Block II – Industrialisierung und Soziale Frage
Aufgaben
Fasse die politischen Forderungen und deren Begründung in M 1 und M 2 zusammen. Erschließe mit Blick auf die gegebenen formalen Merkmale den Adressatenkreis und die Funktion von M 1 und M 2.
Erläutere Entstehungsbedingungen der Sozialen Frage im 19. Jahrhundert. Ordne die Lösungsansätze in M 1 und M 2 in das Spektrum der Initiativen zur Lösung der Sozialen Frage ein und begründe davon ausgehend die unterschiedliche Herangehensweise.
„In der heutigen Gesellschaft sind die Arbeitsmittel Monopol der Kapitalistenklasse; die hierdurch bedingte Abhängigkeit der Arbeiterklasse ist die Ursache des Elends und der Knechtschaft in allen Formen. Die Befreiung der Arbeit erfordert die Verwandlung der Arbeitsmittel in Gemeingut der Gesellschaft und die genossenschaftliche Regelung der Gesamtarbeit mit gemeinnütziger Verwendung und gerechter Verteilung des Arbeitsertrages. Die Befreiung der Arbeit muss das Werk der Arbeiterklasse sein, der gegenüber alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse bilden.“ (M 1, Z. 4–11)
Erörtere anhand selbstgewählter historischer und aktueller Beispiele die Relevanz der politischen Forderung für die Gegenwart.
Grundlagen
Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, Das Gothaer Programm; beschlossen auf dem Gründungsparteitag der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands in Gotha im Jahre 1875. Zitiert nach: W. Lautermann, M. Schlenke (Hg.), Das bürgerliche Zeitalter, 1815-1914, München 1980, S. 878–879.
Alfred Krupp: Ein Wort an meine Angehörigen, 1877 (Auszug). Zitiert nach: Wilhelm Bredrow (Hrsg.), Alfred Krupps Briefe 1826-1887, Berlin 1928, S. 343–348.
M 1 Das Gothaer Programm
Beschlossen auf dem Gründungsparteitag der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands in Gotha im Jahre 1875
M 2 Alfred Krupp: Ein Wort an meine Angehörigen
1877 (Auszug)
Mögliche Punkte in M 1:
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Einführung einer „allgemeine[n] Arbeitspflicht“ und Aufteilung aller erzeugten Güter nach „vernunftgemäßen Bedürfnissen“ bzw. nach Gesichtspunkten der Gemeinnützigkeit und Gerechtigkeit, da die individuelle Arbeit Voraussetzung für „Reichtum und Kultur“ sei (Z. 1–4, Z. 8–9).
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Vergesellschaftung der Produktionsmittel und Bildung von Genossenschaften in Industrie und Ackerbau sowie Einführung des „freien Staat[es]“ und der „sozialistische[n] Gesellschaft“ im Rahmen der Verfassung – konkret Abschaffung der Lohnarbeit und „aller soziale[r] und politische[r] Ungleichheit“ –, da die Privatisierung von Produktionsmitteln zu Abhängigkeitsverhältnissen und Unterdrückung führe (Z. 4–9, Z. 12–16, Z. 20–24).
Mögliche Punkte in M 2:
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Abkehr von den „verführerischen Reden“ der Sozialdemokraten, da diese einen gewaltsamen Umsturz des als gut, edel und heilig bezeichneten Gesellschaftssystems anstrebten und diejenigen Arbeiter, die sich dafür gewinnen lassen, entlassen würden;
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Erhalt des Privatbesitzes von Produktionsmitteln und der Lohnarbeit, da dies „dem jedem Menschen eingeborenen Rechtsgefühl“ (angedeutet ist das Urheberrecht) entspreche und Lohnarbeit den Arbeitern finanzielle Sicherheit biete (Z. 10–19);
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Forderung, Arbeiter/-innen sollten – mit Ausnahme der Wahl von Vertrauensleuten – unpolitisch sein, da Innovationen in der Produktion, Sozialfürsorge für die Arbeiter/-innen „mehr freie Zeit und Einblick in die Verhältnisse“ verlangten, als dem Arbeiter verliehen und Politik „sehr teuer“ sei (Z. 22–30);
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Loyalität der Arbeitnehmer/-innen und Einhaltung der Betriebsordnung, da sie sonst entlassen würden (Z. 33–35).
Im zweiten Teil sollte eine Benennung der jeweiligen Quellengattung (Parteiprogramm; Rede) und die Zuordnung einzelner Merkmale (z. B. appellierender Charakter; Öffentlichkeit) zu zeitspezifischen Personengruppen (z. B. Bevölkerung des Deutschen Reiches; Arbeitnehmer/-innen des Betriebs) und der Funktionen (z. B. programmatische Orientierung für die Zukunft; Kritik an parteipolitischer Instrumentalisierung der Sozialen Frage) folgen.
Aufgabe 2 verlangt im ersten Teil eine Wiedergabe von im Unterricht thematisierten Aspekten der Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts (z. B. Freihandel, Zollverein, Auflösung der Ständegesellschaft, Pauperismus, Kapitalismus), deren Zuordnung zum Begriff Soziale Frage und die Herstellung eines funktionalen Zusammenhangs zwischen Industrialisierung und Sozialer Frage.
Im zweiten Teil wird die Wiedergabe von im Unterricht thematisierten Akteuren der Sozialfürsorge/ sozialen Sicherung im Laufe des 19. Jahrhunderts (z. B. politisch, gewerkschaftlich, genossenschaftlich, kirchlich, betrieblich, staatlich) und die Einordnung der SAP sowie Alfred Krupps in das dargelegte Spektrum in einem strukturierten Text erwartet.
Beispielhafte Lösung:
1. Entstehungsbedingungen der Sozialen Frage im 19. Jahrhundert
Die „Soziale Frage“ des 19. Jahrhunderts bezeichnet die Gesamtheit der sozialen Missstände und ungelösten Probleme, die mit der Industriellen Revolution einhergingen. Ihre Entstehungsbedingungen basieren auf einem tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel:
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Wirtschaftliche Liberalisierung: Durch die Einführung des Freihandels und die Gründung des Deutschen Zollvereins (1834) wurde der Binnenmarkt gestärkt und der Aufstieg des industriellen Kapitalismus beschleunigt.
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Auflösung der Ständegesellschaft: Die Bauernbefreiung und die Einführung der Gewerbefreiheit führten zum Verlust traditioneller sozialer Sicherungssysteme (z. B. durch Grundherren oder Zünfte).
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Demografischer Wandel und Urbanisierung: Ein massives Bevölkerungswachstum führte in Verbindung mit der Landflucht zu einer Überlastung der Städte. Es entstand ein enormes Überangebot an Arbeitskräften.
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Der Pauperismus: Diese strukturelle Massenarmut traf auf den neu entstehenden Fabrikkapitalismus. Da die Produktionsmittel (Maschinen, Fabriken) im Monopol weniger Kapitalisten lagen, blieben den besitzlosen Arbeitern (Proletariat) nur der Verkauf ihrer eigenen Arbeitskraft.
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Ausbeutung und Elend: Die Folge waren extrem niedrige Löhne, ungesicherte Arbeitsplätze, Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden, Frauen- und Kinderarbeit sowie katastrophale, unhygienische Wohnverhältnisse in den Slums der Industriestädte.
2. Einordnung und Begründung der Lösungsansätze (M 1 und M 2)
Die Quellendokumente spiegeln zwei völlig gegensätzliche Pole im Spektrum der Initiativen zur Lösung der Sozialen Frage wider:
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M 1 – Die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP):
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Einordnung: Dieser Ansatz vertritt die Perspektive der organisierten Arbeiterbewegung (politische Initiative).
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Herangehensweise und Begründung: Die SAP sieht die Ursache des Elends im kapitalistischen System und dem Monopol der Fabrikbesitzer an den Produktionsmitteln. Ihre Herangehensweise basiert auf einer marxistischen Gesellschaftsanalyse: Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur durch die Überwindung des Systems und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel gelingen. Um dies im bestehenden Staat anzubahnen, fordert sie demokratische Rechte (Wahlrecht, Freiheiten) und staatlichen Arbeitsschutz, um die Arbeiter materiell und politisch zu stärken.
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M 2 – Alfred Krupp:
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Einordnung: Dieser Ansatz vertritt die Perspektive des Unternehmertums (betriebliche/patriarchalische Fürsorge).
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Herangehensweise und Begründung: Krupp befürwortet den Kapitalismus und verteidigt das Privateigentum als Naturrecht. Seine Herangehensweise ist patriarchalisch motiviert: Er erkennt das materielle Elend der Arbeiter an und bekämpft es gezielt durch eigene betriebliche Sozialmaßnahmen (Wohnungsbau, Schulen, Konsumanstalten). Im Gegenzug verlangt er absolute politische Enthaltsamkeit und Loyalität. Seine Initiative dient dem Zweck, die Arbeiter ökonomisch an das Unternehmen zu binden und sie von sozialistischen/revolutionären Ideen abzugleichen, um die bestehende Eigentumsordnung und seine Macht zu sichern.
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Die Aufgabe verlangt eine Positionierung zur Relevanz der politischen Forderung der SAP nach Vergesellschaftung oder Verstaatlichung für die heutige Gesellschaft. Erwartet wird eine strukturierte Argumentation, die das Für und Wider der einzelnen, selbst gewählten Aspekte aus dem gegebenen Zitat bestimmt und anschließend anhand selbstgewählter historischer und aktueller Beispiele das jeweilige Für und Wider der politischen Forderung der SAP gewichtet.
Mögliche Punkte:
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verfehlte pauschale Diffamierung von Arbeitgebern und Nicht-Arbeitenden als „reaktionäre Masse“, Setzung ohne belegbaren, eindeutigen Zusammenhang zwischen sozialer Position und gesellschaftlich-politischem Verhalten
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Gegenbeispiele betrieblicher Sozialfürsorge (z. B. Thünen, Bosch)
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Rolle von Feindbildern und Ausgrenzungsmechanismen in der Propaganda (z. B. Verfolgung von „Kulaken“ und „Junkern“ in der Sowjetunion bzw. der SBZ/DDR) im Widerspruch zum Ziel
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Voraussetzungen für Sozialisierung der Produktionsmittel und die „genossenschaftliche Regelung der Gesamtarbeit“ sowie eine „gemeinnützige Verwendung und gerechte Verteilung des Arbeitsertrages“ liegen in Festlegung von Regeln für die Enteignung (Menschenrechte)
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Hinweis auf vergangene Versuche (z. B. Zünfte, Konsumvereine, sozialistische Systeme) als mögliche Umsetzungen (z. B. Festlegung von Produktionsbedingungen etc., Monopolbildung auf Seiten der Konsumenten bzw. Formen des crowdfunding, entschädigungslose Enteignung und staatliche Planwirtschaft) und Hinweis auf deren Grenzen (z. B. Einschränkung von Innovation, Aufbau von Kontrollinstanzen)
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globale Konzerne und viele Regierungen werden verantwortlich gemacht für prekäre Arbeitsbedingungen, ökologische, humanitäre und politische Krisen
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moderne Kritiker fordern Auflagen für Umwelt- und Arbeitsschutz, Einführung von Mitbestimmungsrechten bis zur Abschaffung des kapitalistischen Systems
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Probleme der Definition von „gemeinnützig“ und „gerecht“