Block I – Nation und Identität
Thema: Deutscher Nationalismus
Aufgaben
Nenne die formalen Merkmale von M 1. Fasse die Aussagen von Paul A. Pfitzer zu Freiheit und Nationalität zusammen.
Erläutere den Wandel des deutschen Nationalismus im 19. Jahrhundert. Ordne M 1 in diesen Prozess ein und erschließe die Intention des Textes.
„Überwunden werden sollen nicht die Nationen, sondern der absolute Souveränitätsanspruch der alten Nationalstaaten.“
Beurteile diese These von Peter Brandt (M 2) anhand selbstgewählter historischer oder aktueller Beispiele.
Grundlagen
Paul A. Pfitzer: „Gedanken über das Ziel und die Aufgabe des deutschen Liberalismus“ (1832). In: Geschichte in Quellen. Das bürgerliche Zeitalter 1815 – 1914, Bd. 5, München 1990, S. 849.
Peter Brandt: Impulse. Europäische Identität und nationale Identitäten in Europa, Willi-Eichler-Akademie e.V. und Willi-Eichler-Bildungswerk, März 2020; bearb. URL: <https://www.web-koeln.de/wp-content/uploads/2020/03/WEB-Impulse-II-2020_web.pdf> (Zugriff 16.05.2026)
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?M 1 Paul A. Pfitzer: Gedanken über das Ziel und die Aufgabe des deutschen Liberalismus (1832)
Paul A. Pfitzer (1801 – 1867) ein württembergischer Politiker, Journalist, Jurist und Philosoph, u. a. Mitglied in der Frankfurter Nationalversammlung 1848
M 2 Peter Brandt: Impulse. Europäische Identität und nationale Identitäten (2020)
Peter Brandt ist ein deutscher Historiker (geb. 1948).
1Wesenheiten; für eine Identität notwendige Aspekte
2Hinweis auf allgemein geläufiges sprachliches Bild
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Der vorliegende Text ist eine Quelle, und zwar ein Auszug aus dem Buch „Gedanken über das Ziel und die Aufgabe des deutschen Liberalismus“ von Paul A. Pfitzer aus dem Jahr 1832, gerichtet an die deutsche Öffentlichkeit, insbesondere an die Vertreter liberaler Gedanken. Pfitzer selbst, in vielen Bereichen tätig, zählt zu den wichtigen Vertretern des deutschen Liberalismus.
Inhaltlich äußert sich Pfitzer zu den Aspekten von Freiheit und Nationalität, die für ihn in enger Wechselwirkung stehen. Er hebt die französische Nation hervor, da sie aus seiner Perspektive diese Verbindung „am reinsten“ umgesetzt habe.
Der Autor betont, dass Völker, unabhängig vom Monarchen, Rechte besitzen. Das „Wohl eines Landes“ stehe über den Interessen eines Fürsten und nimmt das Prinzip der Nationalität in sich auf.
Trotz des Weiterbestehens nationaler Unterschiede werden Nationalität und persönliche Freiheit gemeinsame Werte sein, so Pfitzer. Nachdrücklich verweist er auf Frankreich, wo diese im Einklang ständen und das Land dadurch zum „Führer und Leiter der Zivilisation“ gemacht hätten. Insofern sei Frankreich Vorbild für Deutschland.
Pfitzer fordert von den Deutschen, für die bürgerliche Freiheit und die Nation zu kämpfen, beide Aspekte dabei miteinander zu verbinden und eine „deutsche Nationalvertretung“ zu bilden.
Textbelege sind erforderlich.
Hier eine Auswahl zentraler Textaussagen:
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Wandel des Staatsverständnisses: Übergang von absoluter Fürstenherrschaft („der Staat bin ich“, Z. 12) zur Volkssouveränität; Fürsten existieren um der Völker willen (Z. 7–8), Völker haben eigene Rechte (Z. 8–10).
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Einheit von Freiheit und Nationalität: Innere Freiheit und äußere nationale Unabhängigkeit gehören untrennbar zusammen (Z. 1–2, Z. 18–19) und dürfen nicht gegeneinander aufgewogen werden (Z. 33–35).
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Vorbild Frankreich: Frankreich gilt als „Leiter der Zivilisation“ (Z. 22), weil es die Freiheit nicht nur predigt, sondern als geschlossene Nation machtvoll unterstützt (Z. 22–25).
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Kritik an Deutschland: Der bloße Freiheitsdrang Einzelner reicht nicht aus (Z. 27–29); ohne nationalen Zusammenhalt wird Deutschland im Ausland nicht ernst genommen (Z. 29–31).
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Politische Kernforderungen: Umwandlung des lockeren Staatenbündnisses in einen nationalen Bundesstaat (Z. 36–38).
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Schaffung einer deutschen Nationalvertretung (Gesamtdeutsches Parlament) (Z. 38–39).
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Initiative und Hauptanstoß müssen vom Liberalismus ausgehen (Z. 39–40).
Die Prüflinge erklären die Begriffe Nationalismus und Liberalismus sowie den Kontext ihrer Entstehung, um dann auf die Entwicklung des deutschen Nationalismus überzuleiten und ihn darzulegen.
Die Entwicklung des modernen Nationalismus steht im Zusammenhang mit der Französischen Revolution, der damit einhergehenden Ablehnung des Absolutismus und dem Bekenntnis zur eigenen Nation auf der Basis von Verfassung, Gewaltenteilung, Menschen- und Bürgerrechten sowie gemeinsamer kultureller Traditionen und Werte.
Diese Grundgedanken beeinflussten auch die Herausbildung des deutschen Nationalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts, getragen vom Kampf gegen Napoleon. Die Forderungen nach einem deutschen Nationalstaat fanden auf dem Wiener Kongress 1814/15 keine Akzeptanz. Stattdessen wurde der Deutsche Bund gegründet, der auf eine Restaurationspolitik orientierte.
Der Gegensatz zwischen liberalen und konservativen Kräften im Vormärz mündete in die Revolution 1848/49. In dieser Zeit entwickelte sich der Nationalismus in Deutschland zur Massenerscheinung. Er stand für die Schaffung eines deutschen Nationalstaates auf einer liberalen Grundlage. Aufgrund der fehlenden staatlichen Einheit galt Deutschland auch als „Kulturnation“.
Mit dem Scheitern der national-liberalen Bewegung in der Revolution 1848/49 wurde die nationale Idee von konservativen Kräften unter Führung Preußens aufgegriffen. Die Reichseinigungskriege mündeten 1871 in der Proklamation des Deutschen Reiches. Damit begann die Entwicklung des Reichsnationalismus, der von Anfang an auf die Stigmatisierung sowie Ausgrenzung sogenannter äußerer und innerer „Reichsfeinde“ setzte.
Unter Wilhelm II. radikalisierte sich der Reichsnationalismus: erkennbar am außenpolitischen Kurs zur „Weltpolitik“, Gründung zahlreicher Vereine und Organisationen, die mit ihrer Propaganda weite Teile der Bevölkerung erreichten.
Aus der ursprünglich vielfach positiv besetzten Idee des Nationalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts war zum Ende des Jahrhunderts, nicht nur im deutschen Kaiserreich, eine rechtsgerichtete Ideologie geworden, die im „integralen Nationalismus“ das Individuum auf die Nation verpflichtete und eine absolute Dominanz der eigenen Nation gegenüber anderen einforderte.
Der Text von Pfitzer ist in die erste Phase der Entwicklung des Nationalismus einzuordnen. Er basiert auf einem fortschrittlichen, gegen die Fürsten gerichtetem Denken und fordert im Sinne der emanzipatorischen Idee des Nationalismus Einheit und Freiheit für alle Deutschen, orientiert an der Französische Revolution.
Die Intention seiner Schrift ist darauf ausgerichtet, sich den Elan und die Errungenschaften von Frankreich zum Vorbild zu nehmen, sich den Herausforderungen von Einheit und Freiheit in Deutschland zu stellen, sich der liberalen Nationalbewegung anzuschließen
Peter Brandt sieht das Weiterbestehen von Nationen in Gegenwart und Zukunft als gegeben und notwendig an, fordert aber ein größeres und konstruktiveres Miteinander ein, ein Zurückstellen von Eigeninteressen zugunsten einer Gemeinschaft.
In der Beurteilung können u.a. folgende Aspekte betrachtet werden, die mit Beispielen zu belegen sind:
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Nationalstaaten haben dazu beigetragen bzw. tragen wesentlich dazu bei, demokratische Entwicklungen auf nationaler Ebene zu befördern bzw. zu verankern: zum Beispiel die Gründung der USA, die Französische Revolution, die Revolution 1848/49 in Deutschland (trotz Scheitern), die Entwicklung der baltischen Staaten nach 1991.
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Nationalstaaten waren und sind wichtig für die Herausbildung einer Identität, für die Bewahrung von Traditionen, für die Bestimmung der Erinnerungskultur – z. B. nationale Feier- und Gedenktage.
Gesellschaftliche Brüche im eigenen Land verweisen sowohl auf Gemeinsamkeiten als auch auf Unterschiede in der Wahrnehmung und Beurteilung bei den genannten Aspekten, zum Beispiel: Deutschland – doppelte Staatsgründung 1949; Wiedervereinigung 1990
Der „absolute Souveränitätsanspruch“ führte und führt zur Überhöhung der eigenen Nation, zu Stereotypen und Feindbildern, die Konflikten und Kriegen münden können, zum Beispiel: 1. und 2. Weltkrieg, der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien in den 1990er Jahren, der 2022 begonnene Krieg Russlands gegen die Ukraine
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Gedanken des „alten Nationalstaates“ legitimieren, wenn auch mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung und Begründung, nach wie vor die Politik von Ländern, zum Beispiel: der Brexit, die Politik Polens und Ungarns gegenüber der EU, die USA unter Präsident Trump mit „America First“, die Entwicklung in China.
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Der „absolute Souveränitätsanspruch“ steht im Widerspruch u.a. zu wachsender Mobilität, Digitalisierung und Globalisierung, Migration, dem Zusammenwachsen innerhalb der EU. Die Herausforderungen der Gegenwart wie Digitalisierung, die Bewältigung der Klimakrise oder einer Pandemie sind nicht in den Grenzen eines Nationalstaates lösbar, zum Beispiel: die Auseinandersetzungen mit großen Konzernen (wie Amazon), die Festlegung auf Klimaziele (Pariser Klimakonferenz 2015), die Gestaltung einer gemeinsamen Flüchtlingspolitik innerhalb der EU, das Zusammenwachsen von „Grenzregionen“ in der EU.
Andere sinnvolle Ausführungen können Teile des Erwartungshorizonts ersetzen.