Block II – Personalisierung und Inszenierung von Herrschaft
Thema: Herrscherporträts
Aufgaben
Nenne die formalen Merkmale von M 1. Fasse die Entwicklung von Herrscherporträts nach Phasen gegliedert zusammen.
Erschließe anhand von M 2, M 3 und M 4 das Staatsverständnis der jeweiligen Herrscher und weise ausgehend von M 1 Kontinuität und Wandel in der Inszenierung von Herrschaft nach.
Erörtere ausgehend von M 1, inwiefern inszenierende Porträts oder Bilder von Staatsoberhäuptern auch in demokratischen Systemen legitime Mittel der politischen Willensbildung und Auseinandersetzung sind.
Grundlagen
Alexandra Dolezych: Herrscherbilder, Bundeszentrale für politische Bildung, 2007, URL: <http://www.bpb.de/gesellschaft/medien-und-sport/bilder-in-geschichte-und-politik/73218/herrscherbilder> (Zugriff am 16.05.2026); gekürzt und bearb.
Max Johann Bernhard Koner: Kaiser Wilhelm II. URL: <https://www.uni-muenster.de/ZurSacheWWU/quellen/materialien1895.html> (Zugriff am 16.05.2026)
Postkarte zur „Großen Deutschen Kunstausstellung“ 1939 in München, Verlag Photo-Hoffmann-München. Darin: Gemälde von Fritz Erler „Porträt des Führers“, 1939, Öl auf Leinwand; Plastiken von Paul Scheuerle „Amazone“, 1939; Alfred Sachs „Wettkämpfer“, 1939.
Benito Mussolini vor der 1933 errichteten Bronzeplastik eines römischen Kaisers, Filmaufnahme im Shirman Grinberg Archiv, Aufnahme zwischen 1932 und 1943. History Extra, How the dictator Mussolini became the first face of fascism, URL: <https://www.historyextra.com/period/20th-century/benito-mussolini-il-duce-first-20th-century-european-fascist-italian-dictator/> (Zugriff am 16.05.2026)
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?M 1 Alexandra Dolezych: Herrscherbilder (2007)
Alexandra Dolezych ist eine deutsche Kunsthistorikerin.
M 2 Max Koner: Kaiser Wilhelm II.
1890, Öl auf Leinwand; im Auftrag des Berliner Hofes für die deutsche Botschaft in Paris.

M 3 Postkarte zur „Großen Deutschen Kunstausstellung“ 1939 in München
(Verlag Photo-Hoffmann-München); zu sehen sind das Gemälde von Fritz Erler „Porträt des Führers“, 1939, Öl auf Leinwand, sowie die Plastiken von Paul Scheurle „Amazone“ (links) und Alfred Sachs „Wettkämpfer“ (rechts), beide 1939.

M 4 Benito Mussolini vor der 1933 errichteten Bronzeplastik eines römischen Kaisers
(Nerva 96-98 n. Chr.). Das Bild entstammt Filmaufnahmen anlässlich einer Militärparade in Rom, die zu Propagandazwecken gedreht wurden. Der Film befindet sich im Shirman Grinberg Archiv und wird dort als Film „unbekannten Jahres“ aufgeführt („exact year not known; documentation incomplete“). Die Aufnahme wird unter Angabe unterschiedlicher Jahreszahlen – von 1932 bis 1943 – bis heute publiziert

Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Bei dem vorliegenden Material handelt es sich um einen kunsthistorischen Fachtext aus dem Jahr 2007 unter dem Titel „Herrscherbilder“. Verfasst wurde der Text von der deutschen Kunsthistorikerin Alexandra Dolezych. Das Werk befasst sich thematisch mit der historischen Entwicklung und dem Wandel der Darstellungsmodi von Herrscherporträts von der Antike bis zum 20. Jahrhundert. Der Text richtet sich an eine historisch oder kunstgeschichtlich interessierte Öffentlichkeit.
Mögliche Punkte und Phasen sind:
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römische Republik: plastische Darstellung, die das Individuelle der Person betont
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römische Kaiserzeit: plastische Darstellung, die herrschaftliche Attribute und Symbole (z.B. strenger Gesichtsausdruck, Weisegestus, stehend) sowie Insignien (z.B. Zepter bzw. Lanze) einbezieht und individuelle Züge wenig betont
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Mittelalter: bildliche Darstellung, die den Herrscher, zumeist sitzend, umgeben von weiteren, deutlich kleiner gezeichneten Würdenträgern und durch weltliche und geistliche (christliche) Machtinsignien herausgehoben, zeigt
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Renaissance: bildliche Darstellung (Gemälde), die das Individuelle der Person betont und deren Eigenschaften durch Symbole oder Allegorien kennzeichnet
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Absolutismus: bildliche Darstellung (Gemälde), die mehrere Herrschaftsinsignien unterschiedlicher Politikfelder einbezieht
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19. Jahrhundert: unterschiedliche bildliche Darstellungen (Reiterbild, Uniformporträt) die das Individuelle betonen und dabei (vor allem im Deutschen Reich) zunehmend auf herrschaftliche Attribute, Symbole und Insignien verzichten
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20. Jahrhundert: bildliche Darstellung (Plakat), die v.a. auf Gesten und weniger auf Insignien setzt.
Die Aufgabe verlangt im ersten Teil die Benennung einzelner in M 2 und M 3 enthaltener Herrschaftsinsignien bzw. Symbole der Macht und deren Zuordnung zu einer Herrschaftsform bzw. einem Staatsverständnis der in M 2, M 3 und M 4 abgebildeten Personen
Mögliche Insignien und deren Zuordnung:
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M 2: Krone, Zepter, Mantel (der Ritter des schwarzen Adlerordens), Säbel, preußische Militäruniform, barocke Pose verweist auf die Herrschaftsform der Monarchie und ein absolutistisches Staatsverständnis
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M 3: männliche Plastik/Figur mit Kurzschwert in und Adler auf der Hand, Uniform mit Hakenkreuzbinde, Hammer und Meißel, Säulenhalle und Steinquader verweisen auf das Motiv des Baumeisters und des Heerführers (= Alleinherrschaft); Rahmung durch an antike Vorbilder angelehnte Skulpturen hebt Porträt hervor, erhöht es
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M 4: Uniform, Weisegestus, erhöhte Position und Einbezug der Statue des Kaisers Marcus C. Nerva verweist auf eine (an antiken Vorbildern orientierte) Alleinherrschaft;
Im zweiten Teil wird die Benennung von Darstellungsmodi und Gestaltungsmitteln, deren Abgleich mit Informationen aus M 1 sowie die Bestimmung als Kontinuität oder Wandel erwartet.
Mögliche Darstellungsmodi bzw. Gestaltungsmittel und deren Zuordnung:
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M 2: Kontinuität: bildliche Darstellung (Gemälde), die mehrere Herrschaftsinsignien unterschiedlicher Politikfelder einbezieht (Absolutismus), Uniform (19. Jahrhundert); Wandel (im Vergleich zum 19. Jahrhundert): Rückkehr zur Ausstellung der einzelnen Herrschaftsinsignien
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M 3: Kontinuität: Rückgriff auf antike Statuen und Symbole, wie das Kurzschwert (gladius) und den Adler, erhöhte Positionierung (Mittelalter), symbolisch-allegorische Darstellungen, z.B. Hammer und Meißel, Adler (Renaissance); Wandel (im Vergleich zum 19. Jahrhundert): Verzicht auf Herrschaftsinsignien, Arrangement mit Kunstobjekten und Verbreitung als Postkarte
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M 4: Kontinuität: Weisegestus (Antike); erhöhte Positionierung (Mittelalter); Uniform (19. Jahrhundert); Wandel (im Vergleich zum 19. Jahrhundert): filmische Darstellung, Einbezug einer antiken Statue
Die Aufgabe verlangt eine Positionierung zu „Herrscherporträts“. Erwartet wird eine strukturierte Argumentation, die anhand von M 1 – M 3 z. B. Möglichkeiten der Darstellung von Herrschaft, deren Funktionen und Intentionen benennt, anhand dieser das Für und Wider mit Blick auf Mechanismen der demokratischen Willensbildung und Auseinandersetzung gewichtet und daran anknüpfend „Herrscherporträts“ (de-)legitimiert.
Mögliche Diskussionspunkte:
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Rechtfertigung
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„Werbung“ für politische Akteure und deren Ziele bzw. Haltungen als Voraussetzung politischer Willensbildung, z.B. im Wahlkampf
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Mittel, Anhänger zu binden; Vorteile der Personalisierung in repräsentativen Demokratien/Parteiendemokratien
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Übertragung der Macht (s. byzantinisches Bildmotiv) lässt sich ebenso darstellen wie deren Ausübung bzw. Beanspruchung (s. Absolutismus)
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Kritik
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Gefahr der Überhöhung einer Person und ihrer Entscheidungen bzw. Entscheidungsbefugnisse bei gleichzeitiger Marginalisierung von demokratischen Abstimmungen/Abstimmungsprozessen
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Gefahr der Reduktion von „Herrschaft“ auf die Ausübung von Macht
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problematische historische Vorbilder und damit verbundene negative Konnotation von „Herrscherporträts“ in der demokratischen Öffentlichkeit
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Andere sinnvolle Ausführungen des Prüflings können Teile des Erwartungshorizonts ersetzen.
Konkrete Ausführung zu einem ausgewählten Diskussionspunkt (Kritik):
Fokus: Gefahr der Überhöhung einer Person und die Marginalisierung demokratischer Prozesse
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Verzerrung des demokratischen Prinzips: Inszenierte Porträts rücken ein einzelnes Staatsoberhaupt in den Mittelpunkt und suggerieren persönliche Allmacht. Dies widerspricht dem demokratischen Grundsatz, dass die Macht vom Volk ausgeht und an Institutionen (Parlament, Gerichte) gebunden ist, nicht an eine einzelne Person.
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Rückgriff auf vormoderne Muster (Bezug zu M 1): Visuelle Strategien wie die „erhöhte Position“ oder herrschaftliche Gesten stammen historisch aus autokratischen Systemen – etwa der sakralen Überhöhung im Mittelalter oder dem Omnipotenzanspruch des Absolutismus . Werden diese im demokratischen Plakat- oder Bildmedium unkritisch reproduziert , droht eine emotionale Unterwerfung des Bürgers statt einer rationalen politischen Auseinandersetzung.
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Personalisierung statt Sachpolitik: Das Porträt blendet komplexe politische Debatten, Kompromisse und Parteiprogramme aus. Es reduziert Politik auf die Ausstrahlung einer „Führerfigur“ , was zu einer „Desozialisierung“ und Verflachung der politischen Willensbildung führt.
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Delegitimierung von Institutionen: Wenn politische Erfolge rein visuell der „staatsmännischen Klugheit“ (vgl. Antike) oder dem „persönlichen Charakter“ (vgl. 19. Jahrhundert) einer Person zugeschrieben werden, entwertet dies die unsichtbaren, aber fundamentalen demokratischen Abstimmungs- und Entscheidungsprozesse im Hintergrund.