Vorschlag A
Bündnisse als Garanten oder als Gefährder des Friedens?
Aufgaben
Fasse den Brief des Staatssekretärs Gottlieb von Jagow zusammen. (Material)
Erläutere, auch mit Bezug auf die Einschätzung Jagows, die Entwicklung zum Ersten Weltkrieg (1890–1914) und die Bedeutung, die den europäischen Bündnissystemen dabei zukam.
„Sir Grey spricht immer von dem Gleichgewicht, das durch die beiden Mächtegruppen hergestellt wird.“ (Material)
Überprüfe, inwiefern man bezüglich des Verhältnisses zwischen den beiden Mächtegruppen in der ersten Phase im Kalten Krieg (1946–1962) von einer „Gleichgewichtspolitik“ sprechen kann.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Privater Brief von Gottlieb von Jagow an den deutschen Botschafter in London, Karl Max von Lichnowsky, vom 18.07.1914
1Ich stehe auch nicht an – Ich zögere auch nicht.
2hic Rhodus, hic salta – bildungssprachliche Aufforderung dahingehend, in einer konkreten Situation das Notwendige zu tun
3die Minierarbeit – hier: heimliche Schwächung und Zersetzung eines als feindlich angesehenen Staates
4die Flaumacherei – hier: Unentschlossenheit, Feigheit, Zaghaftigkeit
5in den Arm fallen – jemanden daran hindern, etwas zu tun
6das Dahinsiechen – langsamer körperlicher Verfall
7admissibel – akzeptabel
8Alexander von Benckendorff (1849–1917) war russischer Botschafter in London.
9Sergei Dmitrijewitsch Sasonow – Außenminister Russlands
10casus foederis – Bündnisfall
11proud – hier im Sinne von: vorteilhaft, günstig
12Sir Edward Grey – englischer Außenminister
13lâchiert (lâchieren) – hier im Sinne von: aufgeben, im Stich lassen
Auswärtiges Amt (Hg.): Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914. Erster Band. Vom Attentat in Sarajewo bis zum Eintreffen der serbischen Antwortnote in Berlin, Berlin 1922, S. 99ff.
Hinweise
Gottlieb von Jagow (1863–1935) war von 1913 bis 1916 als Staatssekretär im Auswärtigen Amt für die deutsche Außenpolitik zuständig.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?In einer Einleitung sollen Autor, Textsorte, Erscheinungsjahr, das Thema und ggf. der Adressat genannt werden: In dem privaten Brief vom 18. Juli 1914 schildert Staatssekretär Gottlieb von Jagow dem deutschen Botschafter in London, Karl Max von Lichnowsky, seine Sicht auf die politischen Spannungen im Vorfeld des Ersten Weltkriegs.
Im Einzelnen führt Jagow dazu Nachstehendes aus:
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Das Bündnis Deutschlands mit Österreich sei unersetzbar trotz der sinkenden Bedeutung Österreichs als Großmacht.
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Österreich habe die Entscheidung getroffen, gegen Serbien vorzugehen, um seine eigene Position zu festigen.
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Deutschland dürfe Österreich in dessen Entschluss nicht behindern, da Österreich seine Chance zur Rehabilitierung wahrnehmen müsse; ansonsten würde der Zerfall Österreichs nur beschleunigt.
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Die Erhaltung eines starken Österreichs als Puffer gegenüber der wachsenden Macht Russlands auf dem Balkan sei essenziell, eine russische Hegemonie in dieser Region inakzeptabel.
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Der Konflikt zwischen Österreich und Serbien müsse lokal beschränkt werden, wobei der Einfluss Russlands und das Verhalten der Entente-Mächte entscheidend seien.
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Die aktuelle militärische Schwäche Russlands könnte es dazu veranlassen, Ruhe zu bewahren, zumal auch die anderen Entente-Mächte keinen Krieg wünschten.
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Im Zuge seiner militärischen Aufrüstung und wachsender deutschfeindlicher Stimmungen könnte Russland aber in Zukunft womöglich das Reich ernsthaft bedrohen.
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Sollte es nicht gelingen, den Konflikt zwischen Österreich und Serbien zu lokalisieren, und Russland eingreifen, wäre Deutschland gemäß dem Bündnisfall gezwungen, Österreich militärisch zu unterstützen, um eine vollständige Isolation zu vermeiden.
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Zwar wünsche er keinen Präventivkrieg, jedoch solle man sich dem Kampf stellen, wenn er unausweichlich werde.
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Englands Haltung sei von großer Bedeutung für eine mögliche Deeskalation; es sei wichtig, dass sich die britische Öffentlichkeit nicht zu stark für Serbien einsetze, um eine globale Eskalation zu verhindern.
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Eine Zerschlagung Österreichs durch Russland könne das gerade von England als bedeutend angesehene Gleichgewicht zerstören und die Lage in Europa erheblich destabilisieren.
Bei der Erläuterung der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges (1890–1914) kann auf folgende Aspekte eingegangen werden:
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außenpolitische Zäsur durch den erzwungenen Rücktritt Bismarcks: „Neuer Kurs“, „Persönliches Regiment“ und „Weltmachtpolitik“ Wilhelms II.
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Belastung des deutsch-britischen Verhältnisses durch Aufrüstung (Flottenbau) und aggressiv-beleidigende Rhetorik bzw. undiplomatisches Verhalten des Kaisers, z. B. „Daily-Telegraph-Affäre“; „Hunnen-Rede“ („Und zu einem vollen Erfolg bietenden Verhältnis zu England sind wir leider noch immer nicht gekommen, konnten nach allem, was vorausgegangen, auch gar nicht dazu kommen – wenn wir überhaupt je dazu kommen können.“)
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Forcierung von radikalem Nationalismus/Chauvinismus, Militarismus
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imperialistische Machtinteressen: Konkurrenz, Rivalität um Kolonialbesitz, Prestige, Rüstungswettlauf, Einschüchterungspolitik insbesondere während der beiden Marokkokrisen; zunehmende Verschlechterung des Verhältnisses zwischen dem Deutschen Reich und den Westmächten
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allgemein: Kriegsbereitschaft („Ich will keinen Präventivkrieg, aber wenn der Kampf sich bietet, dürfen wir nicht kneifen.“)
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Probleme und Zerfall des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn („dem sich immer mehr zersetzenden Staatengebilde an der Donau“, „Prozeß seines Dahinsiechens und inneren Zerfalls“)
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Krisenregion Balkan: Schwäche und Niedergang des Osmanischen Reiches, Interessen der Balkanstaaten, Russlands (Russland als „Schutzmacht“) und Österreich-Ungarns und die daraus resultierenden Konflikte, weitere Belastung der internationalen Beziehungen bis hin zur Kriegsgefahr („Während der ganzen Balkankrise haben wir mit Erfolg im Sinne des Friedens vermittelt, ohne Österreich dabei in kritischen Momenten zur Passivität gezwungen zu haben.“)
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Julikrise: Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau in Sarajevo durch ein Mitglied einer serbisch-nationalistischen Organisation („Österreich will sich jetzt mit Serbien auseinandersetzen und hat uns dies mitgeteilt.“), Blankoscheck des Deutschen Reiches („Je entschlossener sich Österreich zeigt, je energischer wir es stützen, um so eher wird Rußland still bleiben.“), Ultimaten, Mobilmachungen, Kriegserklärungen
Zur Entwicklung der Bündnissysteme und deren zentrale Bedeutung im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg können folgende Aspekte angeführt werden:
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Aufgabe des komplexen, auf Friedenssicherung abzielenden Bündnissystems Bismarcks (bisherige Ziele u. a. Verhinderung eines Zweifrontenkrieges, Einbindung Russlands bzw. Unterbindung eines französisch-russischen Bündnisses)
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Annäherung zwischen England, Frankreich sowie Russland, Entstehung von zwei sich feindlich gegenüberstehenden Bündnisblöcken: Entente cordiale und deren Erweiterung zur Triple Entente versus Zweibund/Dreibund („greift Rußland Österreich an, so tritt der casus foederis ein“)
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Österreich-Ungarn als einzig verbliebener Bündnispartner des Deutschen Reiches vor dem Ersten Weltkrieg (Bedeutungslosigkeit des Dreibundes) („Aber wir haben nun einmal ein Bündnis mit Österreich: hic Rhodus, hic salta.“)
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durch die enge Bindung an Österreich-Ungarn: Einschränkung des außenpolitischen Handlungsspielraumes des Deutschen Reiches („Durch dieses Zurückgehen der österreichischen Machtstellung ist auch unsere Bündnisgruppe entschieden geschwächt worden.“; „Wir ständen dann in einer nicht gerade proud zu nennenden Isolation.“)
Möglich wäre, eingangs den Begriff der „Gleichgewichtspolitik“ zu definieren als eine Politik, die
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von einem Gleichgewicht der Kräfte ausgeht oder
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nach einem Gleichgewicht der Kräfte strebt.
Für das Vorhandensein einer „Gleichgewichtspolitik“ spricht zum Beispiel:
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Herausbildung einer bipolaren Weltordnung zweier Blöcke mit gegensätzlichen politisch-ideologischen Positionen
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Konsolidierung der jeweiligen Machtsphären durch militärische Bündnisse (NATO 1949; Warschauer Pakt 1955)
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atomares „Gleichgewicht des Schreckens“ lässt Mächte vor „heißem Krieg“ zurückschrecken (Koreakrieg, Kubakrise)
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Anerkennung des Mächtegleichgewichts und des nuklearen Patts zwischen den Supermächten („Strategie der friedlichen Koexistenz“)
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Gesprächsbereitschaft auf Seiten des Ostens und des Westens (z. B. Kompromisslösung bei der Kubakrise, Gipfeltreffen und Abrüstungskonferenzen)
Das Vorhandensein einer „Gleichgewichtspolitik“ zwischen den USA und der UdSSR könnte mit Hinweis auf folgende Faktoren in Frage gestellt bzw. relativiert werden:
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vorherrschendes Klima gegenseitigen Misstrauens gegenüber dem ideologischen Gegner (Truman-Doktrin, Zwei-Lager-Theorie)
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Versuche, die eigene weltpolitische Position auf Kosten der anderen Supermacht zu verbessern („Rollbackpolitik“, Koreakrieg, Kuba-Krise)
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konfrontative Provokationen bis knapp unterhalb der Kriegsschwelle (Berlin-Krisen, Kuba-Krise)
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Stellvertreterkriege
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unterschiedliche Interessen im Umgang mit dem geteilten Deutschland, die ein Fehlen an Kompromissbereitschaft dokumentieren (Bundesrepublik: unbedingte Einbindung in die westliche Wertegemeinschaft / DDR: Aufbau des Sozialismus), was bspw. auch die Ablehnung der Stalin-Noten seitens der Westmächte dokumentiert
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Rüstungswettlauf der beiden Supermächte
Mögliches Fazit
Von einer Politik mit dem Ziel eines Gleichgewichts lässt sich mit Blick auf den Kalten Krieg bis 1962 nicht sprechen; eher war es das „Gleichgewicht des Schreckens“, das das Streben der beiden Blöcke nach Dominanz, Zurückdrängung oder gar Vernichtung des Gegners stark einschränkte.