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Aufgabe 4 – Gedichtvergleich

Thema

Interpretation literarischer Texte

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (*1719 – †1803): An den Mond (1778)

Hertha Kräftner (*1928 – †1951): Unter dem gleichen Mond (posthum)

Aufgabenstellung

1)

Interpretiere das Gedicht An den Mond von Johann Wilhelm Ludwig Gleim.

(60 %)
2)

Vergleiche das Gedicht An den Mond von Johann Wilhelm Ludwig Gleim mit dem Gedicht Unter dem gleichen Mond von Hertha Kräftner im Hinblick auf die Gestaltung des Mondmotivs. Beziehe dabei neben inhaltlichen auch sprachliche und formale Aspekte ein.

(40 %)

Material

An den Mond

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

1
Dein stilles Silberlicht
2
Erquickt mir mein Gesicht.
3
O Mond, Gedanken-Freund, ich sehe dich von weiten
4
Und winke dich zu mir,
5
Und bin nicht weit von dir,
6
Und denkʼ an schönʼre Zeiten!

7
Wer einst, du lieber Mond,
8
In diesem Hüttchen wohnt,
9
Und sieht dein Silberlicht, dem magst du keine Falten
10
Auf seiner Stirne sehn,
11
Magst still vorüber gehn
12
Und ihn für glücklich halten!

13
Daß ichʼs nicht bin, sagʼ ich
14
Nur dir, und tröste mich, –
15
O Mond, Gedanken-Freund, – daß stille Nächte kommen!
16
Dir nur vertrauʼ ichʼs, dir:
17
Schon manche Nacht hat mir
18
Des Tages Gram genommen!

Quelle: Gleim, Johann Wilhelm Ludwig: Ausgewählte Werke. Hg. von Walter Hettche. Göttingen: Wallstein-Verlag 2003, S. 167.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

Unter dem gleichen Mond

Hertha Kräftner

1
Unter dem gleichen Mond
2
Sind wir traurig und einsam,
3
Der Mann in Australien und ich.
4
Wenn der Mond heraufkommt,
5
Sagt der Mann: O Mond,
6
Gewächs meiner zärtlichen Wünsche,
7
Gepflanzt auf den Feldern
8
Der Einsamkeit,
9
Planet der vergeblichen Liebe!
10
Warum bin ich allein
11
In diesen warmen Sommernächten?
12
Und ich sage: O Mond,
13
Gestirn der Grausamkeit und des Kalten,
14
Laterne der Wachenden,
15
Die niemanden lieben!
16
Warum liebe ich nicht
17
In diesen kalten Winternächten?
18
Und der Mond hört uns zu,
19
Wie wir singen und weinen,
20
Und gleicht einer Medaille
21
Aus billigem Gold,
22
Wie sie die frommen Schwestern
23
Am Halse tragen,
24
Wenn sie vom Wallfahren
25
Heimkommen.

Quelle: Kräftner, Hertha: Das Werk. Gedichte, Skizzen, Tagebücher. Ausgewählt von Otto Breicha und Andreas Okopenko. Eisenstadt (Österreich): Edition Roetzner 1977. Zitiert nach: Die schönsten Mondgedichte. Hrsg. von Matthias Reiner. Mit Illustrationen von Reinhard Michl. Berlin: Insel Verlag 2017, S. 22.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

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