Vorschlag C
Thema
Sensibilitätsleser
Aufgabenstellung
Stelle den Gedankengang des Auszugs aus der Reportage von Friederike Zoë Grasshoff dar und erläutere dessen Intention. (Material)
Erörtere ausgehend von Grasshoffs Text (Material), ob bzw. inwiefern der Einsatz von Sensibilitätslesern notwendig ist.
Beziehe dabei deine Kenntnisse zur Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen ein.
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Friederike Zoë Grasshoff
1 Aşkın-Hayat Doğan (*1980) ist deutsch-türkischer Sensibilitätsleser, Übersetzer und Autor.
2 „Die Zauberflöte“ – Oper Wolfgang Amadeus Mozarts
3 Pamina – Figur in Mozarts Oper „Die Zauberflöte“
4 l’art pour l’art (frz.) – ästhetisches Konzept, nach dem Kunst unabhängig von Zweck und ethischen Werten ist
5 blümerant (ugs.) – leichten Schwindel oder leichte Übelkeit spürend
6 Piper, Carlsen – deutsche Buchverlage
7 Cancel Culture (engl.) – umstrittener Begriff zur Beschreibung des systematischen Ausschlusses oder Boykotts von
Personen oder Organisationen aufgrund von vorgeworfenen (moralischen, politischen) Verfehlungen
8 Wokeness (engl.) – sowohl positiv als auch negativ konnotierte Bezeichnung für eine politische Einstellung, die u. a. durch
hohes Engagement gegen Diskriminierung gekennzeichnet ist
9 Roald Dahl (1916–1990) – Schriftsteller
10 Monostatos – Figur in Mozarts Oper „Die Zauberflöte“
11 heteronormativ – Heterosexualität als Norm setzend
12 Exotismus – Bewertung aus eurozentrischer Perspektive, die unter Einbeziehung eigener Wunschvorstellungen und
Phantasien Menschen und Kulturen anderer Länder auf den Aspekt des vermeintlich faszinierenden, geheimnisvollen
Fremden reduziert
13 Intersektionalität – Überschneidung mehrerer Formen von Diskriminierung bei einer Person
14 Pansexualität – sich auf alle Geschlechter richtendes sexuelles Empfinden und Verhalten
15 Fat-shaming (engl.) – Zuschreibung negativer Eigenschaften auf Menschen mit Übergewicht
16 Neurodivergenz – von gesellschaftlicher Erwartung abweichende kognitive Gehirnfunktionen
Friederike Zoë Grasshoff: Worte, die wehtun, in: Süddeutsche Zeitung, 29.07.2023, S. 43.
Hinweise
Friederike Zoë Grasshoff (*1985) ist Journalistin und Schauspielerin.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textvorlage.
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Einleitung
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In der Reportage Worte, die wehtun von Friederike Zoë Grasshoff, erschienen 2023 in der Süddeutschen Zeitung, geht es um das Tätigkeitsfeld und das Selbstverständnis von Sensibilitätslesern.
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Die Reportage beleuchtet die kontrovers diskutierte Tätigkeit dieser Lesekorrektoren, die darauf abzielen, Texte auf diskriminierende Inhalte hin zu überprüfen und gegebenenfalls Änderungen vorzunehmen, um die Rezipienten nicht zu verletzen.
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Der Text stellt dabei das Berufsfeld der Sensibilitätsleser dar und geht auf die gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen dieser Tätigkeit ein.
Gedankengang
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Zu Beginn der Reportage wird die Frage behandelt, inwieweit rassistisch und misogyn lesbare Inhalte in Mozarts Oper Die Zauberflöte aus der Perspektive von Doğan, einem Sensibilitätsleser, problematisch sind (vgl. Z. 1–7). Doğan kritisiert, dass Kunst trotz ihrer grundsätzlichen Kunstfreiheit niemanden kränken sollte, was zu seiner Ansicht führt, dass die Kunst auch auf gesellschaftliche Sensibilität Rücksicht nehmen müsse (vgl. Z. 8–13).
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Anschließend wird das Berufsfeld des Sensibilitätslesers vorgestellt, das projektgebunden in großen Verlagen tätig ist und in fast allen großen Verlagen eine Rolle spielt (vgl. Z. 14–21). Die Aufgaben eines Sensibilitätslesers umfassen die Verhinderung der Verletzung von Rezipienten durch diskriminierende Texte. Der Einsatz dieser Tätigkeit wird jedoch kontrovers diskutiert, da ihr ein vorauseilender Charakter zugeschrieben wird.
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Ein weiteres Beispiel für die Kontroversität dieser Tätigkeit wird durch den Zensurvorwurf verdeutlicht, insbesondere durch die nachträglich geänderten Kinderbücher von Roald Dahl (vgl. Z. 22–30). Hierbei wird gezeigt, wie Diskriminierung durch die Texte von Beispielen aus der Praxis verdeutlicht wird (vgl. Z. 31–39).
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Doğans Vorschläge zur diskriminierungsfreien Inszenierung der Zauberflöte werden als konkrete Beispiele für die Art von Änderungen dargestellt, die ein Sensibilitätsleser empfiehlt (vgl. Z. 40–48). Im weiteren Verlauf der Reportage wird der Berufsalltag eines Sensibilitätslesers vorgestellt, wobei die Aufgaben, die Arbeitsweise sowie das Verdienst thematisiert werden (vgl. Z. 49–72).
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Es wird auch berichtet, dass Doğan und seine Kollegen in ihren Diskussionen mit Auftraggebern eine hohe Überzeugungskraft besitzen, was das Verfahren unterstützt. Die Themen, die von den Sensibilitätslesern überprüft werden, beinhalten potenziell diskriminierende Themenfelder, die durch ihre Arbeit adressiert werden (vgl. Z. 73–76). Die persönliche Betroffenheit der Sensibilitätsleser wird als Voraussetzung für deren Tätigkeit betrachtet, wobei Doğans Position zur Freiheit der Literatur ein wichtiger Bestandteil der Debatte ist (vgl. Z. 77–79).
Intention
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Die Intention der Reportage ist es, über das Berufsbild der Sensibilitätsleser zu informieren und ihre gesellschaftliche Relevanz und ihre Kontroversen darzustellen.
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Ziel ist es, das Bewusstsein für die potenziell diskriminierende Wirkung von Sprache zu schärfen und die Rolle von Sensibilitätslesern in der modernen Literaturkritik zu hinterfragen.
Aufgabe 2
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Zur Erläuterung der strittigen Frage nach der Notwendigkeit des Einsatzes von Sensibilitätslesern wird das zu lektorierende Material eingegrenzt.
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Dabei wird zwischen Neuerscheinungen und bereits erschienenen Texten unterschieden, sowie zwischen Texten im engeren Sinne und medialen Derivaten von Texten, wie Spielfilmen, Videospielen und Theaterinszenierungen. Auch wird differenziert zwischen fiktionalen und pragmatischen Texten (vgl. Z. 1–7).
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Die diskutierte Überarbeitung von Texten wird hinsichtlich der Frage behandelt, ob vorangestellte „Content Notes“ ausreichen oder ob Eingriffe in die Textgestalt notwendig sind.
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Weiterhin wird das Thema der potenziell diskriminierenden Themengebiete angesprochen, ebenso wie die unterschiedlichen Interessen der Auftraggeber, wie Verlage und Autoren, und der Rezipienten (vgl. Z. 8–15).
Zustimmung
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Zu den eher zustimmenden Aspekten zum Einsatz von Sensibilitätslesern gehört die Ansicht, dass Sprache einen großen Einfluss auf Wahrnehmung und Denkstrukturen hat. Es wird argumentiert, dass durch Sensibilitätsleser die Perpetuierung rassistischer, sexistischer, homophober und ableistischer Stereotype verhindert werden kann.
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Weitere zustimmende Aspekte betreffen die Sensibilisierung der Autoren für potenziell diskriminierende Sprachverwendung im Hinblick auf unterschiedliche Themengebiete und die Interessen der Rezipienten.
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Die Verhinderung von Diskriminierungen marginalisierter Gruppen in kulturellen Artefakten wird als ein weiterer positiver Effekt der Tätigkeit von Sensibilitätslesern dargestellt, ebenso wie die Möglichkeit, durch Warnhinweise oder Eingriffe in die Textgestalt eine diskriminierungsfreie kulturelle Partizipation zu ermöglichen (vgl. Z. 16–30).
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Der Einbezug potenziell diskriminierter Personen in den Entstehungsprozess ästhetischer Werke wird als gesellschaftliche Teilhabe hervorgehoben, ebenso wie das Aufbrechen tradierter Denkmuster und Narrative. Diese Prozesse fördern gesellschaftliche Sensibilität gegenüber der diskriminierenden Wirkung von Sprache und unterstützen die Anpassung historischer Texte im Sinne einer gesellschaftlich gewollten Entwicklung der Sprache.
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Die Verhinderung von rechtlichen, wirtschaftlichen und rufschädigenden Konsequenzen durch Klagen oder öffentliche Kritik wird ebenfalls als ein Vorteil der Tätigkeit von Sensibilitätslesern genannt (vgl. Z. 31–45).
Ablehnung
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Dem gegenüber stehen eher ablehnende Aspekte zum Einsatz von Sensibilitätslesern. Diese beinhalten die Kritik an der Vorabprüfung von ästhetischen Texten als (Selbst-)Zensur, die der Kunstfreiheit entgegenstehe. Es wird die Befürchtung geäußert, dass durch die nachträgliche Korrektur von historischen Gegebenheiten eine Verfälschung der Vergangenheit bzw. Geschichtsklitterung betrieben wird.
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Ein weiteres Argument ist, dass durch die Eingriffe in die Textgestalt die inhaltliche und ästhetische Gestaltung der Originaltexte verfälscht werden könnte. Die Illusion einer Zielerreichung wird durch die hohe Anzahl von zu prüfenden Texten und die Vielfalt der enthaltenen potenziellen Diskriminierungen infrage gestellt.
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Es wird argumentiert, dass die Wirkkraft von Sprache hinsichtlich der Überwindung gesellschaftlicher Missstände überschätzt wird und die gesellschaftliche Akzeptanz sensibler Sprachverwendung (wie z. B. Gendern) gering ist.
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Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Divergenz sensibel geprüfter Sprache zwischen ästhetischen Texten und Alltagssprache.
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Zudem wird die Verhinderung einer aktiven kritischen Auseinandersetzung mit diskriminierenden Inhalten durch prophylaktische Glättung als problematisch erachtet.
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Schließlich wird auf die fehlende Objektivität der Sensibilitätsleser hingewiesen, da diese nach subjektivem Ermessen und Empfinden entscheiden, und auf die mangelnde Verbindlichkeit der Korrekturvorschläge gegenüber den Auftraggebern (vgl. Z. 46–60).
Fazit
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Die Frage nach der Notwendigkeit von Sensibilitätslesern ist komplex und lässt sich nicht eindeutig beantworten.
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Auf der einen Seite ermöglichen sie eine Sensibilisierung der Gesellschaft gegenüber diskriminierenden Inhalten und tragen zur Vermeidung von Diskriminierungen bei. Auf der anderen Seite steht die Freiheit der Kunst und die Gefahr der Zensur im Raum.
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Ein ausgewogenes Vorgehen, das sowohl die gesellschaftlichen Bedürfnisse nach Schutz als auch die künstlerische Freiheit berücksichtigt, scheint notwendig.