HT 3
Aufgabenstellung
Erarbeite das Thema, das Anliegen sowie den Gedankengang des vorliegenden
Textes.
Erläutere anhand einer neutestamentlichen Textpassage, inwiefern in Jesu Wort
oder Tat die Überzeugung deutlich wird, dass mit ihm „die große Gottesgerechtigkeit
angebrochen ist, die allen verheißen ist, aber noch der Vollendung harrt“ (Z. 70 f.).
Entfalte im Hinblick auf die Theodizeeproblematik die theologische Position
„der im Leid solidarische/mitleidende Gott“ und setze die Gedanken Wendels in
Beziehung zu deinen Ausführungen.
Entwickle praktische Konsequenzen aus Wendels Position für das Handeln
von Christinnen und Christen heute, indem du dich auf zwei der von ihr in den
Zeilen 42–46 genannten Erfahrungsbereiche „zutiefst unheiliger Zeit“ (Z. 42)
beziehen.
„Kann man angesichts der ‚siebenmal verriegelten Nacht‘ überhaupt noch die
‚Heilige Nacht‘ feiern?“ (Z. 56 f.) Setze dich mit dieser Frage auseinander.
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Heilige Nacht in unheiliger Zeit
Saskia Wendel
1 Chiffre: Zeichen, Sinnbild.
2 Elie Wiesel (1928–2016) wurde 1944 in Rumänien aufgrund seiner jüdischen Wurzeln nach Auschwitz deportiert. Als
Überlebender der Shoa verfasste er zahlreiche Romane und Publikationen zu diesem Thema.
3 Der Ausdruck „siebenmal verriegelte lange Nacht“ symbolisiert eine ewige, tiefe und unüberwindbar lange dunkle Phase
im Leben jedes Menschen und der gesamten Schöpfung.
4 Die Formulierung „Riss in der Schöpfung“ verweist auf einen Bruch in der natürlichen Ordnung der Welt; die Spezifi-
zierung „von oben bis unten“ unterstreicht die Allumfassendheit dieses Risses.
5 Georg Büchner (1813–1837) war ein deutscher Schriftsteller, der in seinen Werken oft das Leid der Menschheit und die
Sinnlosigkeit und Zerrissenheit menschlicher Existenz thematisiert.
6 „In der Stadt Davids ist der Retter geboren“: Zitat aus dem Weihnachtsevangelium nach Lukas (Lk 2,11).
7 Gefährliche Erinnerung: meint den von dem deutschen Theologen Johann Baptist Metz (1928–2019) eingeführten
Begriff der „gefährlichen Erinnerung“, die den Menschen in die Verantwortung nimmt, indem dieser sich durch die
Erinnerung an Gottes Befreiungstaten und an Jesu Leben und Leiden herausgefordert fühlt, sich in der Gegenwart für
die Bedürftigen und die Opfer einzusetzen.
Wendel, Saskia: Heilige Nacht in unheiliger Zeit. In: Christ in der Gegenwart 52 (2015),
S. 573–574.
(Der Text wurde für die Prüfung redaktionell bearbeitet. Die Zwischenüberschriften wurden
ausgelassen.)
Saskia Wendel (1964) ist eine deutsche katholische Theologin und Professorin für Fundamentaltheologie an der Uni-
versität Tübingen.
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?1) Thema, Anliegen und Gedankengang des Textes
Thema
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Die katholische Theologin Saskia Wendel beschäftigt sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen der christlichen Weihnachtsbotschaft von Heil, Befreiung und Hoffnung und der Erfahrung einer von Leid, Gewalt, Tod und Gottverlassenheit geprägten Welt.
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Ausgangspunkt ist die Frage, ob angesichts von Auschwitz, Krieg, Terror und anderem menschlichen Leid überhaupt noch sinnvoll von der „Heiligen Nacht“ gesprochen und Weihnachten gefeiert werden kann. Dabei verbindet Wendel die Weihnachtsbotschaft mit der Theodizeefrage und mit der christlichen Hoffnung auf eine noch ausstehende Vollendung der Gottesgerechtigkeit.
Anliegen
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Wendel möchte deutlich machen, dass christliche Hoffnung das Leid der Welt weder verdrängen noch verharmlosen darf. Weihnachten darf deshalb nicht als idyllische Gegenwelt verstanden werden, in der menschliches Leid ausgeblendet wird.
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Zugleich hält Wendel an der christlichen Hoffnung fest: In Jesus sei die verheißene Gottesgerechtigkeit bereits angebrochen, auch wenn ihre endgültige Vollendung noch ausstehe (vgl. Z. 69-75). Die „Heilige Nacht“ kann deshalb gerade in einer unheilen Welt gefeiert werden – allerdings nur, wenn die Erinnerung an die Leidenden und die Solidarität mit ihnen Bestandteil dieser Feier bleiben.
Gedankengang
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Zu Beginn beschreibt Wendel die traditionelle christliche Bedeutung der Weihnachtsnacht. Die Geburt Jesu gilt als Beginn von Heil und Befreiung und als Hoffnung darauf, dass selbst scheinbar Unmögliches möglich werden kann (vgl. Z. 1-4).
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Dieser Hoffnung stellt sie unmittelbar eine radikale Gegenerfahrung gegenüber. Mit den Erinnerungen des Auschwitz-Überlebenden Elie Wiesel führt sie die Erfahrung äußersten Leidens ein. Seine Beschreibung der ersten Nacht im Konzentrationslager gipfelt in der Aussage, diese Erfahrungen hätten seinen Glauben „für immer verzehrt“ (Z. 9-10). Besonders eindringlich erscheint die Nacht als „siebenmal verriegelte lange Nacht“ (Z. 6-7). Sie wird damit zum Gegenbild der christlichen „Heiligen Nacht“.
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Wendel arbeitet anschließend den daraus entstehenden Widerspruch heraus: Angesichts solcher Erfahrungen könne die Botschaft von einer heilbringenden Nacht geradezu zynisch erscheinen (vgl. Z. 15-18). Auschwitz stehe exemplarisch für eine zutiefst unheile Welt und für einen umfassenden „Riss in der Schöpfung von oben bis unten“ (Z. 20-21).
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Aus diesem Erleben kann nach Wendel Verzweiflung, Resignation und Religionskritik entstehen (vgl. Z. 22-25). Damit gelangt sie zur klassischen Theodizeeproblematik. Sie fragt nicht nur, warum ein allmächtiger, allgütiger und allwissender Gott Leid zulässt, sondern noch grundsätzlicher, warum Gott überhaupt eine Welt geschaffen habe, in der solche leidvollen Erfahrungen möglich seien (vgl. Z. 25-30). In solchen zutiefst unheiligen Nächten herrsche das Gefühl der Gottverlassenheit und des Schweigens Gottes (vgl. Z. 30–33).
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Im nächsten Schritt verbindet Wendel diese Erfahrung mit der christlichen Überlieferung selbst. Das Motiv der „,dunkle[n] Nacht'“ (Z. 39) findet sich auch in der Passion Jesu. Sein Schrei am Kreuz spiegele den Schmerz, die Verzweiflung, die Trostlosigkeit und die Gottverlassenheit aller Leidenden und Sterbenden wider (vgl. Z. 34-38). Damit wird das menschliche Leiden nicht außerhalb des christlichen Glaubens verortet, sondern findet sich im Zentrum der Geschichte Jesu selbst wieder.
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Wendel überträgt diesen Gedanken anschließend auf die Gegenwart. Die „,dunkle Nacht der Welt'“ (Z. 39) müsse auch während der Weihnachtsfeier wahrgenommen werden (vgl. Z. 39-41). Sie nennt dabei Menschen in Kriegsgebieten, Opfer von Gewalt und Terror, Geflüchtete, Hinterbliebene sowie Menschen, die unter Bedrohung und dem Erstarken rechtspopulistischer und rechtsextremer Kräfte leben (vgl. Z. 42-46). Würde man ihre Realität bei der Verkündigung der Weihnachtsbotschaft ausblenden, wäre dies lediglich Vertröstung und würde bestehende Verhältnisse stabilisieren (vgl. Z. 46-48).
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Zugleich zeigt Wendel, dass die Weihnachtsüberlieferung selbst keineswegs nur eine idyllische Geschichte erzählt. Das Kind werde nicht in der Sicherheit einer Unterkunft geboren, sondern in einer Krippe, weil in der Herberge kein Platz gewesen sei (vgl. Z. 49-54). Außerdem müsse die Heilige Familie vor Herodes fliehen (vgl. Z. 54-55). Die Weihnachtsgeschichte trägt somit Not, Unsicherheit, Bedrohung und Flucht bereits in sich.
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Daraufhin stellt Wendel ausdrücklich die Frage, ob man angesichts der „siebenmal verriegelten Nacht“ überhaupt noch die „Heilige Nacht“ feiern könne (vgl. Z. 56-57). Eine eindeutige Gewissheit gebe es nicht. Die Weihnachtsbotschaft könne nicht zweifelsfrei beweisen, dass die Kette der unheiligen Nächte tatsächlich durchbrochen werde (vgl. Z. 60-63).
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Deshalb versteht Wendel Advent und Weihnachten nicht in erster Linie als Ausdruck einer sicheren Heilserfahrung, sondern als Hoffnung und Sehnsucht nach Gottes Gerechtigkeit. Advent und Weihnachten stehen für eine „Heilserwartung und eine Sehnsucht nach der ‚großen Gottesgerechtigkeit‘“ (Z. 64-65). Damit erhält Weihnachten einen eschatologischen Charakter: Das endgültige Heil steht noch aus.
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Diese Hoffnung dürfe außerdem nur zusammen mit der Erinnerung an die Opfer und dem Mitleiden mit den Leidenden bestehen. Wendel greift dafür den theologischen Gedanken der „gefährlichen Erinnerung“ (Z. 67) auf. Erinnerung soll Menschen nicht nur an vergangenes Leid erinnern, sondern sie dazu bewegen, Verantwortung für die Leidenden der Gegenwart zu übernehmen (vgl. Z. 67-68).
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Im vorletzten Gedankenschritt formuliert Wendel die eigentliche christliche Hoffnung. Christinnen und Christen vertrauen darauf, dass durch Geburt, Leben und Sterben Jesu die verheißene Gottesgerechtigkeit bereits begonnen habe, ihre Vollendung jedoch noch ausstehe (vgl. Z. 69-71). Damit zeigt sich die Spannung des christlichen „Schon und Noch-nicht“: Das Reich Gottes beziehungsweise Gottes Heil hat bereits begonnen, ist aber noch nicht vollständig verwirklicht.
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Diese Hoffnung leugnet das Leid nicht. Wer auf das Leben in Fülle hofft, ignoriert deshalb keineswegs die Realität der unheiligen Nacht (vgl. Z. 71–75).
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Am Ende kehrt Wendel die anfängliche Fragestellung sogar um: Gerade eine unheile Gegenwart könne dazu herausfordern, die „Heilige Nacht“ zu feiern (vgl. Z. 76-77). Die Weihnachtsbotschaft sei jedoch keine gemütliche und harmlose Geschichte, sondern erzähle von einer Geburt „in einer unbequemen Notunterkunft irgendwo auf freiem Feld“ (Z. 78-80). Sie richte sich gerade an Leidende, Opfer, Randständige und Tote (vgl. Z. 80-81).
Ergebnis
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Wendel versteht Weihnachten somit als Hoffnungsfest mitten in einer unerlösten Welt. Die „Heilige Nacht“ darf die „unheiligen Nächte“ menschlicher Geschichte nicht verdecken. Christliche Hoffnung besteht vielmehr darin, das Leid ernst zu nehmen, sich an die Opfer zu erinnern und dennoch darauf zu vertrauen, dass die in Jesus angebrochene Gottesgerechtigkeit eines Tages vollendet wird.
2) Jesu Haltung anhand einer neutestamentlichen Textpassage
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Eine besonders passende neutestamentliche Textstelle ist Jesu Auftreten in der Synagoge von Nazareth (Lk 4,16–21).
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Jesus liest dort aus dem Buch des Propheten Jesaja vor. Die Verheißung richtet sich besonders an Arme, Gefangene, Blinde und Unterdrückte. Ihnen werden gute Nachricht, Befreiung, Heilung und Freiheit angekündigt.
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Anschließend erklärt Jesus, dass sich diese Verheißung mit seinem Auftreten zu erfüllen beginnt. Damit wird deutlich, dass Gottes rettendes Handeln nicht ausschließlich einer fernen Zukunft angehört. In Jesus wird Gottes Reich bereits gegenwärtig erfahrbar.
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Dies entspricht Wendels Aussage, dass mit Jesus „die große Gottesgerechtigkeit angebrochen ist“ (Z. 69-70). Gottes Gerechtigkeit zeigt sich besonders darin, dass Jesus sich Menschen zuwendet, die gesellschaftlich benachteiligt, ausgegrenzt oder leidend sind.
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Gleichzeitig ist diese Gerechtigkeit noch nicht vollständig verwirklicht. Auch nach Jesu Auftreten bestehen Armut, Krankheit, Gewalt und Ungerechtigkeit weiter. Deshalb spricht Wendel davon, dass die Gottesgerechtigkeit „noch der Vollendung harrt“ (Z. 70-71).
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Hier zeigt sich die für die christliche Reich-Gottes-Botschaft entscheidende Spannung von „Schon“ und „Noch nicht“: Mit Jesus hat das Reich Gottes bereits begonnen. Seine endgültige Durchsetzung und Vollendung steht aber noch aus.
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Jesu Verkündigung in der Synagoge macht diese beginnende Gottesgerechtigkeit konkret. Er kündigt Armen die gute Nachricht, Gefangenen Befreiung, Blinden das Augenlicht und Unterdrückten Freiheit an. In seinem weiteren Wirken setzt Jesus diese Botschaft durch seine Zuwendung zu Ausgegrenzten, durch Heilungen und die Aufnahme von Menschen in die Gemeinschaft praktisch um.
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Die Stelle aus Lk 4 passt deshalb zu Wendels Gedanken: Christinnen und Christen behaupten nicht, dass die Welt bereits heil sei. Sie vertrauen vielmehr darauf, dass in Jesus Gottes heilendes und befreiendes Handeln begonnen hat, und hoffen zugleich auf dessen endgültige Vollendung.
3) Die theologische Position des im Leid solidarischen bzw. mitleidenden Gottes
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Die klassische Theodizeefrage entsteht aus dem Widerspruch zwischen dem Glauben an einen allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott und der Erfahrung von Leid und Übel.
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Wenn Gott allmächtig ist, müsste er Leid verhindern können. Wenn er allgütig ist, müsste er dies auch wollen. Trotzdem existieren Kriege, Krankheiten, Naturkatastrophen, Gewalt, Tod und menschliches Leid. Daraus entsteht die Frage, wie der Glaube an einen guten Gott angesichts solcher Erfahrungen aufrechterhalten werden kann.
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Eine mögliche theologische Antwort ist die Vorstellung vom im Leid solidarischen beziehungsweise mitleidenden Gott.
Gott bleibt dem menschlichen Leiden nicht fern
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Diese Position versucht nicht in erster Linie zu erklären, warum Gott Leid zulässt. Stattdessen fragt sie danach, wo Gott im Leiden zu finden ist.
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Die zentrale Antwort lautet: Gott steht nicht unbeteiligt außerhalb des Leidens, sondern geht selbst in das Leiden hinein. Im Leben und insbesondere im Tod Jesu zeigt sich ein Gott, der Schmerz, Gewalt, Verlassenheit und Tod nicht nur aus der Ferne betrachtet.
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Das Kreuz erhält dadurch eine zentrale Bedeutung. Jesus erfährt Gewalt, Erniedrigung und schließlich den Tod. Im Schrei Jesu am Kreuz zeigt sich sogar die Erfahrung äußerster Gottverlassenheit.
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Genau diesen Gedanken greift Wendel auf. Sie erklärt, im Schrei Jesu am Kreuz spiegelten sich Schmerz, Zorn, Verzweiflung, Trostlosigkeit und Gottverlassenheit aller Leidenden und Sterbenden wider (vgl. Z. 34-38).
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Dadurch wird deutlich: Der christliche Gott ist nicht ausschließlich der souveräne Gott über dem Leiden, sondern zugleich der Gott, der im leidenden Jesus selbst in die menschliche Not eingeht.
Solidarität Gottes mit den Leidenden
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Der Gedanke des mitleidenden Gottes bedeutet damit, dass kein Leidender vollkommen von Gott verlassen ist. Gerade dort, wo Menschen leiden, ist Gott solidarisch an ihrer Seite.
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Das Leid wird dadurch allerdings nicht nachträglich zu etwas Gutem. Auch das Kreuz rechtfertigt Gewalt oder Leiden nicht. Vielmehr zeigt es, dass Gott das Leiden ernst nimmt und sich auf die Seite der Opfer stellt.
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Wendels Darstellung von Auschwitz macht deutlich, warum diese Unterscheidung notwendig ist. Die Shoa darf keinesfalls als Bestandteil eines göttlichen Plans gerechtfertigt werden. Auschwitz steht vielmehr für eine zutiefst unheile Welt (vgl. Z. 15-21).
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Die Vorstellung des mitleidenden Gottes kann deshalb nicht erklären, weshalb Auschwitz oder anderes extremes Leid geschehen ist. Sie kann aber ausdrücken, dass Gott nicht auf der Seite der Täter oder des Leidens, sondern auf der Seite der Opfer steht.
Das Kreuz als Antwort ohne vollständige Erklärung
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Damit verändert sich auch die Theodizeefrage. Eine vollständige theoretische Antwort auf die Frage, warum Gott Leid zulässt, bleibt aus.
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Wendel formuliert selbst die radikale Frage, warum Gott überhaupt eine Welt geschaffen habe, in der die „lange Nacht“ nicht endet (vgl. Z. 25-30). Die Erfahrung des Leidens kann sogar zu dem Eindruck führen, Gott existiere nicht oder seine Existenz sei angesichts dieser Welt nicht wünschenswert (vgl. Z. 28-30).
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Die christliche Antwort besteht deshalb weniger in einer logischen Erklärung des Leidens als in der Geschichte Jesu. Gott antwortet auf das Leid nicht nur mit Worten, sondern indem er in Jesus selbst menschliches Leiden und Sterben teilt.
Hoffnung auf Überwindung des Leidens
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Der christliche Glaube bleibt jedoch nicht beim Kreuz stehen. Kreuz und Auferstehung gehören zusammen.
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Damit verbindet sich die Hoffnung, dass Leiden und Tod nicht das letzte Wort behalten. Das gegenwärtige Leid wird nicht geleugnet, aber es erhält auch nicht die endgültige Macht über den Menschen.
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Dieser Gedanke entspricht Wendels Hoffnung auf die noch ausstehende Vollendung der Gottesgerechtigkeit. Christinnen und Christen glauben, dass diese Gerechtigkeit durch Jesus bereits angebrochen ist, aber noch nicht vollständig verwirklicht wurde (vgl. Z. 69-71).
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Die Welt bleibt deshalb gegenwärtig fragmentarisch und unheil. Trotzdem besteht die Hoffnung, dass die „siebenmal verriegelte Nacht“ letztlich ein Ende haben wird (vgl. Z. 71-72).
Konsequenz für die Leidenden
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Aus der Vorstellung eines solidarischen Gottes folgt zudem eine Verpflichtung für Christinnen und Christen. Wenn Gott selbst auf der Seite der Leidenden steht, können Gläubige gegenüber deren Leid nicht gleichgültig bleiben.
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Gottes Solidarität mit den Leidenden fordert menschliche Solidarität heraus. Christlicher Glaube muss deshalb zum Einsatz gegen Leid, Gewalt und Ungerechtigkeit führen.
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Auch Wendel verbindet die Weihnachtsbotschaft ausdrücklich mit der „gefährlichen Erinnerung“ (Z. 67) an die Opfer und einer Haltung des Mitleidens mit den Leidenden (vgl. Z. 67-68).
Ergebnis
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Die Position des mitleidenden Gottes löst die Theodizeefrage nicht vollständig. Sie erklärt nicht, warum ein guter und mächtiger Gott Leid überhaupt zulässt.
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Sie verändert jedoch den Blick auf Gott: Gott erscheint nicht als distanzierter Beobachter, sondern als ein Gott, der im gekreuzigten Jesus selbst Leid, Verlassenheit und Tod erfährt. Daraus entsteht zugleich die Hoffnung, dass Leid und Tod nicht endgültig sind.
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Wendels Ausführungen entsprechen dieser Perspektive. Die „dunkle Nacht“ wird von ihr nicht verschwiegen. Gerade der Schrei Jesu am Kreuz verbindet die Erfahrung der Gottverlassenheit aller Leidenden mit der christlichen Gottesvorstellung (vgl. Z. 34-38). Die Hoffnung besteht schließlich darin, dass die in Jesus bereits angebrochene Gottesgerechtigkeit eines Tages vollendet wird (vgl. Z. 69-75).
4a) Praktische Konsequenzen für das Handeln von Christinnen und Christen
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Aus Wendels Position folgt, dass christlicher Glaube nicht beim Hoffen oder Beten stehen bleiben darf. Wer die Weihnachtsbotschaft ernst nimmt, muss besonders den Menschen Aufmerksamkeit schenken, die gegenwärtig eine „zutiefst unheilige Zeit“ (Z. 42) erleben.
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Im Folgenden lassen sich zwei von Wendel genannte Bereiche aufgreifen.
Menschen auf der Flucht
Wendel verweist ausdrücklich auf „Menschen auf der Flucht“ (Z. 43). Gerade hier besitzt die Weihnachtsgeschichte selbst eine besondere Aktualität, weil auch die Heilige Familie vor Herodes fliehen musste (vgl. Z. 49-55).
Für Christinnen und Christen kann daraus die Verpflichtung entstehen, Geflüchtete praktisch zu unterstützen. Dazu gehören beispielsweise:
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Unterstützung bei Sprache, Schule oder Behördengängen,
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Beteiligung an Hilfsprojekten und Spendenaktionen,
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Begegnungsangebote in Gemeinden,
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Einsatz gegen Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit,
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politisches Engagement für menschenwürdige Aufnahmebedingungen.
Damit würde die Erinnerung an die Flucht der Heiligen Familie nicht nur erzählt, sondern in konkretes solidarisches Handeln übersetzt.
Menschen in Kriegsgebieten und Opfer von Gewalt
Wendel nennt außerdem Menschen in Kriegsgebieten sowie Opfer von Gewaltherrschaft und Terror (vgl. Z. 42-43).
Auch hier reicht es aus christlicher Perspektive nicht aus, Leid lediglich wahrzunehmen. Praktische Konsequenzen können beispielsweise sein:
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humanitäre Hilfsorganisationen finanziell oder praktisch unterstützen,
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Hilfsgüter und medizinische Versorgung fördern,
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für Frieden und Menschenrechte eintreten,
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Opfer und Hinterbliebene begleiten,
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öffentlich gegen Gewalt, Hass und Terror Stellung beziehen,
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für Frieden beten und zugleich politische Verantwortung wahrnehmen.
Darin verwirklicht sich die von Wendel geforderte Verbindung von Erinnerung, Mitleiden und Verantwortung. Die Weihnachtsbotschaft würde dann nicht zur bloßen Vertröstung, sondern zu einer Motivation, Not konkret zu lindern und für gerechtere Verhältnisse einzutreten.
4b) Kann man angesichts der „siebenmal verriegelten Nacht“ noch die „Heilige Nacht“ feiern?
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Die Frage, ob angesichts unermesslichen Leids überhaupt noch Weihnachten gefeiert werden kann, besitzt große Berechtigung. Wendel selbst stellt sie ausdrücklich: „Kann man angesichts der ‚siebenmal verriegelten Nacht‘ überhaupt noch die ‚Heilige Nacht‘ feiern?“ (Z. 56-57).
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Zunächst spricht einiges dagegen. Angesichts von Auschwitz, Kriegen, Terror, Flucht, Krankheit und Tod kann die Rede von Frieden, Heil und Freude zynisch wirken. Wendel stellt fest, die Botschaft der alle Not wendenden Heiligen Nacht könne angesichts unzähliger unheiliger Nächte geradezu zynisch erscheinen (vgl. Z. 15-18).
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Besonders problematisch wäre eine Weihnachtsfeier, die das reale Leid einfach ausblendet. Wenn Weihnachten ausschließlich als harmonisches Familienfest mit Geschenken, gutem Essen und gemütlicher Atmosphäre verstanden wird, kann eine große Distanz zur Wirklichkeit leidender Menschen entstehen.
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Wendel warnt deshalb davor, die dunkle Seite der Wirklichkeit bei der Verkündigung der Weihnachtsbotschaft auszublenden. Dies wäre bloße Vertröstung und würde letztlich bestehende ungerechte Verhältnisse stabilisieren (vgl. Z. 39–48).
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Dennoch sprechen gute Gründe dafür, die „Heilige Nacht“ weiterhin zu feiern. Gerade die biblische Weihnachtsgeschichte selbst ist keine Geschichte einer vollkommenen Welt. Jesus wird nicht in einer sicheren Unterkunft geboren, sondern in einer Krippe, da für die Familie kein Platz in der Herberge ist (vgl. Z. 49–54). Die Familie muss anschließend sogar vor Herodes fliehen (vgl. Z. 54-55).
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Damit erzählt Weihnachten selbst von Armut, Unsicherheit, Bedrohung und Flucht. Die Weihnachtsbotschaft richtet sich also nicht erst nachträglich an Menschen in Not, sondern entsteht bereits in einer solchen Situation.
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Entscheidend ist außerdem, dass christliche Hoffnung nicht behauptet, die Welt sei bereits vollständig erlöst. Wendel betont, dass keine Gewissheit bestehe, die „Heilige Nacht“ symbolisiere zweifelsfrei das Ende aller unheiligen Nächte (vgl. Z. 60-63).
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Weihnachten steht vielmehr für Hoffnung und Erwartung. Advent und Weihnachten stehen nach Wendel unter dem Zeichen einer „Heilserwartung und einer Sehnsucht nach der ‚großen Gottesgerechtigkeit‘“ (Z. 64-65).
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Dadurch verändert sich die Bedeutung des Feierns: Weihnachten bedeutet nicht, das Leid für einige Tage zu vergessen. Es bedeutet vielmehr, trotz des Leids an der Hoffnung festzuhalten, dass die Welt nicht so bleiben muss, wie sie ist.
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Für diese Hoffnung ist die Erinnerung an die Opfer entscheidend. Wendel verbindet die Feier ausdrücklich mit der „gefährlichen Erinnerung“ (Z. 67) und einer Haltung des Mitleidens (vgl. Z. 67–68). Eine angemessene Weihnachtsfeier müsste deshalb auch Raum für Erinnerung, Trauer und Solidarität enthalten.
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Aus christlicher Sicht kommt hinzu, dass mit Jesus die Gottesgerechtigkeit bereits begonnen hat, ohne schon vollendet zu sein (vgl. Z. 69-71). Christliche Hoffnung bewegt sich damit zwischen „Schon“ und „Noch nicht“. Gottes Heil ist bereits erfahrbar, aber Leid und Tod bestehen weiterhin.
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Gerade deshalb kann die „Heilige Nacht“ trotz der „siebenmal verriegelten Nacht“ gefeiert werden. Sie ist dann keine Behauptung, dass alles gut sei, sondern eine Hoffnung darauf, dass Leid, Ungerechtigkeit und Tod nicht das letzte Wort behalten.
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Ich halte Wendels abschließenden Gedanken deshalb für überzeugend: Vielleicht fordert gerade eine unheile Gegenwart dazu heraus, Weihnachten bewusst zu feiern (vgl. Z. 76-77). Allerdings darf Weihnachten dann nicht zu einer harmlosen und gemütlichen Geschichte werden. Die Botschaft gilt nach Wendel gerade den Menschen, die in Leid und Unheil verstrickt sind, den Opfern, Randständigen und Toten (vgl. Z. 78-81).
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Meiner Ansicht nach kann und sollte die „Heilige Nacht“ deshalb auch angesichts einer unheilen Welt gefeiert werden. Gerade weil die Welt nicht heil ist, besitzt die Weihnachtsbotschaft ihre Bedeutung. Voraussetzung ist jedoch, dass das Fest das Leid nicht verdrängt, sondern Hoffnung mit Erinnerung, Mitgefühl und konkreter Verantwortung für leidende Menschen verbindet.