Block II – Transformation
Thema: Der Verlust der DDR-Arbeitsgesellschaft
Aufgaben
Nenne die formalen Merkmale von M 1. Fasse die Kennzeichen der ostdeutschen „Arbeitsgesellschaft“ zusammen.
Erläutere ausgehend von M 1 die Verluste, die aus dem Wegfall der „DDR-Arbeitsgesellschaft“ (Z. 65) nach 1990 eintraten, und stelle diesen mögliche Gewinne gegenüber.
Der Buchtitel Kowalczuks „Die Übernahme – Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik Deutschland wurde“ stieß auf Widerspruch. Keine Übernahme, sondern ein freiwilliger Beitritt des Ostens in die BRD sei es gewesen.
Stelle kurz den Einigungsprozess dar und beurteile, inwiefern der Begriff der „Übernahme“ mit Blick auf politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Bereiche zutrifft.
Erkläre mithilfe von M 2 den Begriff und die Ansprüche der „Marktgängigkeit“. Erörtere die politische Forderung nach „Respekt vor den Lebensleistungen“ (M 2, Z. 7/8).
Grundlagen
Ilko-Sascha Kowalczuk, Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik Deutschland wurde, Berlin 2019, S. 138–141
Steffen Mau, Lütten Klein, Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Berlin 2019, S. 154
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?M 1 Ilko-Sascha Kowalczuk, Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik Deutschland wurde (2019, angepasst)
Der Historiker Kowalczuk veröffentlichte zum 30. Jahrestag des Mauerfalls 2019 eine Studie, in der er die Bilanz der deutschen Einheit ab 1990 aus ostdeutscher Sicht zog.
4Regine Hildebrandt (1941 bis 2001) Mitglied der Bürgerbewegung; seit Oktober 1989 Mitglied der SPD; Ministerin für Arbeit, Gesundheit und Frauen in Brandenburg (1990 bis 1999)
5LPG = Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft
M 2 Steffen Mau, Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft (2019)
Steffen Mau (* 1968) ist ein deutscher Soziologe, der aus dem Rostocker Plattenbauviertel Lütten Klein stammt.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Es handelt sich um eine Darstellung des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk aus dem Jahr 2019. Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls wird eine Bilanz aus explizit ostdeutscher Sicht gezogen.
Merkmale der Arbeitsgesellschaft in der DDR waren:
-
Ideologischer Mittelpunkt und Persönlichkeitsbildung: Arbeit stand im absoluten Zentrum der „sozialistischen Persönlichkeitsbildung“ (Z. 3–4). Von der Schule an wurden die Bürger mit der Frage nach dem Zweck des Arbeitens konfrontiert (Z. 1–3).
-
Das sozialistische Arbeitskollektiv: Das Kollektiv bildete das zentrale Bindeglied zwischen dem Individuum und der Gesellschaft (Z. 10–11). Es basierte auf der vorgegebenen Übereinstimmung von persönlichen, kollektiven und gesellschaftlichen Interessen (Z. 4–8)
-
Flächendeckende Dauerbeschallung: Die Ideologie der Arbeitsgesellschaft wurde der Bevölkerung durch eine allgegenwärtige politische Sozialisation („Rotlichtbestrahlung“) im Unterricht, in den Medien, auf öffentlichen Plätzen und durch Losungen in den Betrieben ununterbrochen vermittelt (Z. 13–21).
-
Enge Verknüpfung von Arbeitsplatz und Alltagsleben: Die Betriebe (insbesondere die Großkombinate) besaßen riesige, nicht rein betriebsnotwendige Flächen, die für das gesamte Alltagsleben der Region genutzt wurden (Z. 31–38).
-
Umfassende soziale Infrastruktur: Zum Arbeitsplatz gehörte eine komplette soziale Infrastruktur, die direkt vom Betrieb organisiert und finanziert wurde, wie eigene Polikliniken, Apotheken, Kindergärten, Verkaufsstellen, Kulturhäuser, Sportstätten (z. B. Schwimmbäder, Ruderstrecken) sowie betriebseigene Ferienheime und Wohnungen (Z. 37–44).
-
Lebenslange Rundumversorgung: Die Arbeitsgesellschaft war als staatlich gelenkte, umfassende Fürsorge organisiert, die von der Erziehung im Kindergarten bis zur Rente („von der Wiege bis zur Bahre“) reichte (Z. 51–52).
-
Erfassung fast der gesamten Bevölkerung: Diese Struktur erfasste die überwiegende Mehrheit der DDR-Bürger (rund 85 Prozent der Beschäftigten, Z. 61–62). Sie war in den großen Kombinaten (vier Millionen Beschäftigte, Z. 54–56) sowie in den LPGs (fast eine Million Beschäftigte, Z. 56–57) und im stark aufgeblähten Öffentlichen Dienst (2,3 Millionen Beschäftigte, Z. 57–60) fest verankert.
Zum Kontext kann zur Erläuterung der Beginn der Transformation skizziert werden. Bereits im Vertrag über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion im Juli 1990 übernahm die DDR viele Regelungen der Bundesrepublik. Noch vor der Einheit im Oktober 1990 erhielt vor allem die Treuhandanstalt den Auftrag, die wirtschaftlichen Betriebe an Investoren zu veräußern oder abzuwickeln. Ein Drittel der erwerbstätigen Ostdeutschen wurde innerhalb weniger Jahre arbeitslos oder in Maßnahmen zur Qualifizierung eingebunden.
Der Wegfall der DDR-Arbeitsgesellschaft durch die Privatisierung bedeutete für den Einzelnen Verluste in Hinsicht auf: z. B.
-
Sicherheit des Arbeitsplatzes, des Einkommens und der Wohnung
-
soziale Fürsorge in Krankheit und Alter
-
zugeordnete Bildungsstätten der Kinder
-
kulturelle, Freizeit- und Urlaubsmöglichkeiten
Dafür wurden viele Freiheiten gewonnen: z. B.
-
Freiheit auf dem Arbeitsmarkt bei vorhandener Nachfrage der Qualifikation
-
Wahlmöglichkeiten in der Sozialversicherung
-
differenzierte Bildungswege der Kinder
-
individuelle Wahlmöglichkeiten auf einem breiten Markt
Die Grenzen der Wahlmöglichkeiten und Freiheiten liegen in der Stärke oder Schwäche der Marktposition, die durch Alter, Qualifikation, Mentalität etc. geprägt wird.
Den Hintergrund der Diskussion bildet der Prozess der Einigung etwa mit den Stationen: Friedliche Revolution; Umschwung von „Wir sind das Volk!“ zu „Wir sind ein Volk!“; Wahlen im März 1990; Einigungsvertrag, schließlich Beitritt zur Bundesrepublik und vielfache Übertragung des wirtschaftlich-sozialen Systems u.a.m. vom Westen auf den Osten.
Hinter dem Begriff der Übernahme steckt eine Zwangsausübung auch gegen den Willen der Betroffenen, wie bei der Übernahme eines Betriebes durch Aufkauf durch einen Fremden. Dem steht gegenüber, dass immer wieder freie Wahlen auf Bundes-, Landes- und Lokalebene zu Mehrheitsentscheidungen führten, die ein wesentliches Merkmal eines demokratischen Verfahrens sind. Doch sind Differenzierungen nach Bereichen sinnvoll:
Politisch: Die Dominanz der westdeutschen politischen Strukturen wurde durch die „bloße Übernahme“ des GG der alten Bundesrepublik festgeschrieben. Ob sich durch eine stärkere Verfassungsdiskussion neue Aspekte ergeben hätten, bleibt spekulativ. Doch bleibt offen, ob sich am Ende andere Mehrheiten bei einem gesamtdeutschen Plebiszit gefunden hätten.
Wirtschaftlich: Die Abwickelung der ostdeutschen Wirtschaft ist bis heute umstritten. Es gibt ernste Zweifel an ihrer Fähigkeit, in der Wettbewerbsgesellschaft zu bestehen. Doch gibt es auch Hinweise auf Ausnahmen in entwickelten Bereichen und unterdrückte Chancen durch Konkurrenten.
Sozial: Die allmähliche Angleichung der östlichen an die westlichen sozialen Strukturen (Einkommen, Vermögen, Mobilität, soziale Einrichtungen) war ein langwieriger Prozess. Die Wahrnehmung von Unterschieden in West und Ost erzeugte bei vielen Betroffenen Gefühle der Ausgrenzung. Dagegen lassen sich die begrenzten Möglichkeiten der Politik anführen.
Kulturell: Es gab einerseits Phänomene der gewollten Angleichung (z. B. in der Jugendkultur), aber auch der Fremdbestimmung, z. B. durch Vergabe der Schlüsselpositionen an westdeutsche Personen.
Eine eigenständige Beurteilung des „Übernahme“-Begriffs sollte auf einer strukturierten Argumentation beruhen, in die korrekte Kenntnisse über den Verlauf des deutsch-deutschen Einigungsprozesses und treffende Beispiele einfließen.
Beispielhaftes abschließendes Urteil:
Zusammenfassend erweist sich der Begriff der „Übernahme“ formal-demokratisch als unzutreffend. Der Einigungsprozess basierte – beginnend mit der Friedlichen Revolution über die Volkskammerwahl im März 1990 bis hin zum Beitritt – auf den freien Mehrheitsentscheidungen der ostdeutschen Bevölkerung.
Betrachtet man jedoch die ökonomische, soziale und kulturelle Praxis der Transformation, besitzt das Urteil der „Übernahme“ eine hohe Berechtigung: Durch die „bloße Übernahme“ des Grundgesetzes sowie die radikale Abwicklung der DDR-Arbeitsgesellschaft durch die Treuhandanstalt wurden westdeutsche Strukturen asymmetrisch auf den Osten übertragen. Der schlagartige Verlust der betrieblichen Rundumversorgung (Infrastruktur, Arbeitsplatzsicherheit) führte bei vielen Betroffenen zu tiefen Brüchen in den Biografien. Da zudem kulturelle Schlüsselpositionen westdeutsch besetzt wurden, erzeugte dieser Prozess der Fremdbestimmung bis heute anhaltende Gefühle der Ausgrenzung und der mangelnden Anerkennung ostdeutscher Lebensleistungen. Eine überzeugende Argumentation muss daher zwischen der formalen, demokratischen Legitimation und der krisenhaften gesellschaftlichen Realität der Transformation differenzieren.
Zunächst ist der Text der zurückblickenden sozialhistorischen Darstellung Steffen Maus von 2019 auszuwerten durch die Erläuterung der in der Transformationszeit neuen Ansprüche auf „Marktgängigkeit“. Eine autobiografische Erinnerung zeigt die Konfrontation von bisherigen ostdeutschen Üblichkeiten und Gewohnheiten mit den Ansprüchen der westlichen Wirtschaft und Gesellschaft.
Dazu treten im Text weitere Gegensätze von Jung und Alt, Berufsanfängern und älteren Führungskräften, die sich ins Gegenteil des bislang Gewohnten entwickelten.
Die Diskussion um die Anerkennung ostdeutscher Lebensleistungen enthält viele Dimensionen, auf die eingegangen werden können. Das geht von juristischen Ansprüchen auf Renten (höhen) über eine sozialpsychologische Anerkennung von Berufstätigkeiten bis zu politischen Aspekten wie die Leistungsfähigkeit einer sozialistischen Wirtschaft und Gesellschaft.
Der Prüfling soll nach eigenem Ermessen dazu Einschätzungen abgeben. Kriterien sind die Plausibilität und Triftigkeit der Argumente und der logische Aufbau der Gedankenführung.
Beispielhafte Ausarbeitung:
Begriff und Ansprüche der „Marktgängigkeit“ (Analyse auf Basis von M 2):
-
Definition/Umfang: Beschreibt die erzwungene Anpassung ostdeutscher Arbeitskräfte an das westliche Wirtschaftssystem. Betraf drei Viertel der Erwerbstätigen.
-
Anspruch: DDR-geprägte Mentalitäten, Hierarchiebegriffe und Loyalitäten sollten abgelegt und durch „adäquateres“ Marktverhalten ersetzt werden.
-
Umsetzung: Westliche Verhaltensweisen mussten durch „Trockenübungen“ (z. B. Verkaufsgespräche, Smalltalk, Sitzordnungen) neu erlernt werden.
Erörterung: „Respekt vor den Lebensleistungen“ (Pro- und Contra-Argumente):
-
Argumente für die Forderung (Menschliche und soziale Dimension):
-
Entwertung von Biografien: Der öffentliche „Diskurs des Ungenügens“ verletzte die Würde der Bürger. Das Umlernen im fortgeschrittenen Alter (z. B. mit Mitte 50) wurde als Herabsetzung erlebt.
-
Leistung in der Planwirtschaft: Das Aufrechterhalten des Alltags unter den erschwerten Bedingungen der DDR-Mangelwirtschaft erforderte harte Arbeit und Improvisationskraft, die unabhängig vom System Anerkennung verdient.
-
Materielle Folgen: Die Abwertung der Biografien führte zu spürbaren, langfristigen Benachteiligungen bei den Rentenhöhen.
-
-
Argumente gegen die Forderung (Ökonomische und politische Dimension):
-
Fehlende Wettbewerbsfähigkeit: Die marode DDR-Wirtschaft kollabierte 1989/90; viele Qualifikationen waren auf dem freien Markt schlicht nicht mehr verwertbar.
-
Systemnähe: Eine pauschale Anerkennung ignoriert, dass berufliche Erfolge und Privilegien in der DDR oft untrennbar mit politischer Systemtreue und SED-Loyalität verknüpft waren.
-
Abschließendes Fazit (Beispielhaftes Urteil): Die Forderung nach Respekt vor den Lebensleistungen ist menschlich und sozialpsychologisch vollkommen berechtigt, da der westliche Transformationsprozess oft ohne „Fingerspitzengefühl“ geführt wurde und Menschen zu Defizitgestalten degradierte. Obwohl die Umstellung auf das Marktsystem ökonomisch unumgänglich war, muss ein historisches Urteil anerkennen, dass die persönliche Lebensleistung der Bürger beim Erhalt des alltäglichen Lebens in der DDR unabhängig von der mangelnden Tragfähigkeit der Planwirtschaft zu würdigen ist.