Aufgabe B – jesuanische Ethik
Thema
Jesu Verkündigung und jesuanische Ethik sowie Tierethik
Aufgabenstellung
Fasse den Text zusammen. (Material)
„Das Sollen entspricht dem Moment der Transzendenz, weil es das bezeichnet, was noch nicht ist, aber sein soll und getan werden soll.“ (Material)
Erläutere – unter Einbeziehung des Zitats – Jesu Verkündigung vom Reich Gottes sowie die daraus resultierende jesuanische Ethik.
Bei der Planung des nächsten Sommerfestes der Kirchengemeinde kommt die Frage auf, ob auf Grillfleisch verzichtet werden soll.
Erörtere vor diesem Hintergrund und ausgehend von Horstmanns Text, ob aus christlicher Sicht Fleischkonsum ethisch vertretbar ist.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?„Furcht und Schrecken…“ (Gen 9,2). Christen und das Töten und Essen von Tieren (2018)
Simone Horstmann
Quelle: Simone Horstmann: „Furcht und Schrecken…“ (Gen 9,2). Christen und das Töten und Essen von Tieren, in: Simone Horstmann/Thomas Ruster/Gregor Taxacher: Alles, was atmet. Eine Theologie der Tiere, Regensburg 2018, S. 204–215.
Anmerkung zur Autorin: Simone Horstmann (*1984): katholische Theologin
1 die FAZ – Frankfurter Allgemeine Zeitung
2 Gemeint ist eine Haltung von Christinnen und Christen nichtjüdischer Herkunft, die im frühen Christentum unabhängig von jüdischen (Speise-)Vorschriften nach dem Motto „alles ist möglich“ gelebt haben.
3 die Rigidität – Unnachgiebigkeit
4 arkan – geheim
5 deklarieren – verkünden, melden, mitteilen
6 noachidische Gebote – sieben Gebote im Judentum, die für alle Menschen Geltung haben sollen (z. B., um ein Tier zu essen, muss vorher darauf geachtet werden, dass es nicht gequält wird)
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Aufgabe 1
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Einleitung (Autorin, Titel, Textsorte, Erscheinungsjahr und Thema): Im 2018 verfassten Aufsatz „‚Furcht und Schrecken…‘. Christen und das Töten und Essen von Tieren“ kritisiert die Theologin Simone Horstmann den gedankenlosen Fleischkonsum des modernen Menschen.
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Der US-amerikanische Autor Foer hat mit seinem 2009 erschienen Werk „Tiere essen“ eine umfassende Debatte angestoßen, die auch innerkirchlich geführt werde und dabei eine Spannbreite von strikter Gesetzesnachfolge bis hin zu einer völligen Offenheit abbilde.
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Laut Horstmann zeige sich nirgends so sehr eine inkonsequente Haltung der heutigen Gesellschaft wie in der Diskussion um den Fleischkonsum.
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Dabei müsse Ehrfurcht vor dem Leben apodiktisch gelten, gerade auch als Maxime christlicher Ethik. Das Töten von Lebewesen dürfe lediglich eine Ausnahme darstellen.
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Allerdings zeige sich im Alltag, dass diese Differenzierung immer mehr vernachlässigt werde, die Ausnahme mittlerweile zur Regel geworden sei, um den Fleischkonsum zu legitimieren.
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In der Bibel ließe sich zwar nach der Sintflut eine alternative Formulierung zur ursprünglich vegetarisch gedachten Ernährung des Menschen finden, trotzdem erinnere sie daran, die ihm dort gestattete tierische Nahrung als Ausnahmefall zu verstehen.
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Wenn die Welt im Licht der endzeitlichen Erlösung betrachtet werde, schwinge dabei auch der Appell mit, sich bereits im Hier und Jetzt für ein friedliches Miteinander aller Geschöpfe einzusetzen. Dieses ethische Prinzip resultiere für Christen aus ihrem jüdischen Erbe.
Aufgabe 2
Kontext des Zitats für eine allgemeine Hinführung:
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Im Terminus des Reiches Gottes bündeln sich die Hoffnungen der Zeitgenossen Jesu auf die Herbeiführung eines paradiesischen Zustands, in dem Gerechtigkeit und Frieden herrschen. Entsprechende Formulierungen lassen sich im gesamten letzten Abschnitt des vorliegenden Materials finden, dem das Zitat entnommen ist: Mit der Vision eines paradiesischen Friedens sei für Christinnen und Christen ein Anspruch verbunden, sich in ihrem gegenwärtigen Handeln schon an dessen Idealen auszurichten. Mit dieser Neuausrichtung werde die Realität bereits überstiegen, breche das Jenseits ins Diesseits ein.
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Horstmanns Formulierung erinnert an den sogenannten eschatologischen Vorbehalt. Das Reich Gottes ist in Jesu Leben und Verkündigung bereits sichtbar geworden und somit schon angebrochen, aber noch nicht vollendet. Demgemäß spricht die Bibel einerseits präsentisch vom Reich Gottes (z. B. Mk 1,15 und Lk 17,21), andererseits futurisch (z. B. Mt 6,10).
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So kann das Reich Gottes als eine Art Metapher verstanden werden für die bisher unverwirklichten Möglichkeiten des Lebens und jenes transzendente Ziel, von dem her christliches Handeln bestimmt ist und auf das hin es ausgerichtet sein soll.
Den Anbruch des Reiches Gottes und die daraus resultierende Aufforderung zur Mitarbeit am Gottesreich exemplarisch an folgenden Beispielen aus Jesu Leben und Verkündigung verdeutlichen:
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Jesu Wunder und seine besondere Zuwendung zu Marginalisierten stehen im Dienst der Verkündigung der Macht und Güte Gottes. Sie verkünden einen Gott, der sich in die Geschicke der Welt einmischt, und sind zeichenhafte Vorwegnahme dessen, was in der Gottesherrschaft die Regel sein soll. Menschen werden durch Jesu Zuwendung aus bedrückenden oder ausgrenzenden Situationen befreit.
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So lebt Jesus das, wovon er spricht, selbst vor. Reden und Handeln gehen bei ihm Hand in Hand (vgl. z. B. Heilungen wie die des blinden Bartimäus in Mk 10,46–52; Mahlgemeinschaft mit Zöllnern wie Zachäus in Lk 19,1–10; Jesu Eintreten für eine Ehebrecherin in Joh 8,2–11) und zeigen, was in Gottes Reich verwirklicht werden soll.
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Jesus spricht häufig in Gleichnissen vom Reich Gottes. Seine Erzählungen sind zwar im Alltagsmilieu angesiedelt, laufen aber auf eine ungewöhnliche Pointe hinaus. Insofern sind sie Denkanstöße für die Zuhörenden, ihre herkömmlichen, konventionellen Reaktionen bzw. Handlungen zu überdenken. Sie bieten die Möglichkeit, Sachverhalte neu zu sehen, Lebenssituationen anders wahrzunehmen und zu beurteilen oder neue Lebensmöglichkeiten zu entdecken.
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Gleichnisse haben eine praktisch-kritische Kraft, die zur Erneuerung des Lebens und der Gesellschaft antreibt, jenseits des normalen Alltagstrotts. Sie eröffnen eine neue, noch zu verwirklichende Welt, die geprägt ist von Gnade und Liebe, konträr zum üblichen, alltäglichen, konformistischen Verhalten. Dies zeigt sich z. B. in Mt 20,1–16, wenn der Weinbergbesitzer Lohn nach Bedarf und nicht nach Leistung zahlt, oder in Lk 15,11–32, wenn der Vater den reumütig zurückgekehrten Sohn wieder aufnimmt und auch beim älteren Sohn um Verständnis für sein Handeln wirbt. In Lk 10,29–37 ist es gerade der Ferne, der wahre Nächstenliebe übt.
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Das Moment der Transzendenz, das nach Horstmann dem Sollen innewohnt, lässt sich auch in der Bergpredigt finden, wenn Jesus Stellung zum Gesetz bezieht (Mt 5,17–20). Er wendet sich gegen eine rein äußere Einhaltung der Gesetze aus Angst vor Strafe. Mit seiner Radikalisierung der Gebote in den so genannten Antithesen, will er den eigentlichen Willen Gottes aufdecken. Es geht ihm um eine innere Haltung im Sinne einer Vorwegnahme der Zukunft Gottes. Wenn er z. B. zur Feindesliebe aufruft, dann geht es ethisch um ein solches nonkonformes Handeln, zu dem auch die Gleichnisse auffordern wollen.
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Im so genannten Doppelgebot der Liebe (Mt 22,34–40), das Gottes- und Nächstenliebe – die sogar den Feind umfasst – zusammenbindet, lässt sich die jesuanische Ethik zusammenfassen. Diese beschreibt, „was noch nicht ist, aber sein soll und getan werden soll“, wie sich beispielweise auch an der Feindesliebe (Mt 5,44) zeigen lässt.
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Im angeführten Zitat ist ausdrücklich vom „Anspruch“ die Rede, der dem Sollen innewohne. Dies lässt an die Polarität von Zuspruch und Anspruch denken, die sich mit Jesu Verkündigung verbindet: Das Heil ist Christinnen und Christen bereits zugesprochen; durch den von Jesus Christus ausgehenden Geist haben sie Anteil am schon angebrochenen, aber noch nicht vollendeten Reich Gottes. Gleichzeitig resultiert daraus der Anspruch an sie, weiter an der Umsetzung des Reiches Gottes mitzuarbeiten (vgl. dazu z. B. Mt 25,31–46) – in der Hoffnung auf dessen Vollendung am Ende der Geschichte.
Aufgabe 3
Begründetes Urteil hinsichtlich der Frage, ob – vor dem Hintergrund eines kirchlichen Gemeindefestes – Fleischkonsum aus christlicher Perspektive ethisch vertretbar ist.
Aus christlicher Sicht können mit Bezug zum Text z. B. folgende Aspekte gegen Fleischkonsum angeführt werden:
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Der ursprüngliche Schöpfungsplan sah vor, dass der Mensch sich ausschließlich pflanzlich ernährt (vgl. Gen 1,29). Tiere sind wie der Mensch Geschöpfe Gottes (vgl. Gen 1; Ps 104) und verdienen Respekt und Schutz. Daran knüpft Albert Schweitzers Auffassung von der „Ehrfurcht vor dem Leben“ an, nach der alle Lebewesen Würde und ein Recht auf Leben haben. Fleischkonsum widerspricht diesem Ideal und dem Gedanken eines friedlichen Zusammenlebens aller Geschöpfe.
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Gen 2,15 betont die Verantwortung des Menschen, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren. Dies kommt auch in der Verantwortungsethik von Hans Jonas zum Ausdruck. Industrielle Fleischproduktion und gedankenloser Fleischkonsum stehen im Widerspruch dazu, da sie die Würde der Tiere verletzen. Hier könnte die pathozentrische Umweltethik (z. B. Peter Singer) anknüpfen, die die Pflicht zur Berücksichtigung von Tieren als schmerz- und leidensfähigen Lebewesen bei moralischen Entscheidungen vertritt.
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Die biblische Vision vom zukünftigen Reich Gottes betont die Harmonie zwischen allen Geschöpfen, in der kein Töten mehr stattfindet (vgl. Jes 65,25). Christinnen und Christen sind aufgerufen, bereits jetzt Schritte in Richtung dieses Ideals zu gehen, wozu der Verzicht auf Fleisch gehört.
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Horstmann spricht in ihrem Text die Spannungen zwischen jüdischen Reinheitsvorschriften und der Offenheit heidenchristlicher Praktiken zur Zeit von Paulus an. Paulus warnt angesichts dieser Spannungen, dass Fleischkonsum das Gewissen anderer verletzen kann (vgl. 1Kor 8). Mit Blick auf heute könnte daher argumentiert werden: Wenn Fleischkonsum beispielsweise bei Gemeindefesten für Vegetarier oder Veganer problematisch ist, könnte dies die christliche Gemeinschaft gefährden. Der freiwillige Verzicht auf Fleisch könnte dann ein Zeichen von christlicher Nächstenliebe sein.
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Aus umweltethischer Sicht ist Fleischkonsum zudem mit erheblichen ökologischen Schäden verbunden (z. B. CO₂-Emissionen, Ressourcenverbrauch). Folglich kann argumentiert werden, dass der Verzehr von Fleisch der Aufgabe des Menschen widerspricht, die Erde zu „bebauen und zu bewahren“ (Gen 2,15).
Für die ethische Vertretbarkeit des Fleischkonsums können aus christlicher Sicht z. B. folgende Aspekte genannt werden:
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Gott hat dem Menschen als seinem Ebenbild die Herrschaft über die Tiere und die gesamte Schöpfung übertragen (vgl. Gen 1,26–28). Daraus könnte gefolgert werden, dass es legitim sei, Tiere zu nutzen – einschließlich des Fleischkonsums –, solange dies verantwortungsvoll unter Berücksichtigung des Tierwohls und maßvoll geschieht. Hierbei könnte auch Bezug zum Anthropozentrismus (z. B. Kant) genommen werden, der letztlich das Töten von Tieren rechtfertigt, wenn dieses im Interesse des Menschen erfolgt.
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Nach der Sintflut erlaubt Gott den Fleischverzehr (vgl. Gen 9,3). Dies deutet darauf hin, dass Fleischessen als Teil der gefallenen Schöpfung eine legitime, wenn auch nicht ideale Praxis ist.
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Wie es in der jüdischen Kultur üblich war, hat auch Jesus Fleisch und Fisch gegessen, z. B. aß er mit seinen Jüngerinnen und Jüngern das Passalamm (vgl. Mt 26,17–30) und sättigte beim Speisungswunder Menschen mit Broten und Fischen (vgl. Lk 9,12–17).
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In einigen Regionen und Kulturen haben Fleischgerichte eine verbindende Tradition. Eine Verpflichtung zum Fleischverzicht könnte spaltend wirken, so auch beispielsweise bei einem Gemeindefest, das im christlichen Sinne die Gemeinschaft fördern möchte.
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Statt eines Fleischverbots könnte sich im Rahmen eines Gemeindefestes für einen bewussten, maßvollen Konsum von Fleisch aus tierethisch vertretbarer Haltung eingesetzt werden.
In der abschließenden, begründeten Bewertung sollte – je nach Gewichtung der Argumente – ein überzeugender Standpunkt eingenommen werden.