Aufgabe A – biblisch-christliches Menschenbild
Thema
Kreuz und Auferstehung sowie biblisch-christliches Menschenbild
Aufgabenstellung
Fasse den Text zusammen. (Material)
Setze den Umgang mit Tod und Trauer, wie er von GriefTech praktiziert wird, sowie Hayers Ausführungen dazu in Beziehung zur neutestamentlichen Überlieferung von Tod und Auferstehung Jesu. (Material)
Überprüfe vor dem Hintergrund des Textes (Material), inwiefern es mit Aspekten des biblisch-christlichen Menschenbildes vereinbar ist, Avatare Verstorbener zu kreieren, zu vermarkten und zu nutzen.
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Björn Hayer
Quelle: Björn Hayer: Mein Tod gehört mir, in: Frankfurter Rundschau, 11. September 2024, S. 29.
Anmerkung zum Autor: Björn Hayer (*1987): Philosoph, Literatur- und Theaterkritiker
1 das Credo – Glaubensbekenntnis, hier: Motto, Leitsatz
2 GriefTech – KI-basierte Trauertechnologie (vom Englischen grief: Trauer, Kummer)
3 Wright spielt im Film eine fiktive Version ihrer selbst, nämlich eine alternde Schauspielerin, die nur noch selten Rollenangebote erhält. Schließlich lässt sie sich scannen, jünger rechnen und kann in virtuell generierten Filmen auftreten. Sie selbst darf danach aber nicht mehr als Schauspielerin auftreten, lediglich ihr Avatar.
4 der Deadbot – technisches Dialogsystem, das den Dialog zwischen einem Menschen und dem Avatar Verstorbener ermöglicht
5 die Digital Afterlife Industry – Branche, die ein digitales Weiterleben nach dem (physischen) Tod ermöglicht
6 Karl Jaspers – deutsch-schweizerischer Psychiater und Philosoph
7 Sören Kierkegaard – dänischer Philosoph und evangelischer Theologe
8 digitaler Äther – hier: digitaler Raum
9 Sakralisierung – Aufwertung zu etwas Religiösem
10 immersive Technologien – Medien, die ein Eintauchen in die digitale Welt ermöglichen
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Einleitung: Autor, Titel, Textsorte, Erscheinungsjahr und Thema
In dem Zeitungsartikel Mein Tod gehört mir, der am 11. September 2024 erschienen ist, erörtert der Philosoph Björn Hayer mögliche Auswirkungen einer neuen Technologie, die Menschen nach ihrem physischen Tod digital weiterleben lassen kann.
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Mit Hilfe von KI sei es möglich, digitale Doppelgänger von Menschen zu erschaffen, sodass man nach dem Tod eines Menschen mit dessen digitaler Repräsentanz in Beziehung bleiben könne. Junge Firmen möchten damit Trauer und Einsamkeit entgegenwirken.
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Hayer benennt die bislang offene Problematik des Schutzes der Daten der verstorbenen Person: Zum einen sei unklar, wem diese Daten gehören und wer darüber verfügt, zum anderen könne die digitale Repräsentanz eines Menschen bearbeitet werden oder sich unkontrolliert verändern, ohne dass die repräsentierte Person oder ihre Angehörigen darüber verfügen oder sich dazu verhalten kann bzw. können.
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Weiterhin weist Hayer kritisch darauf hin, dass eine verstorbene Person durch eine solche Technologie nie zur Totenruhe kommt, und gibt zu bedenken, dass es letztlich möglicherweise gar nicht mehr zu einem echten Abschied von Verstorbenen kommt und damit auch nicht zu einem wirksamen Trauerprozess.
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Hayer führt die Bedeutung von echten Trauerprozessen aus, an denen man wachse und reife. Durch die Begegnung mit dem Tod begreife der Mensch die Begrenztheit und damit den Wert des Lebens.
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Darüber hinaus würde der Tod seine Letztgültigkeit verlieren, wenn er digital vermeintlich überwunden wird, sondern diese Form der digitalen Überwindung übertrage die Heiligkeit, die bisher sakralen Räumen in der Schnittstelle von Leben und Tod vorbehalten sei, auf KI-Medien; diese würden zur neuen, quasireligiösen Vermittlungsinstanz zwischen Diesseits und Jenseits.
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Durch solche Prozesse, so Hayer, drohe ein Widerspruch: Indem man durch digitales Durchdringen der Grenze zum Tod vordergründig Ängste beseitige und Schmerz verhindere, drohe echte Menschlichkeit verloren zu gehen, denn gerade Ängste und Schmerz ermöglichten Empathie und Gemeinschaft, mithin also Menschsein.
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Insofern drohe gerade durch die KI-generierten Repräsentanten von Verstorbenen Einsamkeit, warnt Hayer, denn die Bezogenheit der hinterbleibenden Person(en) auf die Repräsentanz belege Zeit, die man andernfalls mit anderen, lebenden Menschen, die Trauer und Erinnerungen teilen, verbringen würde.
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Hayer konstatiert, dass der Tod niemandem gehöre, und fordert dazu auf, ihn vor Vereinnahmung durch digitalen Fortschritt, der schneller voranschreite als die ethischen Beratungen darüber, zu schützen.
Aufgabe 2
Die neutestamentliche Überlieferung von Jesu Tod und Auferstehung besteht nicht aus historischen Protokollen, sondern versammelt Christuszeugnisse aus Sicht der nachösterlichen Gemeinde, aufgeschrieben von den Evangelisten auf Basis unterschiedlicher Quellen und Adressaten. Vor diesem Hintergrund können folgende Aspekte dieser Überlieferung angeführt und in Beziehung zu GriefTech und Hayers Ausführungen zu dem Thema gesetzt werden:
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Mit Jesu Kreuzigung endeten für seine Jüngerinnen und Jünger alle Erwartungen und Hoffnungen, der Glaube an das anbrechende Gottesreich schien vergebens gewesen zu sein. Die Jünger sind also in einem „von Vereinsamungstendenzen gekennzeichnete[n]“ Zustand, wären möglicherweise empfänglich für einen GriefTech-Avatar von Jesus.
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Die neutestamentliche Überlieferung verdeutlicht, dass Gott in Jesus dem Tod nicht ausweicht (Mt 26,39), sondern ihn erträgt und letztlich überwindet. Der Tod und die Endlichkeit werden angenommen, während durch Nutzung von GriefTech genau dies nicht geschieht und damit eine echte Trauerarbeit eher verhindert wird.
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Am dritten Tag nach der Kreuzigung Jesu finden sich die Jünger in einem vollständig und unerwartet anderen Zustand. Sie erlangen die Gewissheit, dass Jesus nicht im Tod geblieben ist, sondern sich als lebendig erweist; sie begreifen ihn als von Gott auferweckt (vgl. etwa Mk 16,14; Mt 28,16f.; Lk 24,50–53). So fasst es auch Paulus zusammen in 1Kor 15,3–8. Diese Auferstehung Jesu meint dabei nicht eine Rückkehr in das bisherige Leben, was GriefTech in gewisser Weise technisch zu ermöglichen versucht, sondern Auferweckung zu einem radikal neuen Leben in der Dimension Gottes.
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Keiner der Ostertexte schildert den Vorgang der Auferstehung Jesu selbst. Erzählt wird vielmehr von Begegnungen mit Jesus nach seinem Tod, und die Menschen, die ihm begegnen, bezeugen, was mit ihnen selbst geschehen ist: Der Gekreuzigte hat sich ihnen als lebendig erwiesen. Dies ist zwar nicht mit einem von GriefTech erzeugten Avatar gleichzusetzen, aber man könnte die Frage stellen, ob ein solcher Avatar von Verstorbenen sich auf ähnliche Weise den Hinterbliebenen als lebendig erweist, zumal Jesus in den jeweiligen Situationen mit den Menschen gesprochen hat.
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Die Auferstehung Jesu ist diametral anders zu verstehen als die Erschaffung eines digitalen Repräsentanten Verstorbener. Ein GriefTech-Avatar unterscheidet sich vom Auferstandenen:
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Alle vier Evangelien berichten, dass Jesus die Jüngerinnen und Jünger ermutigt und auffordert, seine Botschaft in der Welt zu verbreiten (Mk 16,15; Mt 28,19f.; Lk 24,46–49; Joh 20,21–23). Die Jünger sind also gewiss, dass sie von Jesus gesandt sind, sie haben den Mut, in die Welt zu gehen und das Evangelium und die Auferstehung zu verkünden. Es zeigt sich, dass Jesus in ihnen und durch sie weiterlebt und sie befähigt, sich dem Leben zuzuwenden. Das ist das Gegenteil der von Hayer im Zusammenhang mit GriefTech befürchteten Weltflucht, und es ist das Gegenteil von unkontrollierter Veränderung der Persönlichkeit eines Verstorbenen durch einen Avatar: Die Jüngerinnen und Jünger haben die Vollmacht über das Evangelium, denn Jesus hat verfügt, wer über seine „Daten“, sein Vermächtnis bestimmt.
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In der Weitergabe des Evangeliums lebt und wirkt der Geist Jesu weiter. Darin liegt die sich immer wieder erneuernde Präsenz Jesu, die sich grundsätzlich unterscheidet von der von Hayer befürchteten erstarrten „permanenten Gegenwart“ eines Avatars.
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Die Jüngerinnen und Jünger bezeugen nicht die Auferstehung, sondern den Auferstandenen. Dieser erscheint ihnen in einer anderen Seinsweise, ist nicht kontinuierlich wahrnehmbar, aber immer dort, wo er sich wahrnehmbar macht. Indem dies bis heute weitergegeben wird, können Christinnen und Christen daran glauben, dass es Wirklichkeiten gibt, die den üblichen Denkhorizont übersteigen. Eben darin liegen Trost und Hoffnung über den Tod geliebter Menschen hinaus. Der zutiefst innerweltlich programmierte Avatar kann diesen Trost nicht bieten.
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Dieser Glaube eröffnet eine Möglichkeit zum Umgang mit Tod und Trauer, die Angst und Ungewissheit aushalten und überwindbar werden lässt. Die Menschlichkeit, die nach Hayer daraus folgt, bleibt erhalten, und eben darin lebt Jesus Christus weiter. Damit ist er das Gegenteil eines Avatars. Jenseits von Leben und Tod liegt für Christinnen und Christen Auferstehung, nicht „Mediologie“.
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Auch Deutungen des Todes Jesu oder die Passionserzählungen könnten miteinbezogen werden.
Aufgabe 3
Aspekte zum biblisch-christlichen Menschenbild, die gegen ein Kreieren, Vermarkten und Nutzen von Avataren Verstorbener sprechen:
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Das Kreieren von Avataren Verstorbener ist kritisch zu sehen, da der Mensch als Geschöpf nicht selbst Schöpfer spielen, sondern sich in seiner Endlichkeit und Begrenztheit annehmen soll. In Gen 3,5 wird das „Sein-Wollen-Wie-Gott“ und damit die menschliche Hybris als Sünde definiert und über den Baum der Erkenntnis eine Grenze zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen gesetzt. Die Unterordnung des Menschen unter Gott zeigt sich – trotz seiner Nähe zu Gott – beispielsweise in Ps 8 („Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst …?“), seine Endlichkeit u.a. in Ps 90 („Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“).
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Der Mensch wird in Gen 3 und Gen 4 als fehleranfälliges und sündiges Wesen beschrieben. Beim Erzeugen der Avatare muss mit Fehlern und Verzerrungen gerechnet werden, so könnte es zu „unkontrollierten Veränderungen des Avatars“ kommen, was unabsehbare Folgen haben kann.
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Indem der Mensch als Gottes Ebenbild verstanden wird (Gen 1,27), kommt diesem eine unverlierbare Würde zu. Diese Würde des Menschen wird jedoch missachtet, wenn Verstorbene sich nicht mehr wehren können gegen das, was in der Nutzung mit ihnen als Avatar gemacht wird.
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Zudem könnte Profit bei der Vermarktung der Avatare vor aller Menschlichkeit stehen. Menschlichkeit und Empathie sind aber gerade das, was auch im neutestamentlichen Menschenbild innerhalb der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu zum Ausdruck kommt. Wenn Menschen am Rand der Gesellschaft stehen, leiden und traurig sind, kann Mitmenschlichkeit Einzug halten. Jesus wendet sich gerade den Leidenden und Trauernden zu (z. B. Seligpreisungen in Mt 5,3–11) und fordert zur Mitarbeit am Reich Gottes auf (z. B. Antithesen in Mt 5,21–48). Sich auf die Avatare Verstorbener zu verlassen, lädt zu einer Passivität ein, die einem solchen Verständnis des Menschen und auch der von Luther in seiner Freiheitsschrift artikulierten „Freiheit zum Dienst am Nächsten“ widerspricht und wirkliche Trauerintegration, die eine erneute Zuwendung zum und Teilhabe am Leben ermöglicht, eher verhindert (Auferstehung ins Leben nach einer Krise).
Aspekte zum biblisch-christlichen Menschenbild, die für eine Legitimation des Kreierens, Vermarktens und Nutzens von Avataren Verstorbener herangezogen werden könnten:
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Vor dem Hintergrund des Schöpfungsauftrags könnte sich Verantwortung auch darauf beziehen, leidenden und trauernden Mitmenschen insofern Beistand zu leisten und konkrete Hilfe zu ermöglichen, als Avatare Verstorbener punktuell zu einer Leidminderung beitragen.
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Zudem wird der Mensch in seiner Sonderstellung bereits in Gen 2,19–20 als Schöpfungspartner Gottes verstanden, der die Tiere benennen darf. Insofern könnte ein solches schöpfungstheologisches Verständnis durchaus beinhalten, dass der Mensch schöpferisch tätig werden darf. Schließlich erhält der Mensch in der zweiten Schöpfungserzählung nicht nur den Auftrag, den Garten zu bewahren, sondern auch, ihn zu bebauen (Gen 2,15). Ein solcher Kulturauftrag könnte auch den technischen Fortschritt der KI mit einschließen.
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In den beiden Schöpfungserzählungen der Genesis wird der Mensch als soziales Wesen beschrieben, das nicht allein sein soll (Gen 1,27; Gen 2,18 und 24). Der Verlust eines Menschen kann neben der Trauer auch zu akuter Einsamkeit führen. Ein Kreieren und Nutzen der Avatare Verstorbener könnte dieser Einsamkeit vorbeugen, die Trauernden jedoch langfristig isolieren, weil sie zunehmend in einer Scheinwelt/Illusion leben.
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Jesus bricht die Isolation und Einsamkeit der Menschen auf, indem er sie ganzheitlich heil werden lässt und sie damit in die Gesellschaft reintegriert (z. B. Mk 5,25–34). Außerdem geht es in den Auferweckungserzählungen des Neuen Testaments um eine Überwindung des Todes und einen Sieg des Lebens über den Tod (z. B. Mk 5,38–41) – allerdings in einem fundamental anderen Sinne als bei Avataren Verstorbener.
Möglich ist auch eine vermittelnde Position, die die Chancen des technischen Fortschritts durchaus benennen kann, deren Grenzen und Gefahren dabei aber realistisch im Blick behält. Deutlich werden sollte in der Argumentation, dass trotz aller Fähigkeiten und Verantwortung des Menschen sowie den Chancen der Technik der Mensch sich selbst in seiner Endlichkeit und Begrenztheit akzeptieren muss und sich nur dann in einer heilvollen Beziehung zu Gott, seinen Mitmenschen und sich selbst bewegen kann (Mk 12,29–31). Avatare Verstorbener laufen einem solchen Selbstverständnis des Menschen entgegen. Eine solche vermittelnde Position berücksichtigt die Ambivalenz biblisch-christlicher Menschenbilder, die Luther mit der Formelsimul iustus et peccator zusammenfasst.