HT 2
Aufgabenstellung
Erarbeite den situativen Kontext des von Lehnert geschilderten Gesprächs (Ort und
Anlass sowie Anliegen der Sprechenden), seine Gedanken und Äußerungen sowie die
Intention, die mit dem Hörfunkbeitrag deutlich wird.
Erläutere anhand einer neutestamentlichen Textstelle, dass Jesus „auf Leid mit bedin-
gungsloser Liebe“ (Z. 32 f.) reagierte und sein „Aufbegehren gegen alles seelische und
physische Elend, das ihm begegnete, [...] keine entrückte Gelassenheit“ (Z. 33 f.) zuließ,
sodass von Jesus her eine grundlegende Aufgabe des Menschen sichtbar wird: „Sich
dem Leid zu widersetzen, ihm zu widersprechen, ihm entgegenzuwirken mit aller Kraft“
(Z. 31 f.).
Entfalte im Hinblick auf die Theodizeeproblematik die theologische Position
„Leid als Preis der Freiheit“ und setze diese in Beziehung zu den Gedanken und
Äußerungen Lehnerts.
Nimm Stellung zu der Frage, ob Lehnerts Gedanken zur Theodizeefrage Men-
schen heute helfen können, mit Leid umzugehen; verfasse deine Stellungnahme
als Hörerbrief an den NDR Kultur.
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Der abwesende Gott (Hörfunkbeitrag)
Christian Lehnert
Der folgende Manuskript-Text wurde am Sonntagmorgen des 09. Juli 2023 als Hör-
funkbeitrag beim Norddeutschen Rundfunk (NDR Kultur) in der Reihe „Glaubens-
sachen“ unter dem Titel „Der abwesende Gott“ ausgestrahlt.
1 Morphium: Gehört zu den sogenannten Opiaten und wird in der Medizin als stark schmerzlinderndes Medikament z. B.
in der Krebstherapie eingesetzt; es hemmt die Schmerzübertragung und führt als Nebenwirkung u. a. zu Benommenheit,
Schläfrigkeit und psychischer Abhängigkeit.
2 Stoische Ruhe: unerschütterliche innere Ruhe.
3 Incipit lat.: „es beginnt“, hier i. S. v. „Beginn“
4 Offenbarung: Die Offenbarung des Johannes ist das letzte der biblischen Bücher; es ist das einzige prophetische Buch
des Neuen Testaments und ist als Trost- und Hoffnungsschrift für die unterdrückten Christen im Römischen Reich ver-
fasst. Zu den Hauptthemen gehören die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi und damit zusammenhängend auf die
Vernichtung alles Bösen und die endgültige Errichtung des Reich Gottes. Hier abgedruckt: Offb 21, 1–4.
Lehnert, Christian: Der abwesende Gott. Über das Böse. Hörfunkbeitrag in NDR Kultur.
Glaubenssachen: 09.07.2023 (Auszug). (Zugriff am 01.09.2025)
Christian Lehnert (*1969) ist deutscher Theologe, Pfarrer und Schriftsteller.
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?1) Situativer Kontext, Gedanken und Äußerungen Lehnerts sowie Intention des Hörfunkbeitrags
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Christian Lehnert schildert ein Gespräch in einem Krankenhaus, bei dem er als Pfarrer eine schwer kranke alte Frau besucht. Diese fordert von ihm eine klare Antwort auf die Frage, welchen Sinn ihr Leiden hat, und lehnt es ausdrücklich ab, dass er lediglich seelsorgerlich zuhört (vgl. Z. 1–8).
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Lehnert zweifelt jedoch daran, ob sich Leid überhaupt allgemein erklären lässt. Für ihn gibt es kein allgemeines Leid und keinen allgemeinen Schmerz, weshalb abstrakte theologische Erklärungen am konkreten Krankenbett unangemessen wirken können (vgl. Z. 9–15).
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In einem ersten Gedankenversuch versteht Lehnert Leid als Unterbrechung und Riss im bisherigen Leben. Leid zerstört Selbstverständlichkeiten, Pläne und Sicherheiten, vereinzelt den Menschen und konfrontiert ihn mit der Einsicht, dass er nicht vollständig über sich selbst verfügt (vgl. Z. 17–27).
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Im zweiten Gedankenversuch richtet Lehnert den Blick auf Jesus. Dieser habe keine Versöhnung mit dem Leid gepredigt, sondern dazu aufgefordert, dem Leid aktiv zu widersprechen und ihm entgegenzuwirken. Jesus reagiere auf Leid mit „bedingungsloser Liebe“ (Z. 32–33) und sein Verhalten lasse keine distanzierte Gelassenheit gegenüber dem Elend zu (vgl. Z. 29–40).
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Im dritten Gedankenversuch stößt Lehnert an die Grenzen menschlicher Erklärbarkeit. Angesichts übermächtigen Leids könne jede Antwort auf die Frage „Warum, Gott?“ (Z. 47) unangemessen sein. Leid zerstöre vertraute Gottesbilder und zwinge den Menschen dazu, bisherige Sicherheiten und Vorstellungen von Gott loszulassen (vgl. Z. 42–61).
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Im vierten Gedankenversuch verbindet Lehnert das Leid mit dem Kreuz Jesu. Wenn Gott selbst am Kreuz leidet, ist Gott nicht bloß Beobachter des Leidens, sondern in ihm gegenwärtig. Das Kreuz wird dadurch zum „Incipit der neuen Welt“ (Z. 71) und zum Zeichen der Hoffnung, dass Leid und Tod letztlich überwunden werden (vgl. Z. 63–81).
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Die Situation endet offen und zugleich ernüchternd: Die Frau ist eingeschlafen, während Lehnert seine Hoffnung formuliert. Er fragt sich schließlich, ob er seine Worte nur noch für sich selbst wiederholt habe (vgl. Z. 82–84).
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Die Intention des Hörfunkbeitrags besteht darin, keine einfache Lösung der Theodizeefrage anzubieten. Lehnert zeigt vielmehr, dass Leid nicht vorschnell erklärt oder gerechtfertigt werden darf. Stattdessen entwickelt er eine Haltung aus Widerstand gegen Leid, Mitgefühl, Zweifel, Gottes Solidarität mit den Leidenden und Hoffnung auf Überwindung.
2) Jesu Umgang mit Leid anhand einer neutestamentlichen Textstelle
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Eine passende neutestamentliche Textstelle ist die Heilung eines Aussätzigen in Mk 1,40–45. Der Mann leidet nicht nur körperlich, sondern auch unter sozialer Ausgrenzung.
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Jesus reagiert auf diesen Menschen nicht mit Distanz oder einer theoretischen Erklärung des Leids, sondern mit unmittelbarer Zuwendung. Er berührt und heilt ihn und stellt damit den leidenden Menschen in den Mittelpunkt.
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Darin zeigt sich Lehnerts Aussage, dass Jesus „auf Leid mit bedingungsloser Liebe“ (Z. 32–33) reagiert habe. Ebenso wird sichtbar, dass Jesus dem Leid nicht passiv gegenübersteht, sondern ihm aktiv entgegenwirkt.
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Die Heilung bestätigt damit Lehnerts Gedanken, dass die grundlegende Aufgabe des Menschen darin besteht, „sich dem Leid zu widersetzen, ihm zu widersprechen, ihm entgegenzuwirken mit aller Kraft“ (Z. 31–32).
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Zugleich wird ein zentraler Zug der Reich-Gottes-Botschaft deutlich: Wo Leid gelindert, Ausgrenzung aufgehoben und Leben wiederhergestellt wird, wird Gottes heilende Wirklichkeit erfahrbar.
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Daraus folgt für Menschen heute, dass Leid nicht nur erklärt werden darf, sondern dass konkrete Hilfe, Mitgefühl und Widerstand gegen vermeidbares Leid gefordert sind.
3 a) „Leid als Preis der Freiheit“ und Lehnerts Gedanken
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Die Position „Leid als Preis der Freiheit“ versucht die Theodizeefrage dadurch zu beantworten, dass der Mensch von Gott als freies Wesen geschaffen wurde. Echte Freiheit bedeutet, dass Menschen sich sowohl für das Gute als auch gegen das Gute entscheiden können.
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Dadurch entsteht die Möglichkeit von Schuld und moralischem Leid. Gewalt, Krieg, Unterdrückung oder Verrat können als Folgen menschlicher Freiheitsentscheidungen verstanden werden. Würde Gott jede falsche Entscheidung verhindern, wäre menschliche Freiheit nicht wirklich gegeben.
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Diese Position erklärt jedoch nur einen Teil des Leidens. Krankheit, Naturkatastrophen oder das Leiden unschuldiger Menschen lassen sich dadurch nicht unmittelbar erklären.
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Gerade dies zeigt sich in Lehnerts Ausgangssituation. Das Leiden der schwer kranken Frau lässt sich nicht sinnvoll als Folge eines Freiheitsmissbrauchs deuten. Deshalb bezweifelt Lehnert grundsätzlich, dass allgemeine Erklärungen dem konkreten Leid gerecht werden können (vgl. Z. 9–15).
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Lehnert setzt deshalb einen anderen Schwerpunkt. Von Jesus her werde sichtbar, dass die entscheidende menschliche Aufgabe nicht darin besteht, Leid theoretisch zu rechtfertigen, sondern ihm aktiv entgegenzuwirken (vgl. Z. 29–40).
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Die Freiheitsposition lässt sich mit diesem Gedanken verbinden: Freiheit bedeutet nicht nur die Möglichkeit, Leid zu verursachen, sondern auch die Verantwortung, sich bewusst für das Gute zu entscheiden und Leid zu lindern.
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Zugleich zeigt Lehnert die Grenzen aller rationalen Theodizee-Erklärungen. Angesichts übermächtigen Leids hält er vorschnelle Antworten sogar für problematisch: „Antworten wären perfide.“ (Z. 48).
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Statt einer vollständigen Erklärung entwickelt er im Kreuz eine andere Perspektive: Gott steht nicht außerhalb des Leidens, sondern leidet in und an seiner Schöpfung und bleibt den Leidenden dadurch verbunden (vgl. Z. 63–70).
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Die christliche Hoffnung besteht schließlich darin, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort behalten. Die Vision aus der Offenbarung verweist auf eine zukünftige Wirklichkeit, in der Tod, Leid, Geschrei und Schmerz überwunden sind (vgl. Z. 73–81).
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Die Position „Leid als Preis der Freiheit“ kann daher bestimmte Formen von Leid erklären, bleibt aber begrenzt. Lehnert ergänzt sie durch Widerstand, Mitgefühl, die Solidarität Gottes mit den Leidenden und die Hoffnung auf endgültige Überwindung.
3 b) Hörerbrief an NDR Kultur
Betreff: Können Lehnerts Gedanken zur Theodizeefrage beim Umgang mit Leid helfen?
Sehr geehrte Redaktion von NDR Kultur,
Christian Lehnerts Hörfunkbeitrag Der abwesende Gott hat mich besonders deshalb angesprochen, weil er keine einfache Antwort auf die Frage nach dem Leid gibt. Gerade das halte ich für überzeugend, denn angesichts schweren persönlichen Leids wirken allgemeine Erklärungen oft unzureichend oder sogar unangemessen.
Lehnert macht dies bereits zu Beginn deutlich. Die schwer kranke Frau verlangt von ihm eine klare Erklärung dafür, was ihr Leiden bedeutet. Lehnert zweifelt jedoch daran, ob man überhaupt allgemein vom Leid sprechen kann (vgl. Z. 9–15). Dies erscheint mir nachvollziehbar, weil jeder Mensch Leid anders erlebt und eine theoretische Antwort die konkrete Situation eines Betroffenen kaum vollständig erfassen kann.
Besonders hilfreich finde ich Lehnerts Gedanken zu Jesus. Er betont, dass Jesus „auf Leid mit bedingungsloser Liebe“ (Z. 32–33) reagiert habe. Daraus leitet er die Aufgabe ab, „sich dem Leid zu widersetzen, ihm zu widersprechen, ihm entgegenzuwirken mit aller Kraft“ (Z. 31–32). Dieser Gedanke kann Menschen heute Orientierung geben. Auch wenn sich Leid nicht immer verhindern lässt, kann man Leidende begleiten, Schmerzen lindern, Einsamkeit durchbrechen und gegen vermeidbares Leid vorgehen.
Überzeugend ist für mich außerdem, dass Lehnert Zweifel zulässt. Angesichts übermächtigen Leids stellt sich die Frage „Warum, Gott?“ (Z. 47). Lehnert versucht diese Frage nicht vorschnell zu beantworten, sondern erklärt sogar: „Antworten wären perfide.“ (Z. 48). Dadurch nimmt er ernst, dass Leid vertraute Gottesbilder und Sicherheiten erschüttern kann (vgl. Z. 48–61). Für gläubige Menschen kann es entlastend sein, wenn Zweifel nicht als Versagen verstanden werden, sondern als nachvollziehbare Reaktion auf Leid.
Gleichzeitig sind manche Überlegungen Lehnerts sehr abstrakt. Die Vorstellung, dass Gott gerade dort erfahren werde, wo vertraute Gottesbilder zerbrechen, kann für Menschen in einer akuten Leidenssituation schwer zugänglich sein. Nicht jeder Leidende wird in solchen theologischen Gedanken unmittelbar Trost finden.
Hilfreicher erscheint mir deshalb Lehnerts Deutung des Kreuzes. Gott steht dem Leid nicht nur von außen gegenüber, sondern leidet selbst in und an seiner Schöpfung (vgl. Z. 63–70). Damit wird das Leid zwar nicht erklärt, aber der Gedanke vermittelt, dass der Mensch in seinem Leiden nicht vollständig allein ist.
Auch die abschließende Hoffnung auf eine neue Wirklichkeit kann Trost geben. Die Vision der Offenbarung beschreibt eine Zukunft, in der Tod, Leid, Geschrei und Schmerz überwunden sind (vgl. Z. 73–81). Diese Hoffnung verharmlost das gegenwärtige Leid nicht, sondern hält daran fest, dass es nicht das letzte Wort behalten soll.
Meiner Ansicht nach können Lehnerts Gedanken Menschen heute deshalb durchaus helfen, mit Leid umzugehen. Sie lösen die Theodizeefrage nicht, bieten aber eine Haltung an, die aus Ehrlichkeit, Mitgefühl, Widerstand gegen Leid und Hoffnung besteht. Gerade darin liegt für mich die Stärke seines Beitrags.
Mit freundlichen Grüßen
[Name]