Thema 1
Thema
Eva Striftmatter (* 1930 – † 2011): Herbst in Berlin (1983)
Lili von Braunbehrens (* 1894 – † 1982): Stadtsonntag (1921)
Aufgabenstellung
Interpretiere das Gedicht Herbst in Berlin von Eva Strittmatter.
Vergleiche das Gedicht Herbst in Berlin von Eva Strittmatter mit dem Gedicht Stadtsonntag von Lili von Braunbehrens unter dem Gesichtspunkt der Gestaltung des
Großstadtmotivs. Berücksichtige dabei sowohl inhaltliche als auch sprachliche und formale Aspekte.
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1: Eva Strittmatter (* 1930 – † 2011): Herbst in Berlin (1983)
1 Andersen, Hans Christian (* 1805 – † 1875): dänischer Dichter.
Strittmatter, Eva: Beweis des Glücks. Gedichte. Eine Auswahl. Leipzig: Reclam 1988, S. 111.
Material 2: Lili von Braunbehrens (* 1894 – † 1982): Stadtsonntag (1921)
Vollmer, Hartmut (Hg.): ,,ln roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod". Lyrik expressionistischer Dichterinnen. Zürich: Arche Verlag 1993, S. 62.
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Teilaufgabe 1
Einleitung
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Das Gedicht Herbst in Berlin von Eva Strittmatter thematisiert die Wahrnehmung der Großstadt und ihrer Bewohner durch das lyrische Ich. Im Mittelpunkt steht dabei die besondere Atmosphäre Berlins im Übergang vom Herbstabend zur Nacht sowie die Begegnung verschiedener Menschen im urbanen Raum.
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Das Gedicht zeigt die Stadt als Ort von Schönheit, Begegnung und möglichen Glücksmomenten, aber zugleich auch von Vergänglichkeit und Wandlung.
Thema und Sprechsituation
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Das zentrale Thema des Gedichts ist die Darstellung von Menschen in der Großstadt. Dabei richtet sich der Blick des lyrischen Ichs nicht nur auf die Stadt selbst, sondern insbesondere auf die dort lebenden Menschen und ihre alltäglichen Handlungen.
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Die Sprechsituation ist durch einen Wechsel zwischen persönlicher Selbstkundgabe des lyrischen Ichs und einer zunehmend distanzierteren Beobachterrolle geprägt. Zu Beginn bringt das lyrische Ich seine eigene Beziehung zu Berlin zum Ausdruck, indem es mehrfach seine persönliche Wahrnehmung betont. Im weiteren Verlauf tritt jedoch die beobachtende Haltung stärker hervor, indem es die Stadtbewohner und ihre Begegnungen beschreibt.
Inhalt und Aufbau des Gedichts
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Bereits der Titel Herbst in Berlin verbindet eine Jahreszeit mit einem konkreten Stadtnamen. Dadurch wird die Verbindung zwischen der natürlichen Veränderung des Herbstes und dem urbanen Raum hergestellt.
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Zu Beginn des Gedichts wird die positive Beziehung des lyrischen Ich zu Berlin deutlich (vgl. V. 1–4). Das lyrische Ich beschreibt, dass es Berlin gerne betrachtet und Interesse daran zeigt, die Menschen der Großstadt wahrzunehmen. Die Betrachtung erfolgt im Herbst und im Übergang vom Tag zum Abend, also in einer Phase des „Zwielichts“, wodurch bereits eine Atmosphäre des Wandels und der Unschärfe entsteht.
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Im weiteren Verlauf beschreibt das lyrische Ich die durch Neonlampen erzeugte Lichtstimmung und seinen Spaziergang durch die begrünte Innenstadt (vgl. V. 5–11). Die Stadt wird dabei nicht als rein funktionaler Raum dargestellt, sondern durch besondere Licht- und Farbbilder ästhetisch gestaltet. Die Beschreibung der Straßen, Blumenrabatten und Baumreihen vermittelt einen Eindruck von Schönheit innerhalb des urbanen Raumes.
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Anschließend verändert sich der Blickwinkel des lyrischen Ich. Es betrachtet nun die unterschiedlichen Generationen angehörenden und einfachen Menschen der Stadt sowie deren kurze Pause vom Alltag (vgl. V. 12–16). Die Menschen sitzen nebeneinander, rauchen, schwatzen und gehen anschließend gelassen nach Hause. Die Großstadt erscheint dadurch als Ort einer kurzen Gemeinschaft und Ruhe innerhalb des alltäglichen Lebens.
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Diese entspannte Situation bildet den Ausgangspunkt für positive Gefühle und die zufällige Betrachtung eines jungen Liebespaares (vgl. V. 17–23). Das „Licht in sich“ (V. 17) und das „Lächeln“ (V. 18) werden als Ergebnis dieser kurzen Auszeit vom Alltag dargestellt. Die entstehende Beziehung wird dabei idealisierend beschrieben: Die schüchterne und diskrete Kontaktaufnahme erhält durch den Vergleich mit einer „Liebe in Märchen von Andersen“ (V. 23) eine märchenhafte Wirkung.
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Im letzten Abschnitt wandelt sich die Stadt beim Übergang vom Abend zur Nacht (vgl. V. 24–26). Die konkrete Beobachtung wird verallgemeinert und zum „Bild dieser Stadt“ (V. 24). Die Möglichkeit einer neuen Liebe erscheint als „unbedingt glückhafte[ ] Handlung“ (V. 25). Gleichzeitig bleibt offen, ob dieses Idealbild mit dem Einbruch der Nacht bestehen bleibt oder wieder verschwindet.
Sprachliche und formale Gestaltung
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Das Gedicht verzichtet auf eine Stropheneinteilung, wodurch das komplexe und vielfältige Geschehen in der Großstadt verdeutlicht wird. Die verschiedenen Eindrücke und Beobachtungen des lyrischen Ichs erscheinen dadurch als zusammenhängender Ausschnitt aus dem städtischen Leben.
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Die Vielschichtigkeit des Geschehens in der Großstadt wird zudem durch den Wechsel verschiedener Reimarten hervorgehoben. So finden sich beispielsweise umschließender Reim, Kreuzreim und Paarreim, wodurch keine starre Ordnung entsteht, sondern die Vielfalt und Beweglichkeit der Stadt widergespiegelt werden.
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Auch die formale Gestaltung verdeutlicht die Dynamik und Unterschiedlichkeit der Großstadt. Dies zeigt sich durch ein unregelmäßiges Metrum, den wechselnden Einsatz von Zeilenstil und Enjambements sowie durch ästhetische Mittel des Films, insbesondere die Montagetechnik. Wie bei einer filmischen Montage werden verschiedene Eindrücke, Menschen und Situationen aneinandergereiht.
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Die persönliche Wahrnehmung des lyrischen Ichs wird durch den anaphorischen Beginn der ersten drei Verse mit dem Pronomen „Ich“ (V. 1, 2, 3) hervorgehoben. Dadurch steht die individuelle Sichtweise des lyrischen Ichs im Mittelpunkt. Zusätzlich verstärkt die Wiederholung des Adverbs „gern“ (V. 1, 2, 3) die positive Beziehung des lyrischen Ichs zu Berlin.
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Die Gewissheit einzelner Aussagen wird durch kurze Hauptsätze betont (vgl. V. 1, 2, 12, 15). Im Gegensatz dazu stehen ausführlichere Beschreibungen der Stadt durch Satzgefüge (vgl. V. 3 f., 5 f.), wodurch sowohl einzelne Beobachtungen als auch komplexere Eindrücke vermittelt werden.
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Die Unmittelbarkeit der Wahrnehmungen wird durch Ellipsen erzeugt (vgl. V. 7, 13). Die verkürzten Satzstrukturen lassen die Eindrücke spontan und unmittelbar wirken. Eine zusätzliche Intensivierung erfolgt durch Alliterationen (vgl. V. 3 f., 11 f., 22 f.), die einzelne sprachliche Bilder hervorheben.
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Die Schönheit der Stadt wird besonders durch ausdrucksstarke, positiv konnotierte Adjektive dargestellt. Beispiele hierfür sind „perlmutternes“ (V. 5), „schönes“ (V. 19), „reiner“ (V. 20) und „glückhafter“ (V. 25). Durch diese positive Wortwahl wird die besondere Atmosphäre Berlins hervorgehoben.
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Die Vielfalt der Vorgänge in der Stadt wird durch verschiedene Reihungen dargestellt. Die Menschen werden beispielsweise durch die Aneinanderreihung von Adjektiven und Partizipien als „verlegen, lächelnd und leise“ (V. 22) beschrieben. Ebenso verdeutlicht die Reihung der Verben „[r]aucht, schwatzt und geht“ (V. 16) die unterschiedlichen alltäglichen Handlungen der Stadtbewohner.
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Die Reinheit und Besonderheit der entstehenden Liebe zwischen dem jungen Paar wird durch Vergleiche hervorgehoben. Dazu gehören der Vergleich „Wie Liebe in Märchen von Andersen“ (V. 23) sowie der Vergleich „wie erstmals“ (V. 20). Dadurch erhält die Begegnung eine idealisierte und märchenhafte Wirkung.
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Diese märchenhafte Darstellung wird zusätzlich durch metaphorische Wortgruppen verstärkt. Das „Licht in sich, das zu Apfelrot reifte“ (V. 17) und das „Lächeln, an das man zufällig streifte“ (V. 18) beschreiben innere Gefühle und verleihen der Situation eine besondere Schönheit.
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Die Lichtdarstellungen erzeugen gleichzeitig eine geheimnisvolle und schwer greifbare Atmosphäre. Dies zeigt sich besonders an den Lichtmetaphern „perlmutternes Licht“ (V. 5) sowie „Türkis-violett. Auf einer Schicht / Weißen Silbers“ (V. 7 f.). Das Licht steht dabei nicht nur für Schönheit, sondern verweist auch auf das Zwielichtige und Undurchschaubare der Situation.
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Am Ende des Gedichts wird die konkrete Stadtbeschreibung verallgemeinert. Durch die Abstraktion zum „Bild dieser Stadt“ (V. 24) erweitert sich die Perspektive des lyrischen Ichs von einer einzelnen Beobachtung zu einer allgemeinen Erkenntnis über Berlin. Die zentrale Aussage wird zusätzlich durch die Parenthese „Kulisse unbedingt glückhafter Handlung“ (V. 25) hervorgehoben.
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Auch die Jahreszeit des Herbstes und das Zwielicht besitzen eine symbolische Bedeutung. Sie können als Metaphern für Vergänglichkeit, Wandlung und Unschärfe verstanden werden und enthalten zugleich mögliche negative Assoziationen. Der Übergang vom Abend zur Nacht verweist damit auf die Veränderlichkeit der dargestellten Momente.
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Darüber hinaus werden Kontraste durch die adversativen Konjunktionen „Doch“ (V. 14) und „Sondern“ (V. 22) sichtbar. Sie markieren Veränderungen in der Wahrnehmung und verdeutlichen unterschiedliche Betrachtungsweisen innerhalb des Gedichts.
Deutung des Gedichts
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Das Gedicht vermittelt insgesamt ein positives Lebensgefühl des lyrischen Ichs gegenüber der Großstadt und ihren Bewohnern. Berlin wird nicht als anonymer oder ausschließlich belastender Ort dargestellt, sondern als vertrauter Lebensraum, den das lyrische Ich aufmerksam und wertschätzend betrachtet.
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Die Stadt erscheint als Ort von Kommunikation, Entspannung, Gelassenheit und Zufriedenheit, auch wenn diese Zustände nur für einen kurzen Zeitraum bestehen. Die Menschen finden für einen Moment Ruhe vom Alltag und begegnen einander in einer entspannten Atmosphäre.
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Gleichzeitig zeigt das Gedicht die Stadt in ihrer Vielschichtigkeit: Sie ist sowohl ein Ort von Schönheit und Zwielichtigkeit, von Realität und Scheinwelt als auch ein Raum für Träume, Romantik und mögliche Liebe. Besonders die Begegnung des jungen Paares verdeutlicht die Möglichkeit von Hoffnung und Neubeginn.
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Die Darstellung der einfachen Menschen ist von Sympathie geprägt. Das lyrische Ich nimmt ihre alltäglichen Handlungen wahr und wertet sie nicht ab, sondern versteht sie als Teil des lebendigen Stadtbildes.
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Am Ende weitet sich die Perspektive des lyrischen Ichs von der konkreten Anschauung und dem bloßen Sehen (vgl. V. 1 f.) hin zu einer allgemeinen Erkenntnis im „Bild dieser Stadt“ (V. 24). Berlin wird dadurch zu einem Symbol für Wandlung und mögliche gesellschaftliche Veränderungen.
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Das Gedicht deutet somit eine positive Entwicklung an: Trotz Vergänglichkeit und Unsicherheit bleibt die Hoffnung auf Fortbestand positiver Lebensgefühle bestehen.
Fazit
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Zusammenfassend zeigt Eva Strittmatters Herbst in Berlin die Großstadt als einen Ort voller unterschiedlicher Eindrücke, Begegnungen und Möglichkeiten. Durch die Verbindung von genauer Beobachtung, positiver Bildsprache und vielfältigen formalen Gestaltungsmitteln entsteht ein Bild Berlins, das sowohl die Schönheit als auch die Vergänglichkeit des Augenblicks sichtbar macht.
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Das Gedicht verbindet damit die konkrete Darstellung einer Stadt mit einer allgemeineren Aussage über menschliche Begegnung, Hoffnung und Wandel.
Teilaufgabe 2
Überleitung
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Die Gedichte Herbst in Berlin von Eva Strittmatter (1983) und Stadtsonntag von Lili von Braunbehrens (1921) beschäftigen sich beide mit dem Motiv der Großstadt und der Wahrnehmung ihrer Bewohner. Während Strittmatter Berlin als einen Ort von Begegnung, Schönheit und möglichen Glücksmomenten darstellt, zeigt Braunbehrens die Stadt vor allem als Raum der Einsamkeit, Enge und Enttäuschung.
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Die unterschiedliche Gestaltung des Großstadtmotivs wird sowohl durch die inhaltliche Darstellung als auch durch sprachliche und formale Mittel deutlich.
Gemeinsamkeiten der inhaltlichen Gestaltung des Großstadtmotivs
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Beide Gedichte stellen das Geschehen in einer Stadt dar und richten ihren Blick auf die dort lebenden Menschen und ihre Handlungen. Die lyrischen Sprecher betrachten die Bewohner in einem Zeitraum der Ruhe und schildern alltägliche Situationen innerhalb des städtischen Lebens.
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Sowohl in Herbst in Berlin als auch in Stadtsonntag werden außerdem bauliche Besonderheiten der Stadt sowie bestimmte Stimmungen und Verhaltensweisen der Bewohner beschrieben. Die Stadt wird nicht nur als Hintergrund dargestellt, sondern als Raum, der die Wahrnehmung und Gefühle der Menschen beeinflusst.
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Beide lyrischen Sprecher wenden sich bereits am Anfang der Gedichte der Stadt zu. In Herbst in Berlin zeigt sich dies durch die persönliche Aussage „Ich habe das gern, in Berlin zu sehn“ (V. 1), während das lyrische Ich in Stadtsonntag beschreibt: „Ich bin unter die bunten Menschen gelaufen“ (V. 1). Dadurch wird in beiden Texten eine direkte Verbindung zwischen dem lyrischen Ich und dem urbanen Raum hergestellt.
Unterschiede der inhaltlichen Gestaltung des Großstadtmotivs
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Trotz dieser Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die Darstellungen der Großstadt deutlich. Während Strittmatter die Stadt als Ort positiver Gefühle des lyrischen Ichs gestaltet, erscheint sie bei Braunbehrens überwiegend als Ort negativer Gefühle. In Herbst in Berlin fühlt sich das lyrische Ich mit der Stadt verbunden und nimmt ihre Bewohner mit Sympathie wahr. Dagegen steht das lyrische Ich in Stadtsonntag außerhalb der Gemeinschaft und erlebt die Stadt als fremd und bedrückend.
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Strittmatter beschreibt die Möglichkeit von Wandel und positiven Entwicklungsmöglichkeiten, während Braunbehrens eine negativ gefärbte Sicht auf die Vorgänge in der Stadt vermittelt. Hinweise auf eine positive Veränderung fehlen dort weitgehend.
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Auch die Darstellung der Bewohner unterscheidet sich deutlich. Strittmatter zeigt eine entspannte, gelassene und ruhige Kommunikationssituation zwischen den Menschen. Die Bewohner sitzen „Bank an Bank“ (V. 12), „raucht, schwatzt und geht gelassen nach Hause“ (V. 16). Die Stadt wird dadurch als Ort kurzer Ruhe und Gemeinschaft dargestellt.
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Braunbehrens betont dagegen die sinnleere und oberflächliche Kommunikation der Bewohner. Die Menschen erscheinen isoliert und werden durch ihre alltäglichen Geräusche und Handlungen eher negativ dargestellt.
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Ein weiterer Gegensatz zeigt sich in der Raumgestaltung. Strittmatter hebt Weite und Licht hervor, beispielsweise durch „wenn die Lichter / [...] angehn“ (V. 3 f.). Braunbehrens gestaltet die Stadt dagegen durch Bilder von Enge und Dunkelheit. Dies zeigen Begriffe wie „Kammer“ (V. 4, V. 14), „Gasse“ (V. 9, V. 15), „graue[ ] Häuserkette“ (V. 9) und „staubig, schwingenlos“ (V. 14).
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Während das lyrische Ich bei Strittmatter den Bewohnern mit Sympathie und Zuversicht begegnet, wendet sich das lyrische Ich bei Braunbehrens von ihnen ab. Es konstatiert enttäuschte Hoffnungen und vermittelt Gefühle von Ablehnung und Einsamkeit.
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Daraus ergibt sich ein grundlegender Gegensatz: Strittmatter verbindet die Großstadt mit Hoffnung und Wandel, während Braunbehrens eine Desillusionierung zeigt. Berlin erscheint bei Strittmatter als Ort generationenübergreifender Gemeinschaft, bei Braunbehrens dagegen als Stätte der Isolation.
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Auch die Schlussgedanken unterscheiden sich. Strittmatter endet mit einer gewissen Gelassenheit und Zuversicht hinsichtlich zukünftiger Entwicklungen. Braunbehrens dagegen führt zur Verurteilung der Stadt und zur Flucht in die „Poesie“ als Ausweg (V. 16).
Unterschiede der sprachlichen und formalen Gestaltung
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Auch in der sprachlichen und formalen Gestaltung zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den beiden Gedichten. Strittmatter stellt das Geschehen überwiegend im Präsens dar. Dadurch entsteht der Eindruck einer unmittelbaren Beobachtung der Stadt und ihrer Bewohner. Braunbehrens verwendet dagegen einen Wechsel von Präteritum und Präsens, wodurch stärker zwischen vergangenen Erfahrungen und gegenwärtiger Wahrnehmung unterschieden wird.
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In Herbst in Berlin werden die Stadtbewohner durch Handlungsverben wohlwollend charakterisiert. Besonders deutlich wird dies in der Beschreibung: „Volk [...] hält Atempause. / Raucht, schwatzt und geht gelassen nach Hause. / Mit dem Licht in sich, das [...] reifte“ (V. 15–17). Die Verben vermitteln Ruhe, Gelassenheit und eine positive Wahrnehmung des Alltagslebens. Demgegenüber verwendet Braunbehrens negativ konnotierte Wortgruppen, um die Bewohner herabzuwürdigen. Dies zeigt sich beispielsweise in: „Der kleinen Menschen jämmerliche Alltagsstimme, / Ihr flaches Schäkern / Und ihrer müden Schritte Schlürfen“ (V. 11–13).
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Die Menschen erscheinen dadurch nicht als Teil einer lebendigen Gemeinschaft, sondern als Ausdruck einer bedrückenden und sinnentleerten Großstadtsituation.
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Auch die Wahrnehmung der Stadt unterscheidet sich sprachlich. Bei Strittmatter wird die eigene Beobachtung durch die Handlung des „sehn“ (V. 1) hervorgehoben. Das lyrische Ich betrachtet bewusst seine Umgebung. Bei Braunbehrens stehen dagegen verschiedene unsichere Wahrnehmungen im Mittelpunkt, die durch die Verben „dachte“ (V. 2), „glaubte“ (V. 3) und „hör“ (V. 6) deutlich werden.
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Ein weiterer Unterschied zeigt sich in den verwendeten Wortfeldern. Strittmatter nutzt eine semantische Reihe zu Licht und Schönheit. Dazu gehören beispielsweise „Licht[er]“ (V. 3, V. 5, V. 17), „Lampen“, „Zwielicht“ (V. 4), „Weißen Silbers“ (V. 8), „Blumenrabatten“ (V. 11), „schönes Mädchen“ (V. 19) und „reiner Junge“ (V. 20).
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Braunbehrens arbeitet dagegen mit einer semantischen Reihe zu Schmutz und Enge. Dies zeigen Formulierungen wie „graue[ ] Häuserkette“ (V. 9), „staubig, schwingenlos“ (V. 14), „Kammer“ (V. 4, V. 14) und „Gasse“ (V. 9, V. 15).
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Auch die Adjektive verdeutlichen die unterschiedliche Haltung gegenüber der Großstadt. Strittmatter verwendet überwiegend positiv konnotierte Adjektive, beispielsweise „perlmutternes“ (V. 5), „schönes“ (V. 19), „reiner“ (V. 20) und „glückhafter“ (V. 25). Braunbehrens führt dagegen eine zunehmend negative Bewertung ein: Auf das zunächst positiv wirkende Adjektiv „bunten“ (V. 1) folgen negativ konnotierte Begriffe wie „grauer“ (V. 9), „kleinen“ und „jämmerliche“ (V. 11), „flaches“ (V. 12), „müden“ (V. 13) und „hohlen“ (V. 15).
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Beide Gedichte verwenden zudem sprachliche Neuschöpfungen, jedoch mit unterschiedlicher Wirkung. Strittmatter beschreibt das alltägliche Treiben der Bewohner durch den Neologismus „[u]nfesche“ (V. 13), wodurch eine eher ungewöhnliche, aber nicht grundsätzlich negative Darstellung entsteht. Braunbehrens verwendet dagegen den Neologismus „Sehnsuchtsdummer“ (V. 8), der die Enttäuschung und Verzweiflung des lyrischen Ichs verdeutlicht.
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Auch die Satzgestaltung unterscheidet sich. Strittmatter verwendet ausschließlich Aussagesätze, wodurch die Beobachtungen ruhig und sicher wirken. Braunbehrens nutzt dagegen Aussagesätze, Fragesätze und einen Ausruf, wodurch innere Unsicherheit und emotionale Belastung stärker hervortreten.
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Formale Unterschiede zeigen sich ebenfalls. Strittmatter nutzt Ellipsen (V. 7, V. 13), wodurch einzelne Eindrücke unmittelbar erscheinen. Braunbehrens arbeitet dagegen stärker mit Parallelismen (V. 10, V. 13), die die Wiederholung und Gleichförmigkeit des städtischen Lebens betonen.
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Am Ende unterscheiden sich auch die Schlussgestaltungen. Bei Strittmatter hebt eine Parenthese die abschließende Abstraktion der Stadt hervor: „Kulisse unbedingt glückhafter Handlung“ (V. 25).
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Die Stadt wird dadurch als möglicher Raum für Glück und Entwicklung verstanden. Braunbehrens beendet das Gedicht dagegen mit einer Anrufung der Poesie als Ausweg (V. 16), wodurch die Flucht aus der als bedrückend empfundenen Realität deutlich wird.
Fazit
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Zusammenfassend zeigen beide Gedichte das individuelle Lebensgefühl eines Menschen in der Großstadt, gelangen jedoch zu völlig unterschiedlichen Bewertungen dieses Lebensraums.
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Während Eva Strittmatters Herbst in Berlin eine optimistisch geprägte und lebensbejahende Betrachtungsweise vermittelt, in der die Stadt als Ort von Begegnung, Schönheit und Hoffnung erscheint, zeigt Lili von Braunbehrens’ Stadtsonntag eine pessimistische Wahrnehmung, die von Einsamkeit, Entfremdung und Enttäuschung geprägt ist.
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Die unterschiedlichen inhaltlichen, sprachlichen und formalen Gestaltungen des Großstadtmotivs spiegeln somit verschiedene Weltsichten wider: Strittmatter betont Möglichkeiten von Gemeinschaft und Wandel, während Braunbehrens die Isolation des Individuums innerhalb der modernen Stadt hervorhebt.