Aufgabe 3
Thema
Textbezogenes Schreiben: Interpretation literarischer Texte
Aufgabenstellung
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Interpretiere das Gedicht Im Herbst 1775 von Johann Wolfgang Goethe. (60 %)
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Vergleiche das Gedicht Im Herbst 1775 mit dem Gedicht In den Nachmittag geflüstert von Georg Trakl unter dem Gesichtspunkt der Motivgestaltung. Berücksichtige dabei sowohl inhaltliche als auch sprachliche und formale Aspekte. (40 %)
Material 1
Im Herbst 1775 (1775)
Johann Wolfgang Goethe (* 1749 – † 1832)
Aus: Johann Wolfgang Goethe: Werke, Kommentare und Register. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Hg. von Erich Trunz. Band 1. München: C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung 1989, S. 103 f.
Material 2
In den Nachmittag geflüstert (1912)
Georg Trakl (* 1887 – † 1914)
Aus: Georg Trakl: Sämtliche Werke und Briefwechsel. Innsbrucker Ausgabe. Band 2. Hg. von Eberhard Sauermann und Hermann Zwerschina. Basel/Frankfurt am Main: Stroemfeld/Roter Stern 1995, S. 151.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen den Textquellen.
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Einleitung
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Im Gedicht Im Herbst 1775 entwirft Johann Wolfgang von Goethe eine intensive Naturbetrachtung, in der die herbstliche Landschaft zum Ausdruck innerer Bewegung und existenzieller Erkenntnis wird.
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Der Herbst erscheint dabei nicht als Zeit des Verfalls, sondern als Moment höchster Reife und Vollendung, in dem Natur, Kosmos und menschliches Empfinden in einen harmonischen Zusammenhang treten.
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Zugleich ist diese Erfahrung nicht frei von leiser Melancholie: Die Wahrnehmung der Fülle ist begleitet von einem Bewusstsein für Übergang, Vergänglichkeit und emotionaler Ergriffenheit.
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Das Gedicht reflektiert damit das Verhältnis von Mensch und Natur als einen von Liebe, Reife und zugleich von ambivalenter Empfindung geprägten Prozess.
Hauptteil
Inhaltliche Analyse
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Ausgangspunkt des Gedichts ist die Sprechsituation eines lyrischen Ichs, das aus dem Fenster auf eine herbstliche Szenerie blickt, in der sich Weinranken an einer Hauswand emporwinden. Bereits der Titel verweist explizit auf die Jahreszeit und rahmt die Wahrnehmung als herbstliche Erfahrung. In den ersten Versen richtet sich das lyrische Ich in direkter Anrede an das Laub und die Früchte des Weinstocks („Fetter grüne[r], du Laub“, V. 1).
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Diese Aufforderung verdeutlicht eine sehnsuchtsvolle Hinwendung zur Natur, die den Prozess der Reifung nicht nur beobachtet, sondern aktiv beschleunigt wissen möchte. Begriffe wie „fetter“, „reifet“, „glänzend voller“ (V. 1–6) betonen dabei Fülle, Wachstum und Vollendung.
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In den folgenden Versen weitet sich der Blick vom konkreten Naturdetail auf das Weltganze. Sonne, Mond und Himmel werden als kosmische Kräfte in den Reifeprozess einbezogen (Vgl. V. 7–12). Die Sonne spendet Wärme und Licht, der Mond wirkt kühlend, der Himmel vereint diese Gegensätze.
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Besonders das Wort „Scheideblick“ (V. 8) verweist auf eine zentrale Ambivalenz: Es bezeichnet zugleich Trennung und Verbindung und macht deutlich, dass Reife immer auch Übergang bedeutet. Die Natur erscheint hier als lebendig-schaffendes Weltwesen, dessen Wirken von Ausgleich und Harmonie bestimmt ist.
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Den Abschluss bildet die subjektive Reaktion des lyrischen Ichs. In den letzten Versen werden Tränen beschrieben, die „aus diesen Augen“ (V. 14) fließen. Diese Tränen sind mehrdeutig: Sie können als Ausdruck von Rührung, Glück, Melancholie oder existenzieller Erkenntnis gelesen werden.
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Entscheidend ist, dass sie nicht Zeichen von Schwäche sind, sondern als Teil der schöpferischen Liebeskraft erscheinen, die Mensch und Natur verbindet. Die persönliche Empfindung des lyrischen Ichs wird so als integraler Bestandteil des kosmischen Reifeprozesses dargestellt.
Formale Analyse
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Formal ist das Gedicht in freien Rhythmen gestaltet, die dem emphatischen Redegestus des lyrischen Ichs entsprechen. Ein festes Metrum oder Reimschema fehlt, wodurch der Eindruck eines unmittelbaren, emotional getragenen Sprechens entsteht. Die fast durchgängige Verwendung von Enjambements verstärkt diesen fließenden Charakter und lässt die Verse wie natürliche Atembewegungen wirken.
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Sprachlich ist das Gedicht von zahlreichen Personifikationen geprägt, die die Natur als lebendig und liebend erscheinen lassen. Formulierungen wie „der Mutter Sonne / Scheideblick“ (V. 7 f.) oder „des Monds / Freundlicher Zauberhauch“ (V. 12 f.) verleihen den Naturkräften menschliche Züge und betonen ihre fürsorgliche Funktion. Alliterationen wie „holden Himmels“ (V. 9) oder „fruchtende Fülle“ (V. 10) intensivieren die Klangwirkung und unterstreichen die harmonische Grundstimmung.
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Die wiederholte Anrede („du“, „Euch“) erzeugt eine subjektive Unmittelbarkeit und macht die Natur zum Gegenüber des lyrischen Ichs.
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Die Interjektion „ach“ (V. 13) sowie das Demonstrativpronomen „diesen“ (V. 14) dienen der Selbstvergegenwärtigung des lyrischen Ichs in der Situation und verstärken den emotionalen Ausdruck. Zugleich bleibt die Sprache offen genug, um Mehrdeutigkeit zuzulassen – insbesondere in der Darstellung der Tränen, deren Bedeutung nicht eindeutig festgelegt wird.
Deutung
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In der Zusammenschau zeigt sich das Gedicht als Lob der Reife und der gestaltenden Liebe, die Mensch, Natur und Kosmos miteinander verbindet.
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Der Herbst wird zum Sinnbild eines ewigen Kreislaufs des Seins, in dem Wachstum, Erfüllung und Übergang untrennbar miteinander verbunden sind.
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Die Erfahrung der herbstlichen Fülle führt das lyrische Ich zu einer Erkenntnis von Harmonie, die nicht frei von Ambivalenz ist, sondern gerade in der Gleichzeitigkeit von Glück und leiser Melancholie ihre Tiefe gewinnt.
Fazit
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Goethes Im Herbst 1775 ist eine poetische Meditation über Reife, Liebe und das Einssein des Menschen mit der Natur. Der Herbst erscheint nicht als Zeit des Abschieds, sondern als Moment höchster Vollendung, in dem sich die Ordnung des Weltganzen offenbart.
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Zugleich macht das Gedicht deutlich, dass diese Erfahrung nur im Bewusstsein von Übergang und Vergänglichkeit möglich ist.
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In der emotionalen Ergriffenheit des lyrischen Ichs – verdichtet im Bild der Tränen – zeigt sich eine reife Form des Naturerlebens, die Gefühl, Erkenntnis und Harmonie miteinander verbindet.
Teilaufgabe 2
Überleitung
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Während Goethes Gedicht Im Herbst 1775 die herbstliche Natur als Ausdruck von Reife, Harmonie und liebender Weltordnung inszeniert, entwirft Georg Trakl in In den Nachmittag geflüstert ein deutlich düsteres Gegenbild.
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Beide Texte greifen das Motiv des Herbstes auf, nutzen es jedoch zur Darstellung grundlegend unterschiedlicher Welterfahrungen.
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Der Vergleich zeigt, wie dasselbe Naturmotiv je nach poetischem, historischem und weltanschaulichem Kontext gegensätzliche Bedeutungen annehmen kann.
Hauptteil
1. Inhaltlicher Vergleich der Motivgestaltung
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In Goethes Gedicht wird der Herbst als Inbegriff reifer Natur und erfüllten Daseins dargestellt. Schon in den ersten Versen wird das Laub zur Reifung aufgefordert: „Fetter grüne, du Laub“ (V. 1).
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Die herbstliche Natur wird nicht als Verfall, sondern als Höhepunkt des Wachstums inszeniert: „Zwillingsbeeren […] reifet / Schneller und glänzend voller“ (V. 5–6). Der Kosmos – Sonne, Mond und Himmel – wirkt als unterstützende Kraft: „Der Mutter Sonne / Scheideblick“, „Des holden Himmels / Fruchtende Fülle“ (V. 7–10), „Des Monds / Freundlicher Zauberhauch“ (V. 11–12).
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Diese harmonische Weltordnung löst beim lyrischen Ich eine zutiefst emotionale Reaktion aus: „Und euch betauen, ach, / Aus diesen Augen / Der ewig belebenden Liebe / Voll schwellende Tränen“ (V. 13–16). Die Reife in der Natur entspricht hier einer inneren Reifung, einer seelischen Bewegung im Einklang mit der Welt.
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In Trakls In den Nachmittag geflüstert hingegen dominiert das Gegenteil. Der Herbst erscheint als Zeit des Niedergangs und der seelischen Zerrissenheit.
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Schon in der ersten Zeile heißt es, das Laub fällt „Dünn und zag“ (V.1), was auf Schwäche und Vergänglichkeit verweist. Der Mensch wirkt isoliert (Vgl. V. 3 ff.), und das lyrische Ich zieht sich „zur milden Lampe drinnen“ (V. 15) zurück. Die Natur ist nicht mehr heilsam, sondern voller Fremdheit: „Ein weißes Tier bricht nieder“ (V. 6), „Wahnsinn“ (V. 10) und „Schatten drehen sich am Hügel / Von Verwesung schwarz umsäumt“ (V. 11 f.).
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Trakl inszeniert den Herbst als Projektionsfläche existenzieller Ausweglosigkeit – der Mensch ist nicht mehr Teil der Natur, sondern ihr Opfer.
2. Sprachlich-formale Unterschiede
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Goethe verwendet freie Rhythmen und Enjambements, die dem Text einen lebendigen, natürlichen Fluss geben. Die Sprache ist anschaulich und positiv konnotiert: „glänzend voller“ (V. 6), „freundlicher Zauberhauch“ (V. 12), „fruchtende Fülle“ (V. 10).
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Stilmittel wie Alliterationen („holden Himmels“, V. 9) und Personifikationen („Mutter Sonne“, V. 7) beleben das Naturbild und schaffen Nähe zum lyrischen Ich.
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Trakl dagegen arbeitet mit strengem vierhebigen Trochäus und regelmäßigem Versmaß, was einen monotonen, beinahe erstarrten Klang erzeugt.
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Seine Sprache ist bildhaft verschlüsselt und emotional aufgeladen: Farben („blaue Räume“, V. 3; „weißes Tier“, V. 6), Symbole („Schatten“, V. 11; Traum, Vgl. V. 9), „Sterbeklänge“, V. 5) und Abstrakta wie „Wahnsinn“ (V. 10) schaffen eine albtraumhafte Atmosphäre. Während Goethe auf Transparenz und Sinn vertraut, evoziert Trakl emotionale Dichte durch Ambivalenz und Symbolsprache.
3. Poetologischer und weltanschaulicher Kontext
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Goethes Gedicht spiegelt das klassisch-humanistische Ideal einer harmonischen Weltordnung. Die Natur steht in engem Austausch mit dem Menschen, sie bietet Orientierung und sinnstiftende Erfahrung. Der Mensch ist Teil eines größeren kosmischen Ganzen, in dem Reifung und Wandel als sinnvoll erlebt werden.
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Trakls Lyrik hingegen verweist auf die Krise des Subjekts in der literarischen Moderne. Sprache, Natur und Ich verlieren ihre stabilen Bedeutungen. Der Herbst wird hier zur Chiffre für seelische Vereinsamung, für das Verschwinden von Sinn und die Erfahrung innerer Leere. Trakls Gedicht ist Ausdruck einer tiefgreifenden Welterfahrung, die von Brüchen und Unsicherheiten geprägt ist.
Schluss
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Im Vergleich zeigt sich deutlich, wie unterschiedlich das Motiv des Herbstes poetisch gestaltet werden kann: Bei Goethe steht es für Vollendung, Liebe und das Einssein mit der Natur; bei Trakl hingegen ist es Zeichen des Zerfalls, der Isolation und innerer Zerrüttung.
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Diese Gegensätzlichkeit spiegelt nicht nur verschiedene poetische Handschriften, sondern auch unterschiedliche weltanschauliche Grundhaltungen wider. Die Gestaltung des Herbstes fungiert dabei als Ausdruck innerer Zustände – als Spiegel seelischer Prozesse, die im Einklang oder in Konflikt mit der Außenwelt stehen.
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So zeigt der Vergleich beider Gedichte eindrucksvoll, wie Literatur über Naturbilder grundlegende Fragen menschlicher Existenz verhandelt.