Vorschlag B
Thema
Mensch und Arbeit
Dieser Vorschlag bezieht sich auf Georg Büchner: Woyzeck.
Aufgabenstellung
Interpretiere den Auszug aus dem Drama Masse Mensch von Ernst Toller, auch unter Berücksichtigung deiner Kenntnisse zum Epochenumbruch um 1900. (Material)
Setze den Auszug aus Masse Mensch (Material) in Beziehung zu Georg Büchners Dramenfragment Woyzeck unter Berücksichtigung von inhaltlich-
thematischen sowie sprachlich-formalen Aspekten.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Masse Mensch. Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts (1919 verfasst, 1920 uraufgeführt)
Ernst Toller
In Tollers Revolutionsdrama Masse Mensch feiern nach dem Ersten Weltkrieg Börsianer und die
Bankiers als Profiteure des Krieges, während das Volk hungert. Eine junge Frau und ein Namenloser
versuchen die Arbeiterschaft zu mobilisieren, um sich gegen dieses Ungleichgewicht aufzulehnen. Der
vorliegende Auszug entstammt dem dritten Bild, in welchem eine Zusammenkunft unterschiedlicher
Arbeiterinnen und Arbeiter geschildert wird.
Drittes Bild
1 Von Marterkolben saugender Maschinen – hier im Sinne von: durch Arbeit mit Maschinen (Kolben, Maschinen) verur-
sachte Qual, der man nicht entkommen kann (Folter)
2 quillt – hervortreten, herausdringen
3 feile Dirnen – käufliche Frauen
4 Scholle – Heimatboden
5 Schweinekober – Schweinestall
6 Moloch – Ausdruck aus der Bibel für eine grausame, Opfer fordernde Macht
7 grüner Hunger – Ausdruck für Nahrungsmittelknappheit, die nicht zeitnah beseitigt werden kann und durch die daher Men-
schen sterben
8 speien Bacchanalien – feiern ausgelassen
9 Hie – hier
Ernst Toller: Masse Mensch, Stuttgart 2010, S. 25–30.
Hinweise
Ernst Toller (1893–1939): deutscher Schriftsteller und Politiker
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Aufgabe 1
Einleitung
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In dem Auszug aus Ernst Tollers Drama Masse Mensch, das 1919 verfasst und 1920 uraufgeführt wurde, wird der Konflikt zwischen gewaltsamer Revolution und Streik als gewaltlosem Widerstand im Kontext sozialer Ungerechtigkeit und der Ausbeutung der Arbeiterklasse thematisiert.
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Der Text zeigt eine politisch aufgeladene Versammlung der Arbeiterschaft, in der verschiedene Gruppen und Einzelpersonen unterschiedliche Antworten auf Unterdrückung, Armut und kapitalistische Ausbeutung formulieren.
Aufbau und Inhalt
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Die Ausgangssituation des Auszugs ist eine Versammlung der Arbeiterschaft in einem großen Saal. Anwesend sind unterschiedliche Gruppen von Arbeiterinnen und Arbeitern, darunter Fabrikarbeiterinnen, Fabrikarbeiter und Landarbeiter. Außerdem treten der Namenlose und die Frau auf. Die Frau sitzt zunächst links auf der Tribüne an einem langen Tisch, während die Arbeiterinnen und Arbeiter im Saal dicht gedrängt versammelt sind. Damit wird schon zu Beginn eine räumliche Ordnung sichtbar, die zwischen Masse und Einzelpersonen unterscheidet.
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Zu Beginn führen die Massenchöre aus der Ferne in die gesellschaftliche Situation der Arbeiter ein. Sie formulieren eine Anklage gegen die bestehenden Verhältnisse und reflektieren die gesellschaftliche Realität, die Emotionen der Arbeiterschaft sowie die Frage nach möglicher Erlösung. Die Arbeiter erscheinen „ewig eingekeilt / In Schluchten steiler Häuser“ (V. 3f.), „preisgegeben / Der Mechanik höhnischer Systeme“ (V. 5f.) und „antlitzlos in Nacht der Tränen“ (V. 7). Ihre Fragen „Wann werden Liebe wir leben? / Wann werden Werk wir wirken? / Wann wird Erlösung uns?“ (V. 10–12) verdeutlichen den Wunsch nach menschenwürdigem Leben, selbstbestimmter Arbeit und Befreiung.
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Die Szene wird anschließend durch ein Wechselgespräch zwischen den Arbeitergruppen als Kollektiven einerseits und der Frau sowie dem Namenlosen als Einzelpersonen andererseits strukturiert. Zunächst ruft die Gruppe junger Arbeiterinnen zum Aufstand auf und klagt über leidvolle Arbeitsbedingungen in den Fabriken. Sie fordert, „In die Maschinen Dynamit“ zu legen (V. 22), und kündigt an: „Und morgen fetzen die Fabriken in die Luft“ (V. 23). Die Maschinen erscheinen als Ursache körperlicher und seelischer Zerstörung, denn sie „pressen uns wie Vieh in Schlachthaus“ (V. 24), „klemmen uns in Schraubstock“ (V. 25) und „hämmern unsre Leiber Tag für Tag“ (V. 26). Der Schlussappell „Nieder die Fabriken, nieder die Maschinen!“ (V. 31) wird von einzelnen Rufen im Saal als Echo aufgenommen (vgl. V. 32f.).
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Darauf folgt die Gegenrede der Frau. Sie solidarisiert sich zunächst mit der Masse, indem sie deren Idee der Zerstörung aufgreift und erklärt, sie selbst habe einst „verzweifelt“ jenen Ruf geschrien (vgl. V. 36–38). Zugleich entwickelt sie daraus eine reflektierte Gegenposition. Ihre Erkenntnis lautet: „Fabrik ist nicht mehr zu zerstören“ (V. 43). Sie fordert deshalb nicht die Vernichtung der Fabriken, sondern eine gewaltlose Umkehrung der Verhältnisse: „Fabriken dürfen nicht mehr Herr, / Und Menschen Mittel sein. / Fabrik sei Diener würdigen Lebens! / Seele des Menschen bezwinge Fabrik!“ (V. 48–51).
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Anschließend prangert die Gruppe junger Arbeiter gesellschaftliche Ungerechtigkeit an und drängt auf Aktion. Sie beklagt, dass die Worte in „Wut und Rache“ zerrissen werden (vgl. V. 54), dass „die Herren“ sich Paläste bauen, während „Brüder in den Schützengräben faulen“ (V. 55f.), und dass den Arbeitern Wissen, Jugend und Seele genommen worden seien (vgl. V. 59–65). Daraus entsteht der drängende Appell: „Wer sind wir heute? / Wir wollen nicht warten!“ (V. 68f.).
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Die Dynamik wird durch eine Gruppe von Landarbeitern weiter gesteigert. Sie schildern, dass sie von ihrer „Mutter Erde“ verstoßen seien (V. 71), während reiche Herren Erde „wie feile Dirnen“ kaufen (V. 72). Sie fühlen sich von der „Scholle“ entwurzelt (V. 75), durch freudlose Städte geschwächt (vgl. V. 76) und fordern Teilhabe: „Wir wollen Erde! / Allen die Erde!“ (V. 77f.). Diese Forderung wird durch die ganze Masse im Saal bestätigt: „Allen die Erde!“ (V. 80).
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Die Frau hält daraufhin eine weitere Gegenrede. Erneut solidarisiert sie sich mit der Masse, diesmal durch eine beispielhafte Erzählung über das Elend der Menschen. Sie berichtet von Quartieren, Schindeldächern, grauem Regen, feuchten Stubenwänden, Pilzen und einem Invaliden, der in einer Kammer lebt und sagt: „Hier leben wir im Schweinkober“ (V. 87). Daraus entwickelt sie ein positives Gemeinschaftsgefühl als Grundlage ihrer Argumentation für den gewaltlosen Streik: „Der Streik! kein Handschlag mehr. / Streik unsre Tat!“ (V. 94f.). Sie ruft dazu auf, die Ketten gewaltlos zu sprengen (vgl. V. 96f.) und erklärt wiederholt: „Ich rufe Streik!“ (V. 100, V. 102, V. 136).
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Die Masse greift diesen Appell auf und bekräftigt die Forderung: „Wir rufen Streik! / Wir rufen / Streik!“ (V. 138–140). Danach tritt der Namenlose aus der Masse hervor und stellt sich rechts an den Tisch auf der Tribüne (vgl. V. 141). Er wird zum Kontrahenten der Frau. Seine Gegenrede spiegelt zunächst Redeteile der Frau, um ihre Position zu kontrastieren, radikalisiert sie jedoch. Er erklärt, ein Streik sei nur ein „Brückensteg, dem Pfosten fehlen“ (V. 145), und betont: „Wir brauchen mehr als Streik“ (V. 146). Für ihn genügt ein bloßer Frieden nicht, denn „Auch Friede, den ihr schafft, / Läßt euer Los unangetastet“ (V. 155f.). Deshalb ruft er nicht zum Streik, sondern zur Revolution auf: „Ich rufe: Krieg! / Ich rufe: Revolution!“ (V. 180f.). Am Ende steigert er seine Forderung zur offenen Gewalt: „Macht gegen Macht! / Gewalt ... Gewalt!“ (V. 184f.).
Figurengestaltung: kollektive Stimmen
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Die kollektiven Stimmen setzen bereits zu Beginn das zentrale Thema des Auszugs. Die Massenchöre aus der Ferne formulieren den Wunsch nach menschenwürdigem, selbstbestimmtem Leben und Freiheit. Dies zeigt sich in den Fragen nach „Liebe“, „Werk“ und „Erlösung“ (vgl. V. 10–12). Die Masse erscheint dabei als gemeinschaftliche Stimme der Unterdrückten, die nicht nur soziale Not benennt, sondern auch nach einem Ausweg sucht.
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Zugleich fungiert die Masse als Echoraum. Sie gibt Befindlichkeiten, Appelle und Forderungen entindividualisiert und gemeinschaftlich wieder. Dies zeigt sich etwa in der Wiederholung des Appells „Nieder die Fabriken, nieder die Maschinen!“ (V. 31, V. 33) und später in der Bekräftigung des Streikaufrufs (vgl. V. 138–140). Die Masse ist dabei nicht statisch, sondern radikalisiert sich, etwa wenn die Gruppe junger Arbeiter erklärt: „Sie, unsre Worte zerstriemen sich in Wut und Rache“ (V. 54).
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Gleichzeitig scheint die Masse beeinfluss- und steuerbar zu sein. Sie hört auf die Frau, erwidert ihre Ausrufe und übernimmt zeitweise ihre Forderung nach Streik. Ebenso tritt der Namenlose aus ihr hervor und versucht, sie in eine andere Richtung zu lenken. Die Masse ist daher nicht nur handelndes Kollektiv, sondern auch politisch umkämpfter Resonanzraum.
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Die spezifischen Gruppen der jungen Arbeiterinnen, jungen Arbeiter und Landarbeiter formulieren jeweils Kritik an sozialer Ungerechtigkeit und klagen über leidvolle Lebens- und Arbeitsbedingungen. Die jungen Arbeiterinnen richten ihren Blick auf die Fabriken und Maschinen, die jungen Arbeiter auf Armut, Krieg, fehlendes Wissen und zerstörte Jugend, die Landarbeiter auf den Verlust der Erde und die Entwurzelung durch Städte und Rüstungsfabriken.
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In der Solidarisierung der Gruppen zeigt sich ein gemeinschaftlicher Appell zum Widerstand. Forderungen werden wieder aufgegriffen, etwa „Allen die Erde!“ (V. 78, V. 80). Zugleich demonstrieren die Gruppen Kampfbereitschaft. Das zeigt sich in Sätzen wie „Wir wollen nicht warten!“ (V. 69) oder „Und morgen fetzen die Fabriken in die Luft“ (V. 23). Damit wird deutlich, dass die Masse einerseits unterdrückt und leidend ist, andererseits aber zunehmend zur Aktion drängt.
Figurengestaltung: die Frau
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Die Frau ist die Protagonistin des Auszugs und tritt als Fürsprecherin der Arbeitnehmer auf. Ihr Ziel ist eine Umkehrung der Machtverhältnisse. Sie formuliert dies ausdrücklich, wenn sie fordert: „Fabriken dürfen nicht mehr Herr, / Und Menschen Mittel sein“ (V. 48f.). Damit kritisiert sie ein System, in dem Menschen den Produktionsverhältnissen untergeordnet werden. Gleichzeitig vertritt sie ein pazifistisches Prinzip des Protests. Ihr Aufruf lautet: „Wir Schwachen werden Felsen sein der Stärke, / Gewaltlos werden wir die Ketten sprengen“ (V. 96f.).
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Die Frau identifiziert sich mit der Masse und solidarisiert sich mit ihr. Sie beschreibt, dass sie selbst einst blind und von den Maschinen angefallen gewesen sei (vgl. V. 36f.) und verzweifelt denselben Ruf nach Zerstörung geschrien habe (vgl. V. 38). Sie versucht, durch Empathie Einfluss auf die Masse zu nehmen, etwa durch die Schilderung ihres Mitgefühls mit den Armen und Ausgebeuteten. Zugleich zeigt sie eine reflektierte Haltung: Aus ihrer anfänglichen Verzweiflung entwickelt sich Erkenntnis. Dies wird deutlich in der Entwicklung von „Einst Blinde noch [...] / [...] / Verzweifelt schrie ich jenen Ruf“ (V. 36–38) hin zu „Erkenntnis ist: / Fabrik ist nicht mehr zu zerstören“ (V. 42f.).
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Die Frau erscheint außerdem als Realistin. Sie erkennt, dass die Fabriken nicht einfach zerstört werden können, weil sie integraler Bestandteil der Gesellschaft geworden sind. Ihre Forderung lautet daher nicht Vernichtung, sondern Veränderung im Dienst der Menschen: „Fabriken dürfen nicht mehr Herr, / Und Menschen Mittel sein. / Fabrik sei Diener würdigen Lebens! / Seele des Menschen bezwinge Fabrik!“ (V. 48–51). Damit verbindet sie soziale Kritik mit einem humanistischen und gewaltlosen Ideal.
Figurengestaltung: der Namenlose
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Der Namenlose ist ursprünglich Teil der Masse, aus der er hervoreilt (vgl. V. 141). Seine Bezeichnung als „Der Namenlose“ anonymisiert ihn und verweigert ihm eine individuelle Persönlichkeit. Er steht weniger für ein psychologisch ausgearbeitetes Individuum als für eine politische Position innerhalb der Arbeiterbewegung.
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Im weiteren Verlauf wird der Namenlose zum Agitator und Gegenspieler der Frau. Er argumentiert nicht für den Streik, sondern für einen radikalen Umsturz. Den Streik bezeichnet er als unzureichend: „Streik ist heute Brückensteg, dem Pfosten fehlen“ (V. 145), und folgert: „Wir brauchen mehr als Streik“ (V. 146). Er stellt den Frieden selbst infrage, weil dieser das Los der Arbeiter nicht grundlegend ändere: „Was nützts, wenn ihr den Krieg beendet? / Auch Friede, den ihr schafft, / Läßt euer Los unangetastet“ (V. 154–156). Daraus leitet er seinen radikalen Appell ab: „Ich rufe: Krieg! / Ich rufe: Revolution!“ (V. 180f.).
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Der Namenlose übt direkte Kritik am Vorgehen der Frau. Er verwirft ihre gewaltlose Strategie, weil „der Feind dort oben“ auf schöne Reden nicht höre (vgl. V. 182f.). Seine Konsequenz lautet: „Macht gegen Macht!“ (V. 184). Damit setzt er der pazifistischen Haltung der Frau ein Konzept von Klassenkampf und gewaltsamer Revolution entgegen.
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Zugleich propagiert der Namenlose die Herrschaft des Proletariats durch Überwindung des Kapitalismus als System der Ausbeutung. Er fordert: „Den Arbeitern gehören die Fabriken / Und nicht Monsieur Kapital“ (V. 165f.). Diese Forderung wird in den politischen Ruf überführt: „Den Arbeitern die Macht! / Alle für Alle!“ (V. 177f.). Sein Ziel ist also nicht bloß bessere Arbeitsbedingungen, sondern ein revolutionärer Systemwechsel.
Dramaturgische Gestaltung
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Die Figurenkonstellation ist durch den Gegensatz von Kollektiven und Einzelpersonen bestimmt. Auf der einen Seite stehen die Gruppen der Arbeiterinnen und Arbeiter sowie die Massenchöre als Repräsentanten der unterdrückten Masse. Auf der anderen Seite stehen die Frau und der Namenlose als Einzelpersonen, die kontrastierende politische Strömungen vertreten: Die Frau ruft zum gewaltlosen Streik auf, der Namenlose zur gewaltvollen Revolution.
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Der dramatische Aufbau entsteht weniger durch äußere Handlung als durch den Inhalt der Reden. Die Szene ist insgesamt handlungsarm, gewinnt aber durch die Redewechsel und die ideologische Zuspitzung Spannung. Die Chorpassage hat eine einleitende Funktion, da sie die Lage der Arbeiter und ihre Sehnsucht nach Erlösung formuliert. Danach folgt eine Zuspitzung in der Wechselrede zwischen Kollektiven und Frau. Der Wendepunkt entsteht, als der Namenlose auftritt und die Frau durch seine Gegenrede konfrontiert.
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Auch Ort und Bühnengestaltung tragen wesentlich zur Wirkung bei. Die dunkle Bühne und die „wie aus der Ferne“ klingenden Massenchöre (vgl. V. 1f.) leiten auf eine Atmosphäre hin, die von Wut, Verzweiflung und vager Hoffnung auf Veränderung geprägt ist. Erst danach „erhellt“ sich die Bühne (V. 13), und ein großer Saal wird sichtbar. Die Arbeiterinnen und Arbeiter sitzen dicht gedrängt (vgl. V. 15f.), wodurch ihr Kollektivsein betont wird. Der Saal wirkt groß und voll, während die Frau durch ihren Platz am langen Tisch auf der Tribüne außerhalb beziehungsweise oberhalb der Gruppen individualisiert wird.
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Die Gegensätze werden zudem symbolisch räumlich sichtbar. Die Frau sitzt links am Tisch, der Namenlose stellt sich später rechts an den Tisch (vgl. V. 141). Dadurch erobert er den gegenüberliegenden Platz der Frau und macht seine Gegenposition räumlich sichtbar. Die Szene spielt mit Kontrasten: Kollektive im Saal unten stehen Einzelpersonen auf der Tribüne oben gegenüber; die thematische Einleitung erfolgt bei dunkler Bühne, die konkrete Wechselrede bei erhellter Bühne; die Frau links am Tisch steht dem Namenlosen rechts am Tisch gegenüber.
Sprachlich-formale Gestaltung
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Die Reden sind allgemein von bildgewaltiger, pathetischer Sprache geprägt. Dies zeigt sich etwa in der Metaphorik: „Und Schlacht speit neue Schlacht!“ (V. 18) oder „In euren Stuben stiert die Not, / Stiert Seuche, Wahnsinn, Hunger, grüner Hunger“ (V. 107f.). Auch der Neologismus „zerstriemen“ in „unsre Worte zerstriemen sich in Wut und Rache“ (V. 54) steigert die Expressivität. Verdinglichungen finden sich etwa in „In Schulen unsere Seelen zerbrochen“ (V. 65) oder „Und schamhaft Lächeln fiel aus seinen Augen“ (V. 89). Die fragmentarische Syntax zeigt sich in Formulierungen wie „Einfache Not ists, die wir rufen ... / Riecht wohl – diese Not gebeizter Dämpfe!“ (V. 66f.) oder „Schrauben ... drei Millimeter ... Schrauben ... fünf Millimeter“ (V. 28).
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Die Sprache erzeugt eine aufgewühlte Atmosphäre. Dazu tragen freie Verse und prosanahe Passagen bei. Teilweise finden sich ungrammatische, elliptische Formulierungen und Enjambements, etwa „Wir ewig eingekeilt / In Schluchten steiler Häuser“ (V. 3f.) oder „Der Streik! kein Handschlag mehr“ (V. 94). Gehäufte Inversionen wie „Und Sehnsucht ist in uns nach Wissen ...“ (V. 59) oder „Einfache Not ists, die wir rufen ...“ (V. 66) verstärken die künstlich expressive Redeweise. Hinzu kommen gehäufte Ausrufe, etwa „Nieder die Fabriken, nieder die Maschinen!“ (V. 31) oder „Alle für Alle!“ (V. 178).
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Wut und Verzweiflung über die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen werden durch Anaphern und Parallelismen verdeutlicht. Die Massenchöre wiederholen „Wir“ am Anfang mehrerer Aussagen: „Wir ewig eingekeilt [...] / Wir preisgegeben [...] / Wir antlitzlos in Nacht der Tränen. / Wir ewig losgelöst von Müttern“ (V. 3–8). Auch die jungen Arbeiter verwenden Parallelismen: „In Schulen haben unsre Jugend sie zerstört, / In Schulen unsere Seelen zerbrochen“ (V. 64f.). Dadurch wird die kollektive Erfahrung sprachlich rhythmisiert und verstärkt.
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Zudem arbeitet der Text mit Kontrasten und Antithesen. Besonders deutlich wird dies, wenn die jungen Arbeiter sagen: „Die Herren bauen sich Paläste, / Da Brüder in den Schützengräben faulen“ (V. 55f.). Auch der Namenlose entlarvt patriotische Kriegsrhetorik als kapitalistische Lüge: „Papierne Lügenmäuler kreischen ließ: / ,Fürs Vaterland! Fürs Vaterland!‘ / Doch immer mitschwang wahre Melodie: / ,Für mich! Für mich!‘“ (V. 170–173). Diese Gegenüberstellungen verdeutlichen soziale Ungleichheit und ideologische Täuschung.
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Die Personifikationen verstärken die Darstellung zerstörerischer Verhältnisse. So heißt es: „Die freudlosen Städte zerbrechen unsre Kraft“ (V. 76), und in den Stuben „stiert die Not, / Stiert Seuche, Wahnsinn, Hunger, grüner Hunger“ (V. 107f.). Auch Symbole strukturieren die Kritik: Die „gnadenreiche Mutter Erde“ (V. 73) steht für Ursprünglichkeit und Wohlergehen, während die „Rüstungsfabriken“ (V. 74) mechanisierte und entmenschlichte Unterdrückung symbolisieren.
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Der Veränderungswille und die Radikalisierung der Arbeiter werden durch appellative und rhetorische Fragen sowie Ausrufe hervorgehoben. Die Massenchöre fragen: „Wann werden Liebe wir leben? / Wann werden Werk wir wirken? / Wann wird Erlösung uns?“ (V. 10–12). Später fragen die jungen Arbeiter: „Wer sind wir heute?“ (V. 68), worauf die Antwort folgt: „Wir wollen nicht warten!“ (V. 69). Die Landarbeiter formulieren ihre Forderung in Ausrufen: „Wir wollen Erde! / Allen die Erde!“ (V. 77f.).
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Die unterschiedlichen Positionen der Figuren werden auch sprachlich kontrastiert. Die Frau spricht empathisch-argumentativ und teilweise poetisch anmutend, etwa wenn sie berichtet: „Durch die Quartiere ging ich. / Von Schindeldächern tropfte grauer Regen“ (V. 82f.). Die Arbeiterinnen und Arbeiter sprechen dagegen aggressiver und härter, etwa: „Und morgen fetzen die Fabriken in die Luft“ (V. 23). Dadurch unterscheiden sich pazifistisch-reflektierte Rede und revolutionär-aggressive Rede deutlich.
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Auch religiöse Symbolik und biblische Bezüge prägen den Auszug. Die Massenchöre fragen nach „Erlösung“ (V. 12). Die Frau kritisiert gesellschaftliche Ungerechtigkeit und Verkommenheit im Kapitalismus mit Bildern wie „Wollüstig Prickeln tanzt Geschehen / Um goldene Altäre“ (V. 112f.). Der Namenlose wiederum verwendet ein apokalyptisches Bild, wenn er die Notwendigkeit der Zerstörung des Systems formuliert: „Dann mag die Sintflut / Das verweste Haus, durch goldne Ketten / Vor Verfall bewahrt, fortschwemmen“ (V. 161–163). Damit wird seine revolutionäre Position biblisch-apokalyptisch aufgeladen.
Deutung im Kontext des Epochenumbruchs um 1900
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Der Auszug hebt ein gesamtgesellschaftliches Bedürfnis nach Veränderung am Beginn des 20. Jahrhunderts hervor. Die Arbeiterinnen und Arbeiter klagen nicht nur individuelles Leid an, sondern formulieren eine umfassende Kritik an den sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnissen.
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Zugleich zeigt der Text die Nachkriegsrealität nach dem Ersten Weltkrieg. Armut, Entindividualisierung und Ohnmacht der Arbeiterschaft erscheinen als Nährboden revolutionärer Ideen. Die Erinnerung an die Brüder, die „in den Schützengräben faulen“ (V. 56), sowie die Kritik an Rüstungsfabriken und Kanonenrohren (vgl. V. 74, V. 122) verknüpfen soziale Not mit Kriegserfahrung.
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Der Text formuliert eine deutliche Kritik an gesellschaftlicher und ökonomischer Ungleichheit. Reiche Herren, Paläste, Börsen, Kapital und Fabrikherrschaft stehen der Not der Arbeiter, Invaliden, Hungernden und Entwurzelten gegenüber. Damit wird die Klassengesellschaft als ungerecht und menschenfeindlich dargestellt.
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Zugleich baut der Auszug ein Spannungsfeld zwischen Untergang und Erneuerung auf. Dieses Spannungsfeld wird durch zentrale Polarisierungen vermittelt: Gewalt steht gegen Gewaltlosigkeit, Masse gegen Individuum, Hoffnung gegen Nihilismus. Die Frau verkörpert die Hoffnung auf gewaltlose Veränderung, der Namenlose die radikale Bereitschaft zur revolutionären Zerstörung.
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Insgesamt lässt sich der Auszug als Thesendrama verstehen. Er diskutiert zentrale gesellschaftspolitische Konflikte nicht vorrangig über psychologisch vertiefte Handlung, sondern über gegensätzliche Positionen, Reden und Appelle. Das Drama macht politische Alternativen sichtbar und stellt die Frage, ob Veränderung durch gewaltlosen Streik oder durch gewaltsame Revolution erreicht werden soll.
Aufgabe 2
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Kollektiv und Vereinzelung: Ein zentraler Bezug zwischen dem Auszug aus Ernst Tollers Masse Mensch und Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“ liegt im unterschiedlichen Zugriff auf soziale Fragen. Bei Toller wird die soziale Frage im Dialog über kollektiven Aufstand verhandelt. Die Arbeiterinnen und Arbeiter treten als Masse, als Gruppen und als Chöre auf und kritisieren gemeinsam ihre Lebensbedingungen. Bei Büchner hingegen wird soziale Not durch ein Einzelschicksal veranschaulicht. Woyzeck ist umfassend isoliert und hat keine Möglichkeit zur Solidarisierung. Während bei Toller die Masse kollektiv spricht, leidet Woyzeck weitgehend vereinzelt.
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Art der Darstellung: Auch die Darstellungsweise unterscheidet sich deutlich. Bei Toller erfolgt eine direkte Systemkritik am Kapitalismus des 20. Jahrhunderts. Die Figuren formulieren theoretische Klagen über Armut und unmenschliche Lebensbedingungen und verhandeln offen Handlungsoptionen der Arbeiter, etwa Streik, Aufstand oder Revolution. Bei Büchner dagegen wird im Kontext des 19. Jahrhunderts eine implizite Systemkritik am Pauperismus entfaltet. Diese Kritik ergibt sich nicht aus programmatischen Reden, sondern aus der unmittelbaren Darstellung des Erlebens des Gesellschaftssystems durch Woyzecks individuelles und facettenreich beschriebenes Schicksal.
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Menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse: Beide Texte thematisieren menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse, jedoch auf unterschiedliche Weise. Bei Toller klagen die Figuren direkt das Ausgeliefertsein an ein ausbeuterisches System an. Die jungen Arbeiterinnen sagen: „Maschinen pressen uns wie Vieh in Schlachthaus“ (V. 24), und die jungen Arbeiter verweisen auf Brüder, die „in den Schützengräben faulen“ (V. 56). Bei Büchner erfolgt die Anklage indirekt durch Woyzecks Zwang, entwürdigende und gesundheitsgefährdende Arbeit anzunehmen, um seine Familie zu ernähren. Dazu gehören das Rasieren des Hauptmanns und die Teilnahme an den Experimenten des Doktors. Seine psychischen und physischen Gebrechen erscheinen als Folge dieser sozialen und ökonomischen Zwangslage.
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Gesellschaftliche Schichten: Beide Werke zeigen und kontrastieren gesellschaftliche Schichten. Bei Toller gehören die Kollektive, der Namenlose und die Frau zur Arbeiterklasse. Sie klagen eine nicht anwesende Kapitalistenklasse an, etwa wenn gesagt wird: „Die reichen Herren kaufen Erde sich wie feile Dirnen“ (V. 72) oder wenn der Namenlose von „Monsieur Kapital“ spricht (V. 166). Bei Büchner wird die soziale Hierarchie direkter durch Figurenkonstellationen sichtbar: Figuren der Unterschicht wie Woyzeck, Marie und Andres stehen bessergestellten Figuren wie dem Hauptmann und dem Doktor gegenüber.
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Zwangslagen und fehlende Selbstbestimmung: Sowohl bei Toller als auch bei Büchner werden Zwangslagen trotz Arbeit dargestellt. Bei Toller fehlt den Arbeiterinnen und Arbeitern aufgrund ökonomisch-sozialer Bedingungen Selbstbestimmung. Die Massenchöre sprechen davon, „ewig eingekeilt“ und „preisgegeben / Der Mechanik höhnischer Systeme“ zu sein (vgl. V. 3–6). Bei Büchner zeigt sich fehlende Selbstbestimmung in Woyzecks sozialer Abhängigkeit und Armut. Seine Aussage „Ich glaub’, wenn wir in Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen“ bringt zugespitzt zum Ausdruck, dass Arbeit und Unterordnung selbst im Jenseits fortzuwirken scheinen.
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Gewalt und Gewalterfahrungen: Ein weiterer Bezug besteht im Umgang mit Gewalt und Gewalterfahrungen. Bei Toller rufen Arbeiterinnen, Arbeiter und später der Namenlose zum gewaltsamen Umsturz des Systems auf. Dies zeigt sich in Formulierungen wie „Sie, unsre Worte zerstriemen sich in Wut und Rache“ (V. 54) und im Ausruf „Revolution!“ (V. 181). Bei Büchner hingegen haben die Figuren keine Möglichkeit, sich aus dem System zu befreien. Die erfahrene Gewalt wird nicht kollektiv-politisch gegen das System gerichtet, sondern von Woyzeck im privaten Umfeld und innerhalb seiner eigenen Gesellschaftsschicht weitergegeben. Die soziale Gewalt schlägt damit in individuelle und private Gewalt um.
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Sprache: Auch der Umgang mit Sprache unterscheidet beide Texte deutlich. Bei Toller werden Emotionen und Aufruhr durch versgebundene, expressive Sprache aller Figuren verdeutlicht, etwa durch Ellipsen, Enjambements, Ausrufe, Anaphern und pathetische Bilder. Die Figuren formulieren sprachbewusst und direkt ihre Anklage gegen erfahrene Gewalt und ihren Protest gegen Ohnmacht. Bei Büchner hingegen verdeutlicht die Sprache die Gesellschaftsschicht und Ohnmacht der Figuren, vor allem Woyzecks, Maries und Andres’. Ihre Sprache ist restringiert, dialektal gefärbt und häufig bruchstückhaft. Eigene Sprachlosigkeit wird teilweise durch das Zitieren von Liedern oder Bibelversen ersetzt. Dadurch zeigt Büchner nicht programmatischen Protest, sondern soziale Begrenzung und innere Bedrängnis der Figuren.