Block I
Beharrung und Wandel
Wiener Kongress und Vormärz
Aufgaben
Nenne die formalen Merkmale von M 1. Fasse die Position des Autors zu den Befreiungskriegen und den Beschlüssen des Wiener Kongresses zusammen.
Erläutere Aspekte von Beharrung und Wandel in den Beschlüssen des Wiener Kongresses und in der Zeit des Vormärz. Ordne M 1 in diesen Kontext ein.
Beurteile, inwieweit es durch die Preußischen Reformen gelungen ist, die in M 2 genannten Grundsätze und Erwartungen bis zur Reichsgründung 1871 zu verwirklichen.
Grundlagen
Gerd Eilers: Meine Wanderung durchs Leben, Bd. 1, 1856, S. 259 ff. <https://www.digitale-sammlungen.de/en/view/bsb10731994?page=,1> (Zugriff am 4.7.2022).
Karl August Freiherr von Hardenberg: „Rigaer Denkschrift“ von 1807. Auszüge zitiert nach Herbert Krieger (Hrsg.), Materialien für den Geschichtsunterricht, Frankfurt/Main 1978, Bd. IV., S. 239.
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Gerd Eilers (1788-1863) war ein deutscher Pädagoge und bekleidete ab 1833 die Position eines Schul- und Regierungsrats in Koblenz, ab 1840 war er hoher Beamter im preußischen Ministerium für Unterricht in Berlin. Ab 1856 veröffentlichte Eilers seine Lebenserinnerungen, im ersten Band schreibt er über die Befreiung Deutschlands von der napoleonischen Herrschaft und die anschließenden Verhandlungen auf dem Wiener Kongress:
M 2 Freiherr von Hardenbergs „Rigaer Denkschrift“ (1807)
Im Jahr 1807 formulierte ein führender preußischer Politiker, Karl August Freiherr von Hardenberg (1750-1823),
seine Vorschläge für eine Reform des preußischen Staates in der „Rigaer Denkschschrift“:
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Bei der vorliegenden Textquelle handelt es sich um einen Auszug aus den Lebenserinnerungen des Pädagogen und Regierungsrates Gerd Eilers, die er ab 1856 verfasste und an die Nachwelt richtete. Er hebt hierbei die Bedeutung der Befreiungskriege gegen Napoleon für die Entstehung eines deutschen Nationalgefühls hervor und kritisiert zugleich die Beratungen und Beschlüsse des Wiener Kongresses, die aus seiner Sicht Sinnbild einer rückwärtsgewandten Politik seien.
Etwa folgende Aussagen lassen sich aus der Quelle entnehmen:
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nicht die Fürsten, sondern das deutsche Volk hat die Herrschaft Napoleons über die deutschen Staaten mit großem Opfereinsatz beendet;
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die Franzosen versuchten während ihrer Herrschaft alles, um das deutsche Nationalbewusstsein zu unterdrücken;
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diese Unterdrückung ließ die Unterschiede zwischen den Deutschen verschwinden und sie sich gemeinsam gegen die Franzosen erheben;
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das Ziel des Kampfes war die Errichtung eines freien Nationalstaats und die damit verbundene Einschränkung der Macht der Fürsten;
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die Fürsten jedoch wollten auf dem Wiener Kongress ihre alten Privilegien und Macht wiedererlangen, um so das Volk erneut unterdrücken zu können;
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in den süddeutschen Staaten gab es sogar Meinungen, lieber zu Frankreich gehören zu wollen, als sich der Herrschaft eines absolutistischen Fürsten zu unterstellen;
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die Ergebnisse des Wiener Kongresses waren eine große Enttäuschung für die Nationalbewegung und ließen daher den Wunsch nach einer Revolution zur Etablierung einer neuen Ordnung stetig wachsen, bis diese letztlich 1848 ausbrach.
Textbelege sind erforderlich.
M 1 lässt sich als klare Positionierung gegen die Beschlüsse des Wiener Kongresses in diesen Kontext einordnen.
Auf folgende Aspekte bzgl. des Wiener Kongresses kann hierbei u. a. eingegangen werden:
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Rahmenbedingungen: Rolle Metternichs und zeitgenössische Sichtweise über den Kongress („der Kongress tanzt“); Napoleons Rückkehr; Schlacht bei Waterloo; Kongressakte
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Beharrung lässt sich u. a. erkennen an: Restaurierung der alten Macht/Wiedereinsetzung der von Napoleon gestürzten Monarchen (z. B. in Spanien und Frankreich); Legitimation des Gottesgnadentums (wie in vorrevolutionärer Zeit); Heilige Allianz als Bündnis reaktionärer Fürsten zur Unterdrückung liberaler und nationaler Bewegungen in Europa; Gründung des Deutschen Bundes mit Fürstenherrschaft (z. T. absolutistisch wie in Preußen oder Österreich)
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Wandel lässt sich u. a. erkennen an einem neuen Verantwortungsbewusstsein der Großmächte zur zukünftigen Konfliktprävention in Europa (Errichtung eines Mächtegleichgewichtes, Konferenzdiplomatie und Mäßigung gegenüber dem Kriegsverlierer Frankreich); Neugestaltung „Deutschlands“ durch Deutschen Bund (etwa die weitere „Flurbereinigung“ der deutschen Territorien); Einfluss der Ideen der Französischen Revolution
Darüber hinaus können Aspekte von Beharrung und Wandel an folgenden Ereignissen des Vormärz erläutert werden:
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Verstärkung der fürstlichen Unterdrückung und Festhalten an der alten Ordnung in Folge des Wartburgfestes 1817, der Karlsbader Beschlüsse 1819, des Hambacher Festes 1832 sowie des Weberaufstandes 1844;
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das Erstarken einer liberalen und nationalen (Oppositions-)Bewegung – z. B. in der Folge der Julirevolution von 1830 – als eine zunehmende Emanzipation verschiedenster Schichten gegenüber der alten Ordnung und somit Sinnbild eines politisch-gesellschaftlichen Wandels;
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die Überwindung der innerdeutschen Zollgrenzen durch die Gründung des deutschen Zollvereins 1834 als Ausdruck ökonomischen Wandels.
Die Aufgabenstellung verlangt, dass zunächst die Grundsätze und Erwartungen, die Hardenberg in seiner Denkschrift äußert, erfasst werden:
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gewaltloser Wandel (anders als in der Französischen Revolution);
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Ausstattung der Monarchie mit demokratischen Aspekten;
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friedliche Durchsetzung der fortschrittlichen Ideale der Französischen Revolution, um Preußens Wiederaufstieg nach der Niederlage gegen Napoleon einzuleiten.
Darüber hinaus soll die Umsetzung dieser Grundsätze kritisch beurteilt werden. Mögliche Ansätze dabei wären u. a.:
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Die friedliche Umsetzung der Reformen war durch eine geordnete Durchführung „von oben“ gesichert.
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Demokratische Elemente lassen sich in den Reformen u. a. in der kommunalen Selbstverwaltung, der freien Berufswahl und Gewerbefreiheit, der Abschaffung der Leibeigenschaft sowie der Gleichstellung der Juden nachweisen. Gleichwohl war der preußische Staat von einem demokratischen System nach heutigem Maßstab noch weit entfernt. Weder gab es eine gesamtstaatliche Verfassung mit demokratischem Wahlrecht noch eine richtige Gewaltenteilung. Zudem wurden alte Strukturen nicht komplett aufgebrochen, da etwa die Bauernbefreiung auf viele Hindernisse stieß.
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Trotzdem lässt sich sagen, dass durch die für die damalige Zeit fortschrittliche Reformpolitik die Grundlagen für den späteren politischen und wirtschaftlichen Aufstieg Preußens gelegt wurden. Preußens militärische Vormachtstellung, vollendet durch die militärischen Siege gegen Österreich 1866 und Frankreich 1870/71 sowie die Gründung eines deutschen Nationalstaates unter seiner Führung, ist ebenso Folge der Reformpolitik wie seine Rolle als „Motor der Industrialisierung“ im Deutschen Bund (s. u. a. Gründung des Zollvereins).