Block II
Erinnerung und Aufarbeitung von NS-Verbrechen
Thema: Die „Arisierung“ jüdischer Warenhäuser
Aufgaben
Nenne die formalen Merkmale von M 1 und fasse den Stand der Aufarbeitung der Geschichte des Unternehmens HERTIE und deren Bedeutung für die Gegenwart zusammen.
Erkläre den Begriff „Arisierung“ und ordne diese in den Kontext von Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung der Juden im Deutschen Reich zwischen 1933 und 1942 ein.
Erörtere ausgehend von M 1 und M 2, inwieweit Unternehmen und staatliche Einrichtungen verpflichtet sind oder werden sollten, ihre NS-Vergangenheit aufzuarbeiten.
Grundlagen
„Es geht darum, das Gedenken an die Familie Tietz wachzuhalten“
Der Historiker Johannes Bähr im Gespräch mit der Journalistin Birgid Becker. Deutschlandfunk, Wirtschaft am Mittag, Sendung vom 30.11.2020.
Transkript verfügbar unter
<https://www.deutschlandfunk.de/hertie-warenhaeuser-in-der-ns-zeit-es-geht-darum-das-100.html>, Zugriff 06.10.2023
Frank-Walther Steinmeier: Ansprache zur Enthüllung einer Gedenktafel für Hugo und Maria Heymann am 4. Juni 2018.
In: Claudia Kramatschek: Die Villa in der Pücklerstraße. Hugo Heymann und die Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz von Juden im Nationalsozialismus, Bonn 2020, S. 9.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?M 2 Interview mit dem Historiker Johannes Bähr über die Aufarbeitung der NSVergangenheit der HERTIE-Stiftung (30. November 2020)
Die Hertie-Warenhäuser – im 19. Jahrhundert gegründet vom deutsch-jüdischen Unternehmer Oscar Tietz – existieren seit 1994 nicht mehr. Damals wurden sie an den Karstadt-Konzern verkauft. Der Name Hertie existiert allerdings weiter in der gemeinnützigen Hertie-Stiftung, aus deren Budget die Hertie School of Governance finanziert wird, eine private Hochschule, die internationale Führungskräfte heranbilden soll. Der Historiker Johannes Bähr ist damit beauftragt, die Geschichte der von der jüdischen Familie Tietz geführten Hertie-Warenhäuser aufzuarbeiten. Vor allem die Schädigungen des Unternehmens durch das NS-Regime sollen dargelegt werden.
2Georg Karg (1888-1972) war ein deutscher Einzelhandelskaufmann. Er arbeitete sich bis 1927 zum Abteilungsleiter des Warenhausunternehmens Hermann Tietz OHG hoch. Während der Erzwingung eines schrittweisen Ausschlusses der Tietz-Eigentümer durch die Gläubigerbanken und NS-Regierung wurde Karg als Geschäftsführer für die wirtschaftlich angeschlagene Firmengruppe eingesetzt und führte diese unter dem Geschäftsnamen Hertie weiter. Er kaufte später die Anteile der Bankengruppe an der Hertie GmbH in zwei Raten auf, 1936 gegen Zahlung von 2,5 Millionen Reichsmark zum Teil auf Kredit und weitere 50 Prozent im Juni 1940, zugleich übernahm Karg die Schulden des Tietz-Konzerns in Höhe von 129 Millionen Reichsmark.
3Oscar Tietz (1858-1927) eröffnete nach einer kaufmännischen Lehre und ersten Anstellungen am 1. März 1882 mit finanzieller Unterstützung seines Onkels Hermann Tietz in Gera das Garn-, Knopf- und Wollwarengeschäft Hermann Tietz, das bereits wesentliche Merkmale moderner Warenhäuser aufwies: Festpreise, Sofortzahlung und ein breites, nicht zusammenhängendes Sortiment. Ab 1886 eröffnete Tietz weitere Warenhäuser in verschiedenen deutschen Städten und 1900 schließlich auch in Berlin.
M 3 Ansprache des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier anlässlich der Enthüllung einer Gedenktafel an der „Villa Wurmbach“ in BerlinDahlem zur Erinnerung an Hugo und Maria Heymann (4. Juni 2018)
Seit dem Jahr 2004 ist die „Villa Wurmbach“ in Dahlem der dienstliche Wohnsitz des amtierenden Bundespräsidenten. Die Villa ist seit 1962 im Besitz des Bundes, zwei ihrer Vorbesitzer waren der jüdische Unternehmer Hugo Heymann und seine Frau Maria. Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verkaufte das Ehepaar unter dem Druck drohender Verfolgung das Haus an Waldemar Gerber, einem dem NS-Regime nahestehenden Verleger. Hugo Heymann selbst starb 1938 an den Folgen von Gestapo-Verhören.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Bei der vorliegenden Textquelle handelt es sich um ein Interview, welches Birgid Becker (Deutschlandfunk) mit dem Historiker Johannes Bähr am 30. November 2020 führte. Bähr spricht über die NS-Vergangenheit des Unternehmens Hertie und den Stand der Aufarbeitung eben dieser. Dabei unterstreicht Bähr die Wichtigkeit, die NS-Vergangenheit deutscher Unternehmen aufzuarbeiten.
Folgende Aussagen zum Stand der Aufarbeitung lassen sich aus M 1 entnehmen:
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Schon das NSDAP-Programm von 1920 verlangte eine Enteignung jüdisch geführter Kaufhäuser (Z. 15);
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Nach der Machtübernahme 1933 wurden dem Unternehmen Hertie Kredite versagt. Dies brachte das Unternehmen in große Schwierigkeiten, da es bereits durch die Wirtschaftskrise große Verluste erlitten hatte (Z. 16);
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Ein staatlicher Kredit hielt das Unternehmen zunächst liquide, jedoch unter der Voraussetzung, dass Georg Karg als Geschäftsführer eingesetzt wurde;
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Ein Bankkonsortium gründete eine Übernahmegesellschaft (Hertie GmbH), die Hermann Tietz OHG wurde gezwungen immer mehr Anteile an diese Gesellschaft abzugeben, Hertie ist somit ein Produkt der Arisierung (Z. 25-29);
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Wie Georg Karg dann an die Anteile der Hertie OHG und das für den Kauf nötige Geld kam, ist noch nicht aufgeklärt;
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Georg Karg ist laut Bähr ein Profiteur der NS-Arisierung gewesen, obwohl er selbst kein NSDAP-Mitglied war.
Folgende Aussagen zur Bedeutung der Aufarbeitung lassen sich aus M 1 entnehmen:
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Die Aufarbeitung der Geschichte des Hertie-Konzerns ist schon für das Selbstverständnis der Hertie School of Governance wichtig, z. B. die Frage, woher das Geld der Stiftung zur Finanzierung der Hochschule kam (Z. 45 ff.);
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Für Bähr liegt die Bedeutung der Aufarbeitung vor allem in der Aufklärung
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Aufklärung ist notwendig, um das Gedenken an die Familie Tietz aufrechtzuerhalten,
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Aufklärung sollte sich dabei jedoch nicht nur auf die Vergangenheit des Unternehmens Hertie beschränken, auch andere Unternehmen wie Galeria Kaufhof sollten ihre bereits bekannte NS-Vergangenheit aufarbeiten (Z. 57-61).
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„Arisierung“ bezeichnet einen Vorgang, bei dem zwischen 1933 und 1945 Juden im Deutschen Reich und später in den angeschlossenen und besetzten Gebieten systematisch aus Handel, Gewerbe, Wirtschaft und Wissenschaft hinausgedrängt wurden, indem Aktien, Vermögen, Wohnungen, Geschäfte sowie Haus- und Grundeigentum an nichtjüdische Privatleute, Unternehmen oder den Staat übertragen wurden. Wenngleich diese Prozesse nach außen hin als normaler Verkaufsprozess orchestriert wurden, so standen die Verkäufer häufig unter starkem Zwang und Druck. Durch die Arisierung erlangten viele Nutznießer häufig große Gewinne, während die betroffen Juden ihre Existenz verloren. Legitimiert wurde die Arisierung durch den in der NS-Ideologie fest verankerten Antisemitismus.
Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung der Juden im Deutschen Reich lassen sich in folgende Phasen unterteilen:
Die Erste Phase (1933 - 1935) war geprägt von Boykottversuchen gegen Juden sowie der Ausschaltung von Juden aus dem öffentlichen Leben durch Überwachung und Diskriminierung. Es kam zu einzelnen antisemitischen Maßnahmen auf der Grundlage von Notverordnungen und dem Ermächtigungsgesetz. Verstärkter Druck wurde erzeugt, um Auswanderungen zu erzielen. Folgende Ereignisse können Erwähnung finden:
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Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933;
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Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (und die damit verbundene Entlassung aller jüdischen Beamten) sowie das Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft (jüdischen Rechtsanwälten wurde die Zulassung entzogen) vom 7. April 1933;
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Verordnung über die Zulassung von Ärzten zur Tätigkeit bei den Krankenkassen (nicht arischen Ärzten wurde kassenärztliche Zulassung entzogen) vom 22. April 1933;
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Verbot öffentliche Aufträge an jüdische Firmen zu vergeben, Isolierung jüdischer Firmen von Zulieferern (1935).
Die zweite Phase (1935 - 1938) war gekennzeichnet durch die Isolierung und Degradierung der Juden. Eine starke Auswanderungsstrategie wurde eingesetzt, um eine Emigration der Juden zu beschleunigen. Folgende Ereignisse können Erwähnung finden:
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Nürnberger Gesetze 1935;
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Instrumentalisierung der Reichsfluchtsteuer;
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erst ab 1938 wurde die rechtliche Grundlage geschaffen, jüdische Firmen usw. zu enteignen.
In der dritten Phase (1938 - 1941) kam es zu Hass und Terror gegen die entrechtete jüdische Minderheit. Es kam zur Vermögensvernichtung, Rassentrennung und Deportationen. Folgende Ereignisse können Erwähnung finden:
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Novemberpogrome 1938 und die damit verbundene Zerstörung und Plünderung jüdischer Geschäfte sowie die Nötigung, Vermögenswerte zu überschreiben;
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Verordnung über die Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben (12. November 1938) und Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens (3. Dezember 1938) führten zur Auflösung/Enteignung der noch bestehenden jüdischen Betriebe und zum Zwangsverkauf von Eigentum und Wertpapieren;
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Errichtung von Ghettos und zunehmende Massendeportation von Juden nach Osteuropa.
In der vierten Phase (1941 - 1945) eskalierte die Judenverfolgung zur physischen Judenvernichtung. Durch die Wannsee-Konferenz wurde die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen und damit die systematische Deportation und Massenvernichtung der Juden in den Vernichtungslagern organisiert. Eine tiefgründige Beleuchtung dieser Phase wird laut Aufgabenstellung jedoch nicht mehr verlangt.
Der Prozess der Arisierung spiegelt sich in allen Phasen durch unterschiedlichste Maßnahmen seitens des NS-Regimes wider. Profiteure waren dabei etwa Privatleute wie Hermann Abs (ab 1938 Vorstandsmitglied der Deutschen Bank AG u. v. m.), Josef Neckermann (Inhaber eines großen Textilversandunternehmens) oder Georg Karg sowie Unternehmen wie die Deutsche Bank, die Dresdner Bank, das Speditionsunternehmen Schenker, aber auch zahlreiche Museen.
Es sollte sich ausgehend von M 1 und M 2 differenziert mit der (Selbst-)verpflichtung von Unternehmen und staatlichen Einrichtungen bzgl. einer zu erfolgenden Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit auseinandergesetzt werden.
Folgende Aspekte/Fragen können für die Erörterung herangezogen werden:
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Aufarbeitung ist ein wichtiger Prozess, vergangene Verbrechen (wenn auch nicht mehr juristisch) einzugestehen;
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Aufklärung ist heute wichtiger als Aufarbeitung;
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Unternehmen haben moralische Verantwortung gegenüber geschädigten Familien;
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kritisches Auseinandersetzen mit der eigenen Vergangenheit kann auch zu einem Imagegewinn des Unternehmens in der Öffentlichkeit führen;
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Verdrängung und Blockierung einer Aufarbeitung können wiederum einen Imageverlust zur Folge haben;
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Aufarbeitung und Erinnerung sind wichtige Mittel, um gegenwärtigen Antisemitismus zu bekämpfen;
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gegen eine Aufarbeitung könnte sprechen, inwieweit heute überhaupt noch ein großes gesellschaftliches Interesse besteht, die Vergangenheit aufzuarbeiten, ein gesellschaftlicher Mehrwert lässt sich nicht unbedingt erkennen;
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wichtiger ist heute vielmehr, dass sich Unternehmen zukünftigen Herausforderungen stellen (z. B. faire Bezahlung, gute Arbeitsbedingungen, Kundengewinnung), als längst Vergangenes zu untersuchen.