Vorschlag C
Die Deutsche Einheit – ein Ideal?
Aufgaben
Beschreibe, wie Süskind in seinem Essay die Entwicklungen in Deutschland beurteilt. (Material)
Erläutere, auch unter Bezugnahme auf den Text, Ursachen und Verlauf der Wiedervereinigung 1989/90.
„Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ (Material)
Überprüfe an ausgewählten Beispielen, inwiefern diese Aussage Willy Brandts auf die Entwicklung von Politik und Gesellschaft in Deutschland von 1813 bis 1914 anwendbar ist.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Der Schriftsteller Patrick Süskind in einem Essay (1990)
1die Losung – hier: Motto
2die Senilität – Altersschwäche
3exponieren – sich in den Vordergrund stellen
4allenthalben – überall
Patrick Süskind: Deutschland, eine Midlife-crisis, in: Ulrich Wickert (Hg.): Angst vor Deutschland, Hamburg 1990, S. 111ff
Hinweise
Patrick Süskind (geb. 1949 in Ambach, Bayern): deutscher Schriftsteller, Studium in Deutschland und Frankreich, lebt in Bayern und Südfrankreich; sein Roman „Das Parfum“ wurde zum Weltbestseller und in 49 Sprachen übersetzt.
Eine erste Version dieses Artikels ist am 16.09.1990 im Spiegel, Nr. 38, erschienen.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Der Schriftsteller Patrick Süskind äußert sich 1990 in seinem Essay skeptisch-empört zu den Entwicklungen und einigen politischen Äußerungen seit dem Tag der innerdeutschen Grenzöffnung (9.11.1989).
Im Einzelnen führt er aus:
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Am 9. November habe er im französischen Rundfunk die Nachricht gehört, dass die DDR-Regierung beabsichtige, die Grenzen zur Bundesrepublik und innerhalb Berlins zu öffnen. Süskind ist erfreut, dass dies, ähnlich wie in anderen osteuropäischen Ländern, ein Schritt in Richtung Reformen und Demokratisierung sei.
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Später erfährt er, dass in Berlin eine ausgelassene Feierstimmung herrsche. Der Regierende Bürgermeister Walter Momper habe behauptet, das deutsche Volk sei in dieser Nacht das glücklichste der Welt, was Süskind irritiert und verwirrt; er fragt sich, wer mit „das deutsche Volk“ gemeint sei, und zweifelt daran, dass ein Volk überhaupt glücklich sein könne; Süskind erwartet Kritik an Momper, diese sei jedoch ausgeblieben.
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Willy Brandt habe einige Tage später die Formulierung: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ verwendet. Süskind hält diese Aussage für Unsinn, da er die Bundesrepublik Deutschland und die DDR als völlig unterschiedliche Systeme betrachtet. Doch auch die Aussage Brandts sei positiv aufgenommen worden.
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Er fragt sich, ob die deutsche Einheit wirklich bevorstehe, welchen Zweck sie habe und ob sie gewollt sei; doch überall bekomme er zu hören, dass man den schnell voranschreitenden Prozess nicht mehr aufhalten könne und die Entwicklung nun von selbst ablaufe. Äußerst skeptisch äußert sich Süskind in diesem Zusammenhang u. a. zu Berlin als möglicher neuer Hauptstadt.
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Süskind empfinde keine Angst, er sei angesichts der schnellen Veränderungen schockiert und verunsichert. Er befürchte kein Wiederaufflammen nationalsozialistischer Ideen, erwarte aber soziale Spannungen in Deutschland sowie durch den Zerfall der Sowjetunion bedingte Kriege und Bürgerkriege im Osten Europas. Schließlich verspüre er Wehmut, da der zwar wenig anziehende, aber vertraute Staat „Bundesrepublik Deutschland“ so bald nicht mehr existieren werde.
Süskinds Text setzt beim Mauerfall am 9.11.1989 an. Als Faktoren, die für diesen entscheidenden Einschnitt ursächlich waren, könnten genannt werden:
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die Reformpolitik Michail Gorbatschows (Perestroika, Glasnost) und „auf den von Gorbatschow vorgezeichneten Weg der Reformen, der Demokratisierung und Liberalisierung ein“
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die Abkehr Gorbatschows von der Breschnew-Doktrin
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die Reformen in Polen und Ungarn in der ersten Hälfte des Jahres 1989 („wie zuvor schon Ungarn und Polen“)
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die Öffnung des Eisernen Vorhangs zwischen Ungarn und Österreich
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die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung der DDR aufgrund der katastrophalen wirtschaftlichen und politischen Situation und der gefälschten Kommunalwahlen Anfang 1989 sowie der Reformverweigerungshaltung der SED-Führung
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Massendemonstrationen in der DDR
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Massenflucht aus der DDR (über die ungarisch-österreichische Grenze und bundesdeutsche Botschaften)
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Formierung der Opposition in der DDR (z. B. Neues Forum)
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Zuspitzung des Konfliktes zwischen Reformforderungen der Opposition und -verweigerung der politischen Führung während des Besuches Gorbatschows anlässlich des 40. Jahrestages der DDR
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Absetzung Erich Honeckers; Nachfolger Egon Krenz
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Öffnung der Berliner Mauer aufgrund der Fehlinterpretation eines Verordnungstextes durch Günther Schabowski während einer Pressekonferenz („die kurze Meldung, es habe die Ostberliner Regierung beschlossen, ab Mitternacht die Grenze zur Bundesrepublik und die zwischen Ost- und Westberlin zu öffnen“)
Als wichtige Stationen im weiteren Wiedervereinigungsprozess könnten genannt werden:
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Zehn-Punkte-Plan von Bundeskanzler Helmut Kohl einer Konföderation von Bundesrepublik und DDR mit dem Fernziel Wiedervereinigung
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Gorbatschows Zustimmung zur Wiedervereinigung
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Zwei-plus-Vier-Verhandlungen zwischen Siegermächten und DDR/Bundesrepublik
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Sieg der CDU bzw. der „Allianz für Deutschland“ bei den ersten freien DDR-Wahlen
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Staatsvertrag (Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion) („Währungsunion zum 1. Juli“)
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Einigungsvertrag („Beitritt der DDR-Länder nach Artikel 23 Grundgesetz im Herbst, […] Hauptstadt Berlin“)
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Zustimmung Gorbatschows zum Verbleib Gesamtdeutschlands in der NATO
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Zwei-plus-Vier-Vertrag
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Beitritt der Länder der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes am 3.10.1990 nach Art. 23 GG
Bei der Bearbeitung der Aufgabenstellung können zwei Aspekte des Zitats getrennt behandelt werden:
„Jetzt wächst zusammen“ kann bezogen werden auf integrative, inkludierende, vereinheitlichende Tendenzen innerhalb des neu gegründeten Bundesstaates. Eine andere Strukturierung als die hier vorgeschlagene kann ebenfalls akzeptiert werden. Als Belege für das Vorhandensein und die Wirksamkeit solcher Tendenzen könnten – je nach den unterrichtlichen Voraussetzungen – genannt werden:
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rechtliche Vereinheitlichungen (Post, Währung, BGB etc.)
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Kaiser und Reichstag als Identifikationssymbole
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gesteigerter Nationalstolz bzw. Nationalgefühl nach dem Sieg über Frankreich
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Imperialismus/Weltmachtpolitik zur Steigerung des nationalen Selbstwertgefühls
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wirtschaftlicher Aufschwung (Zollverein; Eisenbahn; Handelswege)
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Integration der Arbeiterschaft in den Staat durch Sozialgesetzgebung
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rechtliche Gleichstellung und wirtschaftliche Integration der deutschen Juden
Diesen Tendenzen stehen allerdings exkludierende, desintegrierende Tendenzen gegenüber:
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Gefühl der unvollendeten Einheit durch Ausschluss der Österreicher (kleindeutsche Lösung)
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Exklusion von „Reichsfeinden“: u. a. Bismarcks Kampf gegen SPD und Zentrum / katholische Kirche durch Sozialistengesetze bzw. Kulturkampf
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die durch den wirtschaftlichen Aufschwung eher verstärkte als verminderte soziale Spaltung (Klassengesellschaft; Pauperismus; soziale Frage)
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wachsender Antisemitismus
„was zusammengehört“ kann bezogen werden auf die Frage nach den Grundlagen der durch die Reichsgründung zusammengefügten deutschen Nation. Als verbindende Elemente könnten genannt werden:
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gemeinsame Sprache, Kultur und Geschichte (Vereine, Turnerbewegung, Burschenschaften)
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das seit den Befreiungskriegen in bestimmten Bevölkerungsgruppen verbreitete Nationalgefühl (Denkmäler)
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die Aktivitäten der durch das Restaurationsregime unterdrückten Nationalbewegung
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Erfahrungen der Revolution 1848/49 (Aufstände, Nationalversammlung, Parteien)
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der Deutsche Bund als denkbare Vorstufe eines vereinigten Deutschlands
Dem gegenüber standen wirkmächtige trennende Faktoren:
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die konfessionelle Spaltung Deutschlands
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die erheblichen regionalen lebensweltlich-kulturellen Unterschiede
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die staatliche Zersplitterung innerhalb des Deutschen Bundes in weitgehend souveräne Einzelstaaten und der deutsche Dualismus bis 1866 (Österreich–Preußen)
Mögliches Fazit
Seit Beginn der Nationalbewegung stand in Deutschland den verbindenden Elementen Kultur und Geschichte Trennendes von erheblicher Wirkmächtigkeit gegenüber; nach der Reichsgründung nahmen sowohl einigende als auch spaltende Tendenzen zu. Nicht zuletzt die Tatsache, dass das Deutsche Reich nach Niederlage und Sturz der Dynastien nicht zerfiel, deutet allerdings darauf hin, dass der Prozess des „Zusammenwachsens“ der wirksamere war.