Vorschlag D
Thema
Haus und Kunst
Dieser Vorschlag bezieht sich auf Jenny Erpenbeck: Heimsuchung.
Aufgabenstellung
Interpretiere den Auszug aus Klaus Modicks Roman Konzert ohne Dichter im Hinblick auf die Gestaltung der Künstlerfigur. (Material)
Setze das Verhältnis, das der Künstler im vorliegenden Romanauszug (Material) und der Architekt in Jenny Erpenbecks Roman Heimsuchung zu ihrem jeweiligen
Haus und Grundbesitz haben, in Beziehung zueinander.
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Klaus Modick (*1951)
Der Maler Heinrich Vogeler befindet sich um 1905 auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Er lebt und
arbeitet in der Künstlerkolonie Worpswede1. Bei diesem Auszug handelt es sich um den Anfang des
Romans über das Leben und Schaffen von Vogeler.
1 Worpswede – Ende des 19. Jahrhunderts gegründete Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Künstlerinnen und Künstlern,
zu denen auch Heinrich Vogeler gehörte, im Ort Worpswede nordöstlich von Bremen
2 Dichter – Gemeint ist der Dichter Rainer Maria Rilke (1875–1926), der eine Zeit lang in der Künstlerkolonie Worpswede
lebte.
3 Paula und Clara – Die Malerin Paula Modersohn-Becker (1876–1907) und die Bildhauerin Clara Westhoff (1878–1954)
gehörten zur Worpsweder Künstlergemeinschaft, die sich auch als „Barkenhoff-Familie“ bezeichnete.
4 Kattun – Gewebe aus Baumwolle
5 Krakelüren – feine Risse auf Gemälden
Klaus Modick: Konzert ohne Dichter, Köln 7. Aufl. 2018, S. 9–15.
Hinweis
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textvorlage.
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Einleitung
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In dem Auszug aus Klaus Modicks Roman Konzert ohne Dichter (2015) wird die kritische Selbstbefragung des Künstlers Heinrich Vogeler auf dem Höhepunkt seines Erfolgs dargestellt, wobei insbesondere die Infragestellung seines künstlerischen Schaffens, seiner Lebensgestaltung sowie der von ihm erschaffenen Welt im Zentrum steht.
Inhalt/Aufbau
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Zu Beginn wird der Leser unmittelbar in die Erwachenssituation des Protagonisten eingeführt, die stark durch akustische Wahrnehmungen geprägt ist (vgl. Z. 1–5). Elliptische Satzfragmente („Getuschel. Traumreste. Klatschende Flügelschläge.“) sowie Fragen („Wer spricht?“) verdeutlichen eine Phase der Orientierungslosigkeit zwischen Traum und Wirklichkeit und ermöglichen ein unmittelbares Miterleben der Situation.
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Im Anschluss erfolgt eine detaillierte Beschreibung von Vogelers Lebensumfeld, insbesondere seines Hauses und seiner Kleidung (vgl. Z. 6–12). Der Künstler erscheint als jemand, der seine Umwelt vollständig gestaltet hat („vom großen Bett aus poliertem Birkenholz […] bis zur mattweiß gestrichenen Kommode“, vgl. Z. 8–9). Die Vielzahl an Aufzählungen sowie die Verwendung von Wortpaaren („bearbeitet oder geformt“, „platziert und arrangiert“, vgl. Z. 10–12) unterstreichen seinen umfassenden Gestaltungswillen.
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Darauf aufbauend wird der Garten als Kunstwerk beschrieben (vgl. Z. 13–29). Vogeler hat nicht nur das Haus, sondern auch die Natur bewusst gestaltet („jedem Baum und jedem Busch“, vgl. Z. 21). Der Garten erscheint als lebendig gewordenes Kunstwerk („ein in die Wirklichkeit gewachsenes […] Kunstwerk“, vgl. Z. 25–26), wodurch eine Synthese von Kunst und Natur hergestellt wird. Gleichzeitig deutet sich bereits eine ambivalente Wahrnehmung an, da das Anwesen auch als abgeschlossener Raum erscheint („Gefängnis“, vgl. Z. 28–29).
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Im weiteren Verlauf erfolgt ein Übergang zur Reflexion, ausgelöst durch Naturwahrnehmungen (vgl. Z. 30–35). Vogeler erkennt die Grenzen der künstlerischen Darstellung („Zeichnen lassen sich Stimmen aber so wenig […] wie Musik“, vgl. Z. 33–35) und beginnt, an der Aussagekraft seines eigenen Werkes zu zweifeln.
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Diese Zweifel konkretisieren sich in der kritischen Auseinandersetzung mit einem Kunstkritiker und seinem Gemälde (vgl. Z. 36–47). Der angebliche Lobpreis wird als oberflächlich und pathetisch entlarvt („ein sogenannter Fachmann“, vgl. Z. 38), wodurch die Fassadenhaftigkeit des Kunstbetriebs sichtbar wird. Zugleich wird die Künstlergemeinschaft des Barkenhoffs als zerbrechlich dargestellt („Die Familie zerfällt“, vgl. Z. 48).
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Im weiteren Verlauf reflektiert Vogeler seine eigene Rolle als Kunstfigur (vgl. Z. 53–74). Die detaillierte Beschreibung seiner Kleidung („Stehkragen und Halstuch […] Zylinder und Gehstock“, vgl. Z. 61–62) verdeutlicht seine Selbstinszenierung als „Märchenprinz“, die er jedoch als fremd und lächerlich empfindet. Demgegenüber steht seine schlichte Arbeitskleidung (vgl. Z. 59–60), in der er sich authentischer fühlt.
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Abschließend erfolgt eine existenzielle Bilanzierung seines Lebens (vgl. Z. 75–84). Vogeler stellt grundlegende Fragen nach Sinn und Identität („Warum er überhaupt auf die Welt gekommen ist“, vgl. Z. 76–77) und erkennt, dass sein künstlerisches Schaffen an Bedeutung verloren hat („seine Kunst flach und schal“, vgl. Z. 83). Das zuvor harmonische Leben wird nun als brüchig wahrgenommen („Risse […] wie Krakelüren“, vgl. Z. 84).
Erzählweise
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Die erzählte Welt wird durch eine auktoriale Erzählinstanz vermittelt, die sich zwar außerhalb des Geschehens befindet, jedoch eng an die Wahrnehmungen und Gedanken der Hauptfigur gebunden ist. Durch die extensive Nutzung der erlebten Rede wird eine Innensicht erzeugt, die es ermöglicht, Vogelers Zweifel und Reflexionen unmittelbar nachzuvollziehen.
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Diese Technik schafft eine starke Nähe zwischen Figur und Leser, insbesondere in der Darstellung des Erwachens sowie der späteren Selbstbefragung. Gleichzeitig werden sowohl ein äußerer Konflikt (zerrüttete Beziehungen innerhalb der Künstlergemeinschaft, vgl. Z. 48) als auch ein innerer Konflikt (Zweifel am eigenen Lebensentwurf, vgl. Z. 81–84) deutlich.
Sprache/Stil
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Die sprachliche Gestaltung unterstützt die Darstellung des inneren Zustands der Figur. Der Wechsel von elliptischen zu komplexeren Satzstrukturen spiegelt den Übergang vom Traum zur bewussten Wahrnehmung wider (vgl. Z. 1–5). Zudem erzeugen Aufzählungen und Parallelismen eine detaillierte, fast begehbare Darstellung von Haus und Garten.
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Zentrale Stilmittel sind insbesondere Metaphern („Gefängnis“, vgl. Z. 28–29), Kontraste („Insel der Harmonie“ vs. „Gefängnis“) sowie rhetorische Fragen, die die innere Unsicherheit Vogelers verdeutlichen. Die Sentenz „Das Leben ist stärker als jede Kunst“ (vgl. Z. 81) fasst die zentrale Erkenntnis prägnant zusammen.
Figurengestaltung
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Vogeler wird als Künstler dargestellt, der durch seine umfassende Gestaltung von Haus und Garten einen eigenen Mikrokosmos geschaffen hat, in dem sich sein Anspruch auf Verewigung und Kontrolle über die Wirklichkeit ausdrückt. Gleichzeitig wird dieser Raum zunehmend als einengend erlebt.
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Die Figur befindet sich in einer tiefen Krise, die sich aus der Diskrepanz zwischen äußerem Erfolg und innerer Leere ergibt. Trotz gesellschaftlicher Anerkennung empfindet Vogeler seine Kunst als bedeutungslos und sein Leben als stagnierend („Sattheit und Konvention“, vgl. Z. 82).
Deutung
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Der gestaltete Raum fungiert als Symbolraum für Vogelers Leben und Schaffen. Die anfängliche Harmonie schlägt in ein Gefühl der Gefangenheit um, wodurch die Grenzen künstlerischer Selbstverwirklichung sichtbar werden.
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Der Text zeigt die kritische Auseinandersetzung eines erfolgreichen Künstlers mit der eigenen Authentizität und stellt die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Kunst, die primär der Selbstinszenierung dient.
Fazit
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Zusammenfassend zeigt der Auszug die Entwicklung eines Künstlers von der vermeintlichen Kontrolle über sein Leben hin zur existenziellen Selbstzweifel-Krise.
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Die Verbindung von Raumgestaltung, innerer Reflexion und sprachlicher Gestaltung verdeutlicht, dass Vogelers kunstvoll erschaffene Welt letztlich nicht stabil ist, sondern Risse aufweist, die seine gesamte Lebenskonzeption infrage stellen.
Aufgabe 2
Vergleich
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Sowohl in Modicks Roman als auch in Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“ fungieren Haus und Grundstück als zentrale Symbolräume, die eng mit dem Leben und Schaffen der jeweiligen Figuren verbunden sind.
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Sowohl der Künstler Vogeler als auch der Architekt verfolgen das Ziel der Selbstverwirklichung durch die Gestaltung eines eigenen Mikrokosmos. Während Vogeler eine Synthese aus Kunst und Natur schafft („lebendig gewordenes Kunstwerk“, vgl. Z. 25–26), entwirft der Architekt sein Haus als funktionale und ästhetische Heimstatt für sich und seine Frau (vgl. Erpenbeck, S. 38).
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Beide Figuren zeichnen sich durch eine umfassende Gestaltungskraft aus. Vogeler gestaltet jedes Detail seines Hauses und Gartens, während der Architekt handwerklich und planerisch tätig wird (z. B. Mauern des Schornsteins, vgl. S. 42; Gestaltung von Geländern und Fenstern, vgl. S. 36–37).
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Ein zentraler Aspekt ist die Rolle der Natur, die in beiden Werken integraler Bestandteil der Gestaltung ist. Während Vogeler seinen Garten als organisches Kunstwerk formt, bemüht sich der Architekt darum, das Haus harmonisch in die Landschaft einzufügen („als sei es hier gewachsen“, vgl. S. 42).
Unterschiede
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Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Funktion des Hauses als Lebensraum. Bei Vogeler ist das Haus Ausdruck eines ästhetischen Ideals und zugleich Ort einer Künstlergemeinschaft, die sich als zunehmend instabil erweist. Beim Architekten hingegen steht zunächst die private Lebensgestaltung im Vordergrund, insbesondere das Zusammenleben mit seiner Frau.
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Zudem unterscheiden sich die Ursachen der Krise. Vogeler gerät durch innere Zweifel und Selbstreflexion in eine Krise, während der Architekt durch äußere historische Umstände (Krieg, Flucht, vgl. S. 34–36; S. 71 f.) sein Haus verliert.
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Auch im Umgang mit dem Zeitgeschehen zeigen sich Unterschiede. Vogeler versucht, eine zeitenthobene, märchenhafte Welt zu erschaffen, während das Haus des Architekten stark von historischen Entwicklungen geprägt ist und schließlich nicht vor ihnen geschützt werden kann.
Gemeinsamkeiten
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Trotz dieser Unterschiede zeigt sich in beiden Werken, dass Haus und Grundstück als Spiegel der Lebensverhältnisse fungieren. Sowohl die Krise Vogelers als auch der Verlust des Architekten spiegeln sich in der Veränderung ihrer Beziehung zum Haus wider.
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Beide Figuren erleben Wendepunkte, in denen sich ihre ursprünglichen Vorstellungen als illusionär erweisen: Vogeler erkennt die Gefängnishaftigkeit seines Kunstwerks, während der Architekt sein Zuhause physisch verliert.
Fazit
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Insgesamt verdeutlichen beide Werke, dass die Gestaltung von Haus und Raum eng mit Identität und Lebensentwurf verbunden ist, jedoch nicht dauerhaft Bestand hat.
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Während Vogeler an der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit scheitert, wird der Architekt durch äußere Umstände seiner Lebensgrundlage beraubt. Beide Darstellungen zeigen, dass der Versuch, durch Raumgestaltung ein dauerhaftes Lebenskonzept zu schaffen, letztlich an inneren oder äußeren Grenzen scheitert.