Block I – Soziale Frage im 19. Jahrhundert
Thema: Das Fabriksystem
Aufgaben
Nenne die formalen Merkmale von M 1. Fasse die Sicht des Autors auf das Fabriksystem und dessen Wirkungen auf die Arbeiter zusammen.
Erkläre die Sichtweisen in M 1 und M 2 im Kontext der Sozialen Frage im 19. Jahrhundert. Erschließe mögliche Folgen der in M 3 genannten Heterogenität des „Proletariats“ für die Lösung der Sozialen Frage.
Erörtere, inwieweit sich die in M 1 und M 2 genannten Einschätzungen der Arbeiterschaft in der deutschen Geschichte bis in die Gegenwart bestätigt haben.
Grundlagen
Bruno Hildebrand: „Die Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft“, 1848, S. 225-229
Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei (1848), MEW 4, S. 468
Michael Schwartz: „Proletarier" und „Lumpen". Sozialistische Ursprünge eugenischen Denkens. In: VfZG 1994-4, S. 542
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?M 1 Bruno Hildebrand zum Fabriksystem (1848)
Professor der Staatswissenschaften (1812-1878), 1848 Abgeordneter der Nationalversammlung, Mitglied im volkswirtschaftlichen Ausschuss, schreibt in „Die National-ökonomie der Gegenwart und Zukunft“ (1848)
M 2 Marx/Engels: Kommunistisches Manifest (1848, Auszug)
M 3 Michael Schwartz über das Proletariat im 19. Jahrhundert (1994)
Der Autor Michael Schwartz ist ein deutscher Historiker. Zu den Schwierigkeiten der marxistischen Arbeiterbewegung schreibt er:
1Das „Lumpenproletariat“ war für Marx/Engels eine soziale Gruppe unterhalb der Lohnarbeiter, etwa Vagabunden, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner.
2Die „Arbeiterverbrüderung“ gilt als frühe Gewerkschaft.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?M 1 ist eine wissenschaftliche, lehrbuchartige historische Darstellung der Volkswirtschaft, geschrieben von Bruno Hildebrand, einem deutschen Professor der Staatswissenschaften, der wenige Zeit nach der Publikation in der deutschen Nationalversammlung als Abgeordneter saß. Seine Intention lag in einer Darstellung besonders der Wirkungen der Maschinen in der Industrialisierung, wobei er sich gegen Marx‘ und Engels‘ pessimistische Beschreibung der Lage der arbeitenden Klasse wandte.
Die Merkmale sind etwa:
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Sicht auf das Fabriksystem:
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Gefahr der Kapitalherrschaft: Tendiert inhärent zu einer übermächtigen Herrschaft des Kapitals, die ohne Widerstand sozialen Druck ausübt (Z. 2–4).
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Zentrales Epochenproblem: Die Übergangsperiode fordert wegen des Missverhältnisses von Kapital und Arbeit dringend eine gerechtere Güterverteilung; dies ist das größte soziale Problem der Geschichte (Z. 4–9).
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Kulturelle Notwendigkeit: Das auf freier Konkurrenz basierende System ist ein notwendiges, unersetzbares Glied in der Kulturentwicklung der Menschheit (Z. 10–16).
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Wirkungen auf die Arbeiter:
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Das System erzeugt das Elend nicht, sondern bringt die ohnehin vorhandene Armut und den Klassengegensatz ans Tageslicht (Z. 16–19).
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Disziplinierung und Flexibilität: Der Maschinentakt erzieht zu regelmäßiger Tätigkeit und Zeitnutzung (Z. 20–22); der erzwungene Gewerbewechsel erweitert den Blick und stärkt das Selbstvertrauen (Z. 22–25).
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Formierung von Klassenbewusstsein: Das Zusammenführen isolierter Arbeiter in Großbetriebe schafft erstmals ein Selbstbewusstsein und gesellschaftliche Ansprüche (Z. 25–27); sozialistische Bewegungen sind Ausdruck dieses Arbeiterstolz (Z. 27–30).
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Bürgerliches Mitgefühl und Teilhabe: Das Schicksal der Massen weckt das Empathievermögen der gebildeten Klassen; Arbeiter werden von „bewusstlosen Werkzeugen“ zu bewussten Gliedern der Gesellschaft (Z. 31–35).
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Zivilisatorischer Aufstieg: Die Maschine reißt Arbeiter aus historischer Trägheit und einem „halbtierischen Zustand“ heraus (Z. 35–37, Z. 42–44); sie vermittelt geistige und moralische Eigenschaften für eine dauerhafte Selbsthilfe (Z. 37–42).
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Stolz auf historische Rolle: Der moderne Arbeiter begreift sich als aktiver, mitdenkender Mitgestalter des historischen Fortschritts („großen Baue der Geschichte“) (Z. 44–46).
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Die „Soziale Frage“ sollte zunächst geklärt und erläutert werden. Es ging um die soziale und politische Reaktion auf die Herausbildung einer neuen sozialen Gruppe, der Industriearbeiterschaft. Die Soziale Frage stellte sich durch den Gegensatz des industriellen Wachstums, höheren gesellschaftlichen Reichtums zum gleichzeitigen Elend in Teilen der Arbeiterschaft. Im 19. Jh. entstanden von verschiedenen gesellschaftlichen Kräften her Lösungsansätze: Noch auf der Ebene des Mitleids und der Armenfürsorge gab es kirchliche und staatliche Angebote; Unternehmer sorgten speziell für ihre eigenen Betriebsangehörigen durch soziale Maßnahmen; auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene wollten Liberale die Produktionsgewinne durch die Industrialisierung in die Arbeiterschaft geben, ohne das kapitalistische System zu gefährden. Hier ist der Ansatz von Hildebrand (M 1) einzuordnen. Ihm geht es um eine gewisse Umverteilung im bestehenden System, ohne dies grundsätzlich infrage zu stellen.
Durch politische Organisation und Aktionen entstand die Arbeiterbewegung. Zu dieser gehörte die kommunistische Richtung von Karl Marx und Friedrich Engels, die eine wachsende Spaltung der Gesellschaft in zwei Klassen voraussah, die nur durch eine Revolution und Änderung der Besitzverhältnisse überwunden werden könne. Der Textauszug aus dem Kommunistischen Manifest (M 2) hebt hervor, dass die sinkenden Produktionskosten durch die Maschinen zu weiter sinkenden Löhnen führen würden, auch werde der Arbeitsdruck weiter steigen. Die Auswirkungen des Fabriksystems werden als nur negativ wahrgenommen. Daraus folgt für Marx/Engels die Notwendigkeit eines revolutionären Systemwechsels, der die Fabriken in die Hand der Arbeiter legen soll.
Der frühe Gewerkschaftler Stefan Born hat im 19. Jahrhundert die Proletarier in drei Stände: die Facharbeiter, die Ungelernten und das völlig verelendete „Lumpenproletariat“ differenziert, um zu zeigen, dass von vornherein keine einheitlichen Verhältnisse und Interessen bestanden, die eine einheitliche Politik begründet hätten. Der Historiker Schwarz (M 3) konstruiert daraus in überspitzter Formulierung einen „Zweifrontenkrieg“ der marxistischen Arbeiterbewegung gegen das Kapital einerseits und gegen das ohne klares politisches und soziales Bewusstsein lebende tieferstehende Proletariat. Die Lösung der Sozialen Frage bezog sich nicht auf eine geschlossene, sondern auf eine in ihren Interessen und Zielen vielfältige soziale Gruppe. Die Arbeiterbewegung konnte demnach nicht alle erreichen, das politische System blieb differenzierter als von Marx und Engels vorausgesehen.
Die Aufgabe entspricht im Wesentlichen dem EPA-Anforderungsbereich III.
Schon zur Zeit der 48er-Revolution sah die frühe Arbeiterbewegung nicht nur den Gegensatz zur Bourgeoisie, sondern auch den der qualifizierten Arbeiter zu den unqualifizierten und zum unpolitischen „Lumpenproletariat“, das nur möglichst gut überleben wollte. Eine politische Änderung konnte nur durch die Organisation der „Fähigen“ gelingen.
In Hinsicht auf die weitere Entwicklung können der optimistisch-reformerische Zug bei Hildebrand und die pessimistische Katastrophentheorie bei Marx/Engels diskutiert werden. Dies kann z. B. betreffen:
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die fortwährende Differenzierung der Gesellschaft in eine vielfältigere Schichtung mit einer starken Mittelschicht
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die gelungenen Sozialreformen, besonders seit der Bismarckzeit in Deutschland, integrierten die Arbeiterschaft und die Arbeiterbewegung (SPD) in das System
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die Spaltung der Arbeiterbewegung seit der Weimarer Republik, auch aufgrund unterschiedlicher Haltung zum „Klassenkampf“
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die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ sollte den Klassenkampf überwinden, allerdings durch brutale Exklusion der „Volksfremden“
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den Versuch in der DDR, die Arbeiterfrage über die Diktatur des Proletariats für gelöst zu erklären
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die starke Rolle des Zugangs zu Bildung/Ausbildung in der sozialen Schichtung
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die moderne „Prekariats“bildung durch soziale Marginalisierung, Immigration, Dequalifizierung nach technischem Wandel
Andere sinnvolle Ausführungen können Teile des Erwartungshorizonts ersetzen.