Vorschlag A
Erörterung pragmatischer Texte
Thema
Friederike Zoë Grasshoff: Worte, die wehtun (2023)
Aufgabenstellung
Stelle den Gedankengang des Auszugs aus der Reportage von Friederike Zoë Grasshoff dar und erläutere die Intention.
Erörtere ausgehend von Grasshoffs Text, ob bzw. inwiefern der Einsatz von Sensibilitätslesern notwendig ist.
Beziehe dabei deine Kenntnisse zur Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen ein.
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Friederike Zoë Grasshoff
1 Aşkın-Hayat Doğan (*1980) ist deutsch-türkischer Sensibilitätsleser, Übersetzer und Autor.
2 „Die Zauberflöte“ – Oper Wolfgang Amadeus Mozarts
3 Pamina – Figur in Mozarts Oper „Die Zauberflöte“
4 l’art pour l’art (frz.) – ästhetisches Konzept, nach dem Kunst unabhängig von Zweck und ethischen Werten ist
5 blümerant (ugs.) – leichten Schwindel oder leichte Übelkeit spürend
6 Piper, Carlsen – deutsche Buchverlage
7 Cancel Culture (engl.) – umstrittener Begriff zur Beschreibung des systematischen Ausschlusses oder Boykotts von
Personen oder Organisationen aufgrund von vorgeworfenen (moralischen, politischen) Verfehlungen
8 Wokeness (engl.) – sowohl positiv als auch negativ konnotierte Bezeichnung für eine politische Einstellung, die u. a. durch
hohes Engagement gegen Diskriminierung gekennzeichnet ist
9 Roald Dahl (1916–1990) – Schriftsteller
10 Monostatos – Figur in Mozarts Oper „Die Zauberflöte“
11 heteronormativ – Heterosexualität als Norm setzend
12 Exotismus – Bewertung aus eurozentrischer Perspektive, die unter Einbeziehung eigener Wunschvorstellungen und
Phantasien Menschen und Kulturen anderer Länder auf den Aspekt des vermeintlich faszinierenden, geheimnisvollen
Fremden reduziert
13 Intersektionalität – Überschneidung mehrerer Formen von Diskriminierung bei einer Person
14 Pansexualität – sich auf alle Geschlechter richtendes sexuelles Empfinden und Verhalten
15 Fat-shaming (engl.) – Zuschreibung negativer Eigenschaften auf Menschen mit Übergewicht
16 Neurodivergenz – von gesellschaftlicher Erwartung abweichende kognitive Gehirnfunktionen
17 Content Note (engl.) – Warnhinweis auf möglicherweise verstörende Inhalte und Themen
Friederike Zoë Grasshoff: Worte, die wehtun, in: Süddeutsche Zeitung, 29.07.2023, S. 43.
Hinweise
Friederike Zoë Grasshoff (*1985) ist Journalistin und Schauspielerin.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textvorlage.
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Einleitung
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In der Reportage Worte, die wehtun von Friederike Zoë Grasshoff, erschienen 2023 in der Süddeutschen Zeitung, geht es um das Tätigkeitsfeld und das Selbstverständnis von Sensibilitätslesern.
Darstellung des Gedankengangs
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Der Text beginnt mit einer Hinführung zu rassistisch und misogyn lesbaren Inhalten in Mozarts Oper Die Zauberflöte aus der Perspektive Doğans (vgl. Z. 1–7). Anschließend wird die Ansicht Doğans dargestellt, dass Kunst trotz grundsätzlicher Kunstfreiheit niemanden kränken solle (vgl. Z. 8–13).
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Danach stellt Grasshoff das Berufsfeld der Sensibilitätsleser vor (vgl. Z. 14–21). Das Aufgabenfeld besteht in der Verhinderung der Verletzung der Rezipienten durch Texte. Die Reichweite dieses Berufsfeldes zeigt sich daran, dass Sensibilitätsleser projektgebunden in fast allen großen Verlagen eingesetzt werden. Zugleich wird die Kontroversität der Tätigkeit wegen ihres vorauseilenden Charakters festgestellt.
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Im weiteren Verlauf wird der Zensurvorwurf gegenüber Sensibilitätslesern am Beispiel der nachträglich geänderten Kinderbücher Roald Dahls dargestellt (vgl. Z. 22–30). Darauf folgt die Zurückweisung des Vorwurfs der Empfindlichkeit durch Doğan. Stattdessen wird Diskriminierung anhand von Beispielen verdeutlicht (vgl. Z. 31–39).
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Anschließend erfolgt ein Rückbezug auf das Beispiel Zauberflöte. Dabei werden konkrete Vorschläge Doğans für eine diskriminierungsfreie Inszenierung dargestellt (vgl. Z. 40–48). Danach wird der Berufsalltag eines Sensibilitätslesers vorgestellt (vgl. Z. 49–72). Dazu gehören Untersuchungsgegenstände, Verdienst und Arbeitsweise. Außerdem werden bestärkende Erfahrungen Doğans dargestellt, insbesondere seine hohe Überzeugungskraft in Diskussionen mit Auftraggebern. Darüber hinaus werden die von Doğan und seinen Kollegen behandelten potenziell diskriminierenden Themengebiete aufgelistet.
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Im Anschluss daran wird Doğans Positionierung deutlich: Die persönliche Betroffenheit des Sensibilitätslesers erscheint als Voraussetzung für die Tätigkeit (vgl. Z. 73–76). Abschließend wird Doğans Positionierung in Bezug auf die Freiheit der Literatur dargestellt (vgl. Z. 77–79).
Erläuterung der Intention des Textes
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Die Intention des Textes besteht in der Information über den Berufsalltag und das kontrovers diskutierte Tätigkeitsfeld von Sensibilitätslesern.
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Außerdem soll für die potenziell diskriminierende Wirkung von Sprache sensibilisiert werden.
Aufgabe 2
Erläuterung der strittigen Frage nach der Notwendigkeit des Einsatzes von Sensibilitätslesern
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Die strittige Frage nach der Notwendigkeit des Einsatzes von Sensibilitätslesern lässt sich zunächst durch verschiedene Eingrenzungen beziehungsweise Problematisierungen erläutern. Zu problematisieren ist das zu lektorierende Material, zum Beispiel im Hinblick auf Neuerscheinungen gegenüber bereits erschienenen Texten. Außerdem stellt sich die Frage nach Texten im engeren Sinne gegenüber medialen Derivaten von Texten, zum Beispiel Spielfilmen, Videospielen oder Theaterinszenierungen. Ebenso kann zwischen fiktionalen Texten und pragmatischen Texten unterschieden werden.
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Darüber hinaus ist die diskutierte Überarbeitung zu problematisieren, etwa im Hinblick auf vorangestellte „Content Notes“ gegenüber Eingriffen in die Textgestalt. Auch die potenziell diskriminierenden Themengebiete sind zu berücksichtigen. Ebenso sind die Interessen der Auftraggeber, zum Beispiel Verlage und Autoren, sowie der Rezipienten einzubeziehen.
Zustimmende Aspekte zum Einsatz von Sensibilitätslesern
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Für den Einsatz von Sensibilitätslesern spricht im Rahmen der Erörterung, auch auf der Basis von Kenntnissen zur Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen, der Einfluss von Sprache auf Wahrnehmung und Denkstrukturen. Daher kann durch Sensibilitätsleser die Perpetuierung zum Beispiel rassistischer, sexistischer, homophober oder ableistischer Stereotype verhindert werden.
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Ein weiterer zustimmender Aspekt ist die Sensibilisierung der Autoren für potenziell diskriminierende Sprachverwendung im Hinblick auf unterschiedliche Themengebiete beziehungsweise im Hinblick auf die Interessen der Auftraggeber und der Rezipienten. Außerdem kann die Diskriminierung marginalisierter Gruppen in kulturellen Artefakten mittels authentischer Überprüfung durch Betroffene im Hinblick auf unterschiedliche mediale Derivate verhindert werden.
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Zudem schafft der Einsatz von Sensibilitätslesern die Möglichkeit diskriminierungsfreier und unbeschwerter kultureller Partizipation für marginalisierte Gruppen durch Warnhinweise oder Eingriffe in die Textgestalt beziehungsweise im Hinblick auf unterschiedliche mediale Derivate. Der Einbezug potenziell diskriminierter Personen in den Entstehungsprozess ästhetischer Werke kann außerdem als gesellschaftliche Teilhabe verstanden werden, und zwar im Hinblick auf unterschiedliche potenziell diskriminierende Themengebiete beziehungsweise im Hinblick auf die Interessen der Rezipienten.
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Darüber hinaus kann der Einsatz von Sensibilitätslesern zum Aufbrechen tradierter Denkmuster, Stereotype und Narrative im Sinne von Framing beitragen, und zwar im Hinblick auf unterschiedliches zu lektorierendes Material. Auch die Förderung gesellschaftlicher Sensibilität gegenüber diskriminierender Wirkung von Sprache spricht für Sensibilitätsleser.
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Ein weiterer zustimmender Aspekt ist die Anpassung auch historischer Texte als Umsetzung einer gesellschaftlich gewollten Entwicklung der Sprache. Schließlich kann der Einsatz von Sensibilitätslesern rechtliche, wirtschaftliche beziehungsweise rufschädigende Konsequenzen durch Klagen, öffentliche Kritik oder Aufrufe zum Boykott im Hinblick auf die Interessen der Auftraggeber verhindern.
Ablehnende Aspekte zum Einsatz von Sensibilitätslesern
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Gegen den Einsatz von Sensibilitätslesern spricht im Rahmen der Erörterung, auch auf der Basis von Kenntnissen zur Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen, dass die Vorabprüfung ästhetischer Texte als Selbstzensur beziehungsweise Zensur verstanden werden kann. Dadurch kann die Kunstfreiheit entgegen den Interessen der Auftraggeber eingeschränkt werden.
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Ein weiterer ablehnender Aspekt ist die Verfälschung der Vergangenheit beziehungsweise Geschichtsklitterung durch nachträgliche Korrektur der sich in älteren Texten zeigenden historischen Gegebenheiten im Hinblick auf das zu lektorierende Material beziehungsweise auf Eingriffe in die Textgestalt. Außerdem besteht die Gefahr eines potenziellen Verfälschens der inhaltlichen und ästhetischen Gestaltung der Originaltexte entgegen den Interessen der Auftraggeber.
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Zudem kann eine Illusion der Zielerreichung entstehen. Diese ergibt sich aus der hohen Anzahl des zu lektorierenden Materials mit potenziell diskriminierenden Inhalten, aus der Vielfalt der enthaltenen potenziellen Diskriminierungen im Hinblick auf die Themengebiete sowie aus der Überschätzung der Wirkkraft von Sprache hinsichtlich der Überwindung gesellschaftlicher Missstände.
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Weiterhin spricht gegen den Einsatz von Sensibilitätslesern die geringe gesellschaftliche Akzeptanz von sensibler Sprachverwendung, zum Beispiel beim Gendern. Hinzu kommt die Divergenz sensibel geprüfter Sprache zwischen ästhetischen Texten und Alltagssprache.
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Problematisch ist außerdem, dass durch prophylaktische Glättung durch Eingriffe in die Textgestalt die aktive kritische Auseinandersetzung mit diskriminierenden Inhalten und problematischer Sprachverwendung verhindert werden kann. Ein weiterer Einwand besteht in der fehlenden Objektivität aufgrund von Entscheidungen der Sensibilitätsleser nach subjektivem Ermessen und Empfinden.
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Außerdem fehlt eine Verbindlichkeit bei Auftraggebern zur Umsetzung der von Sensibilitätslesern geäußerten Korrekturvorschläge. Auch die fragwürdige, nicht über persönliche Betroffenheit hinausgehende Sachkompetenz beziehungsweise Qualifikation von Sensibilitätslesern bei gleichzeitigem Absprechen der kritischen Lektoratskompetenz Nicht-Betroffener kann gegen ihren Einsatz angeführt werden.
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Schließlich kann der Einsatz von Sensibilitätslesern eine Literatur verhindern, die problematische gesellschaftliche Tendenzen zum Gegenstand erhebt, indem Figuren bewusst zum Beispiel als rassistisch gestaltet sind.
Fazit
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Aus der Argumentation ergibt sich ein begründetes Fazit zur strittigen Frage nach der Notwendigkeit des Einsatzes von Sensibilitätslesern.
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Dabei sind sowohl die eher zustimmenden Aspekte, insbesondere Sensibilisierung, Verhinderung diskriminierender Wirkungen und kulturelle Teilhabe, als auch die eher ablehnenden Aspekte, insbesondere mögliche Zensur, Verfälschung von Texten, fehlende Objektivität und Einschränkung kritischer Auseinandersetzung, gegeneinander abzuwägen.Aufgabe 1