JIM-Studie 2023
Aus: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs): JIM-Studie 2023, S. 52; zuletzt abgerufen am 03.12.2024.
Das Layout des Diagramms wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit leicht verändert.
Material 6
„Dialog ist die Mutter der Demokratie“. Auszug aus einem Interview mit dem Politikwissenschaftler Roland Roth (Auszug; 2019)
Roland Roth (* 1949)
Aus: mitarbeiten. Informationen der Stiftung Mitarbeit 3 (2019), S. 2 f.; zuletzt abgerufen am 22.09.2024.
Roland Roth (* 1949) ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft.
Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
Sofern nicht anders angegeben, entsprechen Rechtschreibung und Zeichensetzung den Textquellen.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Soziale Medien als Chance oder Gefahr? Zur Rolle digitaler Plattformen für demokratische Verständigung
Einleitung
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Demokratische Verständigung heißt: Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven verständigen sich argumentativ über gemeinsame Probleme und Ziele – idealerweise respektvoll, prüfbar informiert und mit Blick auf das Gemeinwohl.
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Seit Jahren wird den sozialen Medien die Rolle einer neuen Agora zugeschrieben. Gleichzeitig erleben wir Shitstorms, Desinformation und Echokammern.
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Die Frage des Wettbewerbs ist darum berechtigt: Ob bzw. inwiefern soziale Medien demokratische Verständigung tatsächlich ermöglichen. Meine These lautet: Ja, soziale Medien können das, aber nur unter klaren inhaltlichen, sprachlichen und strukturellen Bedingungen. Im Folgenden begründe ich diese Position.
Hauptteil
Pro: Chancen sozialer Medien für demokratische Verständigung
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Ein entscheidender Vorteil sozialer Medien liegt im niedrigen Zugang. Plattformen sind kostenlos oder zumindest leicht zugänglich, sodass ein sehr großer Teil der Gesellschaft daran teilhaben kann. Damit öffnen sie einen Raum, der nicht von Eintrittspreisen, Bibliotheksausweisen oder Mitgliedschaften abhängig ist, sondern allen offensteht, die Zugang zum Internet haben. Durch diese Niedrigschwelligkeit können sich auch Menschen beteiligen, die in traditionellen Medienstrukturen bislang kaum eine Stimme hatten (M1, M2).
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Hinzu kommt die Möglichkeit der schnellen Informationsverbreitung. Innerhalb weniger Sekunden können Inhalte, Fakten, aber auch persönliche Stellungnahmen eine breite Öffentlichkeit erreichen. So entsteht ein Raum für fundierte Meinungsbildung, in dem verschiedene Quellen und Positionen nebeneinander sichtbar sind. Gerade in Krisensituationen oder bei aktuellen politischen Themen können soziale Medien dadurch Transparenz schaffen und Handlungsdruck erzeugen (M1, M2).
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Besonders wichtig ist die Erweiterung des öffentlichen Diskussionsraums. Durch soziale Medien sind nicht mehr nur Journalistinnen und Journalisten oder politische Entscheidungsträger in der Lage, Themen zu setzen, sondern auch zivilgesellschaftliche Initiativen und Einzelpersonen. Die klassische Filterfunktion der Medien wird dadurch teilweise aufgehoben. So erhalten auch marginalisierte Gruppen und Minderheiten die Möglichkeit, ihre Anliegen öffentlich zu machen, etwa in Form von Hashtag-Kampagnen oder Petitionen (M3, M4). Für Menschen, die im analogen politischen Raum kaum Gehör finden, stellen Plattformen damit eine neue Form der politischen Teilhabe dar.
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Ein weiterer positiver Aspekt ist die Mobilisierungskraft sozialer Medien. Politische Bewegungen können in kürzester Zeit Unterstützer gewinnen und Aktionen organisieren. Hashtags, virale Videos oder gezielte Aufrufe haben mehrfach gezeigt, dass auch globale Bewegungen aus kleinen digitalen Initiativen entstehen können. Die Frauenproteste in Belarus zeigen eindrucksvoll, wie soziale Medien als Instrument genutzt werden können, um Widerstand gegen autoritäre Strukturen sichtbar zu machen und Solidarität international zu bündeln (M3). Auch bei gesellschaftlichen Themen wie Klimaschutz oder Menschenrechten hat sich gezeigt, dass die Vernetzung im digitalen Raum eine wichtige Grundlage für realpolitischen Druck sein kann (M1, M2).
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Darüber hinaus bieten Plattformen Möglichkeiten zur Anonymität, die wiederum eine Form von Schutz darstellen. Wer etwa Missstände in autoritären Staaten ansprechen will, riskiert persönliche Verfolgung. Soziale Medien ermöglichen es, anonym aufzutreten und dennoch gehört zu werden. Diese Schutzfunktion ist ein wichtiger Bestandteil demokratischer Diskurse, weil sie Menschen die Möglichkeit gibt, überhaupt erst zu sprechen, ohne mit sozialen oder politischen Sanktionen rechnen zu müssen (M4).
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Nicht zuletzt sind soziale Medien ein virtueller öffentlicher Raum, in dem deliberative Elemente – also echte Aushandlungsprozesse – stattfinden können. Wo Moderation, Quellenpflichten und Threading gegeben sind, entstehen Debatten, die der klassischen Diskussion im Sinne demokratischer Verständigung sehr nahekommen. Damit haben soziale Medien das Potenzial, neue Foren der Deliberation zu schaffen, die traditionelle Parlamente oder Talkshows sinnvoll ergänzen können (M1, M2).
Contra: Risiken sozialer Medien für demokratische Verständigung
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Trotz dieser Chancen dürfen die Risiken nicht ausgeblendet werden. Ein zentrales Problem ist die Verbreitung von Hate Speech, Fake News und Verschwörungstheorien. Diese Inhalte verbreiten sich häufig schneller und nachhaltiger als überprüfte Informationen, weil sie emotionaler, provokativer und leichter teilbar sind. Damit wird die Grundlage rationaler Verständigung untergraben, denn Diskussionen beruhen nicht mehr auf überprüfbaren Fakten, sondern auf Emotionen und gezielten Manipulationen (M2, M4, M5, M6).
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Die Schnelligkeit der Kommunikation verstärkt dieses Problem. Soziale Medien leben von ständiger Aktualität und kurzen Botschaften. Diese Oberflächlichkeit verhindert oftmals eine tiefere Auseinandersetzung. Politische Prozesse hingegen sind langsam und erfordern gründliche Diskussionen. Die Diskrepanz zwischen der Schnelligkeit der Plattformen und der Langsamkeit demokratischer Verfahren führt dazu, dass Debatten fragmentiert bleiben und Kompromissprozesse erschwert werden (M2).
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Ein weiteres großes Risiko ist die Fragmentierung und Polarisierung. Nutzerinnen und Nutzer bewegen sich häufig in Echokammern und Filterblasen, in denen sie fast ausschließlich mit Gleichgesinnten kommunizieren. Dadurch verstärken sich bestehende Überzeugungen, während Gegenargumente ausgeblendet werden. Der Austausch mit Andersdenkenden – eine Grundbedingung demokratischer Verständigung – bleibt aus (M3, M4, M6). Langfristig entstehen so abgeschlossene Teilöffentlichkeiten, die einander misstrauen und kaum noch eine gemeinsame Gesprächsbasis finden.
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Erschwerend kommt hinzu, dass es in sozialen Medien an Gatekeepern fehlt, die problematische Inhalte filtern könnten. In klassischen Medien übernehmen Redaktionen diese Aufgabe, indem sie Fakten prüfen, Relevanz auswählen und Formulierungen überarbeiten. Im Netz dagegen kann jeder veröffentlichen, was er möchte – unabhängig von Qualität oder Wahrheitsgehalt. Dies führt dazu, dass auch extreme und aggressive Stimmen besonders sichtbar werden, weil sie aufgrund ihres provokativen Charakters mehr Reichweite erzielen (M3, M4).
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Die strukturellen Bedingungen der Plattformen verschärfen diese Tendenzen zusätzlich. Personalisierte Algorithmen sorgen dafür, dass Nutzerinnen und Nutzer überwiegend Inhalte sehen, die ihren bisherigen Einstellungen entsprechen. So entstehen Filterblasen, die kritische Gegenargumente ausblenden und stattdessen die eigene Position verstärken (M1). Damit wird nicht nur Verständigung verhindert, sondern auch der Eindruck erzeugt, die eigene Meinung sei die einzig richtige.
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Zudem trägt die Kommunikationskultur im Netz dazu bei, dass Empathie und Vertrauen abnehmen. Anonymität, räumliche Distanz und die Beschleunigung der Kommunikation senken die Hemmschwelle für sprachliche Gewalt. Beleidigungen, Drohungen und Abwertungen werden leichter ausgesprochen als in einem persönlichen Gespräch. Dies führt dazu, dass viele Menschen sich aus den Debatten zurückziehen und die demokratische Gesprächskultur langfristig Schaden nimmt (M4, M6).
Schluss
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Insgesamt zeigt sich, dass soziale Medien durchaus Potenzial für eine demokratische Verständigung besitzen, zugleich aber erhebliche Gefahren bergen.
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Sie können zur Öffnung von Diskursräumen beitragen, Beteiligung erleichtern und gesellschaftliche Debatten sichtbar machen. Gleichzeitig drohen Polarisierung, Hate Speech und algorithmisch verstärkte Filterblasen die Verständigung zu erschweren.
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Die entscheidende Herausforderung liegt daher nicht darin, soziale Medien pauschal als demokratisches Instrument zu bewerten, sondern ihre Nutzung kritisch zu reflektieren und geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen.
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Demokratische Verständigung kann durch soziale Medien ermöglicht werden, wenn Missbrauch begrenzt und verantwortungsvolle Kommunikationsformen gefördert werden. So bleiben soziale Medien ein ambivalentes, aber unverzichtbares Element moderner politischer Kultur.