Vorschlag A
Thema
Stadtperspektiven
Aufgabenstellung
Interpretiere das Gedicht Die fremde Stadt von Maria Luise Weissmann unter Berücksichtigung deiner Kenntnisse zum Epochenumbruch um 1900. (Material 1)
Setze das Gedicht Die fremde Stadt von Maria Luise Weissmann (Material 1) in Beziehung zu dem Gedicht Anblick von Florenz von Ludwig Tieck (Material 2) unter
Berücksichtigung inhaltlich-thematischer, sprachlich-formaler sowie epochenspezifischer Aspekte.
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Die fremde Stadt (ca. 1919)
Maria Luise Weissmann
1 Autopfiff – hier: wahrscheinlich Verkehrslärm
Maria Luise Weissmann: Die fremde Stadt, in: Hartmut Vollmer (Hg.): In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod. Lyrik
expressionistischer Dichterinnen, Hamburg 2012, S. 88.
Hinweise
Maria Luise Weissmann (1899–1929): deutsche Lyrikerin
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
Material 2
Anblick von Florenz (ca. 1806)
Ludwig Tieck
1 Äther – Weite, Raum des Himmels; in der griechischen Mythologie Bezeichnung für den Sitz des Lichts und der Götter
Ludwig Tieck: Anblick von Florenz, in: Wolfgang Frühwald (Hg.): Gedichte der Romantik, Stuttgart 1984, S. 165.
Hinweise
Ludwig Tieck (1773–1853): deutscher Dichter der Romantik
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Aufgabe 1
Einleitung
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In dem Gedicht Die fremde Stadt von Maria Luise Weissmann, das um 1919 verfasst wurde, verdeutlicht das lyrische Ich seine existenzielle Verlorenheit sowie seine Erschöpfung angesichts der Bedingungen in einem modernen, urbanen Umfeld.
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Die Stadt erscheint dabei nicht als Ort von Freiheit, Gemeinschaft oder Fortschritt, sondern als künstlicher, bedrückender und bedrohlicher Raum, in dem das lyrische Ich Orientierung, Geborgenheit, Naturbezug und Transzendenz verliert.
Aufbau und Inhalt
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Das Gedicht lässt sich inhaltlich in vier Strophen gliedern. In der ersten Strophe wird zunächst der Himmel in der Stadt beschrieben. Dieser erscheint nicht als offener Naturraum, sondern wie eine künstliche Mauer: „Der Himmel ist aus viel Zement gemauert“ (V. 1). Dadurch wird die natürliche Weite des Himmels versperrt. Zugleich wird seine Farbe als künstlich und grell dargestellt, denn der Himmel sei „grell mit Tünche übermalt“ (V. 2) und besitze ein Blau, „das Litfaßsäule strahlt“ (V. 3). Schon hier entsteht der Eindruck einer unnatürlichen, übermalten, künstlich erzeugten Umgebung. Hinzu kommt die Andeutung einer unheilvollen Atmosphäre, wenn aus „Winkeln, dumpf und schwer“ ein „Verhängnis lauert“ (V. 4). Die Stadt wird damit von Beginn an als beengender und gefährlicher Raum gestaltet.
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In der zweiten Strophe wird die zerstörerische Wirkung der Stadt auf das lyrische Ich noch stärker hervorgehoben. Die Stadt erscheint als Naturgewalt, von der das Ich mitgerissen und beschädigt wird. Die Ecken werden zu „Klippen“ (V. 6), an denen das lyrische Ich als „Woge“ (V. 6) zerschellt. Die folgende Formulierung „Bis mich die Flut zerschmettert weiterwellt“ (V. 7) steigert diese Vorstellung noch weiter: Das Ich wird nicht mehr als handelndes Subjekt gezeigt, sondern als etwas, das von einer übermächtigen Bewegung erfasst, zerschlagen und weitergetragen wird. Zugleich wird der kontinuierliche Lärm der Stadt dargestellt, der in dem Neologismus „Autopfiff“ (V. 8) verdichtet ist und sogar die Nächte „überdauert“ (V. 8). Die Stadt ist also nicht nur räumlich bedrängend, sondern auch akustisch dauerhaft belastend.
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Die dritte Strophe beschreibt den Verlust von Glauben, Geborgenheit und Transzendenz im Lärm der Stadt. Das lyrische Ich sagt: „In diesem Autopfiff, der Nächte überdauert, / Ging mir die ewige Seligkeit verloren“ (V. 8f.). Der profane, moderne Verkehrslärm wird somit als Ursache eines tiefgreifenden geistigen und seelischen Verlusts dargestellt. Daran schließt sich eine Klage über den Verlust eines paradiesischen Zustands oder zumindest über die Erinnerung daran an: „Oh Engelstimmen, oh Gesang der Harfen, / Gebetshauch, Palmenduft, oh Flügelwehn!“ (V. 10f.). Diese Bilder erinnern an religiöse Geborgenheit, Frieden und Erlösung. Gerade im Kontrast zum Lärm der modernen Stadt wird deutlich, dass dem lyrischen Ich ein Zustand von Harmonie und Transzendenz abhandengekommen ist.
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In der vierten Strophe wird schließlich drastisch das Gefühl des Aus- oder Eingeschlossenseins sowie des Schreckens dargestellt. Das lyrische Ich stößt sich „an fest verrammten Toren“ (V. 12), wodurch ein Eindruck von Unzugänglichkeit, Begrenzung und Gefangensein entsteht. Zudem starrt es „rings in tausend Schreckenslarven“ (V. 13), sodass die Umgebung als von Angstbildern erfüllt erscheint. Der Schlussvers „Ich bin so müd, und darf nicht schlafen gehn“ (V. 14) fasst die Erschöpfung des lyrischen Ichs zusammen. Zugleich wird deutlich, dass ihm nicht einmal Ruhe oder Schlaf gewährt wird. Die Stadt erzwingt eine dauerhafte Wachsamkeit, die möglicherweise auch als Todessehnsucht gedeutet werden kann.
Formale und sprachliche Analyse
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Das Gedicht ist formal als Sonett gestaltet. Diese traditionelle Gedichtform steht in einem auffälligen Kontrast zum modernen und existenziell bedrohlichen Inhalt. Die beiden Quartette dienen vor allem der Charakterisierung der Stadt. Ihr inhaltlicher Zusammenhang wird durch gleiche Kadenzen in den umarmenden Reimen betont (vgl. V. 1, 4, 5, 8). In den beiden Terzetten verschiebt sich der Fokus stärker auf die Gedanken und Gefühle des lyrischen Ichs. Diese werden durch den verbindenden Schweifreim zusammengeführt. Gerade die Verwendung der traditionellen Sonettform verstärkt die Wirkung des Gedichts, weil die existenziell bedrohliche Situation und der Identitätsverlust des lyrischen Ichs in eine streng geordnete Form gespannt werden. Dadurch entsteht ein Kontrast zwischen formaler Ordnung und innerer Zerrüttung.
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Das Drängende der dargestellten Erfahrung wird durch vers- und strophenübergreifende Satzstrukturen betont. Besonders deutlich wird dies an den Übergängen von Vers 4 zu Vers 5 sowie von Vers 8 zu Vers 9 (vgl. V. 4f., V. 8f.). Die zahlreichen Enjambements lassen die Wahrnehmungen ineinanderfließen und erzeugen den Eindruck eines unaufhaltsamen, bedrängenden Stroms. Dadurch wird formal nachvollziehbar, dass das lyrische Ich den Eindrücken der Stadt kaum entkommen kann.
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Der Fokus auf das innere Erleben des lyrischen Ichs wird besonders durch die Abgrenzung der letzten Strophe von den anderen Strophen hervorgehoben. In dieser Strophe treten der parallele Satzbau, der Gedankenstrich am Ende von Vers 11 (vgl. V. 11) und die anaphorische Betonung des „Ich“ hervor: „Ich stoße mich […] / Ich starre […] / Ich bin so müd […]“ (V. 12ff.). Diese Wiederholung macht die subjektive Betroffenheit des lyrischen Ichs besonders deutlich. Die Stadt wird nun nicht mehr nur äußerlich beschrieben, sondern in ihrer unmittelbaren Wirkung auf das Ich erfahrbar gemacht.
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Die Stadt erscheint insgesamt als unnatürlicher und bedrückender Ort. Dies zeigt sich bereits in der Metapher „Der Himmel ist aus viel Zement gemauert, / Sehr nah“ (V. 1f.). Der Himmel, der normalerweise für Offenheit, Weite und Natur steht, wird hier durch „Zement“ mit Künstlichkeit, Schwere und Versperrung verbunden. Die natürliche Weite ist dem Ich nicht mehr zugänglich. Auch die Farbe des Himmels wird nicht natürlich, sondern künstlich dargestellt: Er ist „grell mit Tünche übermalt / Von jenem Blau, das Litfaßsäule strahlt“ (V. 2f.). Das Blau des Himmels erinnert also nicht an Natur, sondern an Werbung, Plakate und städtische Oberflächen.
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Die existenzgefährdende und überwältigende Wirkung der Großstadt auf das lyrische Ich wird durch verschiedene sprachliche Mittel hervorgehoben. Eine Personifikation liegt vor, wenn aus „Winkeln […] Verhängnis lauert“ und „Ecken starren“ (V. 4f.). Die Stadtteile wirken dadurch belebt und feindlich, als würden sie das Ich bedrohen. Auch die Parenthese und der phonetische Akzent des Wortes „Klippen“ (V. 6), das trochäisch betont wird, verstärken den Eindruck von Härte und abruptem Aufprall. Die Naturmetapher „Bis mich die Flut zerschmettert weiterwellt“ (V. 7) lässt die Großstadt als zerstörerische Naturgewalt erscheinen. Zugleich wird das lyrische Ich verdinglicht beziehungsweise entindividualisiert, wenn es sich selbst als „Woge“ bezeichnet: „ich Woge, jählings dran zerschellt, / Bis mich die Flut zerschmettert weiterwellt“ (V. 6f.). Das Ich wird also nicht mehr als selbstbestimmte Person, sondern als Teil einer anonymen Masse oder Bewegung dargestellt.
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Auch Neologismen tragen zur Intensität der Darstellung bei. Der Ausdruck „Schreckenslarven“ (V. 13) wirkt hyperbolisch, weil das lyrische Ich nicht nur einzelne Schreckbilder wahrnimmt, sondern „tausend“ davon. In Verbindung mit der Todessymbolik des Wortes „todumschauert“ (V. 5) entsteht eine Atmosphäre existenzieller Bedrohung. Die Anapher „Ich stoße mich […] / Ich starre […] / Ich bin so müd […]“ (V. 12ff.) hebt zusätzlich das innere Erleben des lyrischen Ichs hervor. Die expressive Sprache zeigt sich außerdem in Adjektiven und Partizipien, die mit Bedrückung und Gewalt verbunden sind, etwa „dumpf und schwer“ (V. 4), „zerschellt“ (V. 6) und „zerschmettert“ (V. 7). Dadurch wird die Stadt als aggressiver, bedrängender und zerstörerischer Raum erfahrbar.
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Ein weiterer zentraler Aspekt ist der Verlust von Transzendenz und die Erinnerung daran. Bereits der Titel Die fremde Stadt deutet fehlende Vertrautheit und Orientierung an. Das lyrische Ich ist nicht heimisch, sondern fremd und entfremdet. Die religiösen Begriffe „ewige Seligkeit“ (V. 9), „Engelstimmen“ und „Gebetshauch“ (V. 10f.) verweisen auf einen Bereich von Religion, Erlösung und Geborgenheit. Sie stehen jedoch im Kontrast zum profanen Lärm der Stadt, der durch den „Autopfiff“ (V. 8) bezeichnet wird. Die Parenthese in den Versen 10 und 11, die durch Gedankenstriche abgegrenzt ist, sowie die Interjektionen „Oh“ erzeugen eine pathetische Paradiesdarstellung: „– Oh Engelstimmen, oh Gesang der Harfen, / Gebetshauch, Palmenduft, oh Flügelwehn! –“ (V. 10f.). Dieser paradiesische Zustand umfasst mehrere Sinne: akustisch durch „Engelstimmen“ und „Gesang der Harfen“, haptisch durch „Flügelwehn“ und olfaktorisch durch „Palmenduft“ und „Gebetshauch“ (vgl. V. 10f.). Der Neologismus „Autopfiff“ (V. 8) hebt dagegen den andauernden Lärm als Ursache für den Verlust hervor: „In diesem Autopfiff, der Nächte überdauert, / Ging mir die ewige Seligkeit verloren“ (V. 8f.).
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Die Unzugänglichkeit der Stadt wird durch das mit Gewalt assoziierte Adjektiv „verrammten“ betont: „Ich stoße mich an fest verrammten Toren“ (V. 12). Die Tore sind nicht nur geschlossen, sondern gewaltsam verschlossen. Das lyrische Ich kann nicht hinaus und nicht hinein; es bleibt in einem Zustand des Ausgeschlossenseins oder Eingeschlossenseins gefangen. Der Schlussvers „Ich bin so müd, und darf nicht schlafen gehn“ (V. 14) symbolisiert die Erschöpfung des lyrischen Ichs und seine ewige Wachsamkeit. Gleichzeitig kann dieser Vers möglicherweise auch als Todeswunsch gedeutet werden, da Schlaf im Zusammenhang mit Müdigkeit und unerreichbarer Ruhe auch eine Sehnsucht nach endgültigem Frieden andeuten kann.
Deutung unter Berücksichtigung des Epochenumbruchs um 1900
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Unter Berücksichtigung des Epochenumbruchs um 1900 lässt sich das Gedicht als Darstellung einer modernen Entfremdungserfahrung deuten. Die Ich-Dissoziation zeigt sich darin, dass das lyrische Ich sich selbst nicht mehr als geschlossenes, handlungsfähiges Subjekt erlebt, sondern als „Woge“ (V. 6), die an den „Klippen“ der Stadt zerschellt und von der „Flut“ weitergetragen wird (vgl. V. 6f.). Diese Entfremdung steht im Zusammenhang mit den angsteinflößenden und destruktiven Lebensbedingungen in der Großstadt.
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Zugleich zeigt das Gedicht den Verlust der Nähe zur Natur und den Verlust von Transzendenz durch die Reizüberflutung der Stadt. Der Himmel wird nicht als Naturraum wahrgenommen, sondern als aus „Zement“ gemauert (V. 1) und künstlich übermalt (vgl. V. 2f.). Die moderne Stadt überlagert also die Natur. Auch die religiöse Geborgenheit geht im „Autopfiff“ (V. 8) verloren. Damit wird der moderne urbane Raum als Ort dargestellt, der Natur, Ruhe und Transzendenz verdrängt.
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Darüber hinaus wird die Anonymität in der Masse beziehungsweise das Verhältnis von Individuum und Masse sichtbar. Das lyrische Ich verliert seine Selbstständigkeit und wird durch die Stadtbewegung mitgerissen. In der Formulierung „ich Woge“ (V. 6) wird es selbst zu einem Teil der übermächtigen Bewegung, während die „Flut“ (V. 7) es weiterträgt. Das Individuum erscheint somit bedroht von einer anonymen, massenhaften Dynamik.
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Das Gedicht enthält außerdem eine zeitpessimistische Perspektive, die durch die Kontrastierung von Verlust und Erinnerung an Positives entsteht. Die Erinnerung an „Engelstimmen“, „Gesang der Harfen“, „Gebetshauch“, „Palmenduft“ und „Flügelwehn“ (V. 10f.) steht dem gegenwärtigen Lärm und Schrecken der Stadt gegenüber. Dadurch wird nicht nur ein gegenwärtiger Zustand der Bedrohung beschrieben, sondern auch der Verlust eines positiven, paradiesischen oder geborgenen Zustands beklagt.
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Das lyrische Ich äußert zudem eine unerfüllbare Sehnsucht nach innerem Frieden oder möglicherweise nach dem Tod. Der Schlussvers „Ich bin so müd, und darf nicht schlafen gehn“ (V. 14) macht deutlich, dass es nach Ruhe verlangt, diese aber nicht erreichen kann. Schlaf wird zum Symbol eines unerreichbaren Friedens, der in der Stadt verwehrt bleibt.
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Schließlich werden die subjektiven, intensiven Empfindungen des lyrischen Ichs durch expressive Sprache und Metaphorik hervorgehoben. Die Verdinglichung des Ichs, die Neologismen wie „Autopfiff“, „todumschauert“ und „Schreckenslarven“ sowie die Gewaltmetaphorik mit Begriffen wie „zerschellt“ und „zerschmettert“ sind als Zeichen des Expressionismus zu deuten. Das Gedicht entspricht damit zentralen Merkmalen des Epochenumbruchs um 1900: Großstadterfahrung, Entfremdung, Reizüberflutung, Verlust von Transzendenz, subjektive Intensität und expressive sprachliche Gestaltung.
Aufgabe 2
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Unterschiedliche Perspektiven auf das Stadtmotiv und Epochenzuordnung: Die Gedichte Anblick von Florenz von Ludwig Tieck und Die fremde Stadt von Maria Luise Weissmann entfalten sehr unterschiedliche Perspektiven auf das Motiv der Stadt und deren Wirkung auf das Individuum. Diese Unterschiede lassen sich vor dem Hintergrund der jeweiligen Epochenzuordnung erklären. Tiecks Gedicht steht in romantischer Tradition. Es richtet den Fokus vor allem auf die Natur und zeigt das Individuum in einem harmonischen Einklang mit seiner Umgebung. Florenz erscheint als Ort der Erhabenheit.
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Weissmanns Gedicht hingegen zeigt ein modernes, bedrohliches Bild der Stadt. Die Stadt wird nicht als harmonischer Erfahrungsraum, sondern als Ort der Entfremdung des Individuums dargestellt.
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Verhältnis zwischen Natur und Stadt: Ein zentraler Unterschied liegt im Verhältnis zwischen Natur und Stadt. Bei Tieck verschmelzen Stadt und Natur harmonisch miteinander. Die Stadt erscheint im Licht der Natur und wird dadurch aufgewertet: „Die herrliche Stadt / Im Glanz der scheidenden Sonne“ (V. 5f.). Auch der Strom und das Licht wirken lebendig und freundlich, wenn es heißt: „Und hüpfende Lichter / Lachen auf dem Strom“ (V. 14f.). Die Natur erscheint als Akteur und als Quelle sinnerfüllender Lebendigkeit.
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Bei Weissmann dagegen wird der Zugang zur Natur durch die Stadt verwehrt. Der Himmel, der eigentlich für Natur und Weite stehen könnte, ist „aus viel Zement gemauert“ (V. 1). Die Stadt versperrt also den natürlichen Raum. Zugleich wird Naturmetaphorik bei Weissmann nicht harmonisch, sondern zur Darstellung der Zerstörungskraft der Stadt verwendet: „Klippen, – ich Woge, jählings dran zerschellt“ (V. 6). Naturbilder dienen hier nicht der Erhebung, sondern der Darstellung von Gefahr, Überwältigung und Zerstörung.
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Position des lyrischen Ichs: Auch die Position des lyrischen Ichs unterscheidet sich deutlich. Bei Tieck befindet sich das lyrische Ich in romantischer Tradition an einem freien, erhöhten Standpunkt. Nach einer Wanderung blickt es von oben auf Stadt und Landschaft: „Endlich den letzten Hügel hinauf, / Und unter mir / […] / Die herrliche Stadt“ (V. 1–5). Diese Perspektive vermittelt Freiheit, Überblick und Erhebung.
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Bei Weissmann ist die Position des lyrischen Ichs dagegen durch Begrenzung geprägt. Der „gemauerte“ Himmel (vgl. V. 1) symbolisiert Gefangensein. Auch die Formulierung „Ich stoße mich an fest verrammten Toren“ (V. 12) zeigt, dass das lyrische Ich nicht frei über der Stadt steht, sondern innerhalb eines bedrückenden Raums eingeschlossen oder ausgeschlossen ist.
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Innen- und Außenperspektive: Damit verbunden ist der Unterschied zwischen Außen- und Innenperspektive. Tiecks Gedicht zeigt eine Außenperspektive auf die Stadt aus einer gewissen Distanz. Das lyrische Ich steht inmitten lebendiger Natur und betrachtet von dort aus das Tal und Florenz: „Und unter mir / Das weite, blühende Tal, / […] / Die herrliche Stadt“ (V. 2–5). Die Distanz ermöglicht einen bewundernden, ruhigen und erhebenden Blick.
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Weissmanns Gedicht dagegen zeigt das lyrische Ich innerhalb der erdrückenden Stadtatmosphäre. Es ist dem städtischen Lärm unmittelbar ausgesetzt: „In diesem Autopfiff, der Nächte überdauert, / Ging mir die ewige Seligkeit verloren“ (V. 8f.). Die Stadt wird also nicht aus Abstand betrachtet, sondern als bedrängende Umgebung erlebt, die direkt auf das Innere des Ichs einwirkt.
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Subjektive Charakterisierung der Stadt: Die subjektive Charakterisierung der Stadt fällt ebenfalls gegensätzlich aus. Bei Tieck herrschen Erhabenheit und Weite vor. Florenz erscheint im Glanz der Natur, in Schönheit und Ausdehnung: „Das Abendrot erglänzt / […] / Und hundert Villen / Erglänzen fern und ferner“ (V. 7–12). Die Stadt ist Teil eines weiten, leuchtenden und ästhetisch erfüllten Gesamtbildes.
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Bei Weissmann dagegen dominiert die angsteinflößende Übermacht der Stadt. Das lyrische Ich sagt: „Ich starre rings in tausend Schreckenslarven, / Ich bin so müd, und darf nicht schlafen gehn“ (V. 13f.). Die Stadt wird dadurch als Ort des Schreckens, der Erschöpfung und der permanenten Bedrohung charakterisiert.
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Beziehung zwischen Stadt und lyrischem Ich: Auch die Beziehung zwischen Stadt und lyrischem Ich unterscheidet sich. Bei Tieck entsteht eine Wechselwirkung zwischen der sehnsüchtigen Erwartung des lyrischen Ichs und der einladenden Wirkung der Stadt. Schon der Beginn „Endlich den letzten Hügel hinauf“ (V. 1) deutet auf eine erwartungsvolle Bewegung hin. Am Ende heißt es: „Und in schweigender Rührung / Empfängt uns die dunkelnde Stadt“ (V. 19f.). Die Stadt wirkt also aufnehmend und einladend.
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Bei Weissmann dagegen wirkt die Stadt intensiv und bedrohlich auf das lyrische Ich ein. Diese Wirkung wird durch Identitätsverlust symbolisiert: „Bis mich die Flut zerschmettert weiterwellt“ (V. 7). Das Ich wird von der Stadt nicht empfangen, sondern überwältigt, zerschlagen und fortgerissen.
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Transzendenzerfahrung und Transzendenzverlust: Ein weiterer wichtiger Vergleichspunkt ist die Transzendenzerfahrung beziehungsweise der Transzendenzverlust. Bei Tieck wird Transzendenz unmittelbar erfahrbar. Die Dämmerung erscheint als Schwellenmotiv zwischen Welt und höherem Bereich: „Süße Dämmrung / Tritt aus dem Äther / Die Welt umfassend“ (V. 16ff.). Die emotionale Erfahrung des idealisierten Ortes wird dadurch mit einer höheren, beinahe religiösen oder metaphysischen Dimension verbunden.
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Bei Weissmann dagegen wird gerade der Verlust der Transzendenz thematisiert. Das lyrische Ich spricht davon, dass ihm die „ewige Seligkeit“ (V. 9) verloren gegangen sei. Der Zugang zu Transzendenz wird verwehrt. Frieden und Geborgenheit existieren nur noch in Erinnerung oder als Sehnsucht, etwa in der klagenden Erinnerung: „Oh Engelstimmen, oh Gesang der Harfen“ (V. 10).
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Sinneserfahrungen und Atmosphäre: Auch die Sinneserfahrungen des lyrischen Ichs dienen in beiden Gedichten der Hervorhebung der Atmosphäre, unterscheiden sich jedoch stark. Bei Tieck entsteht eine lebendige, visuell ansprechende Naturatmosphäre, die mit einer friedlichen Wirkung der Stadt verbunden ist. Dies zeigen Formulierungen wie „vielfachen Purpur“ (V. 8), „hüpfende Lichter / Lachen“ (V. 14f.) und „in schweigender Rührung / Empfängt uns die […] Stadt“ (V. 19f.). Die Sinneseindrücke wirken harmonisch, schön und beruhigend.
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Bei Weissmann dagegen wird die schmerzhafte und sich aufdrängende Stadtatmosphäre betont. Die Farbe des Himmels ist „grell mit Tünche übermalt“ (V. 2), und der „Autopfiff“ (V. 8) verweist auf belastenden, anhaltenden Lärm. Zugleich gibt es in der Paradiesvorstellung ein positives Ansprechen mehrerer Sinne: „Engelstimmen […] Gebetshauch, Palmenduft“ (V. 10f.). Diese positiven Sinneseindrücke gehören jedoch nicht zur gegenwärtigen Stadtwirklichkeit, sondern zu einer verlorenen oder ersehnten Gegenwelt.
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Lichtmetaphorik: Auch die Lichtmetaphorik unterscheidet die Gedichte deutlich. Bei Tieck wird die Stadt einzig durch den Abglanz eines natürlichen Lichtspiels erleuchtet, das im Fokus steht. Die Gebäude „Brennen im Strahl“ (V. 9f.), und am Ende erscheint die „dunkelnde Stadt“ (V. 20). Das Licht stammt aus der Natur, insbesondere aus Abendrot, Sonne und Dämmerung, und verleiht der Stadt Schönheit.
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Bei Weissmann dagegen erscheint die Farbe als artifizielle, die Natur überstrahlende Lichtquelle der Stadt. Der Himmel ist „aus viel Zement gemauert“ und „grell mit Tünche übermalt / Von jenem Blau, das Litfaßsäule strahlt“ (V. 1ff.). Die Lichtwirkung ist also nicht natürlich, sondern künstlich, grell und städtisch-reklamehaft.
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Individuum und Gemeinschaft: Das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft wird ebenfalls unterschiedlich gestaltet. Bei Tieck erweitert sich die subjektive Erfahrung des Anblicks von Florenz zur gemeinschaftlichen Erfahrung. Zunächst heißt es aus der Perspektive des Einzelnen: „Und unter mir / Das weite, blühende Tal“ (V. 2f.). Am Ende wird daraus jedoch ein gemeinsames Erleben: „Empfängt uns die dunkelnde Stadt“ (V. 20). Das individuelle Erleben öffnet sich also zu einem gemeinschaftlichen „uns“.
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Bei Weissmann dagegen dominiert die Isolation des lyrischen Ichs in der städtischen Umgebung. Die anaphorische Betonung des Ichs zeigt dies deutlich: „Ich stoße mich an fest verrammten Toren, / Ich starre rings in tausend Schreckenslarven“ (V. 12f.). Das Ich bleibt allein, eingeschlossen und den Schrecken der Stadt ausgesetzt.
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Verhältnis zwischen Inhalt und Form: Schließlich unterscheidet sich auch das Verhältnis zwischen Inhalt und Form. Bei Tieck wird der erhebende Anblick der Stadt im Abendrot vom Hügel aus in freier Reim- und Versform gestaltet. Die vielen Enjambements unterstützen den fließenden Eindruck der Wahrnehmung und der landschaftlichen Weite.
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Bei Weissmann dagegen wird die bedrückende Atmosphäre der Stadt in einer traditionellen Sonettform dargestellt. Gerade diese strenge Form steht im Kontrast zur dargestellten existenziellen Bedrohung, Reizüberflutung und inneren Erschöpfung des lyrischen Ichs.
Schluss
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Insgesamt zeigt der Vergleich, dass Tieck und Weissmann zwei gegensätzliche Stadtperspektiven entwerfen. In Tiecks romantischem Gedicht erscheint Florenz als harmonisch in Natur und Licht eingebundener Ort, der Erhabenheit, Transzendenz und Gemeinschaft ermöglicht.
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In Weissmanns expressionistisch geprägtem Gedicht dagegen wird die moderne Stadt als fremder, künstlicher, bedrohlicher und destruktiver Raum dargestellt, in dem das lyrische Ich Natur, Geborgenheit, Transzendenz und innere Ruhe verliert.