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Aufgabe 2 – Verfassen informierender Texte

Thema

Materialgestütztes Verfassen informierender Texte

Umbrüche in der deutschsprachigen Literatur um 1900

Die Schriftsteller und der Krieg

Aufgabenstellung

  • Im Rahmen einer Projektwoche deiner Schule zum Thema „Kunst und Krieg in verschiedenen historischen Zeiträumen“ beschäftigte sich dein Deutschkurs mit der Kriegsbegeisterung vieler Schriftsteller der Moderne.

  • Die Erkenntnisse zu den Einstellungen deutschsprachiger Schriftsteller um 1900 zum Krieg sollen der Schulgemeinschaft sowie der interessierten Öffentlichkeit in einem Themenheft zur Verfügung gestellt werden.

  • Verfasse dafür einen informierenden Beitrag.

  • Nutze dazu die folgenden Materialien 1 bis 5 und beziehe Kenntnisse zu den Umbrüchen in der deutschsprachigen Literatur um 1900 ein.

  • Formuliere eine geeignete Überschrift.

  • Verweise auf die Materialien erfolgen unter Angabe des Namens des Autors und ggf. des Titels.

  • Der Beitrag sollte ca. 1000 Wörter umfassen.

Material

M1

Gedanken im Kriege (1914)

Thomas Mann

1
[…] Wie die Herzen der Dichter sogleich in Flammen standen, als jetzt Krieg wurde! Und sie hatten
2
den Frieden zu lieben geglaubt, sie hatten ihn wirklich geliebt, ein jeder nach seiner
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Menschlichkeit, der eine auf Bauernart, der andere aus Sanftmut und deutscher Bildung. Nun
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sangen sie wie im Wettstreit den Krieg, frohlockend, mit tief aufquellendem Jauchzen – als
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hätte ihnen und dem Volke, dessen Stimme sie sind, in aller Welt nichts Besseres, Schöneres,
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Glücklicheres widerfahren können, als daß eine verzweifelte Übermacht von Feindschaft sich
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endlich gegen dies Volk erhob und auch dem Höchsten, Berühmtesten unter ihnen kam Dank
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und Gruß an den Krieg nicht wahrer von Herzen als jenem Braven, der in einem Tageblatt
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seinen Kraftgesang mit dem Ausruf begann: „Ich fühle mich wie neu geboren!“
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Es wäre leichtfertig und ist völlig unerlaubt, dies Verhalten der Dichter auch nur in den
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untersten, bescheidensten Fällen als Neugier, Abenteurertum und bloße Lust an der Emotion
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zu deuten. Auch waren sie niemals Patrioten im Hurra-Sinne und „Imperialisten“, schon
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deshalb nicht, weil sie selten Politiker sind […].
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Erinnern wir uns des Anfangs – jener nie zu vergessenden ersten Tage, als das Große, das
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nicht mehr für möglich Gehaltene hereinbrach! Wir hatten an den Krieg nicht geglaubt, unsere
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politische Einsicht hatte nicht ausgereicht, die Notwendigkeit der europäischen Katastrophe
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zu erkennen. Als sittliche Wesen aber – ja, als solche hatten wir die Heimsuchung kommen
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sehen, mehr noch: auf irgendeine Weise ersehnt; hatten im tiefsten Herzen gefühlt, daß es so
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mit der Welt, mit unserer Welt nicht mehr weitergehe. […]

Anmerkung: Der Autor (*1875 – †1955) wurde 1929 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet.

Quelle: Mann, Thomas: Gesammelte Werke in dreizehn Bänden. Nachträge. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1990, S. 530 – 532.

M2

Von Vernichtungslust und Untergangsangst – Nationalismus, Krieg, Apokalypse (1993)

Klaus Vondung

1
[…] Charakteristisch für die literarische Décadence um 1900 war, wie der Literaturwissenschaftler
2
Wolfdietrich RASCH und andere festgestellt haben, daß sie auf der einen Seite Empfindungen
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des Niedergangs und der Schwäche, Gefühle der Angst und Hilflosigkeit zum Ausdruck
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brachte, auf der anderen Seite jedoch sich fasziniert zeigte von Verfall und gewaltsamer
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Zerstörung. Immer wieder, oft unvermittelt, tauchen in den literarischen Werken des Fin de
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siècle Gewaltphantasien auf […].
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[…] Die künstlerischen Visionen und Träume von Tod und Untergang bedeuten nicht
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notwendigerweise, daß ihre Urheber einen Krieg erwarteten oder gar herbeiwünschten; die
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Reaktionen von Thomas MANN, Hugo VON HOFMANNSTHAL und Alfred KUBIN auf den
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Kriegsausbruch lassen dies erkennen. […]
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Die Faszination, welche die Visionen von Gewalt, Krieg und Vernichtung verraten, wurde durch
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die Möglichkeit erzeugt, den Druck bedrohlicher Erfahrungen und Ängste in ästhetisches Spiel
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zu verwandeln. Und doch sind die Untergangsvisionen der älteren Generation des Fin de
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siècle nicht ganz ohne Bezug zu Kriegsbereitschaft und Kriegseuphorie; sie hatten ein Klima
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geschaffen, das mit den Vorstellungen von Tod und Untergang vertraut machte. Eine jüngere
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Generation knüpfte bei der Verarbeitung ihrer eigenen Krisenerfahrungen an solche
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Vorstellungen an und spitzte sie weiter zu. […]
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Die Unbedingtheit und Radikalität der apokalyptischen Erlösungsvision erklären sich aus ihren
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Motiven. Sie entsteht fast immer in Krisensituationen, wenn Menschen empfinden, daß sie in
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ihrer gesamten Existenz – religiös, politisch, sozial – benachteiligt und gefährdet, daß sie
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unterdrückt und verfolgt sind. Sie legen ihre Leidenserfahrungen so aus, daß die Welt, in der
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sie leben, als sinnentleert erscheint, dem Niedergang geweiht, verdorben und böse. Sie
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sehnen sich nach Erlösung, aber sie glauben nicht, daß einzelne Verbesserungen irgend
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etwas bewirken. Erlösung, so glauben sie, lasse sich nur dadurch erreichen, daß die alte,
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verdorbene Welt untergehe und der böse Feind, der das Verderben verschuldet hat, vernichtet
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werde. Sie empfinden die Krise als umfassend und akut, sie sehen ihre Überwindung als
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unausweichlich und nahe bevorstehend an. […]

Anmerkung: Der Verfasser (*1941) ist Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Allgemeine Literaturwissenschaft.

Quelle: Funkkolleg Literarische Moderne. Europäische Literatur im 19. und 20. Jahrhundert. Studienbrief 3. Hg. vom Deutschen Institut für Fernstudien an der Universität Tübingen. Tübingen: Deutsches Institut für Fernstudien 1993, S. 9/11 – 9/19.

M3

Grauen fällt uns an (2012)

Andreas Pehnke

1
[…] Zwar gab es um die Jahrhundertwende einiges an allgemein pazifistischen Schriften, wie
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Bertha von Suttners bekannten Roman Die Waffen nieder! von 1889 oder die Schrift Die
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Vergangenheit des Krieges und die Zukunft des Friedens, die der französische Mediziner
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Charles Richet 1907 veröffentlichte. Doch für die Exponenten der hohen Literatur schien der
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moderne Krieg kein Thema zu sein. Und so war es am Ende ein Volksschullehrer, Wilhelm
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Lamszus aus Hamburg, der die große Warnung aussprach. Sein Roman, seine Prophezeiung
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Das Menschenschlachthaus – Bilder vom kommenden Krieg, die im Sommer 1912 erschien,
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löste einen Skandal aus. […]
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Der Erfolg des Buches bestätigt den Autor zunächst in seiner Hoffnung. Das
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Menschenschlachthaus, erschienen im Alfred Janßen Verlag, Hamburg und Berlin, findet
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enormen Widerhall. In wenigen Monaten erreicht der 110-Seiten-Roman 70 Auflagen, nach
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drei Monaten sind 100.000 Exemplare verkauft, gleich 1913 gibt es eine verbilligte
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„Volksausgabe“ in 20.000 Exemplaren. Im selben Jahr 1913 noch liegt er in englischer
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Übersetzung vor, Auflage: 100.000. Er erscheint auf Französisch, Dänisch, Tschechisch,
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Finnisch und Japanisch. […]
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Doch dem Triumph folgen die Repressionen. „Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit, der
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Kronprinz des Deutschen Reiches“ wendet sich direkt an den Hamburger Senat mit der
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Forderung, Lamszus aus dem Schuldienst zu entlassen; in Hamburg wird sogar der Verkauf
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des Buches kurzzeitig verboten. […] Derweil tobt die reaktionäre Presse. Wilhelm Lamszus
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wird als „schlechter Deutscher“ denunziert, als „nervenschwacher Feigling“, als
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„anarchosyndikalistischer Revolutionär“2 und als „vaterlandsloser Geselle“ sowieso. […]

Anmerkung: Der Verfasser (*1957) ist Professor für Allgemeine Pädagogik.

1 anarchosyndikalistischer Revolutionär: Angehöriger einer sozialrevolutionären Bewegung, die auf der Basis von Selbstorganisation und Solidarität die Arbeiterschaft zu organisieren und zum Kampf für den Kommunismus zu mobilisieren versuchte.

Quelle: Pehnke, Andreas: Grauen fällt uns an. In: DIE ZEIT 32 (2012). URL : https://www.zeit.de/2012/32/Wilhelm-Lamszus-Menschenschlachthaus (Stand: 25.09.2024).

M4

Zeitenwende 1914 (2014)

Steffen Bruendel

1
[…] [Es] muss auch berücksichtigt werden, dass keiner der beteiligten Künstler und Dichter
2
eine realistische Vorstellung davon hatte, was ein moderner Krieg bedeuten würde. Zwar
3
hatten diverse Krisen und Kriege seit 1900 ihren Wahrnehmungshorizont geprägt, aber in
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Deutschland selbst herrschte seit fast vierzig Jahren Friede. Es gab einen „Überschuß an
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Kraft“, der in den Friedensjahren angestaut worden war und sich, so Stefan Zweig1 im
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Rückblick, „gewaltsam entladen wollte“. Das Fehlen konkreter Kriegserfahrungen erklärt die
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Neugier auf den Krieg, den Erlebnishunger. […] Das Erlebnis, so war man überzeugt, verhelfe
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zu besonderer Einsicht und stifte Erkenntnis. […]
9
Bis Ende 1914 wurden 235 Kriegslyrikbände registriert. Julius Bab, der selbst einen Großteil
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dieser Werke rezensiert hatte, schätzte 1920 rückblickend, dass deutsche Zeitungs- und
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Zeitschriftenredaktionen zwischen August und Dezember 1914 allein aus der Bevölkerung pro
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Tag etwa 50 000 Kriegsgedichte erhalten hatten.
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Aber nicht nur Laien, sondern auch Schriftsteller wurden produktiv. Alfred Henschke alias
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Klabund verfasste „Soldatenlieder“ und Rainer Maria Rilke seine „Fünf Gesänge“, die mit
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folgenden zwei Zeilen beginnen: „Zum ersten Mal seh ich dich aufstehen, / Hörengesagter,
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fernster, unglaublicher Kriegs-Gott.“ Richard Dehmel schrieb ein „Lied an alle“, in dem es hieß:
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„Sei gesegnet, ernste Stunde, / Die uns endlich stählern eint; / [...] Jetzt kommt der Krieg, / Der
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ehrliche Krieg!“
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Briefe und Tagebuchaufzeichnungen belegen, dass die Aussagen der lyrischen Ichs zumeist
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mit denen der Dichter kongruent waren. Dass dieser enormen Produktivität allerdings nicht nur
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Patriotismus und Idealismus zugrunde lagen, sondern bisweilen auch wirtschaftliche
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Interessen, sollte nicht übersehen werden. Als freischaffende Künstler fürchteten sie um ihre
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Einkommen. So sorgte sich Thomas Mann in Briefen an seinen Bruder, durch einen langen
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Krieg wirtschaftlich ruiniert zu werden. Patriotische Kriegsliteratur verkaufte sich gut und die
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seit Kriegsbeginn geltende Zensur spielte ihr in die Hände. Wichtiger aber war, dass gerade
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avantgardistische Dichter im Krieg die Gelegenheit sahen, sich durch die Erschließung neuer
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Leserkreise besser im Literaturbetrieb zu positionieren und zugleich ihre gesellschaftliche
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Außenseiterposition zu überwinden. […]

Anmerkung: Der Verfasser (*1970) ist Historiker und Wissenschaftsmanager.

1 Alle im Text genannten Persönlichkeiten sind Schriftsteller, die um die Jahrhundertwende im Deutschen Reich publizierten.

Quelle: Bruendel, Steffen: Zeitenwende 1914. Künstler, Dichter und Denker im Ersten Weltkrieg. München: F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung 2014, S. 42 und 78 f.

M5

Vitalismus1 und Kriegsdichtung (1996)

Thomas Anz

1
[…] Die einzige entschieden kriegskritische Zeitschrift, die in Deutschland, dank der geschickten
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publizistischen Strategien ihres Herausgebers Franz Pfemfert, kontinuierlich weiter erschien,
3
war „Die Aktion“. [...]
4
Erstmals am 24. Oktober 1914 erschien [...] die Rubrik „Verse vom Schlachtfeld“. Hier wurden
5
von nun an regelmäßig Gedichte junger Expressionisten und Frontsoldaten abgedruckt, die im
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Ton und in der Perspektive bald als eigenständige Gattung einer antiheroischen Kriegslyrik
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gelten konnten. In einer ungewohnten Perspektive dokumentierten sie das andere, offiziell
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verschwiegene Gesicht des Krieges. „Als ich im vordersten Schützengraben diese Zeilen las“,
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so beschrieb Erwin Piscator später ihre Wirkungskraft, „als ein Gedicht neben dem anderen
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mein Leid, meine Angst, mein Leben und meinen voraussichtlichen Tod beschrieb und
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verdichtete [...], da wurde mir bewußt, daß kein gottgewolltes Schicksal waltete, daß kein
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unveränderbares Faktum uns in diesen Dreck führte, sondern daß nur Verbrechen an der
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Menschlichkeit und dem Menschen dazu geführt hatten.“
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Die desillusionierenden Bilder des Todes weiten sich in der expressionistischen Lyrik immer
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wieder zu Visionen über kollektive Katastrophen, über den Untergang des Abendlandes und
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einer Welt aus, deren grauenhafter Zustand vom Tod Gottes zeugt. Auch in solchen
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Zusammenhängen wird der Krieg zur Metapher, und zwar nicht mehr für den quasi
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revolutionären Aufbruch in einen neuen Zustand, sondern für die Agonie eines Zeitalters, für
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den Abschluß einer geschichtlichen Entwicklung, in der die Erfahrungen der Absurdität und
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Angst kaum noch Zukunftsperspektiven zulassen. Nur vereinzelt trifft man in diesen Texten
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auf vitalistische Bildelemente. Wenn die expressionistische Lyrik nach 1916 dem
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Kriegsgeschehen überhaupt noch einen Rest von positiven Bedeutungsmöglichkeiten
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zuerkennen wollte, dann entweder als läuterndem Strafgericht für die Sünden der zivilisierten
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Menschheit oder als notwendigem Durchgangsstadium zu einer völlig neuen Ära des Friedens
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und der Mitmenschlichkeit, als „Jüngstem Tag“, der Untergang und Auferstehung zugleich
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bedeutet, als „Menschheitsdämmerung“ in der doppelten Bedeutung von endzeitlicher
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Verdunkelung und Morgenröte. Nach dem Sturm des Weltkrieges sollte in gleichsam
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gereinigter Atmosphäre die Utopie eines humanen Sozialismus Wirklichkeit werden, der Zerfall
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der Nationen den Boden bereiten für die Entstehung einer neuen Menschengemeinschaft.
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Versucht man heute, die für viele Expressionisten typische Entwicklung von der vitalistisch
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geprägten Kriegsbegeisterung über die desillusionierte Ernüchterung und den Pazifismus zum
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revolutionären Engagement (aus dem 1918/19 konkrete politische Aktivitäten hervorgingen)
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zu rekonstruieren, dann scheint man es zunächst mit vielfachen Inkonsequenzen, Brüchen
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und Unvereinbarkeiten zu tun zu haben. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich indes, daß die
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für diese künstlerische Bewegung charakteristischen Absichten, Werte und Ideen über alle
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historischen Veränderungen hinweg eine erstaunliche Kontinuität bewahrten. Das schon vor
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1914 für die literarische Moderne charakteristische Motiv des „Aufbruchs“ und die
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Hochwertung der „Aktion“ und des „Lebens“ wurden von der Kriegslyrik auf die
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Revolutionsdichtung verschoben. Das gleiche gilt für das den Expressionismus prägende Ideal
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der „Gemeinschaft“. An die Stelle der Idee einer partei- und klassenübergreifenden
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„Volksgemeinschaft“, mit der Wilhelm II. auch die staatskritische Intelligenz so lange
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ideologisch zu integrieren vermochte, bis sie von ihr als zu national begrenzt empfunden
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wurde, rückte die ins Internationale ausgeweitete Utopie der europäischen Gemeinschaft oder
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einer noch umfassenderen Menschheitsverbrüderung. […]

Anmerkung: Der Verfasser (*1948) ist Literaturwissenschaftler.

1 Vitalismus: biologische und philosophische Theorie, die eine besondere, nicht erklärbare Lebenskraft annimmt, deren Wirkung alle Lebensformen erhält und entscheidend beeinflusst.

Quelle: Kultur und Krieg: Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg. Hg. von Wolfgang J. Mommsen unter Mitarbeit von Elisabeth Müller-Luckner. München: R. Oldenbourg Verlag 1996, S. 245 – 247.

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