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Sprachmittlung Profilfach

Situation

Your British friend is studying politics and modern history at university. She is writing a paper about how Germans today reflect on their past and how they deal with current global challenges. You have read a newspaper article by former German President Joachim Gauck and think it might be useful for her research.

Task

Based on the article, write an email to your friend presenting Germany’s democratic development after World War II as well as people’s civic duty to uphold democracy, according to Gauck.

Wir sind immer noch das Volk

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Im Unterschied zu vielen kritischen Intellektuellen war und ist meine Haltung gegenüber
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unserem Land nicht primär von Misstrauen, Scham und Distanz gekennzeichnet. Ich
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kenne diese Gefühle aus meiner Jugendzeit, ich habe sie intensiv selbst geteilt. Aber
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nach der Wiedererlangung der Einheit in Freiheit wollte und will ich auch immer wieder
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daran erinnern, dass Deutschland nicht nur geprägt ist von der tiefsten denkbaren
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Schuld, sondern ebenso von einem einst kaum vorstellbaren Gelingen. Die Menschen
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im Westen Deutschlands etablierten eine neue Herrschaft des Rechts, sie schufen eine
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stabile Demokratie mit einer aktiven Zivilgesellschaft und sorgten für Wohlstand und
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Teilhabe. Das Land kann nicht nur auf ein Wirtschaftswunder verweisen, sondern auch
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auf ein veritables Demokratiewunder. Es ist sicher nicht perfekt, aber es ist das beste
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Deutschland, das es je gegeben hat.

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Den Menschen im Osten waren diese Erfahrungen verwehrt. Sie haben 56 Jahre – und
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nicht zwölf Jahre wie die Westdeutschen – in einem autoritären System leben müssen.
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Das System wollte keine aktiven Citoyens, sondern angepasste Mitläufer. Umso mehr
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überraschten die Ereignisse von 1989. Es stellte sich heraus, dass bei der Mehrheit der
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Ostdeutschen offenbar nur so etwas wie eine unüberzeugte Minimalloyalität gegenüber
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dem sozialistischen Staat geherrscht hatte, die Wünsche nach Teilhabe, Freiheit und
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Demokratie aber nie gänzlich erloschen waren. Und so meldeten die Ostdeutschen mit
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ihrer friedlichen Revolution nach über vier Jahrzehnten massenhaft ihren Anspruch auf
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demokratische Rechte an und erhoben sich zum Souverän: „Wir sind das Volk“. Mit
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diesem schönsten Satz der deutschen Demokratiegeschichte erlebten sie nicht nur eine
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Selbstermächtigung, sie schrieben ein unerwartetes deutsches Kapitel der europäischen
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Freiheitsgeschichte.

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Es gab und gibt also einen doppelten Grund, warum ich meinen Landsleuten immer
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wieder zurufe, sie möchten doch bitte an das glauben, was sie selbst – als ganz normale
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Bürger – geschaffen haben. Sie sollten sich darüber freuen und den Stolz darauf nicht
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den Figuren am rechten Rand überlassen. Denn der Stolz der Rechten speist sich aus
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einem nationalistischen Überlegenheitsgefühl, aus Ressentiment und Verachtung der
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„Anderen“. […]

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Wir leben in Zeiten von Polykrisen, Krisen, die nicht aufeinanderfolgen, sondern sich
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überschneiden, manchmal gegenseitig verstärken und uns auf teils erschreckende
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Weise mit den Versäumnissen unserer Politik konfrontieren. Infolge der Corona-
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Pandemie wurde uns so recht bewusst, in welchem hohen Maße wir wirtschaftlich in
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vielen Bereichen von China abhängig sind. Infolge der russischen Invasion in die Ukraine
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2022 erkannten wir erschrocken, dass die europäische Sicherheit ernsthaft gefährdet
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ist und Deutschland seine Verteidigungsbereitschaft sträflich vernachlässigt hat.
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Gleichzeitig ist Amerika in seiner Rolle als Führungsmacht einer liberalen, regelbasierten
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Ordnung geschwächt, während China und Russland und weitere autoritäre Staaten in
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Asien, im Nahen Osten, in Afrika und Lateinamerika auf eine Neugestaltung von
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Einflusssphären setzen. Die alte Weltordnung, wie wir sie über Jahrzehnte kannten,
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existiert so nicht mehr, eine neue ist noch nicht in Sicht. In der Übergangszeit müssen
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wir mit der Instabilität leben lernen. […]

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Aber statt über die zweifellos vorhandenen Gefahren zu klagen und der Entwicklung
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tatenlos zuzusehen, möchte ich dazu aufrufen, die Kräfte zu mobilisieren und nach
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Lösungen zu suchen: nicht durch Rückfall in autoritäre Denkmuster und Strukturen aus
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angeblich verlorenen goldenen Zeiten, sondern mit politisch-praktischen Innovationen,
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die den neuen Gegebenheiten Rechnung tragen. Unsere liberale Demokratie muss allein
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schon deshalb verteidigt werden, weil uns bis jetzt kein überzeugendes alternatives
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Modell zur Verfügung steht.

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Ich weiß nämlich aus eigener Erfahrung, was es heißt, keine Menschen- und Bürger-
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rechte zu besitzen, keine Versammlungs- und Meinungsfreiheit, keine unabhängigen
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Gerichte, keine selbstverwalteten Interessenvereinigungen, keine Freiheit der Medien.
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Ich wünschte, die jungen Menschen und diejenigen, die nie in Unfreiheit leben mussten,
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könnten eine liberale Demokratie neu oder wieder zu ihrer inneren Überzeugung
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machen. Denn wir, die Bürger, sind es doch, die die Freiheit entweder verspielen oder
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verteidigen und bewahren. Mag sie auch nicht frei von Mängeln sein, so bleibt die
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Demokratie doch die beste Regierungsform, die wir kennen, und weltweit Zufluchts-
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und Sehnsuchtsziel der Unterdrückten.

Joachim Gauck, „Wir sind immer noch das Volk“, in: Die Zeit, 17. März 2024; 634 Wörter

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