Vorschlag A
Die deutsche Einheit: Revolution oder Evolution?
Aufgaben
Fasse zusammen, wie die einzelnen Redner die Ereignisse im März 1848 und deren Folgen bewerten, und ordne die Redner politisch ein. (Material)
Stelle – auch unter Bezugnahme auf die Reden (Material) – den Einigungsversuch der Revolution von 1848/49 und die Reichsgründung 1870/71 einander gegenüber.
Beachte dabei Ausgangslage, Verlauf und Ergebnis.
„Wäre 1848 geworden, was die damaligen Kämpfer des Volks aus ihm machen wollten, dann war 1870 unnöthig, dann wäre das Deutsche Reich in ganz anderer Macht und Herrlichkeit als heute schon damals gegründet worden“ (Material, A. Bebel)
Überprüfe, ob die Weimarer Republik den Vorstellungen der Liberalen und der Demokraten von 1848 entsprochen hätte.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Aus einer Debatte des Deutschen Reichstages am 18. März 1898, dem 50. Jahrestag des Aufstandes in Berlin am 18. März 1848
Karl August Munckel (Deutsch-Freisinnige Partei1)
1Deutsch-Freisinnige Partei – linksliberale Partei
2die konstitutionelle Aera in Preußen – Bezug auf die von Friedrich Wilhelm IV. nach 1848 eigenmächtig erlassene preußische Verfassung.
3Bonaparte – Gemeint ist der französische Kaiser Napoleon III.
4„im Feuer der Trübsal“ – bildlich für: während einer krisenhaften, emotional belastenden Zeit
Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstags, IX. Legislaturperiode, III. Session, Berlin 1894/95. S. 1594–1607, URLs:
https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt_k9_bsb00002772_00811.html, https://www.reichstagsprotkolle.de/Blatt_k9_bsb00002772_00812.html, https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt_k9_bsb00002772_00817.html, https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt_k9_bsb00002772_00822.html, https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt_k9_bsb00002772_00823.html (abgerufen am 08.12.2025).
Hinweis
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?In einer Einleitung sollen Redner, Titel, Textsorte, Erscheinungsjahr, das Thema und ggf. der Adressat genannt werden: In der Sitzung des Reichstages am 18. März 1898 debattieren die Abgeordneten über die Bedeutung des 18. März 1848, der sich an diesem Tag zum fünfzigsten Male jährt. In der teils heftig geführten Aussprache werden grundsätzlich unterschiedliche Bewertungen der Märzrevolution und auch die gänzlich unterschiedlichen politischen Ausrichtungen der Redner deutlich:
Abgeordneter Karl August Munckel (Freisinnige Volkspartei)
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Der 18. März sei trotz Gewalt und Blutvergießen ein denkwürdiger Wendepunkt hin zur Entwicklung Preußens zum Verfassungsstaat.
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Das Gedenken an diesen bedeutenden Tag solle nicht geschmälert werden, da es ohne ihn kein Deutsches Reich und keinen Deutschen Reichstag gäbe.
Karl August Munckel würdigt als liberaler Parlamentarier aus dem bürgerlich-fortschrittlichen Lager die konstitutionellen Errungenschaften der Revolution, ohne deren Gewalt zu verherrlichen.
Abgeordneter August Bebel (SPD)
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Munckel sei zuzustimmen, dass es ohne den 18. März kein Deutsches Reich und keinen Reichstag gäbe.
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Wären die Aufständischen vom 18. März erfolgreich gewesen, wäre damals schon ein Deutsches Reich in einem anderen Gewande entstanden.
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In diesem Fall hätte es auch keinen Krieg gegen Frankreich geben müssen.
August Bebel als Vertreter der Sozialdemokratie vertritt eine durchaus revolutionäre, parlamentarisch-republikanische Perspektive und betont die Bedeutung der Volksbewegung von 1848 für Freiheit und Gleichheit.
Abgeordneter Alfred von Kropatschek (Deutschkonservative Partei)
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Der 18. März habe die Grundlage für die Entwicklungen von 1866 und 1870/71 gelegt.
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Damals habe die preußische Armee im Straßenkampf gegen die Aufständischen ihre Königstreue und Tapferkeit gezeigt.
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Nur der preußischen Armee und nicht den Aufständischen verdanke man die Gründung des Deutschen Reichs.
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Wenn die Armee sich diese Königstreue bewahre, werde es nie mehr zu solch schändlichen Ereignissen wie der Revolution von 1848 kommen.
Alfred von Kropatschek zeigt sich als Vertreter der preußischen Reaktion und des Militarismus, der Gewaltanwendung gegenüber Volkserhebungen entschieden befürwortet.
Abgeordneter Rudolf von Bennigsen (Nationalliberale Partei)
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Den Straßenkämpfen des 18. März komme keine herausgehobene Bedeutung bei der historischen Entwicklung hin zur Gründung eines deutschen Nationalstaates zu.
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Nicht an die Gewalttätigkeiten solle erinnert werden, sondern an den Einigungsversuch der Abgeordneten der Paulskirche.
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Grundlage dieser gesamteuropäischen, historischen Entwicklung sei die Nationalbewegung gewesen, die aber 1848 an unterschiedlichen Vorstellungen und Interessen des Volkes und der Regierungen gescheitert sei.
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Erst Otto von Bismarck habe mit seiner Reichsgründung den deutschen Nationalstaat geschaffen – und der habe dem Aufstand vom März ablehnend gegenübergestanden.
Rudolf von Bennigsen steht als nationalliberaler Politiker für eine gemäßigt liberale, staatstragende Haltung, die die Rolle der liberalen Nationalbewegung und Bismarcks hervorhebt und gewaltsame Volkserhebungen ablehnt.
Zur Gegenüberstellung der Revolution von 1848/49 mit der Reichsgründung 1870/71 bietet es sich an, die Bearbeitung entlang zu benennender Aspekte zu strukturieren. Möglich wäre hier, je nach unterrichtlichen Voraussetzungen, z. B. Ausgangssituation, Verlauf, Verfassung und politische Zielsetzungen sowie Ergebnis bzw. Bewertung zu unterscheiden:
Ausgangssituation
Revolution 1848/49
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Restaurationszeit/Vormärz
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soziale Not
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nationale Zersplitterung (Deutscher Bund)
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Konflikt liberal-nationale Bewegung – konservative Obrigkeit
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Repressalien gegenüber der liberal-nationalen Bewegung (z. B. Karlsbader Beschlüsse)
Reichsgründung 1871
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nach Scheitern der Revolution von 1848/49 Wiederherstellung des Deutschen Bundes
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Einbindung eines Teils der liberal-nationalen Bewegung durch Bismarck („Blut und Eisen“)
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nach 1866 preußische Hegemonie in Deutschland (Norddeutscher Bund, Verträge mit süddeutschen Staaten)
Verlauf
Revolution 1848/49
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inspiriert von französischer Februarrevolution, Märzforderungen und Volksaufständen („Bewegung, die damals durch Europa gegangen ist“)
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gewaltsame Barrikadenkämpfe in Berlin (18. März), die den preußischen König zu scheinbaren Zugeständnissen zwangen („in den Straßen Berlins […] Barrikaden“; „es war ein Tag des Blutvergießens“)
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Erarbeitung einer Verfassung durch die Frankfurter Nationalversammlung („das Parlament in Frankfurt […] zusammengesetzt aus den besten Kräften der Nation“)
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Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV.
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Auflösung der Nationalversammlung und gewaltsame Niederschlagung letzter Aufstände durch preußische Armee
Reichsgründung 1870/71
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diplomatisches, militärisches und politisches Hinarbeiten auf kleindeutsche Einigung durch Bismarck als Ministerpräsident der preußischen Monarchie („Wer ist es denn, der nächst dem Kaiser Wilhelm der Schöpfer des Deutschen Reichs gewesen? War es nicht […] Otto von Bismarck“)
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deutsch-französischer Krieg, ausgelöst durch gezielte Provokation Bismarcks („dann wäre es niemals möglich gewesen, daß ein Bonaparte einen Krieg mit Deutschland anzufangen hätte Gelegenheit gehabt“)
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nach spektakulären deutschen Siegen nationale Euphorie („ohne diese Wendung der Geschichte in Preußen hätten wir kein Reich“)
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Proklamation Wilhelms I. zum Deutschen Kaiser nach Beitritt der süddeutschen Fürsten zum Norddeutschen Bund („Geburt des Deutschen Reiches“; „durch die Anspannung aller Kräfte, Fürsten, Militär und Volk“) und militärischem Sieg über Frankreich
Verfassung
Revolution 1848/49
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konstitutionelle Erbmonarchie mit garantierten Grundrechten, parlamentarischer Rechenschaftspflicht der Regierung auf kleindeutscher und föderaler Grundlage („den ersten, ernsthaften Versuch […], die Umgestaltung von Deutschland herbeizuführen“)
Reichsgründung 1870/71
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autoritär geprägte konstitutionelle Erbmonarchie (starke Stellung des Kaisers und des Reichskanzlers, geringe parlamentarische Mitbestimmung) auf kleindeutscher und föderaler Grundlage
Ergebnis und Bewertung
Revolution 1848/49
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Die Revolution von 1848/49 war der Versuch einer nationalen Einigung von unten („große nationale Bewegung“).
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Die Revolution scheiterte zwar, dennoch prägte sie das politische Bewusstsein langfristig und bereitete den Weg für spätere Entwicklungen („Die Männer haben im Jahre 1848 getan, was Sie 1870 getan zu haben vorgeben“).
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In den Reden von 1898 wird sie daher von Linken und Liberalen als wichtiger Ausgangspunkt gewürdigt, von Konservativen als Fehlentwicklung abgewertet („von diesem Zeitpunkt an datirt die konstitutionelle Aera in Preußen“).
Reichsgründung 1870/71
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Die Reichsgründung war die Verwirklichung einer nationalen Einigung von oben („Umgestaltung, welche den Abschluss gefunden hat im Jahre 1870/71“).
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Die Reichsgründung führte zur Schaffung des deutschen Nationalstaats, allerdings unter autoritären Vorzeichen mit nur schwach ausgeprägtem Parlamentarismus.
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In den Reden von 1898 wird sie daher von den Konservativen als Erfolg der Monarchie gefeiert, von den Linken kritisiert, da sie als undemokratisches Projekt gewertet wird („Wäre 1848 geworden, was die damaligen Kämpfer des Volks aus ihm machen wollten, dann war 1870 unnöthig […]“).
Bei der Überprüfung der Frage, ob die Weimarer Republik den Vorstellungen der Revolutionäre von 1848 von einem vereinigten Deutschland entsprochen hätte, können folgende Aspekte angeführt werden:
Ziele, die Demokraten wie Liberale befürworteten und in der Weimarer Republik verwirklicht wurden:
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ein vereinigtes Deutschland, das zwar schon 1871 entstand, aber im Versailler Vertrag als Nationalstaat erhalten blieb
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die Einschränkung bzw. Abschaffung der monarchischen Macht, was in der von Volksvertretern verabschiedeten demokratisch-republikanischen Weimarer Verfassung Ausdruck fand
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die Verwirklichung der Grund- und Menschenrechte, die in der Weimarer Verfassung verankert wurden
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eine gesamtdeutsche parlamentarische Vertretung, die in der Weimarer Verfassung mit der Gesetzgebungskompetenz ausgestattet wurde
Allerdings gab es auch einige unterschiedliche Forderungen, deren Umsetzung auf ein verschiedenes Maß an Zustimmung unter den Revolutionären gestoßen wäre:
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Während der Wunsch der Demokraten nach einer Republik mit einem auf Zeit gewählten Staatsoberhaupt umgesetzt wurde, könnte die Machtfülle des Reichspräsidenten („Ersatzkaiser“) Zustimmung bei denjenigen Liberalen finden, die eine konstitutionelle oder parlamentarische Monarchie angestrebt hatten. Ähnliches gilt für die vollständige Entmachtung der Fürsten, während die Abschaffung der Adelsprivilegien und die damit entstandene Rechtsgleichheit der Bürger vermutlich bei beiden Gruppen Anklang gefunden hätte.
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Auch wurde das von den Demokraten präferierte allgemeine und gleiche Wahlrecht eingeführt und auch auf Frauen ausgeweitet, während sich die meisten Liberalen von 1848 für das Zensuswahlrecht ausgesprochen hatten.
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Beide Gruppen hätten ein gesetzgebendes Parlament begrüßt, die Elemente der direkten Demokratie wären für die Liberalen wohl zu weit gegangen.
Darüber hinaus könnten auch soziale und gesellschaftspolitische Elemente, wie die Ausweitung des Systems der Sozialversicherungen und der Arbeiterrechte, Berücksichtigung finden.
Mögliches Fazit
Die Weimarer Republik hätte verfassungsrechtlich und sozialpolitisch am meisten den Vorstellungen der Demokraten von 1848 entsprochen, aber auch die Liberalen hätten sich wohl mit der neuen Staatsform arrangieren können und trotz Abschaffung der Monarchie die Verfassung als Fortschritt gewertet.