Lerninhalte in Deutsch
Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 2

Thema

Textbezogenes Schreiben: Interpretation literarischer Texte

Aufgabenstellung

  • Interpretiere den Auszug aus dem Drama Push Up 1-3 von Roland Schimmelpfennig. (70 %)

  • Vergleiche auf der Grundlage deiner Interpretationsergebnisse die Gestaltung der Figuren Sabine und Angelika mit der Gestaltung der Figur Anna Pollinger aus dem Roman Der ewige Spießer von Ödön von Horváth. (30 %)

Material

Push Up 1-3 (Auszug; Uraufführung 2001)

Roland Schimmelpfennig (* 1967)

Die Dramenhandlung spielt in den Büroetagen eines Großkonzerns. Die Angestellten des global agierenden Unternehmens sind bereit, für ihre Karriere viel zu opfern, um ins oberste Management zu gelangen. Im ersten von drei Teilen des Dramas treffen Angelika, die Geschäftsführerin, und Sabine, die jüngste Abteilungsleiterin, in Angelikas Büro aufeinander, um über Sabines Bewerbung auf die Leitungsposition der Entwicklungsabteilung in Indien zu sprechen.

Im Drama wechseln sich Dialoge (1.5, 1.7) und Monologe (1.4, 1.6, 1.8) ab. In den Monologen äußert sich die jeweilige Figur im Selbstgespräch.

1
1.4.
2
SABINE Ich hatte seit zwei Jahren keinen Sex mehr. Und ich bin achtundzwanzig. Ich
3
stehe jeden Morgen um sechs auf. Ich dusche kalt und frühstücke anschließend.
4
Meistens Obst. Im Bademantel. Dabei läuft der Fernseher. So mache ich das jeden
5
Morgen außer sonntags. Morgens sehe ich von halb sieben bis sieben fern. Das Pro-
6
gramm ist um die Uhrzeit nicht besonders, aber ich sitze davor und denke an gar
7
nichts.
8
Dann fange ich an, mich anzuziehen. Ich ziehe nie dasselbe an, was ich am Tag zuvor
9
anhatte. Nie. Obwohl sich meine Sachen oft ähneln. Ich habe viele Sachen. Klei-
10
dung. Ich habe meine Wohnung unter diesem Aspekt ausgesucht. Einbauschränke.
11
In meiner jetzigen Wohnung gibt es zwei Einbauschränke.
12
Ich habe Schwierigkeiten damit, zu entscheiden, was ich anziehen soll. Das ist ein
13
Problem. Ich wechsle oft mehrfach die komplette Kleidung, bis ich mich entschie-
14
den habe, was ich anziehen soll. Bis ich mich zu einer Entscheidung durchgerungen
15
habe. Das ist nicht einfach. Das ist eine Qual.
16
Wenn ich schließlich angezogen bin, föne ich meine Haare zurecht und schminke
17
mich. Die Frisur geht, viel ist mit meinen Haaren einfach nicht zu machen. Make-up
18
ist schwierig, gerade im Winter, wenn es draußen noch dunkel ist. Nicht zuviel. Nur
19
hochwertige Produkte. Aus Japan zum Beispiel.
20
Kurze Pause.
21
Wenn ich mit dem Gesicht fertig bin, fahre ich mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage.
22
Es ist jetzt acht Uhr. Auf halbem Weg steige ich aus und drehe um. Fahre wieder
23
rauf. Weil ich mich entsetzlich fühle. Ich halte es nicht aus. Ich halte es nicht aus.
24
Ich schließe die zwei Sicherheitsschlösser meiner Wohnungstür wieder auf und
25
ziehe mich um. Mir gefällt nicht mehr, was ich anhabe. […] Ich wechsele alles. Die
26
Strümpfe, den Slip, den BH. Ich finde mich häßlich. Ich muß mich beeilen, die Uhr
27
tickt, und ich stehe vor dem Spiegel im Flur und finde mich häßlich. […]
28
1.5.
29
[…]
30
ANGELIKA […] Sie haben sich für Delhi beworben.
31
SABINE Und Sie haben die Bewerbung abgelehnt.
32
ANGELIKA Ja.
33
SABINE Ohne weitere Begründung.
34
ANGELIKA Ohne schriftliche Begründung.
35
SABINE Ohne Begründung. Ohne eine Erklärung. Ein Gespräch. Oder einen Anruf.
36
Nichts. Aus diesem Grund habe ich um diesen Termin gebeten.
37
ANGELIKA Natürlich haben Sie das. Sie sind schließlich diejenige, die was will.
38
SABINE Das heißt –
39
ANGELIKA Ich wußte, daß Sie kommen würden.
40
SABINE Aber Sie geben mir keine Antworten.
41
ANGELIKA Doch, gleich. Ich wollte Sie nur erst ein bißchen näher kennenlernen.
42
Kurze Pause.
43
Unser Zentrum in Delhi ist das Herz der Entwicklungsabteilung.
44
SABINE Ich habe wichtige Impulse im Entwicklungsbereich gegeben. Entscheidende
45
Impulse. Sie sollen mir keinen Gefallen tun. Sie sollen mich an der Stelle einsetzen,
46
an der ich der Firma am meisten nutze. In Delhi.
47
ANGELIKA Aber ich denke nicht daran, Sie nach Delhi zu schicken.
48
SABINE Warum?
49
ANGELIKA Es geht Ihnen nicht darum, der Firma zu nutzen. Das verlangt auch nie-
50
mand. Ihnen geht es darum, weiterzukommen, Sabine. Das ist verständlich.
51
Kurze Pause.
52
Was mir daran nicht gefällt, ist Ihre Methodik.
53
SABINE Meine Methodik ist äußerst effizient, wie Sie schon sagten. Die Vorteile für
54
den Konzern sind offensichtlich.
55
ANGELIKA Wenn ich Ihnen diesen Job gebe, befördere ich Sie damit gleichzeitig auf
56
kurz oder lang in die Spitze des Konzerns, in den Vorstand, denn mit dem Know-
57
how, das Sie in Delhi ansammeln können, werden Sie für uns so gut wie unersetzlich.
58
SABINE Das gilt für jeden, dem Sie den Job geben. Das hat nichts mit meiner Person
59
zu tun. Wie ich die Dinge sehe, kommen nur zwei Faktoren in Betracht, warum Sie
60
mir nicht trauen: erstens mein Alter und zweitens mein Geschlecht. […]
61
ANGELIKA Kramer hat mir empfohlen, Sie nach Delhi zu schicken.
62
SABINE Ja?
63
ANGELIKA Ja.
64
SABINE Dann geben Sie mir doch den Job.
65
ANGELIKA Nein.
66
SABINE Meine Qualifikation steht außer Frage.
67
ANGELIKA Kann sein.
68
SABINE Aber –
69
ANGELIKA Aber Sie bekommen den Job nicht.
70
SABINE Warum nicht?
71
ANGELIKA Weil Kramer Sie empfohlen hat.
72
SABINE Ach so –
73
ANGELIKA Ja.
74
Pause.
75
SABINE Sie sind mit Kramer zusammen. Was spricht gegen eine Empfehlung durch
76
Kramer?
77
ANGELIKA zögert Kramer.
78
SABINE Ich will den Job. Sie haben niemanden, der besser dafür geeignet wäre als ich.
79
ANGELIKA Wer sagt das?
80
SABINE Ich sage das. Kramer sagt das. Sehen Sie sich meine Unterlagen an.
81
ANGELIKA lacht Ich dachte, Sie sagen, sehen Sie sich meine Unterhosen an.
82
SABINE Was?
83
ANGELIKA Nichts.
84
1.6.
85
ANGELIKA Mein Mann schläft nicht mehr mit mir. Kramer. Ich bin (..) Jahre alt.
86
Ich stehe jeden Morgen um sechs auf. Ich dusche kalt und frühstücke anschließend.
87
Meistens Obst. Am Küchencounter. Im Bademantel. Mit einem Handtuch um den
88
Kopf und Hausschuhen an den Füßen. Damit ich nicht friere und mich erkälte. Dabei
89
läuft der kleine Fernseher, den wir in der Küche stehen haben. So mache ich das
90
jeden Morgen außer sonntags und manchmal samstags. Morgens sehe ich von halb
91
sieben bis sieben fern. Das Programm ist um diese Uhrzeit nicht besonders, aber
92
ich sitze davor und denke an gar nichts. Das ist schön. Dann fange ich an, mich
93
anzuziehen und zu schminken. Ich ziehe nie dasselbe an, was ich am Tag zuvor an-
94
hatte. Nie. Früher hat es sehr lange gedauert, bis ich wußte, was ich anziehe. Es war
95
jeden Morgen ein qualvoller Prozeß, bis ich angezogen war. Es dauert immer noch
96
sehr lange, aber früher wußte ich überhaupt nicht, was ich anziehen soll –
97
heute gehe ich einfach öfter einkaufen. Das ändert zwar nichts grundsätzlich an
98
dem Problem, es hilft aber. Zumindest vorübergehend. Wenn ich nicht mehr weiß,
99
was ich anziehen soll, gehe ich einkaufen. Oder ich lasse mir die Sachen schicken.
100
Aber meistens gehe ich einkaufen, weil ich jemanden brauche, der mir hilft. Eine
101
Verkäuferin. Beratung. Ich frage die Verkäuferinnen, was mir steht oder was sie mir
102
empfehlen. Ich lasse mich sozusagen von den Verkäuferinnen anziehen, und das
103
geht manchmal ganz gut. Oft auch nicht. […]
104
1.7.
105
ANGELIKA Finden Sie mich attraktiv?
106
SABINE Wollen Sie eine ehrliche Antwort?
107
ANGELIKA zögert, lächelt Nein.
108
SABINE Ich finde Sie attraktiv.
109
ANGELIKA Glauben Sie, daß Kramer mich attraktiv findet?
110
SABINE Kann ich nicht sagen.
111
ANGELIKA Finden Sie Kramer attraktiv?
112
SABINE Kramer sieht gut aus.
113
ANGELIKA Finde ich auch.
114
Kurze Pause.
115
Findet Kramer Sie attraktiv?
116
SABINE Das müssen Sie Kramer fragen.
117
ANGELIKA Ich finde Sie nicht besonders attraktiv.
118
SABINE Aha.
119
ANGELIKA Aber ich finde mich auch nicht besonders attraktiv. […] Wir ähneln uns.
120
Beruflich Spitze, aber äußerlich totales Mittelmaß.
121
Gut, Sie sind jünger. Wenn wir Freundinnen wären, Sabine, dann bräuchten wir uns
122
morgens nur anzusehen, und dann würden wir lächeln. Weil jede von uns beiden
123
von der anderen wüßte, wie lange sie morgens vor dem Spiegel verzweifelt versucht
124
hat, mit Lidschatten noch irgend etwas aus ihrem langweiligen Gesicht zu machen.
125
[…]
126
Die beiden Frauen sehen sich lange, lange schweigend an.
127
SABINE Ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen.
128
ANGELIKA Aber Sie wissen, warum Sie hier sind.
129
SABINE Ja. Ich habe ja um diesen Termin gebeten.
130
Kurze Pause.
131
ANGELIKA Und wissen Sie auch, warum Sie diesen Termin bekommen haben?
132
SABINE Ich habe ein Recht darauf –
133
ANGELIKA Weil Kramer Sie empfohlen hat.
134
SABINE Ja, ich weiß.
135
ANGELIKA Er sagt, die Inder sind für die anderen zu schnell.
136
SABINE Ich bin schnell.
137
ANGELIKA Ich weiß. Ich weiß, wie schnell Sie sind. Sie haben einen scharfen analy-
138
tischen Verstand. Sie erkennen die Lücke im System.
139
SABINE Das ist mein Job.
140
ANGELIKA Richtig.
141
Kurze Pause.
142
Aber deshalb brauchen Sie mich nicht zu verarschen.
143
SABINE Das tue ich nicht.
144
ANGELIKA Aber hallo, Sabine. Und wie.
145
Pause.
146
Sie sind erst seit eineinhalb Jahren da. Kramer will Ihnen Delhi geben. Wissen Sie,
147
was das heißt?
148
SABINE Sagen Sies.
149
ANGELIKA Das heißt, Kramer hat Sie gefickt, Sabine.
150
Pause.
151
Häßlich. Er hat Sie gefickt. Und möglicherweise fickt er Sie noch. Fickt er Sie noch?
152
Schweigen.
153
SABINE Ja.
154
Pause.
155
ANGELIKA Ich hätte gedacht, Sie leugnen das.
156
SABINE Tatsächlich? […]
157
1.8.
158
SABINE Ich hatte natürlich nie was mit ihrem Mann. Völlig undenkbar. […]

Aus: Roland Schimmelpfennig: Die Frau von früher. Stücke 1994-2004. Mit einem Vorwort von Peter Michalzik. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 3. Auflage, 2022, S. 350-360.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!

monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?