Vorschlag A
Thema
Gelassene Natur
Dieser Vorschlag bezieht sich auf Jenny Erpenbeck: Heimsuchung.
Aufgabenstellung
Interpretiere das Gedicht Gelassene Natur von Marie Luise Kaschnitz. (Material)
Setze das im Gedicht von Kaschnitz (Material) dargestellte Naturverständnis in Beziehung zu den Aspekten „Natur“ und „Gärtner“ in Jenny Erpenbecks Roman
Heimsuchung.
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Marie Luise Kaschnitz
1 Frucht im Schoß – poetisches Bild für ein ungeborenes Kind
Marie Luise Kaschnitz: Überallnie. Ausgewählte Gedichte 1928–1965, München 1969, S. 62.
Hinweise
Marie-Luise Kaschnitz (1901–1974): deutsche Schriftstellerin und Dichterin. Das Gedicht entstand
gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
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Einleitung
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In dem Gedicht Gelassene Natur von Marie Luise Kaschnitz, erschienen 1944, wird das ewige Fortbestehen der Natur trotz menschlichen Leids und kriegerischer Zerstörung thematisiert. Die Natur wird dabei als unerschütterliche und selbstgenügsame Kraft dargestellt, die keinerlei Einfluss von menschlichen Geschehnissen, insbesondere nicht von Krieg und Tod, annimmt.
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Das Gedicht spiegelt in diesem Zusammenhang eine resignative Haltung des lyrischen Ichs wider, das die Indifferenz der Natur gegenüber dem menschlichen Elend beklagt.
Aufbau und wesentliche Inhalte
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Das Gedicht besteht aus fünf gleichförmigen Strophen mit jeweils vier Versen. Diese gleichmäßige Struktur steht im Einklang mit der Ruhe und Kontinuität der Natur, die sich durch das Gedicht zieht. Der Titel Gelassene Natur ist mehrdeutig und kann sowohl als Ausdruck einer souveränen Erhabenheit der Natur über das menschliche Geschehen als auch als Ausdruck der Neutralität und Unbeteiligtheit der Natur verstanden werden.
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Strophe 1 stellt die Natur als eine ewige, unerschütterliche Kraft dar. Sie hegt und achtet nur die Frucht im Schoß (V. 3f.) und bleibt dadurch selbstgenügsam. Sie zeigt keinerlei Interesse an menschlichen Schicksalen oder Geschehnissen.
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Strophe 2 reflektiert über die Gleichgültigkeit der Natur gegenüber den kriegerischen Handlungen der Menschen. Das Gedicht verweist auf den Zweiten Weltkrieg, indem der „Lärm der Schlacht“ (V. 6) als unbedeutend gegenüber der Ruhe der Natur dargestellt wird.
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Strophe 3 thematisiert die Ignoranz der Natur gegenüber menschlichem Elend. Es erfolgt eine Gegenüberstellung von Leid und Schönheit. Während die Menschen sterben, blüht der Blütenbaum (V. 11) weiter, so schön wie je (V. 12).
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Strophe 4 spricht explizit das Sterben an und stellt die Vergänglichkeit des Menschen der Beständigkeit der Natur gegenüber.
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In Strophe 5 wird eine moralische Indifferenz festgestellt, indem es heißt: „Dir kann es gleichviel sein, / wer wen erschlug“ (V. 17f.). Das Gedicht endet mit der universalen Rückkehr des Menschen in den Naturkreislauf: „Wir gehen in dich ein“ (V. 19), was das unaufhörliche Fortbestehen der Natur symbolisiert.
Sprechsituation
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Die Sprechsituation im Gedicht ist durch die Anrede der Natur durch ein implizites lyrisches Ich geprägt. Diese Anrede bleibt jedoch unbeantwortet, was die Gleichgültigkeit und Indifferenz der Natur gegenüber menschlichem Leid betont. In der letzten Strophe wird das lyrische Ich auf ein kollektives „Wir“ erweitert, was eine universelle, die gesamte Menschheit betreffende Erfahrung anzeigt. Das lyrische Ich vermittelt dadurch eine gemeinsame menschliche Erfahrung, die sich über den Einzelnen hinaus auf die gesamte Menschheit bezieht.
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Die Haltung des lyrischen Ichs gegenüber der Natur kann unterschiedlich interpretiert werden. Einerseits könnte die Haltung des lyrischen Ichs Bewunderung für die Unabhängigkeit und Unerschütterlichkeit der Natur ausdrücken, andererseits könnte sie auch eine fatalistische Anklage aufgrund der Indifferenz der Natur gegenüber menschlichem Leid darstellen.
Funktionale Erläuterung wesentlicher Aspekte der sprachlich-formalen Gestaltung
Die sprachlich-formale Gestaltung des Gedichts trägt zur Betonung der Thematik und der moralischen Botschaft bei:
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Das Gedicht ist in fünf gleichförmige Strophen mit je vier Versen gegliedert. Diese gleichmäßige Struktur steht im Einklang mit der Regelmäßigkeit und Ruhe der Natur.
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Der Kreuzreim (abab) wird verwendet, um die natürliche Ordnung und die zyklische Struktur der Natur zu verdeutlichen.
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Es wird ein regelmäßiges Metrum verwendet, das abwechselnd drei- und zweihebige Jamben umfasst. Der durchgehende Rhythmus spiegelt die Gleichmäßigkeit und Immunität der Naturprozesse wider.
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Durch den Einsatz von Enjambements in den Strophen 1 bis 4 wird die Überzeitlichkeit und Kontinuität der Natur sowie das unerbittliche Fortschreiten angesichts menschlichen Leids (z. B. „Manch armer Leib verwest / Lebendig tot, / Indessen du begehst / Das Abendrot.“ V. 13ff.) betont.
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Die Personifikation der Natur wird durch Körpermetaphorik verstärkt. So wird die Natur z. B. mit mutterschaftlichen Attributen versehen („Du hegst und achtest nur / Die Frucht im Schoß“, V. 3f.). Es finden sich auch menschliche Handlungen wie „Hegen“, „Achten“, „Weinen“, „Wachen“, „Vernehmen“ und „Begehen“ (V. 3–15), die der Natur zugeordnet werden.
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Die Antithesen zwischen der ruhenden Natur und dem menschlichen Elend verstärken die Kritik an der Unbeteiligtheit der Natur: „Nicht störet deine Ruh / Der Lärm der Schlacht“ (V. 5f.) und „Es blüht dein Blütenbaum“ vs. „Manch armer Leib verwest“ (V. 11 und V. 13).
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Inversionen wie „Nicht störet deine Ruh / Der Lärm der Schlacht“ (V. 5f.) und „Indessen du begehst / Das Abendrot“ (V. 15f.) akzentuieren den anklagenden Ton des Gedichts.
Deutung
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Das Gedicht stellt eine überzeitliche, autonome Naturordnung dar, die unbeeinflusst von menschengemachter Gewalt und Leid fortbesteht. Es setzt sich mit dem historischen Kontext des Zweiten Weltkriegs auseinander und stellt eine Gegensatzbildung zwischen menschlicher Geschichte und der Unabhängigkeit der Natur dar.
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Das Gedicht lässt das lyrische Ich in einer resignativen Haltung gegenüber der Natur zurück, die trotz des menschlichen Elends weiterhin ungerührt fortbesteht. Das Gedicht schließt mit der Akzeptanz des Zyklus von Leben und Tod und einer tröstlichen Perspektive auf die Natur als Teil des Lebenskreislaufs.
Aufgabe 2
Natur
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Natur als zeitlich übergeordnete Konstante: In Kaschnitz' Gedicht wird die Natur als eine unerschütterliche Beständigkeit dargestellt, die das menschliche Elend und die Zerstörung durch den Krieg überdauert. Ein Beispiel hierfür ist die Zeile „Es blüht dein Blütenbaum / So schön wie je“ (V. 11f.), in der die Natur als fortwährende Kraft gezeigt wird, die sich trotz menschlicher Vergehen und Leid nicht verändert. Diese Sichtweise auf die Natur als Konstante ist auch im Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck zu finden. Hier wird das Märkische Meer und die umliegende Landschaft als Formationsgeschichte über Jahrtausende hinweg beschrieben, die trotz Krieg, Tod, Gewalt, Enteignung und Vertreibung immer wieder fortbesteht, auch wenn die menschlichen Handlungen nur kurze Episoden im historischen Kontext darstellen.
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Hierarchisierung Mensch zu Natur: Bei Kaschnitz wird die Überordnung der Natur über den Menschen deutlich. In der ersten Strophe heißt es: „Was kümmert dich, Natur, / Des Menschen Los?“ (V. 1f.). Diese Haltung wird in Erpenbecks „Heimsuchung“ ebenfalls thematisiert. Dort relativiert die Natur das Leben der Romanfiguren, da ihre Lebensgeschichten als kurze Episoden erscheinen im Vergleich zu den übergeordneten Zyklen der Natur. Auch im Prolog und Epilog des Romans wird die Rückkehr der Landschaft zum ursprünglichen Zustand betont, was auf die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und die Beständigkeit der Natur hinweist. Der Fortbestand der Gartenanlage wird in der Romanhandlung als ungewiss dargestellt, was die Relativierung des menschlichen Lebens im Vergleich zur Natur verdeutlicht.
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Teilnahmslosigkeit der Natur gegenüber menschlichem Leid und Gewalt: In Kaschnitz' Gedicht wird die Natur als gleichgültig gegenüber dem Leid der Menschen beschrieben. In der zweiten Strophe heißt es: „Nicht störet deine Ruh / Der Lärm der Schlacht“ (V. 5f.). Diese Gleichgültigkeit der Natur wird auch in Erpenbecks Roman aufgegriffen. Die Natur im Roman regeneriert sich schnell nach Zerstörungen, wie etwa nach der Zerstörung durch die Rote Armee, während die Figuren des Romans seelisch verwundet bleiben. Ein Beispiel hierfür ist die Regeneration der Natur im Kontrast zur seelischen Verwundung der Frau des Architekten. Diese Darstellung der Natur als unberührt von den Leid- und Gewalterfahrungen der Figuren unterstreicht die Indifferenz der Natur gegenüber den menschlichen Schicksalen.
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Natur als Trostraum: In Kaschnitz' Gedicht wird die Rückkehr in den Naturkreislauf als eine beruhigende und tröstliche Perspektive präsentiert. In der letzten Strophe heißt es: „Wir gehen in dich ein, / Das ist genug“ (V. 19f.). Hier wird die Natur als Trostraum und Zufluchtsort dargestellt, der dem menschlichen Leben Frieden und Akzeptanz bietet. In Erpenbecks „Heimsuchung“ wird diese Trostfunktion der Natur ebenfalls thematisiert. Beispielsweise erlebt die Besucherin ein Heimatgefühl, als sie die Natur betrachtet und mit der vertrauten Aktivität des Schwimmens in Einklang tritt. Auch die Rückkehr der unberechtigten Eigenbesitzerin an den See zur Erinnerung an ihre Kindheit zeigt, wie die Natur als letzte Quelle von Halt und Sicherheit dient. Dies wird besonders deutlich, als Doris im Warschauer Ghetto den See und die Bäume als letzten Anker in der Fremde wahrnimmt: „Auf Onkel Ludwigs Grundstück kann sie noch immer von Baum zu Baum gehen [...] und wissen, dass der See noch immer dort ist“ (Kapitel „Das Mädchen“).
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Funktion der Natur im Textgefüge: In Kaschnitz' Gedicht spielt die Natur eine zentrale Rolle als Adressatin in allen Strophen. Sie ist ein strukturgebendes Prinzip des Gedichts. Auch in Erpenbecks Roman ist die Natur ein strukturierendes Element zur Verknüpfung multipler Perspektiven, Zeiten und Figuren. Besonders im Gärtner-Kapitel fungiert die Natur als Scharnier zwischen den handlungstragenden Kapiteln und schafft eine narrative Klammer, in der Wiederkehr bestimmter Naturmotive eine zentrale Rolle spielt.
Gärtner
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Beständigkeit und Kontinuität der Tätigkeit: In Kaschnitz' Gedicht wird die Natur als unveränderlicher Ablauf dargestellt, bei dem das Blühen des Blütenbaums (V. 11f.) den zyklischen Prozess der Natur verdeutlicht. In Erpenbecks Roman spiegelt sich dieser Zyklus in der Tätigkeit des Gärtners, der die Pflege- und Pflanzarbeiten während politischer Umbrüche fortsetzt. Der Gärtner bleibt dabei unbeeinflusst von den historischen politischen Umbrüchen (z. B. Weimarer Republik, Zweiter Weltkrieg, sowjetische Besatzung, DDR-Regime, Nachwendezeit). Dies verdeutlicht die Unveränderlichkeit der Natur und den langsamen Ablauf des natürlichen Kreislaufs.
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Gleichgültigkeit gegenüber Einzelschicksalen: Kaschnitz zeigt eine teilnahmslose Natur, die sich nicht um das Schicksal des Menschen kümmert: „Was kümmert dich, Natur, / Des Menschen Los?“ (V. 1f.). Auch in Erpenbecks Roman bleibt der Gärtner eine unbeteiligte Figur, die sich nicht zu den Schicksalen der Besitzer äußert. Ein Beispiel hierfür ist der Gärtner, der in einem der „Gärtner“-Kapitel gesagt wird, „Der Gärtner spricht wenig, und zu den Ereignissen im Dorf äußert er sich überhaupt nie“.
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Unerschütterliche Ruhe und Distanz: In Kaschnitz' Gedicht bleibt die Natur unbeeindruckt von den Geschehnissen der Welt, z. B. „Nicht störet deine Ruh / Der Lärm der Schlacht“ (V. 5f.). Der Gärtner in Erpenbecks Roman verhält sich ähnlich distanziert. Der Gärtner ist wortkarg und bleibt unbeteiligt an den moralischen und emotionalen Stellungnahmen zu den Ereignissen. In einem Gärtner-Kapitel heißt es, dass der Gärtner zu den Ereignissen im Dorf keine Stellung bezieht.
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Zyklisches Kontinuum und Einklang mit der Natur: Die zyklische Natur wird in Kaschnitz' Gedicht durch den Vers „Indessen du begehst / Das Abendrot“ (V. 15f.) verdeutlicht. In Erpenbecks Roman spiegelt sich dieser Zyklus im Gärtner wider, der mit der Natur arbeitet und jahreszeitliche Rhythmen aufgreift. In einem Kapitel heißt es, der Gärtner beschneidet alle Büsche im Herbst, was die harmonische Eingliederung der Tätigkeit des Gärtners in den natürlichen Kreislauf darstellt.
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Vergänglichkeit des Menschen vs. Überzeitlichkeit der Natur: In Kaschnitz’ Gedicht wird die Vergänglichkeit des Menschen der Überzeitlichkeit der Natur gegenübergestellt. Das Gedicht endet mit der Zeile „Wir gehen in dich ein“ (V. 19), was die Rückkehr des Menschen in den Naturkreislauf symbolisiert. In Erpenbecks Roman zeigt sich die Vergänglichkeit des Gärtners, der immer seltener in Erscheinung tritt und schließlich nicht mehr gesehen wird. Es heißt: „Der Gärtner wird seitdem nicht wieder gesehen“ (11. „Gärtner“-Kapitel). Dieser Kontrast zwischen der Unsterblichkeit der Natur und der Endlichkeit des Menschen ist ein zentrales Thema beider Werke.