Aufgabe 4 – Gedichtvergleich
Thema
Interpretation literarischer Texte
Johann Wilhelm Ludwig Gleim (*1719 – †1803): An den Mond (1778)
Hertha Kräftner (*1928 – †1951): Unter dem gleichen Mond (posthum)
Aufgabenstellung
Interpretiere das Gedicht An den Mond von Johann Wilhelm Ludwig Gleim.
Vergleiche das Gedicht An den Mond von Johann Wilhelm Ludwig Gleim mit dem Gedicht Unter dem gleichen Mond von Hertha Kräftner im Hinblick auf die Gestaltung des Mondmotivs. Beziehe dabei neben inhaltlichen auch sprachliche und formale Aspekte ein.
Material
An den Mond
Johann Wilhelm Ludwig Gleim
Quelle: Gleim, Johann Wilhelm Ludwig: Ausgewählte Werke. Hg. von Walter Hettche. Göttingen: Wallstein-Verlag 2003, S. 167.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
Unter dem gleichen Mond
Hertha Kräftner
Quelle: Kräftner, Hertha: Das Werk. Gedichte, Skizzen, Tagebücher. Ausgewählt von Otto Breicha und Andreas Okopenko. Eisenstadt (Österreich): Edition Roetzner 1977. Zitiert nach: Die schönsten Mondgedichte. Hrsg. von Matthias Reiner. Mit Illustrationen von Reinhard Michl. Berlin: Insel Verlag 2017, S. 22.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
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Johann Wilhelm Ludwig Gleim veröffentlichte 1778 sein Gedicht An den Mond und beschreibt darin die emotionale Beziehung des lyrischen Sprechers zum Mond als vertrauten Freund und Tröster in Einsamkeit und Leid.
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Hertha Kräftner (*1928 – †1951) verfasste das posthum veröffentlichte Gedicht Unter dem gleichen Mond , in dem der Mond als Symbol für Distanz, Einsamkeit und unerfüllte Sehnsüchte dient.
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Ziel ist zunächst die Interpretation von Gleims Gedicht, anschließend ein Vergleich beider Texte im Hinblick auf die Gestaltung des Mondmotivs, einschließlich inhaltlicher, sprachlicher und formaler Aspekte.
Teilaufgabe 1 – Interpretation von Gleim: An den Mond
Thema des Gedichts
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Reflexion des lyrischen Sprechers über persönliche Lebenssituation beim Anblick des Mondes.
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Ausdruck von Sehnsucht, Trost und Hoffnung, insbesondere im Umgang mit Einsamkeit und Lebensproblemen.
Sprechsituation, etwa:
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Klage und Gespräch mit dem Mond als vertrautem Freund, an den das lyrische Ich seine Gedanken und Sorgen richtet.
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Perspektive des lyrischen Ichs, das sich bewusst in eine meditative, nächtliche Situation zurückzieht.
Aufbau und wesentliche Inhalte des Gedichts
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Dreigliedrigkeit des Textes:
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Strophe 1 (V. 1–6):
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Direkte Ansprache des Mondes („Dein stilles Silberlicht“, V. 1; „O Mond, Gedanken-Freund“, V. 3).
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Ausdruck von Nähe, Verbundenheit und Sehnsucht nach schönen Zeiten (V. 4–6).
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Parallelismus durch die wiederholte Konjunktion „Und“ unterstreicht simultanes Handeln, Fühlen und Denken.
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Strophe 2 (V. 7–12):
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Mutmaßungen über die Wahrnehmung des Mondes durch andere Menschen („Wer einst, du lieber Mond …“, V. 7–12).
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Personifizierung des Mondes, der angeblich menschliche Sorgen kaum erkennt, aber dennoch freundlich erscheint.
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Einsatz von Diminutiv („Hüttchen“, V. 8) zur Verdeutlichung der Harmonie zwischen Himmel und Mensch.
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Strophe 3 (V. 13–18):
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Offenbarung des eigenen Unglücks und Alleinseins („Daß ich’s nicht bin, sagʼ ich / Nur dir“, V. 13–14).
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Hoffnung auf Trost durch die nächtliche Ruhe; Abschlussgedanke wird durch Doppelpunkt und Kursivdruck hervorgehoben (V. 16–18).
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Wesentliche Aspekte der sprachlichen und formalen Gestaltung
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Gleichmäßige äußere Form: drei Strophen mit je sechs Versen, weitgehend gleiche Verslängen, Paarreim mit umschließendem Reim.
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Gleichmäßiger Rhythmus, überwiegend jambisches Versmaß; V. 16 bildet Ausnahme und verstärkt Eindringlichkeit.
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Wiederholte direkte Anrede („O Mond, Gedanken-Freund“, V. 3, 15) und Personalpronomen „dir“ betonen vertrauliche Beziehung.
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Verwendung von Lichtmetaphern („stilles Silberlicht“, V. 1; V. 9) symbolisiert Orientierung, Hoffnung und emotionale Stabilität.
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Wiederholtes Adjektiv „still“ (V. 1, 11, 15) unterstreicht Ruhe und Geborgenheit.
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Parallelismus (V. 4–6) visualisiert simultanes Handeln, Fühlen und Denken.
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Enjambements und Gedankenstriche in Strophe 3 (V. 14–15) verdeutlichen emotionale Bewegtheit.
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Harmonische, poetische Sprache vermittelt einen positiven, tröstlichen Seelenzustand.
Deutung
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Mond als vertrauter Freund und Trostspender, Auslöser für Selbstbegegnung und Reflexion.
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Tagflucht und nächtliche Ruhe als Symbol für Rückzug und Bewältigung persönlicher Probleme.
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Vermittlung von Hoffnung und innerem Frieden trotz Einsamkeit, Ausdruck eines harmonischen, optimistischen Grundgefühls.
Teilaufgabe 2 – Vergleich Gleim vs. Kräftner: Mondmotivs
Gemeinsamkeiten der inhaltlichen Gestaltung
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Mond als Auslöser für Reflexion über Einsamkeit, Traurigkeit und persönliche Gefühle.
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Naturphänomen dient der Selbstbeobachtung, Tagflucht als Form der Weltflucht.
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Notwendigkeit zur Reflexion persönlicher Probleme wird betont.
Unterschiede der inhaltlichen Gestaltung
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Titel und Nähe: Gleim: direkte Ansprache des Mondes („An den Mond“) → Nähe und Vertrautheit; Kräftner: Präposition „Unter dem gleichen Mond“ → Distanz und globale Perspektive.
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Gleim: Mond als tröstender, persönlicher Freund; Kräftner: Mond als neutraler Beobachter der Einsamkeit von Menschen an unterschiedlichen Orten.
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Gleim: Mond symbolisiert positive Kraft, Hoffnung und Orientierung; Kräftner: Mond wirkt wirkungslos, verstärkt Empfinden von Enttäuschung und Isolation.
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Gleim: Reflexion auf persönliche Vergangenheit; Kräftner: reflektiert zeitgleich die Gegenwart und die unerfüllten Sehnsüchte über Distanz.
Unterschiede in sprachlicher und formaler Gestaltung
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Gleim: poetisch, harmonisch, drei Strophen, gleichmäßiger Rhythmus, Paarreim, jambisches Versmaß.
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Kräftner: einstrophig, prosastilistisch, freier Rhythmus, unregelmäßige Verslängen, keine Endreime.
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Gleim: ehrfurchtsvolle, tröstende Anrede des Mondes; Kräftner: vorwurfsvolle, pathetische Anrede („Gestirn der Grausamkeit und des Kalten“, V. 13).
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Gleim: Wechsel zwischen Gegenwart und Zukunft; Kräftner: Generalisierendes Präsens, Dauerhaftigkeit des Einsamkeitsgefühls.
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Gleim: parataktische Satzstruktur für harmonische Gedankenentwicklung; Kräftner: parallele Strukturen und rhetorische Fragen als Ausdruck der Verzweiflung der Sprecherin.
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Gleim: poetische Bildsprache; Kräftner: unterbrochene, pathetische Prosastilelemente, negativ konnotierte Wortwahl.
Fazit
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Gleim vermittelt durch Mondbetrachtung persönliche Nähe, Trost und Hoffnung.
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Kräftner nutzt den Mond, um Distanz, globale Einsamkeit und Resignation zu verdeutlichen.
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Unterschiedliche sprachliche und formale Mittel spiegeln die jeweilige emotionale Haltung und die Epoche wider.
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Beide Gedichte zeigen, wie das zeittypische Mondmotiv für Reflexion, Selbstbegegnung und emotionale Wirkung eingesetzt wird.