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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 1 – Textanalyse

Thema

Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen

Jochen-Martin Gutsch (*1971): Ich bin ein toxischer Schwurbler (2023)

Aufgabenstellung

1)

Analysiere die Kolumne Ich bin ein toxischer Schwurbler von Jochen-Martin Gutsch. Berücksichtige dabei den Gedankengang, die sprachlich-stilistische Gestaltung sowie die Intention des Textes.

(70 %)
2)

Setze dich ausgehend vom Text mit dem gegenwärtigen Gebrauch von Modewörtern auseinander. Beziehe dabei deine Kenntnisse zur Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen ein.

(30 %)

Material

Ich bin ein toxischer Schwurbler

Jochen-Martin Gutsch1

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Vor ein paar Tagen saß ich mit zwei sehr netten Filmproduzentinnen zusammen. Sie sagten,
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dass sie mein neues Buch verfilmen möchten. Ich sagte: „Juchhe!“ Die Filmproduzentinnen
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meinten, dass es gelingen müsse, die Themen des Buches auf leichte Weise zu erzählen.
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Zum Beispiel: toxische Männlichkeit. Das hat mich überrascht. Ich hätte schwören können,
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dass ich nichts über toxische Männlichkeit geschrieben habe. Das Buch heißt „Frankie“. Die
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Hauptfigur ist ein Straßenkater.
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Auf dem Weg nach Hause dachte ich an die Literatur-Interpretationen meiner Ost-Berliner
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Schulzeit, die im Kern meist darauf hinausliefen, dass nur der Kommunismus die Ausbeutung
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des Menschen beenden wird. Wir lasen diese frohe Botschaft selbst in den Werken von
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Fontane, Goethe, Storm oder Heine. Ich dachte: Wo einst der Kommunismus war, versteckt
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sich heute womöglich die toxische Männlichkeit.
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Dabei war bis vor Kurzem noch gar nichts „toxisch“, oder? Klar, Müll war manchmal toxisch.
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Und Britney Spears sang: „You’re Toxic / I’m Slippin’ Under / With a Taste of a Poison Paradise /
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I’m Addicted to You / Don’t You Know That You’re Toxic?“2
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Heute kann man kaum noch ein Gespräch führen oder die Zeitung aufschlagen, ohne dass
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einem jemand erklärt, wer oder was gerade „toxisch“ ist. Es gibt toxische Geschwister, toxische
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Weiblichkeit, toxische Dates, toxische Nostalgie, toxische Positivität, das toxische
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Arbeitsumfeld, die „Brigitte“3 weiß: „So erkennst Du, ob Du eine toxische Mutter hast“ und
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Florian Harms, Ex-Chefredakteur von SPIEGEL Online, warnt: „Zu viel Homeoffice ist für
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Redaktionen toxisch.“ Selbst „toxische Freiheit“ soll es geben.
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Das macht mich fertig.
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Natürlich kann man einen Selbsttest machen. „Bin ich toxisch?“, fragt der „Stern“ und listet
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zehn toxische Verhaltensweisen auf. Eine lautet: „Sie wollen immer die Kontrolle behalten.“
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Das trifft auf mich zu. Ich mag Kontrolle. Meine Frau nennt mich zuweilen „Kontrollfreak“. Jetzt
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bin ich aber toxisch! Sie sollte davonlaufen und mich meiden wie die Pest.
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Woher kommen die Worte eigentlich? Wie werden sie plötzlich modern? Wie begann der
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Aufstieg von „toxisch“? Ich weiß es doch auch nicht. Ich weiß nur: In meiner Jugend gab es
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die beliebten Worte „geil“ und „urst“. Urst war ein ostdeutscher Ausdruck der Verstärkung.
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Dinge waren „urst geil“. Manchmal auch „urst schau“4. Wenn eine Liebe vorbei war, man
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einsam und im Herzen wund durch die Straßen schlich, dann fühlte man sich „urst scheiße“.
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Und selbstverständlich war die/der Ex auch urst scheiße. Aber niemand hätte gesagt: Der
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Klaus und ich, das war eine urst toxische Beziehung.
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Natürlich hat jede Zeit ihre Modewörter. Der Rassismus und der Sexismus sind zum Beispiel
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mittlerweile undenkbar ohne das Wort „strukturell“. Der unstrukturelle Rassismus ist praktisch
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ausgestorben. Das erinnert mich an eine Zeile aus einem alten Song der Band Erste
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Allgemeine Verunsicherung: „Das Böse ist immer und überall.“
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Genau genommen ist ja das ganze Leben, die ganze Welt, ein irgendwie toxischer Ort. Voller
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Konflikte, Widersprüche, Unannehmlichkeiten. Wenn man nun ständig neue toxische
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Verhaltensweisen fürchtet, derer man sich unverzüglich entledigen muss, dann erscheint mir
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das sehr realitätsfern, so als gäbe es einen Ort voller Reinheit, Eindeutigkeit und der sauberen
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Trennung von Gut und Böse. Aber vielleicht schreibe ich das nur, weil ich abgrundtief toxisch
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bin.
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Oder ein „Schwurbler“. Der „Schwurbler“ ist ein Begriff, der ähnlich wie „toxisch“ und
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„strukturell“ zurzeit sehr angesagt ist. Ob es bereits toxisches strukturelles Schwurbeln gibt,
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entzieht sich meiner Kenntnis. Wer oder was ein „Schwurbler“ ist, das lässt sich nicht wirklich
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definieren oder objektivieren, was den Vorteil hat, dass man jedem, der anderer Meinung ist
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als man selbst, den Vorwurf des Schwurbelns machen kann. Wer zum Beispiel für
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Waffenlieferungen an die Ukraine ist, kann heute ein „Schwurbler“ sein. Wer gegen die
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Waffenlieferungen an die Ukraine ist, kann aber auch ein „Schwurbler“ sein. Ausschlaggebend
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ist allein der eigene geistige Schwurbel-Horizont. Jemanden einen „Schwurbler“ zu nennen,
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hat meiner begrenzten Erfahrung nach noch nie eine ernsthafte Debatte irgendwie bereichert,
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sondern immer nur verkürzt, vereinfacht, getötet. Trotzdem erfreut sich der Begriff auch unter
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Journalisten einiger Beliebtheit.
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An dieser Stelle, während ich noch mal den Selbsttest des „Stern“ studiere, fällt mir auf, dass
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ich schon sehr lange in einer toxischen Beziehung lebe. Freiwillig. Seit Jahren. „Sie tun alles,
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um die Harmonie zu wahren“, heißt es im Artikel. Oh ja.
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Jeden Morgen um sechs Uhr steht meine Katze vor der Schlafzimmertür und maunzt. Sie will
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runter in den Hof, pinkeln. Sie könnte ins Katzenklo pinkeln, dann könnte ich schlafen. Aber
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sie will im Hof pinkeln. Sie ist ein toxisches Miststück. Leider ist im Winter unten die Haustür
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zu. Deshalb gehe ich um sechs Uhr zusammen mit der Katze vom vierten Stock herunter in
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den Hof. Es ist dunkel, kalt, Schneeregen fliegt. Die Katze freut sich. Ich steige fluchend zurück
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in den vierten Stock. Später, um halb acht, will die Katze wieder hoch. Sie maunzt. Ich gehe
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runter in den Hof und hole die Katze. Ich trage sie hoch, sie ist zu faul zum Treppensteigen.
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Oben maunzt sie wieder. Dann muss ich sie füttern. Ich hasse den Geruch von Katzenfutter
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am Morgen. Dann will die Katze spielen. Ich sage: Ich will schlafen! Sie maunzt. Wir spielen.
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Dann will die Katze schlafen. Ich sage: nicht auf meinem Schreibtisch! Ich muss arbeiten! Die
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Katze leckt sich gelangweilt zwischen den Beinen und schläft auf meinem Schreibtisch ein.
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Ich schaue ihr gerührt dabei zu, streichle ihr Fell und denke: So eine toxische Beziehung, die
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kann ungemein bereichernd sein.

1 Jochen-Martin Gutsch: Der Autor ist Journalist und Schriftsteller.

2 Zeilen aus dem Popsong „Toxic“, 2004; Übersetzung etwa: „Du bist giftig / Ich gehe unter / Mit dem Geschmack von vergiftetem Paradies / Ich bin süchtig nach dir / Weißt du nicht, dass du giftig bist?“

3 „Brigitte“, „Der Spiegel“ und „Stern“ sind deutschsprachige Zeitschriften.

4 schau: Jugendsprache in der DDR für cool, super.

Quelle: Gutsch, Jochen-Martin (13.03.2023): Ich bin ein toxischer Schwurbler. URL: https://www.spiegel.de/panorama/toxisch-ueber-die-karriere-eines-modewortes-kolumne-a-4125c8a3-a209-4cb7-9663-c97f680a2d0d (Stand: 16.12.2024).

Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.

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