Block II
Transformation
Transformation in Ostdeutschland
Aufgaben
Nenne die formalen Merkmale von M 1 und fasse die Sichtweise des Liedermachers auf den Stand der Deutschen Einheit zusammen.
Erläutere ausgehend von M 2 wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen in Ostdeutschland in den 1990er Jahren. Begründe die Wahl des Songtitels M 1.
Beurteile, inwiefern der Staatsvertrag zwischen der BRD und der DDR (Übersicht: M 3a) zur Bewältigung der Herausforderungen der Deutschen Einheit (dargestellt in M 2 und M 3b) beigetragen hat.
Erörtere anhand weiterer historischer oder aktueller Beispiele den Einfluss wirtschaftlicher Stabilität auf die Akzeptanz des jeweiligen politischen Systems in der Bevölkerung.
Grundlagen
Arno Schmidt, „Eigentlich“ 1993 (Lied und Text von Arno Schmidt) zit. nach <https://www.lyrix.at/t/arno-schmidt-eigentlich-8d1>, Zugriff am: 5.10.2023
Aus dem Jahresgutachten 1990/91 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: zit. nach: Bundestagsdrucksache 11/8472, S. 57 ff.
Der Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR (1.7.1990); Übersicht aus: Manuela Droll (Hrsg.), Geschichte - Gesellschaft konkret, Berufliches Gymnasium Baden-Württemberg, Gesamtband Oberstufe, Berlin 2021, S.303.
Statistik: Deutsche Einheit, Die Lücke zwischen Ost und West; Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, 2020.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?M 1 Arno Schmidt, „Eigentlich“ (1993)
Arno Schmidt (*1955 in Rostock) ist ein ostdeutscher Liedermacher.
10Anspielung auf Erich Honecker (ehemaliger Staatsratsvorsitzender der DDR) und Erich Mielke (ehemaliger Minister der Staatssicherheit)
11Das Zahlungsmittel der DDR war die (Ost-)Mark. Die Münzen wurden auch spöttisch „Aluchips“ genannt, was auf ihr Material, ihre geringe Kaufkraft bei höherwertigen Gütern, aber auch auf den geringen Umtauschwert gegenüber der D-Mark anspielte.
M 2 Aus dem Jahresgutachten 1990/91 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung
Der Sachverständigenrat ist ein von der Bundesregierung berufenes unabhängiges Gremium namhafter Wirtschaftsexperten, das Analysen, Prognosen und Empfehlungen erarbeitet.
M 3a Der Staatsvertrag zwischen der BRD und der DDR (1.7.1990)
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Währungsunion |
Wirtschaftsunion |
Sozialunion |
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Die DDR schafft Voraussetzungen für die soziale Marktwirtschaft:
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Die DDR schafft Einrichtungen, die denen in der BRD entsprechen:
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Die DDR schafft und gewährleistet nach dem Vorbild der BRD:
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Für die Sanierung des DDR-Haushalts stellt die BRD 115 Mrd. DM Fördergeld bereit. |
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M 3b Zum Stand der deutschen Einheit, 2020

Materialbeilage
Farbversion von M 3b - Die Deutsche Einheit Zu LK, Block II, S. 12

Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Bei der vorliegenden Quelle „Eigentlich“ handelt es sich um einen Liedtext des ostdeutschen Liedermachers Arno Schmidt aus dem Jahr 1993. Das Lied (das am ehesten der Gattung Chanson zugeordnet werden kann) richtet sich an alle Anhänger von Musik, der Liedtext wird durch viele Bezugnahmen eher Zuhörern mit Kenntnissen der ostdeutschen Transformation verständlich.
In seinem Lied …
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preist und kritisiert Schmidt die Errungenschaften der deutschen Wiedervereinigung;
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zählt er neben politischen („die Erichs los ist“, „befreit von senilen Greisen“) und regionalen Vorteilen (u. a. „das Land so groß ist“) vor allem auch wirtschaftliche Vorzüge dieses historischen Ereignisses auf („in Bananen baden“, „Mercedes leasen“ u. a.);
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lässt er durch die permanente Wiederholung des „Eigentlich“ ein konzessives „aber“ in jeder Liedzeile mitklingen;
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degradiert er die vermeintlichen Errungenschaften damit zum bloßen Schein und deutet weitere Herausforderungen durch die entstandenen Freiheiten an („könnte nach Marokko düsen“, „sein Arbeitslosengeld in Aktien investieren“).
Erkläre die Veränderungen in den neuen Bundesländern ab 1990, ordne diese den Kategorien Wirtschaft bzw. Gesellschaft zu und stelle entsprechende Zusammenhänge her. Begründe auf dieser Basis und ggf. mit weiteren Argumenten den Songtitel „Eigentlich“.
Aus dieser Darstellung ergeben sich u. a. folgende Herausforderungen in den 1990er Jahren für die neuen Bundesländer:
wirtschaftlich:
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Veränderung der Eigentumsverhältnisse: „Volkseigentum“ in Privateigentum, Arbeit der Treuhandanstalt;
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Schließung unrentabler Betriebe, Entlassungen, Anstieg der Arbeitslosigkeit, Abwanderung in die alten Bundesländer – insbesondere von jungen bzw. qualifizierten Menschen, langfristige Auswirkungen auf die Demografie, Entstehung „industriearmer“ Regionen, Notwendigkeit von Qualifizierungen, unterschiedliche Tarifabschlüsse für neue und alte Bundesländer, Angleichung des Lohngefüges nur langfristig;
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Veränderungen/ Steigerungen im Konsum.
gesellschaftlich:
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Akzeptanz des neuen politischen Systems;
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Auseinandersetzung mit der DDR, Aufarbeitung ihres Scheiterns;
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Verarbeitung der Umbrüche in den individuellen Biografien („Gewinner“ und „Verlierer“);
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Verlust des sozialen Beziehungsgefüges;
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Nutzung neuer Möglichkeiten (z. B. das Reisen – abhängig von den finanziellen Rahmenbedingungen des Einzelnen);
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Überforderung mit dem Transformationsprozess: Radikalisierung, Entwicklung von Feindbildern, Anknüpfung an die DDR als „homogene Gesellschaft“.
Als Hauptursache diagnostizieren die Sachverständigen die „Geburts- und Systemfehler“ der ostdeutschen Planwirtschaft, d. h. im Einzelnen: aus der zentralen Lenkung herrührende falsche Investitionsentscheidungen; fehlende Innovationsanreize, bedingt durch das Fehlen des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs; die durch Abschottung vom Weltmarkt verursachte technologische und betriebswirtschaftliche Rückständigkeit; verschlissener Kapitalstock; Zurückhaltung der westlichen Wirtschaft bei Investitionen im Produktionsbereich; oft unzureichende Qualifikation der Arbeitskräfte.
Der Songtitel „Eigentlich“ lässt das unausgesprochene konzessive „Aber“ mitklingen. Dem Songwriter sind die aufgezählten Errungenschaften seit der Wiedervereinigung beider deutschen Staaten bewusst, wenn er sie auch als teilweise fragwürdig und unnütz einschränkt: im Bewusstsein neu entstandener Probleme, die nicht alle näher ausgeführt werden (vermutlich: Überforderung der ostdeutschen Bevölkerung mit dem neuen System und seinen Freiheiten, Konsum-Überfluss, aber auch wirtschaftliche Not wie Arbeitslosigkeit u. a.).
Der Staatsvertrag zwischen der BRD und der DDR aus dem Jahr 1990 beinhaltet die Bereiche Währung, Wirtschaft und Soziales. Der Vertrag war eine wesentliche Voraussetzung für die Wiedervereinigung. Beide deutsche Staaten hatten in den genannten Bereichen unterschiedliche, z. T. gegensätzliche Systeme. Da die DDR der Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes beitreten sollte, waren entsprechende Veränderungen in der „Noch-DDR“ unausweichlich.
Der Staatsvertrag legte somit die gesetzlichen Rahmenbedingungen fest. Wie aus M 3b ersichtlich ist, bedeuten gleiche Gesetze nicht gleichzeitig gleiche Wirtschaftskraft und gleiche Lebensverhältnisse. Zudem waren die wirtschaftlichen Grundlagen beider deutschen Staaten höchst unterschiedlich (M 2).
Der Staatsvertrag leitete gemeinsam mit dem Einigungsvertrag vom 31. August 1990 einen Transformationsprozess ein, dessen Auswirkungen sich bis in die Gegenwart erstrecken (M 3b Bruttoinlandsprodukt, Lohngefüge, Arbeitslosenquote).
Der Staatsvertrag hat zur Bewältigung der Herausforderungen der deutschen Einheit beigetragen. Diese These kann beurteilt werden, mit:
Zustimmung, weil er u. a.:
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das Bekenntnis zur Wiedervereinigung durch beide deutsche Staaten verdeutlichte;
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in vieler Hinsicht gleiche gesetzliche Grundlagen geschaffen hat;
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Transferleistungen ermöglichte;
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politisches „Neuland“ betrat, ohne historisches Vorbild.
Ablehnung, evtl. nur bedingt, weil er u. a.:
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nicht alle Details in den Bereichen Währung, Wirtschaft und Soziales regeln konnte;
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eine Einigung von zwei Staaten zu einem bestimmten Zeitpunkt war, aus der sich weitere Folgen ergaben, der Staatsvertrag selbst aber nach Abschluss keinem Entwicklungsprozess unterlag;
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nicht alle Bereiche des Transformationsprozesses beinhaltete.
Zunächst ist zu konstatieren, dass wirtschaftliche Stabilität nicht als Garant für eine höhere Akzeptanz des jeweiligen politischen Systems gelten kann, Instabilität aber zu Unruhen und Umstürzen führen kann.
Beispielhaft könnten dazu aufgeführt werden:
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der Staatsbankrott des absolutistischen Systems in Frankreich (1788);
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der Weberaufstand 1844;
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die wirtschaftliche Krise der Weimarer Republik 1923;
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die Weltwirtschaftskrise ab 1929 – Vergleich Deutschland/ USA;
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die Solidarność-Bewegung in den 1980er Jahren in Polen;
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die fortwährend prekäre wirtschaftliche Situation in der DDR;
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die Weltfinanzkrise 2008.
Aus diesen historischen Beispielen lässt sich ableiten, dass wirtschaftliche Stabilität als förderlich für die Akzeptanz des jeweiligen poltischen Systems angesehen werden kann.
Weitere historische Beispiele könnten sein:
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die Sozialgesetzgebung im Deutschen Kaiserreich;
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das „Wirtschaftswunder“ der jungen BRD in den 1950er Jahren.
Dennoch erscheint es monokausal, nur die wirtschaftliche Lage eines Staates für die Akzeptanz des politischen Systems verantwortlich zu machen: Es gibt zum einen in jedem Staat auch immer einen politisch-konformen Bevölkerungsanteil (überzeugte Systemanhänger) sowie eher gemäßigte oder angepasste Bevölkerungsgruppen.
Zum anderen tragen auch weitere (nicht-wirtschaftliche) Faktoren zur fehlenden Akzeptanz eines politischen Systems bei:
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fehlende (abgesicherte) Grundrechte;
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unzureichende Entfaltung der eigenen Persönlichkeit (Berufswahl);
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Unterdrückungs- und Überwachungsapparate;
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hohe soziale Ungleichheit;
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Diskriminierung von Minderheiten;
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fehlende Zukunftsperspektiven;
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zerfallende staatliche Strukturen;
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fehlende Informationsmöglichkeiten.