HT 1
Situation
Du bist Schülerin bzw. Schüler des Leistungskurses Evangelische Religionslehre an einer
Schule der Evangelischen Kirche. Seit einiger Zeit kursieren in der Schulgemeinde TikTok-
Videos christlich-fundamentalistischer, aber auch nichtreligiöser Influencerinnen und
Influencer, die sich auf aktuelle Krisensituationen beziehen und apokalyptische Schreckens-
szenarien verbreiten.
Dein Leistungskurs entscheidet sich dafür, im Zuge eines Projekttages dieses Thema aufzu-
greifen. Eine Lehrkraft der Schule hat Kontakt zum lokalen Radiosender und vermittelt
deinem Kurs das Angebot, dass ein Podcast in der Mediathek des Senders eingestellt wird,
der sich an Jugendliche und junge Erwachsene richtet. Der Podcast soll sich mit der Frage-
stellung „Die Botschaft vom nahenden Ende – Angstmacherei oder Chance?“ beschäftigen.
Aufgabenstellung
Gestalte auf der Grundlage deiner fachlichen Kenntnisse die Textvorlage für einen
Podcast zu dieser Fragestellung, in dem du
-
die Fragestellung und ihre Bedeutung einführend entfaltest,
-
die in den Materialien M 1 und M 2 dargestellten Positionen herausarbeitest und dich
unter Bezugnahme auf Ihre Kenntnisse aus dem Unterricht mit diesen Positionen ausein-
andersetzt,
-
in Grundzügen wesentliche Aspekte und die Bedeutung der Reich-Gottes-Verkündigung
Jesu entfaltest und diese in die Argumentation mit einbeziehst,
-
mindestens zwei der weiteren Materialien M 3 bis M 8 zur Veranschaulichung und zur
Argumentation nutzt,
-
zur Fragestellung begründet Stellung nimmst.
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?M 1
Evangelische Presseagentur, Meldung vom 16.03.2022:
Ukraine-Krieg führt zu Endzeitspekulationen unter Christen in den USA
1 evangelikal und pfingstkirchlich: in den USA häufig fundamentalistisch-christliche Gemeinschaften
Evangelischer Pressedienst, Meldung vom 16.03.2022. (05.09.2025)
M 2
Biblische Apokalypse zeigt den Glauben an die Menschheit.
Interview mit der Theologin Margareta Gruber
1 Tschernobyl: 1986 ereignete sich im dortigen Atomkraftwerk ein schwerer Unfall, bei dem große Mengen radioaktiver
Stoffe freigesetzt wurden, die sich über weite Teile Europas verbreiteten.
Interview mit Margareta Gruber: Biblische Apokalypse zeigt den Glauben an die
Menschheit. (05.09.2025)
Margareta Gruber ist katholische Theologin.
M 3
Endzeit-Zeichen (Kurzpredigt)
Dick Leuvenink
Dick Leuvenink: Endzeit-Zeichen. (05.09.2025)
Dick Leuvenink ist evangelisch-freikirchlicher Prediger.
M 4
Faszination Apokalypse. Oder: Wie bringe ich die Katastrophe mit dem
Reich Gottes zusammen?
Kirsten Rabe
Kirsten Rabe: Faszination Apokalypse. Oder: Wie bringe ich die Katastrophe mit
dem Reich Gottes zusammen? In: Loccumer Pelikan 2/2015, S. 68–72
Kirsten Rabe ist Lehrerin und Fachberaterin für Evangelische Religion.
M 5
Unheimliche Apokalyptiker
Regina Polak
Regina Polak: Unheimliche Apokalyptiker. Blogbeitrag vom 24.02.2022. (05.09.2025)
Regina Polak ist katholische Theologin.
M 6
Doomsday1 als Narzissmus
Matthias Horx
1 Doomsday: (engl.) Tag des Jüngsten Gerichts oder Weltuntergangs
2 Narrativ: Erzählung
3 Frame: hier: Deutungsrahmen
4 Tabula rasa (lat.): hier: Auslöschung aller Dinge
Matthias Horx: Der Zauber der Zukunft. Wie wir die Welt verändern. München 2024,
S. 119 f., 142 ff.
Matthias Horx ist deutscher Publizist und Zukunftsforscher.
M 7
Evangelische Nachrichtenagentur IDEA
Umfrage: Jeder Dritte hat aus Angst Vorräte angelegt. Unter Freikirchlern
ist es jeder Zweite.

Evangelische Nachrichtenagentur IDEA: Umfrage: Jeder 3. hat aus Angst Vorräte
angelegt. In: IDEA 42/2022. (05.09.2025)
M 8
Lied: Ich glaube fest, dass alles anders wird.
Evangelisches Gesangbuch, Lied 661
Martin Bogdahn, Glaubensbekenntnis: Ich glaube fest, dass alles anders wird. In:
Evangelisches Gesangbuch für die Landeskirche Württemberg, Stuttgart 2007, Lied 661
Text: Martin Bogdahn 1990, Melodie aus Argentinien
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Podcast: Die Botschaft vom nahenden Ende – Angstmacherei oder Chance?
Hallo und herzlich willkommen zu unserem Podcast.
Kriege, Klimakrise, Pandemien, politische Spannungen und Naturkatastrophen – gerade in Krisenzeiten taucht immer wieder die Frage auf: Steht das Ende der Welt bevor? In sozialen Medien werden solche Ereignisse teilweise mit biblischen Endzeitvorstellungen verbunden. Manche christlich-fundamentalistischen Influencer deuten aktuelle Krisen sogar als Zeichen für die baldige Wiederkunft Jesu. Zugleich verbreiten auch nichtreligiöse Stimmen düstere Zukunftsszenarien. Damit stellt sich die Frage: Ist die Botschaft vom nahenden Ende vor allem Angstmacherei – oder kann sie Menschen auch Hoffnung geben und zu verantwortlichem Handeln motivieren?
Apokalyptische Deutungen aktueller Krisen
Besonders deutlich wird die problematische Seite apokalyptischer Vorstellungen am Beispiel des Ukraine-Kriegs. In evangelikalen und pfingstkirchlichen Kreisen in den USA wurde die russische Invasion mit biblischen Endzeitprophezeiungen verbunden. Unter Berufung auf die Offenbarung des Johannes und das Buch Ezechiel deuteten manche Prediger den Krieg als Hinweis auf eine unmittelbar bevorstehende Endzeit. Pastor Greg Laurie erklärte beispielsweise, Kriege, aggressive Nationen, Seuchen und die Corona-Pandemie erfüllten biblische Vorhersagen. Andere Prediger behaupteten sogar, der russische Angriff beschleunige das prophezeite Ende der Welt oder Putin erfülle einen göttlichen Plan (M 1).
Eine solche Auslegung ist problematisch, weil konkrete politische Ereignisse unmittelbar in ein festes Endzeitschema eingeordnet werden. Dadurch besteht die Gefahr, das tatsächliche Leid der Menschen zu übersehen. Genau darauf weist auch die innerkirchliche Kritik hin: Der Ukraine-Krieg sei vor allem eine humanitäre Krise, die menschliche Hilfe erfordert, und kein Beweis für eine bevorstehende Endzeit. Globale Ereignisse dürften nicht einfach in vorgefertigte endzeitliche Modelle hineingepresst werden (M 1).
Apokalypse bedeutet nicht einfach Weltuntergang
Die katholische Theologin Margareta Gruber setzt dieser wörtlichen Endzeitdeutung ein anderes Verständnis entgegen. Sie kritisiert insbesondere, dass Teile evangelikaler Kreise die Offenbarung des Johannes unmittelbar auf gegenwärtige politische Ereignisse beziehen. Apokalyptische Bilder seien zwar faszinierend, doch eine permanente Steigerung von Katastrophenrhetorik könne Menschen hilflos machen und lähmen, anstatt sie zum Handeln zu bewegen (M 2).
Entscheidend ist für Gruber, dass die biblische Apokalypse gerade keine Sammlung von Zukunftsprognosen über kommende Katastrophen ist. Die Offenbarung greife zwar drastische Bilder von Leid und Zerstörung auf, verwandle diese aber in Hoffnungsbilder. Im Mittelpunkt steht für sie die christliche Botschaft von Kreuz und Auferstehung: Das geschlachtete, aber aufrecht stehende Lamm verdeutlicht, dass Gewalt und Tod nicht das letzte Wort behalten (M 2).
Diese Hoffnung bedeutet allerdings gerade nicht: Wir können die Hände in den Schoß legen, weil Gott am Ende ohnehin alles richten wird. Eine solche Haltung würde aktuelle Krisen verharmlosen und den Menschen aus seiner Verantwortung entlassen. Für Gruber zeigt die Apokalypse vielmehr einen starken Glauben daran, dass Menschen trotz Krisen Zukunft gestalten können (M 2).
Die Reich-Gottes-Botschaft Jesu: Hoffnung und Verantwortung
Damit berührt die Diskussion einen Kern der Verkündigung Jesu: die Botschaft vom Reich Gottes. Jesus verkündet keine bloße Katastrophenerwartung. Das Reich Gottes bezeichnet vielmehr Gottes endgültige Herrschaft, in der Gerechtigkeit, Frieden, Liebe und Heil verwirklicht werden.
Dabei besitzt die Reich-Gottes-Botschaft eine besondere Spannung: Einerseits ist Gottes Reich bereits angebrochen, etwa dort, wo Jesus Menschen heilt, Ausgegrenzte aufnimmt, Schuld vergibt und Gemeinschaft ermöglicht. Andererseits ist es noch nicht vollendet. Leid, Gewalt, Ungerechtigkeit und Tod bestehen weiterhin. Christliche Hoffnung richtet sich deshalb auf die endgültige Vollendung dessen, was mit Jesus bereits begonnen hat.
Diese Hoffnung führt jedoch nicht zur Passivität. Gerade weil die Vollendung noch aussteht, sind Menschen dazu aufgerufen, bereits in der Gegenwart im Sinne des Reiches Gottes zu handeln: Hungernden zu helfen, Frieden zu fördern, Menschenwürde zu schützen, Ausgeschlossene einzubeziehen und sich gegen Unrecht zu stellen. Die christliche Zukunftshoffnung verbindet daher Gottes Verheißung mit menschlicher Verantwortung.
Auch deshalb sind Versuche problematisch, aus Kriegen oder Katastrophen einen exakten göttlichen Fahrplan für das Ende der Welt abzuleiten. Die Reich-Gottes-Verkündigung richtet den Blick nicht darauf, wann die Welt endet, sondern darauf, wie Menschen angesichts einer unvollkommenen Welt leben sollen.
Apokalyptische Hoffnung statt Weltuntergangsangst
Auch die Theologin Regina Polak macht deutlich, dass apokalyptisches Denken nicht einfach abgeschafft werden sollte. Es gehört zur christlichen Tradition, muss aber kritisch reflektiert werden. Eine verantwortliche Apokalyptik nimmt die reale Möglichkeit von Krisen und Zerstörung ernst, lässt der Angst jedoch nicht das letzte Wort. Stattdessen soll sie zu einer realistischen Hoffnung führen (M 5).
Besonders wichtig ist dabei: Biblische Apokalyptik will keine konkreten Zukunftsvorhersagen liefern. Sie besitzt vielmehr einen transformativen Charakter. Sie fordert zur Selbstkritik auf, motiviert zu vernünftigem Handeln und kann Menschen dazu bewegen, gesellschaftliche Verhältnisse friedlich zu verändern. Apokalyptische Hoffnung bedeutet damit gerade nicht, passiv auf das Ende zu warten, sondern Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen (M 5).
Wenn Weltuntergangsszenarien zur Ausrede werden
Wie problematisch ständige Untergangserwartungen werden können, zeigt auch der Zukunftsforscher Matthias Horx. Er kritisiert eine verbreitete Fixierung auf sogenannte Doomsday-Szenarien. Wer überzeugt ist, dass ohnehin alles zusammenbrechen wird, kann daraus sogar eine bequeme Rechtfertigung für Untätigkeit entwickeln: Wenn die Welt sowieso untergeht, lohnt es sich scheinbar nicht mehr, sich für Veränderungen einzusetzen (M 6).
Dadurch kann Weltuntergangsdenken in Zynismus und Resignation führen. Genau hier liegt ein entscheidender Unterschied zwischen bloßer Angstmacherei und christlicher Hoffnung: Angst lähmt – Hoffnung eröffnet Handlungsmöglichkeiten.
Dass solche Ängste ganz konkrete Auswirkungen haben, zeigt auch eine Umfrage: Ein erheblicher Teil der Befragten hatte aus Angst vor Krisen oder Katastrophen Vorräte angelegt; unter Angehörigen bestimmter Freikirchen lag dieser Anteil sogar besonders hoch (M 7). Endzeiterwartungen bleiben also nicht abstrakt, sondern können das Verhalten von Menschen unmittelbar beeinflussen.
Eine andere Vorstellung vom Ende
Einen deutlichen Gegenentwurf zur Angst vor Vernichtung bietet das Glaubenslied „Ich glaube fest, dass alles anders wird“. Hier richtet sich die Hoffnung nicht auf die Zerstörung der Welt, sondern auf ihre Verwandlung und Vollendung. Gott wird als Liebe verstanden, und die erwartete Zukunft ist geprägt von Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit. Schmerz, Angst und Leid sollen nicht für immer bestehen bleiben (M 8).
Damit wird deutlich: Christliche Eschatologie meint nicht in erster Linie, dass irgendwann alles vernichtet wird. Ihr Kern ist vielmehr die Hoffnung, dass Gott seine Schöpfung nicht aufgibt und Leid, Unrecht und Tod letztlich überwunden werden (M 8).
Angstmacherei oder Chance?
Wie lautet also die Antwort auf unsere Ausgangsfrage?
Die Botschaft vom nahenden Ende wird zur Angstmacherei, wenn aktuelle Kriege, Pandemien oder Naturkatastrophen vorschnell als Beweise eines göttlichen Endzeitplans gedeutet werden. Problematisch wird sie besonders dann, wenn Menschen dadurch verängstigt, politisch manipuliert oder zur Passivität gebracht werden. Der Ukraine-Krieg zeigt, wie schnell reales menschliches Leid für endzeitliche Spekulationen instrumentalisiert werden kann (M 1).
Apokalyptische Vorstellungen können dagegen eine Chance sein, wenn sie ihrem biblischen Hoffnungsgehalt entsprechend verstanden werden. Dann machen sie deutlich, dass Gewalt, Ungerechtigkeit und Tod nicht das letzte Wort haben. Sie relativieren bestehende Machtverhältnisse und halten die Hoffnung auf eine andere, gerechtere Welt wach (M 2; M 5).
Entscheidend ist deshalb die Verbindung mit der Reich-Gottes-Botschaft Jesu: Christliche Zukunftshoffnung bedeutet nicht, auf eine Katastrophe zu warten. Sie fordert dazu auf, schon heute für Frieden, Gerechtigkeit, Menschenwürde und Solidarität einzutreten.
Mein Fazit lautet daher: Die Botschaft vom Ende ist dann gefährliche Angstmacherei, wenn sie Menschen lähmt und aktuelle Ereignisse zu vermeintlich sicheren Endzeitzeichen erklärt. Sie wird aber zu einer echten Chance, wenn das „Ende“ als Hoffnung auf Gottes Vollendung der Welt verstanden wird. Christliche Apokalyptik sagt dann nicht: Alles geht unter. Sie sagt vielmehr: Das, was heute Leid, Gewalt und Ungerechtigkeit verursacht, wird nicht für immer bestehen. Deshalb lohnt es sich, schon jetzt an einer besseren Welt mitzuwirken.