Block I – Ökonomie und Gesellschaft
Thema: Industrialisierung und Eisenbahn
Aufgaben
Nenne die formalen Merkmale von M 1 und gib die Auffassung des Verfassers zur Bedeutung des Eisenbahnbaus wieder.
Erkläre die im 19. Jh. mit der Industrialisierung Deutschlands verbundenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Erschließe die Intention von M 1.
„Diese Erweiterung des Marktes und ihr Einfluß auf die Productions- und Consumtionsfähigkeit der Nation wird aber um so kräftiger auf die Vermehrung des Nationalreichthums und den allgemeinen Wohlstand wirken.“
Erörtere diese Aussage Lists (Z. 68-70) zum technischen und wirtschaftlichen Fortschritt an historischen oder aktuellen Beispielen.
Erläutere die Intention von M 2 und beurteile die Argumentation des Autors angesichts der mit der Industrialisierung langfristig verbundenen ökologischen Folgen.
Grundlagen
Friedrich List: Das deutsche National-Transport-System in volks- und staatswirthschaftlicher Beziehung. Altona u. a., 1838. Deutsches Textarchiv, URL: <https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/list_transportsystem_1838?p=7> (Zugriff 10.10.2021)
Konrad Wilhelm Jurisch: Die Verunreinigung der Gewässer. Eine Denkschrift im Auftrage der Flusscommission des Vereins zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie Deutschlands, Berlin 1890, S. 103. In: Digitale Bibliothek - Münchener Digitalisierungszentrum (digitale-sammlungen.de) (Zugriff 30.12.2021)
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?M 1 Friedrich List: Über die Bedeutung der Verkehrsrevolution (1838)
Friedrich List (1789-1846) war ein liberaler, deutscher Wirtschaftstheoretiker und Vertreter der modernen Volkswirtschaftslehre sowie ein wichtiger Vorkämpfer für den Deutschen Zollverein und das Eisenbahnwesen.
1antizipieren = vorwegnehmen
2Consumtion = Verbrauch/Konsum von Wirtschaftsgütern
M 2 Der Chemiker Dr. Konrad Wilhelm Jurisch zum Wert der Fischerei gegenüber dem Werte der chemischen Industrie (1890)
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Der Verfasser ist der deutsche Wirtschaftstheoretiker Friedrich List, der in dieser wissenschaftlichen Abhandlung seine Vorstellung der volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung des Eisenbahnbaus für die künftige Entwicklung im Deutschen Bund erläutert. Mit dieser Schrift lieferte List eine argumentative Grundlage für den Ausbau eines gesamtdeutschen Eisenbahnnetzes, wofür er auch politisch warb.
List charakterisiert den Eisenbahnbau als „Göttergeschenk“ und weist ihm eine universelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung zu. Die von ihm prognostizierten Vorteile veranschaulicht er an konkreten Beispielen.
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durch schnelleren Warentransport sinkende Produktionskosten und Preise
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erweiterter Geschäfts- und Kundenkreis für Unternehmer und Kaufleute (Markt), neue Geschäftsbeziehungen sowie betriebliche Expansion durch Fabrikbau an entfernten Orten (Produktion)
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überregionale Gewinnung von Arbeitskräften
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vereinfachter Kauf von geeigneten landwirtschaftlichen Flächen + Ansiedlung
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Fortschritte in der Technik und Landwirtschaft durch die Übernahme fremder Technologien
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Migration von Arbeitskräften in entferntere Räume (Handelsdiener) über Reisemöglichkeiten für Arbeiter, geringere Arbeitslosigkeit im ländlichen Bereich
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größere, schneller erreichbare Märkte für den Wirkungskreis hochqualifizierter Berufe
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größerer Profit für untere und mittlere Klassen als für die oberen Klassen
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beschleunigte Kommunikation durch den schnelleren Transport von Druckwaren und Gewinn für die zugehörigen Branchen
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Folgen erhöhter Mobilität: u.a. Bildungsfortschritte für alle – z.B. für Studenten durch die Erreichbarkeit weit entfernter Universitäten und fremder Länder
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Beitrag zur Entstehung nationalstaatlicher Strukturen durch z.B. die Gründung von Nationalvereinen
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Förderung des Tourismus
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Aussicht auf sozialen Aufstieg Anreiz zur Nachahmung und Mehrleistung
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Glück und Vollkommenheit des Menschen, globale Ausdehnung mit Verbreitung von Wohltaten, mehr Arbeit, Wohlstand und Bildung für die produzierende Klasse, erhöhter Nationalreichtum und allgemeiner Wohlstand
Zentrale wirtschaftliche Entwicklungen sind zu erklären, z. B.:
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Anlass, Ziele und Folgen der Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 (einheitlicher, vergrößerter Markt, erleichterter Marktzugang, Steigerung von Absatz und Produktion von Gütern)
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wirtschaftsförderliche Rolle von Erfindungen
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landwirtschaftliche Produktionssteigerungen, Verbesserung der Versorgungslage in weiten Teilen der Bevölkerung
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Entstehung und Bedeutung des Eisenbahnbaus als Schlüsseltechnologie ab 1835 (Erhöhung der Nachfrage nach Kohle, Eisen, Holz, Maschinen etc., beschleunigter und verbilligter Waren- und Personentransport, Begünstigung von Handel, Gewerbe und Dienstleistungen)
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Bau moderner Fabriken zur Kohleförderung, zur Eisen- und Stahlproduktion, Aufstieg ganzer Regionen (Ruhrgebiet, Sachsen) und steigende Nachfrage nach Arbeitskräften
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Gründung von Aktiengesellschaften zur Kapitalbeschaffung
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Entstehung eines nationalen Wirtschaftsraums mit der Reichsgründung 1871 und 2. Phase der deutschen Industrialisierung (anfängliches Wirtschaftswachstum und „Gründerkrise“)
Zu den gesellschaftlichen Entwicklungen zählen z. B.:
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Migration und Städtewachstum (Urbanisierung)
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soziale Folgen des Fabriksystems (Kapitalismus, Aufstieg des Besitzbürgertums und Entstehung des Proletariats als neue soziale Schicht)
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Arbeit nach dem Takt von Maschinen, strenge Normvorgaben, hohes Arbeitstempo, Hitze, Schmutz, Gestank, Sauerstoffmangel
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hohe Umweltbelastungen durch Rauch, Lärm, Staub, verunreinigtes Wasser
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Ausbeutung der Arbeitskraft
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Pauperismus, Kinderarbeit, Wohnungselend, Entstehung von Mietskasernen, Leben am Existenzminimum
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Bevölkerungswachstum durch eine steigende Geburtenrate bei gleichzeitigem Rückgang der Sterblichkeit als Folge verbesserter Hygiene und ärztliche Versorgung
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fehlende soziale Absicherung.
List gilt als Vordenker des Deutschen Zollvereins, der Zollverein und Ausbau des Eisenbahnnetzes für „siamesische Zwillinge“ hielt. Seine Intention ist es, mit dieser Schrift aktiv und öffentlich für den Ausbau des Eisenbahnnetzes auf dem Gebiet des Zollvereins und in ganz Europa zu werben, indem er die möglichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorteile erläutert und ausschließlich positiv konnotiert.
Der von List prophezeite Effekt kann an verschiedenen historischen Beispielen mit verschiedenen Bezugsrahmen erörtert werden. Denkbar sind z. B.:
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Beispiel der Industrialisierung im 19.Jh. unter Einbeziehung der sozialen Frage
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Beispiel des Imperialismus und Kolonialismus
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Beispiel der Weltwirtschaftskrise 1929
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Gründung der EWG und der EU
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die wirtschaftliche Entwicklung in den Besatzungszonen nach 1945
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die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland nach 1990
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aktuelle Beispiele und Folgen der Globalisierung.
Kritisch zu hinterfragen ist, ob die von List behauptete Erweiterung des Marktes automatisch zu mehr Nationalreichtum und allgemeinen Wohlstand führt oder ob es dazu weiterer Faktoren (z.B. der regulierenden Funktion des Staates) bedarf.
Erörterung der These am Beispiel der Industrialisierung (19. Jh.)
Bestätigung der These (Vermehrung des Nationalreichtums):
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Markterweiterung durch Infrastruktur: Der Ausbau der Eisenbahn und die Gründung des Deutschen Zollvereins (1834) (ganz im Sinne Lists) beseitigten Zollschranken und schufen einen einheitlichen Binnenmarkt.
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Produktionssteigerung: Technischer Fortschritt (Dampfmaschine, mechanisierte Fertigung) führte zu effizienterer Massenproduktion und sinkenden Preisen für Güter.
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Wirtschaftswachstum: Es erfolgte ein massiver Anstieg des Nationalreichtums; Deutschland wandelte sich in kurzer Zeit vom Agrarstaat zur führenden Industrienation.
Kritik / Einschränkung der These:
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Die Soziale Frage: Der Zuwachs an Wohlstand war extrem ungleich verteilt. Während das Bürgertum (Unternehmer) profitierte, lebte die Arbeiterschaft (Proletariat) oft in existenzbedrohendem Elend (Pauperismus).
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Arbeitsbedingungen: Die Steigerung der "Productionsfähigkeit" ging mit extremen Arbeitszeiten, Kinderarbeit und prekären Wohnverhältnissen einher.
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Fehlende soziale Komponente: Lists rein ökonomische Betrachtung vernachlässigte zunächst, dass Markterweiterung allein keine gerechte Verteilung garantiert.
Fazit:
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Kurzfristig: Lists Prophezeiung erfüllte sich nur einseitig für die Kapitaleigner; der „allgemeine Wohlstand“ blieb für die breite Masse aus.
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Langfristig: Erst durch die regulierende Funktion des Staates (z. B. Bismarcks Sozialgesetzgebung) und die Organisation der Arbeiter (Gewerkschaften) konnte der technische Fortschritt tatsächlich zu einem allgemeinen Wohlstand führen.
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Erkenntnis: Markterweiterung ist zwar ein Motor für Reichtum, benötigt aber politische Flankierung, um den sozialen Frieden zu sichern.
In Quelle M 2 möchte der Autor argumentativ nachweisen, dass die industriellen Interessen, in diesem Fall die der chemischen Industrie, aufgrund ihrer wirtschaftlichen Bedeutung und des gesellschaftlichen Nutzens Vorrang vor dem Schutz der Natur (des Wassers) haben, um hier die industriellen Interessen trotz der sichtbaren ökologischen Folgen zu schützen.
Mögliche Ansatzpunkte einer Beurteilung können sein:
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die Gesundheitsgefährdung durch Luft- und (Grund-)Wasserverschmutzung vs. Interessen der Landwirtschaft, Industrie (Nuklearkraft, Kohle) und Verbraucher
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Klimaneutralität vs. Nutzung fossiler Brennstoffe
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CO2/Stickoxid - Ausstoß vs. Interessen der Automobilindustrie, Luftfahrt, Tourismus
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regulierende Rolle des Staates/der internationalen Staatengemeinschaft durch gesetzliche Festlegung von Grenzwerten, Quoten etc.
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touristische Nutzung vs. Naturschutz
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Schutz der Fischbestände vs. Fischfangindustrie (Ostsee, Nordsee)
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Verfügbarkeit von Ressourcen vs. wirtschaftliche Nutzung.
Die Beurteilung könnte wie folgt aussehen:
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Ökonomische Überlegenheit vs. Lebensgrundlage: Der Autor rechtfertigt die Zerstörung der Fischerei durch eine rein monetäre Rechnung (Faktor 1000). Er ignoriert dabei, dass die Vergiftung der Flüsse (z. B. Wupper, Emscher) langfristig die Gesundheitsversorgung und das Grundwasser ganzer Regionen gefährdet – ein Preis, der den kurzfristigen industriellen Gewinn oft übersteigt.
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Externalisierung von Umweltschäden: Der Autor betrachtet das Meer als „natürlichen Ableiter“. Diese Sichtweise ist heute widerlegt; die langfristigen Folgen wie die Verschmutzung der Weltmeere und das Artensterben zeigen, dass ökologische Schäden nicht einfach „abfließen“, sondern als globale Krisen zurückkehren.
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Fortschrittsbegriff vs. Klimaneutralität: Während der Autor die Industrie als Bringer von „Kultur“ und „Zivilisation“ feiert, blendet er die ökologischen Kosten fossiler Brennstoffe und chemischer Abfälle völlig aus. Was damals als Fortschritt galt, wird heute angesichts des CO2-Ausstoßes und der Ressourcenknappheit kritisch als Ursprung der globalen Erwärmung hinterfragt.
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Fehlen der staatlichen Kontrolle: Die Argumentation setzt darauf, dass das „Interesse der Industrie“ über allem steht. Die Geschichte der Industrialisierung hat jedoch gezeigt, dass erst die regulierende Rolle des Staates (durch Grenzwerte, Filterpflichten und Umweltgesetze) einen Ausgleich zwischen Profit und dem Schutz der Bevölkerung (Fischbestände, saubere Luft) herstellen konnte.
Fazit:
Die Argumentation des Autors ist einseitig nutzenorientiert. Er opfert langfristige ökologische Stabilität für kurzfristiges wirtschaftliches Wachstum. Aus moderner Sicht ist seine These, dass das „Interesse der Industrie“ grundsätzlich über der Natur stehen müsse, angesichts der drohenden Klimakatastrophe und der ökologischen Belastungsgrenzen unserer Erde unhaltbar.