Block II – Konflikte und Konfliktlösungen
Thema: Der Versailler Vertrag
Aufgaben
Nenne die formalen Merkmale von M 1 und fasse die Aussagen des Autors zum Versailler Vertrag zusammen.
Erläutere M 1 im historischen Kontext. Weise anhand von M 1 und M 2 Kontinuität und Wandel in der Betrachtung des Versailler Vertrages nach.
Beurteile, inwiefern sich die Aussage, Deutschland werde durch den Versailler Vertrag ruiniert (Vgl. M 1, Z. 43/44), im weiteren Verlauf der Weimarer Republik bestätigt hat.
Vergleiche den alliierten Neuordnungsprozess in Deutschland nach dem Ende des Ersten Weltkrieges mit selbstgewählten historischen oder aktuellen Beispielen einer Konfliktlösung. Beurteile darauf aufbauend, ob die jeweiligen Konfliktlösungen eine stabile und dauerhafte Friedensordnung etablieren konnten.
Grundlagen
Rede des Abgeordneten der Nationalversammlung Conrad Haußmann (DDP) während der Debatte über die Annahme des Versailler Vertrages am 12. Mai 1919, in URL: <http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000011_00364.html> (Zugriff 3.07.2022).
Interview zwischen DIE ZEIT und der britischen Historikerin Margaret MacMillan über die Bedeutung und Folgen des Versailler Vertrages (Die Zeit, 26.11.2015), in URL: <https://www.zeit.de/2015/46/margaret-macmillan-versailler-vertrag-woodrow-wilson?> (Zugriff 4.07.2022).
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?M 1 Rede des Abgeordneten Conrad Hausmann vor der Nationalversammlung anlässlich der Debatte über die Annahme des Versailler Vertrages (12. Mai 1919)
Conrad Haußmann (geb. 1857 in Stuttgart, gest. 1922) war Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und zog 1919 als Abgeordneter seiner Partei in die Nationalversammlung sowie 1920 in den Reichstag ein, dessen Mitglied er bis zum Tod blieb.
3Kuratel = Vormundschaft
M 2 Interview zwischen DIE ZEIT und der britischen Historikerin Margaret MacMillan über die Bedeutung und Folgen des Versailler Vertrages (26. November 2015)
Die Oxforder Historikerin Margaret MacMillan hat 2001 ein Buch über den Versailler Vertrag geschrieben, das 2015 in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Die Friedensmacher. Wie der Versailler Vertrag die Welt veränderte“ erschienen ist.
4hier: Krimkrise 2014
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Bei der vorliegenden Textquelle handelt es sich um den Auszug einer Rede von Conrad Haußmann, Abgeordneter der DDP in der deutschen Nationalversammlung, die er am 12. Mai 1919 anlässlich der Debatte über die Annahme des Versailler Vertrages vor der selbigen hielt. Dabei positioniert er sich klar gegen dessen Beschlüsse, da sie aus seiner Sicht weder verhältnismäßig noch gerecht seien.
Folgende Aussagen Haußmanns lassen sich aus der Rede entnehmen:
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Versailler Vertrag ein durch die Siegermächte (Frankreich, Großbritannien, USA) verübter Verrat an der Demokratie: Haußmann klagt die Demokratien an, da sie „die Grundsätze der Demokratie vergewaltigen lassen wollen“ (Z. 2) und zitiert Snowden, der den Frieden als „Verrat an der Demokratie“ (Z. 4) bezeichnet.
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Fortsetzung des Krieges, wenn auch mit anderen Mitteln, Untergrabung des Völkerrechts: Er betont: „Dieser Friede ist die Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln“ (Z. 9) und sieht darin eine „Verrohung des Völkerrechts, wie sie bisher noch niemals dagewesen ist“ (Z. 13 f.).
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Verlust der Souveränität für Deutschland: Deutschland verliere seine Souveränität, da es Verträge „auch gegen seinen Willen, auf Befehl einer fremden Macht“ (Z. 18) schließen müsse und „unter Kuratel gestellt“ (Z. 25) werde.
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Verbot, sich jemals wieder mit Österreich zusammenzuschließen: Er kritisiert das Verbot der Vereinigung mit Österreich, zu dem Deutschland durch eine „tausendjährige Blutgemeinschaft gehört“ (Z. 19 f.), und sieht darin ein „unsittliches Verbot“ (Z. 23).
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Keine Möglichkeit, dem Vertrag jemals zustimmen: Vor allem aufgrund der „Gebietsentreißungen und Annexionen“, die er als „Amputation“ (Z. 31) bezeichnet, erklärt er: „Schon aus diesen Gründen können wir niemals die Einwilligung zu diesem Vertrag geben“ (Z. 31 f.).
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Konfiszierung des Privateigentums und Ruinierung der Wirtschaft: Haußmann führt an, dass Privateigentum „kassiert und geraubt“ (Z. 38) werde.
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Vertrag unannehmbar und das erlebte „Martyrium“: Er erklärt den Vertrag für „unannehmbar“ (Z. 48) und hofft, dass der Anblick dieses „Martyriums der Vaterlandsliebe“ (Z. 53) auch im Ausland für Gerechtigkeit werben wird.
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Deutsche Bereitschaft, dem Militarismus abzuschwören: Deutschland sei bereit, dem Militarismus zu entsagen, betont jedoch das Prinzip der Gegenseitigkeit: „unter der Voraussetzung der Gegenseitigkeit“ (Z. 58).
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Bereitschaft zur Erfüllung eines erfüllbaren Vertrages: Er appelliert an die Siegermächte, „auf anderer und gerechter Grundlage einen Frieden zu schließen“ (Z. 63), den Deutschland dann auch „mit der Tat und mit dem Herzen erfüllen“ (Z. 64) werde.
Zunächst sollten die historischen Rahmenbedingungen des Versailler Vertrages sowie seine Inhalte erläutert werden.
Auf folgende Aspekte kann hierbei u. a. eingegangen werden:
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Kriegsniederlage und Schluss des Waffenstillstands am 11.11.1918
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Revolution 1918/19 und die politische Neuordnung Deutschlands, Verfassungsberatungen parallel zu den Friedensverhandlungen
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Friedensverhandlungen in Versailles (führende Akteure und Rolle der Deutschen Delegation)
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Vertragsinhalte wie Reparationen, Gebietsabtretungen, alleinige Kriegsschuld nach Art. 231, Demilitarisierung etc.
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Reaktionen in der deutschen Bevölkerung und aus den politischen Parteien
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Rücktritt der Regierung Scheidemann und Unterzeichnung des Vertrages (im Juni 1919).
Die in Haußmanns Rede vertretene Position zum Versailler Vertrag steht exemplarisch für die umfassende Ablehnung des Vertragswerkes. Diese reichte quer durch alle gesellschaftlichen Schichten und politischen Parteien. Dabei sei anzumerken, dass Haußmanns Partei, die DDP, zu diesem Zeitpunkt an der Regierung beteiligt war und die am 28. Juni 1919 erfolgte Unterzeichnung des Vertrages aus Sicht der Öffentlichkeit und der politischen Rechten mit zu verantworten hatte.
M 2 beinhaltet ein Interview zwischen der Wochenzeitung DIE ZEIT und der britischen Historikerin Margaret MacMillan aus dem Jahr 2015. Anhand von M 1 und M 2 sollen Kontinuität und Wandel in der Betrachtungsweise des Versailler Vertrages nachgewiesen werden. Bezüglich der Kontinuität lässt sich vor allem die Problematik herausstellen, dass die Deutschen, wie auch andere „Verlierernationen“ des Ersten Weltkrieges, nicht mit in die Friedensverhandlungen eingebunden wurden (Vgl. M 1, Z. 40f. und M 2, Z. 34 ff.), was deren Akzeptanz schmälerte und daher zu neuen Problemen führen musste. Auch der unterschiedliche Zeithorizont der Quelle M 1 und der Darstellung M 2 ist zu berücksichtigen.
Im Vergleich zu M 1 zeigt MacMillan jedoch eine deutlich differenziertere Haltung zum Versailler Vertrag, was an folgenden Punkten zu erkennen ist:
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Schaffung des Völkerbundes, welcher ein wichtiger Schritt zu mehr internationaler Zusammenarbeit war
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Verwaltung ehemals deutscher Kolonien durch den Völkerbund verbesserte die Lage der dortigen Bevölkerung
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der Versailler Vertrag ist keine Ursache für den Zweiten Weltkrieg gewesen, die Ablehnung durch die Deutschen speist sich vor allem durch die nicht eingestandene Niederlage
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Reparationsforderungen der Franzosen und Belgier, deren Länder durch den Krieg stark zerstört wurden, sind aus damaliger Sicht verständlich gewesen
Folgende Beispiele/Argumente können z. B. angebracht werden:
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für eine „Ruinierung“, also eine Destabilisierung Deutschlands:
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psychologische Demütigung durch die alleinige Kriegsschuld
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Diskreditierung der Demokratie durch die Unterzeichnung des Versailler Vertrages und die Erfüllungspolitik der demokratischen Parteien
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rechte Propaganda verbindet Ablehnung des Versailler Vertrages mit der Ablehnung der Demokratie (Destabilisierung der Republik, „Dolchstoßlegende“)
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mangelnde gesellschaftliche Aufarbeitung des 1. Weltkriegs
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gegen eine „Ruinierung“:
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erfolgreiche Revisionspolitik führt in den 1920er Jahren zu einer Abmilderung vieler Bestimmungen; hier hervorzuheben: Verträge von Rapallo und Locarno, Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund, US-Kredite zur Ankurbelung der Wirtschaft (Goldene Zwanziger), Reduzierung der Reparationen (Dawes- und Young-Plan)
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vielfältige Ursachen für das Scheitern von Weimar jenseits des 1. Weltkriegs
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Es zeigt sich, dass viele Bestimmungen des Versailler Vertrages so nie umgesetzt bzw. schnell abgemildert wurden. Gerade aus ökonomischer Sicht waren die Bestimmungen alles andere als ruinierend für Deutschland. Das große Problem des Versailler Vertrages bestand in der psychologischen Demütigung Deutschlands. Die Ablehnung des Vertrages übertrug sich zwangsläufig auf die Ablehnung der Demokratie, da ihre Repräsentanten in den Augen der politischen Rechten und eines wachsenden Teils in der Bevölkerung für die Unterzeichnung und die Erfüllung der Bestimmungen verantwortlich gemacht wurden. Der Versailler Vertrag begünstigte daher als rechtes Propagandainstrument den Niedergang der Demokratie und den Aufstieg extremer Kräfte. Die Aussage Conrad Haußmanns ist daher nur teilweise zutreffend, jedoch in ihrer drastischen Formulierung aus damaliger Sicht nachzuvollziehen.
Folgende Beispiele können für den Vergleich herangezogen werden:
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Wiener Kongress 1814/15
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Potsdamer Konferenz 1945
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Kuba-Krise 1962
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Abrüstungsverhandlungen während des Ost-West-Konfliktes
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Zwei-plus-Vier-Vertrag und deutsche Wiedervereinigung 1990
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Minsker Abkommen zur Lösung des Ukraine-Konfliktes (2014)
Folgende Leitfragen können für den Vergleich herangezogen werden:
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Wer waren die an der Konfliktlösung beteiligten Parteien (Sieger, Verlierer, Vermittler)?
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Welche Interessen verfolgten die an der Konfliktlösung beteiligten Parteien?
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Wie sahen die Bestimmungen bzw. Ergebnisse der jeweiligen Konfliktlösung aus?
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Gab es im Nachhinein Bestrebungen der Beteiligten, die Beschlüsse zu revidieren?
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Wie dauerhaft waren die Beschlüsse im Hinblick auf eine stabile Friedensordnung?
Im Folgenden wird die Versailler Friedensordnung exemplarisch mit dem Wiener Kongress (1814/15) verglichen und hinsichtlich ihrer Stabilität beurteilt:
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Beteiligte Parteien: Während in Versailles die Verlierer ausgeschlossen waren (Diktatfrieden), wurden beim Wiener Kongress alle europäischen Großmächte inklusive des besiegten Frankreichs (vertreten durch Talleyrand) an den Verhandlungstisch geholt.
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Interessenlagen: Versailles war geprägt von den Sicherheitsinteressen der Sieger und der Schwächung Deutschlands. Der Wiener Kongress verfolgte hingegen das Prinzip der Pentarchie (Gleichgewicht der fünf Großmächte) sowie die Prinzipien der Restauration und Legitimität, um keine Macht durch übermäßige Demütigung zur Revanche zu treiben.
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Ergebnisse und Revision: In Versailles führten die harten Bedingungen (Gebietsverluste, Reparationen, Art. 231) zu sofortigen Revisionsbestrebungen. Beim Wiener Kongress blieb Frankreich als Großmacht erhalten; Gebietsverschiebungen dienten der Pufferbildung und nicht der dauerhaften wirtschaftlichen Lähmung des Gegners.
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Dauerhaftigkeit der Friedensordnung: Der Wiener Kongress schuf ein System, das Europa fast 100 Jahre vor einem allgemeinen großen Krieg bewahrte. Die Versailler Ordnung hingegen hielt nur 20 Jahre stand, da sie laut Margaret MacMillan (M 2) die Deutschen in einer unversöhnlichen Opferrolle (M 1) zurückließ, ohne die nötigen Instrumente zur Durchsetzung der Bedingungen konsequent anzuwenden.
Beurteilung: Auf Grundlage dieses Vergleichs lässt sich beurteilen, dass eine stabile Friedensordnung die Integration des Verlierers und einen gerechten Interessenausgleich benötigt. Die Versailler Friedensordnung scheiterte daran, dass sie – im Gegensatz zum Wiener Kongress – eine „Mischlösung“ darstellte: Sie war zu hart, um Akzeptanz beim Verlierer zu finden, aber zu schwach, um diesen dauerhaft am Wiederaufstieg und an der Revision zu hindern. Während das Wiener System auf Stabilität durch Balance setzte, basierte Versailles auf einer fragilen Dominanz der Sieger, was letztlich den Weg in den Zweiten Weltkrieg ebnete.