Aufgabe 2
Thema
Textbezogenes Schreiben: Interpretation literarischer Texte
Aufgabenstellung
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Interpretiere den Auszug aus dem Drama Push Up 1-3 von Roland Schimmelpfennig. (70 %)
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Vergleiche auf der Grundlage deiner Interpretationsergebnisse die Gestaltung der Figuren Sabine und Angelika mit der Gestaltung der Figur Anna Pollinger aus dem Roman Der ewige Spießer von Ödön von Horváth. (30 %)
Material
Push Up 1-3 (Auszug; Uraufführung 2001)
Roland Schimmelpfennig (* 1967)
Die Dramenhandlung spielt in den Büroetagen eines Großkonzerns. Die Angestellten des global agierenden Unternehmens sind bereit, für ihre Karriere viel zu opfern, um ins oberste Management zu gelangen. Im ersten von drei Teilen des Dramas treffen Angelika, die Geschäftsführerin, und Sabine, die jüngste Abteilungsleiterin, in Angelikas Büro aufeinander, um über Sabines Bewerbung auf die Leitungsposition der Entwicklungsabteilung in Indien zu sprechen.
Im Drama wechseln sich Dialoge (1.5, 1.7) und Monologe (1.4, 1.6, 1.8) ab. In den Monologen äußert sich die jeweilige Figur im Selbstgespräch.
Aus: Roland Schimmelpfennig: Die Frau von früher. Stücke 1994-2004. Mit einem Vorwort von Peter Michalzik. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 3. Auflage, 2022, S. 350-360.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
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Einleitung
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Der vorliegende Auszug aus Roland Schimmelpfennigs Drama Push Up 1–3 entwirft am Beispiel zweier Frauen aus der Führungsebene eines international agierenden Konzerns einen Konflikt, in dem Karriere, Hierarchie und persönliche Verletzbarkeit unauflöslich ineinandergreifen.
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Im Zentrum stehen Sabine, die jüngste Abteilungsleiterin, und Angelika, die Geschäftsführerin, die über Sabines Bewerbung für die Leitung der Entwicklungsabteilung in Delhi entscheidet.
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Der Text zeigt, wie ein formal sachliches Gespräch zunehmend entgleist und dabei unprofessionelles, manipulierendes Handeln aus privaten Motiven entlarvt.
Hauptteil
Inhaltliche Analyse
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Zu Beginn des Auszugs wird Sabines Lebenssituation und emotionale Verfassung in einem Figurenmonolog skizziert (Vgl. Szene 1.4; Z. 1–27). Sabine beschreibt ihre täglichen Morgenroutinen, insbesondere die Auswahl von Kleidung und Make-up, als belastenden Entscheidungsprozess (Vgl. Z. 12–19, 25 f.).
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Dabei wird ihre innere Zerrissenheit deutlich. Trotz beruflichen Erfolgs nimmt sie sich selbst als unattraktiv wahr (Vgl. Z. 23, 26 f.), sodass der Monolog bereits vor dem eigentlichen Gespräch den Kernkonflikt vorbereitet: berufliche Kontrolle steht gegen private Instabilität. Auffällig ist zudem die knappe Feststellung des Fehlens von Sexualität in ihrem Leben (Vgl. Z. 2), was als Hinweis auf Einsamkeit und emotionale Leere gelesen werden kann.
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Der anschließende Dialog zwischen Sabine und Angelika (Szene 1.5, Z. 28–83) entfaltet den Konflikt als Auseinandersetzung um Sabines Karriereeignung. Anlass ist die Ablehnung ihrer Bewerbung für Delhi (Vgl. Z. 29–39), die Sabine ausdrücklich geklärt wissen will. Sabine argumentiert insistierend mit ihrer fachlichen Kompetenz und dem Nutzen für den Konzern (Vgl. Z. 40–57), während Angelika die Entscheidung scheinbar formal und rational rahmt, gleichzeitig aber deutlich macht, dass mit der Position Macht, Abhängigkeiten und strategische Konzernlogik verbunden sind (Vgl. Z. 40–57).
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Sabine steigert den Druck, indem sie die Entscheidung als möglicherweise diskriminierend deutet (Alter/Geschlecht; Vgl. Z. 58–60). Angelika entzieht sich einer eindeutigen Begründung und verweist stattdessen auf Kramer als entscheidende Instanz im Hintergrund (Vgl. Z. 58–83) – ein Hinweis, der bereits die Vermischung von Privatem und Beruflichem ankündigt.
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Angelikas Monolog (Szene 1.6, Z. 84–103) spiegelt Sabines Einstieg strukturell, wirkt aber zugleich wie ein Gegenbild. Auch Angelika konstatiert das Fehlen von Sexualität in der Ehe (Vgl. Z. 85) und beschreibt Routinen (Vgl. Z. 86–94), die ihr Bedürfnis nach Ordnung und Kontrolle markieren. Ihre Unsicherheit zeigt sich jedoch gerade in der Kleiderwahl und in der kompensatorischen Strategie, durch Einkaufen und Beratung Entschiedenheit zu simulieren (Vgl. Z. 94–103). Damit wird deutlich: Beide Figuren sind in einer Logik gefangen, in der Selbstwert stark über äußere Wirkung und Leistungsfähigkeit organisiert ist.
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Die Eskalation erfolgt in Szene 1.7 (Vgl. Z. 104–155). Angelika verschiebt das Gespräch endgültig vom Professionellen ins Persönlich-Intime, indem sie Attraktivität und Anerkennung zum Maßstab macht und Sabine sowie sich selbst als äußerlich durchschnittlich charakterisiert (Vgl. Z. 105–125). Zugleich erkennt sie Sabines analytische Brillanz (Vgl. Z. 126–144) an, koppelt diese Anerkennung jedoch an moralische Verurteilung und Kränkung. In dieser Spannung zwischen Lob und Angriff zeigt sich eine zentrale Strategie Angelikas: Sie behauptet ihre Macht, indem sie Sabine psychologisch destabilisiert.
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Der Konflikt kulminiert im ausgesprochenen Verdacht einer Affäre zwischen Sabine und Kramer (Vgl. Z. 145–151), den Sabine bestätigt (Vgl. Z. 152–155). Gerade diese Bestätigung wirkt wie ein kontrollierter Stich: Sabine nutzt die Situation, um Angelikas Kontrollverlust zu provozieren.
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Der abschließende Monolog Sabines (Szene 1.8, Z. 156 f.) offenbart schließlich, dass die Affäre-Aussage nicht zutrifft (Vgl. Z. 156 f.). Damit erhält der Konflikt eine entscheidende Pointe: Sabines Bestätigung war bewusste Irreführung – ein manipulativer Akt, der die moralische Eindeutigkeit bricht und zeigt, wie stark in dieser Welt auch die „Unterlegene“ mit Machtmitteln operiert.
Formale Analyse
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Der Text arbeitet mit einer markanten Kontraststruktur der Räume: Der sachlich konturierte Büroraum (Dialog) wird einem zeitlich und örtlich nicht eindeutig festgelegten „Innenraum“ der Monologe gegenübergestellt. Dadurch entsteht eine doppelte Perspektive: Nach außen performen die Figuren Professionalität, nach innen zerfällt diese Fassade in Unsicherheit und Selbstentfremdung.
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Besonders prägend ist der Wechsel von entschleunigenden, introspektiven Monologen (1.4, 1.6, 1.8) und tempo- sowie spannungssteigernden Dialogen (1.5, 1.7). Die häufigen Pausen (z. B. als Rhythmus- und Machtmittel) strukturieren das Gespräch nicht nur, sondern markieren auch psychologische Dominanz: Wer Pausen setzt oder erträgt, kontrolliert die Situation.
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Sprachlich erzeugt Schimmelpfennig Authentizität durch konzeptionelle Mündlichkeit. Ellipsen, Parataxen, abrupte Satzabbrüche (Aposiopesen) und alltagssprachliche Lexik („Job“, „Sachen“) lassen das Sprechen wie unmittelbares Denken wirken. Auffällig sind zudem Repetitionen (z. B. von „Begründung“, „attraktiv“, „einkaufen“), die wie Schleifen eines zwanghaften Selbstgesprächs wirken und die Fixierungen der Figuren sichtbar machen.
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Zugleich zeigt der Text in Angelikas Eskalation eine Registerverschiebung: Der Bruch von standardsprachlicher Fassade hin zu verletzend-vulgärer Direktheit (in der Zuspitzung um Kramer) macht den Verlust von Kontrolle und Professionalität sprachlich greifbar.
Deutung
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Insgesamt entwirft der Auszug ein ambivalentes Bild erfolgreicher Frauen: äußerlich souverän, innerlich aber von Selbstzweifeln, Einsamkeit und dem Zwang zur Selbstoptimierung geprägt. Der Konflikt demaskiert, wie stark professionelle Entscheidungen in einer Hochleistungskultur durch Kränkung, Konkurrenz, intime Abhängigkeiten und internalisierte Rollenbilder überformt werden.
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Das scheinbar objektive Bewerbungsverfahren erweist sich damit als Bühne, auf der Macht nicht nur institutionell, sondern vor allem psychologisch ausgeübt wird.
Schluss
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Schimmelpfennig zeigt eindrücklich, wie schnell ein sachliches Karrieregespräch in eine persönliche Machtdemonstration kippen kann.
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Der Auszug legt offen, dass in einer Welt permanenter Leistung die Grenzen zwischen Beruf und Privatheit porös werden und Anerkennung sich in Konkurrenz verwandelt.
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Gerade durch die formale Montage aus Monologen und Dialogen wird sichtbar: Hinter der professionellen Oberfläche steht ein fragiles Selbst, das im Konflikt zu Manipulation greift – sowohl bei Angelika als auch bei Sabine.
Teilaufgabe 2
Überleitung
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Die Interpretation des Auszugs hat Sabine und Angelika als leistungsstarke, zugleich innerlich verunsicherte Frauenfiguren gezeigt, deren Selbstwert eng an berufliche Anerkennung und äußere Wirkung gekoppelt ist.
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Im Vergleich mit Anna Pollinger aus Ödön von Horváths Roman Der ewige Spießer lässt sich herausarbeiten, wie unterschiedlich weibliche Existenzkrisen je nach sozialer Lage, ökonomischer Stabilität und Handlungsspielraum gestaltet werden.
Hauptteil
Gemeinsamkeiten
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Sabine, Angelika und Anna Pollinger erscheinen als Frauen, die grundsätzlich nach Selbstständigkeit und sozialer Sicherheit streben.
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Alle drei geraten jedoch in krisenhafte Situationen, in denen ihr Selbstbild erschüttert wird: Sabine erlebt die willkürlich wirkende Blockade ihrer Karriereperspektive; Angelika erfährt den Zerfall emotionaler Nähe in der Ehe und verliert im Gespräch zunehmend die Kontrolle; Anna Pollinger gerät – in deutlich existenziellerer Zuspitzung – unter den Druck wirtschaftlicher Not und sozialer Abhängigkeit.
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Gemeinsam ist den Figuren ein wachsendes Gefühl von Unsicherheit, Verletzlichkeit und Einsamkeit: Sie reflektieren ihre Lage, können sie aber nur begrenzt verändern. Dadurch wird bei allen ein Prozess der Desillusionierung sichtbar, in dem Hoffnungen auf Stabilität (Karriere, Beziehung, Lebensentwurf) brüchig werden.
Unterschiede
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Die entscheidenden Differenzen liegen in den äußeren Lebensumständen und damit im Ausmaß der Bedrohung. Sabine und Angelika handeln in einem Umfeld wirtschaftlicher Stabilität und institutioneller Macht: Ihre Krise spielt sich primär als psychischer und sozialer Konflikt innerhalb eines privilegierten Systems ab.
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Anna Pollinger hingegen steht stärker unter dem Druck ökonomischer Existenzsicherung; ihr sozialer Status ist fragiler, und sie wird deutlicher zum Objekt gesellschaftlicher Verhältnisse. Während Sabine und Angelika trotz Kontrollverlust als Akteurinnen auftreten (sie argumentieren, taktieren, manipulieren), wird Anna Pollingers Handlungsspielraum stärker von materiellen Zwängen begrenzt.
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Auch emotional unterscheiden sich die Figuren. Sabine wirkt in ihrer Selbstwahrnehmung und in ihrer kalkulierten Schlusswendung (Falschaussage) strategisch; Angelika verliert zunehmend die professionelle Maske und entblößt Kränkung und Bedürftigkeit; Anna Pollingers Krise ist weniger ein Machtkampf innerhalb eines Systems als ein Kampf um soziale und wirtschaftliche Existenz. So zeigt Schimmelpfennig eine Selbstentfremdung im Erfolgssystem, Horváth hingegen stärker die existenzielle Gefährdung durch gesellschaftliche und ökonomische Instabilität.
Schluss
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Der Vergleich macht deutlich, dass alle drei Figuren Erfahrungen von Kränkung, Unsicherheit und Einsamkeit teilen, diese jedoch je nach sozialem Kontext unterschiedlich eskalieren.
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Push Up 1–3 entlarvt die psychologischen Machtmechanismen einer Hochleistungsgesellschaft, in der Professionalität zur Fassade wird und private Motive Karriereentscheidungen steuern. Der ewige Spießer führt demgegenüber stärker vor Augen, wie ökonomische und soziale Zwänge weibliche Lebenswege existenziell bedrohen können.
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Beide Texte kritisieren damit gesellschaftliche Strukturen, die weibliche Autonomie begrenzen – einmal subtil durch Konkurrenz und Selbstoptimierungsdruck, einmal drastischer durch materielle Abhängigkeit und sozialen Abstieg.