Block I
Identität und Ausgrenzung
Deutsche Kolonialpolitik und ihre Folgen
Aufgaben
Nenne die formalen Merkmale von M 1. Fasse die Position des Autors zum Erwerb von Kolonien zusammen.
Erkläre anhand von M 2 zentrale wirtschaftliche Entwicklungen in der zweiten Industrialisierungsphase in Deutschland (1870-1914) und charakterisiere die wirtschaftliche Bedeutung von Kolonien für Deutschland.
Erläutere die Intention der in M 1 genannten „Kulturmission“ (Z. 46). Beurteile die Bedeutung einer solchen „Mission“ für die Herausbildung einer nationalen Identität.
Erörtere ausgehend von der Debatte um das deutsch-namibische Versöhnungsabkommen (M 3), inwieweit die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus „abgeschlossen“ ist.
Grundlagen
Fabri, Friedrich: Bedarf Deutschland der Kolonien? Eine politisch-ökonomische Betrachtung, 3. Aufl., Gotha 1884 (Orig. 1879), S. 46f., 109-11. In: Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung, Band 8, Stuttgart 2000, S. 253f.
(Rechtschreibung modernisiert).
Mommsen, Wolfgang J.: Imperialismus. Seine geistigen, politischen und wirtschaftlichen Grundlagen. Ein Quellen- und Arbeitsbuch, Hamburg 1977, S. 32f.
Hampe, Peter: Die „ökonomische Imperialismustheorie“. Kritische Untersuchungen, München 1976, S. 179.
Rohrbach, Paul: Das deutsche Kolonialwesen, Leipzig 1911, S. 151ff.
Kolonialverbrechen: Herero und Nama fordern neue Verhandlungen. In: <https://www.tagesschau.de/wissen/forschung/bundesregierung-nama-herero-101.html>, veröffentlicht 26.01.2022 (Zugriff am 25.01.2023).
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?M 1 Bedarf Deutschland der Kolonien?
Der deutsche Theologe und Publizist Dr. Friedrich Fabri (1824-1891) war Gründer und Leiter der Evangelischen Gesellschaft für die protestantischen Deutschen in Amerika. In die öffentliche Debatte um den deutschen Erwerb von Kolonien griff er mit seiner Schrift „Bedarf Deutschland der Kolonien?“ (1879) folgendermaßen ein:
1kaufmännisch
2von „Agrikultur“: Ackerbau, Landwirtschaft
3Hader: Streit, Zwist
4„Beruf“ im Sinne von „Berufung“
M 2 Wirtschaftliche Entwicklung des Deutschen Reiches und Bedeutung der Kolonien
a) Struktur des Nationalprodukts5 im Deutschen Reich (in %)
|
Jahr |
Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Fischerei |
Bergbau, Salinen6 |
Industrie, Handwerk |
Verkehr |
Handel, Banken |
Staatliche und private Dienstleistungen |
Wohnungswirtschaft |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
|
1870/74 |
37,9 |
2,0 |
29,7 |
2,1 |
8,1 |
16,9 |
3,3 |
|
1880/84 |
36,2 |
2,7 |
29,8 |
3,1 |
8,2 |
15,7 |
4,3 |
|
1890/94 |
32,2 |
2,8 |
34,0 |
3,8 |
8,7 |
13,9 |
4,6 |
|
1900/04 |
29,0 |
3,2 |
36,6 |
5,0 |
9,2 |
12,1 |
4,9 |
|
1910/13 |
23,4 |
3,7 |
40,9 |
6,4 |
9,1 |
11,4 |
5,1 |
b) Regionale Verteilung des deutschen Außenhandels 1910/13
|
Land |
Exporte nach (in Mio. Mark) |
Anteil am deutschen Gesamtexport (in %) |
Importe aus (in Mio. Mark) |
Anteil am deutschen Gesamtimport (in %) |
|---|---|---|---|---|
|
Deutsche Kolonien (K)7 |
51,9 |
0,6 |
49,8 |
0,5 |
|
Halbkoloniale Gebiete (HK)8 |
357,1 |
4,1 |
323,9 |
3,1 |
|
Europa (ohne HK) |
6.269,0 |
72,4 |
5.495,7 |
54,8 |
|
Amerika |
1.415,0 |
16,3 |
2.633,2 |
26,3 |
|
Afrika (ohne HK) |
136,3 |
1,6 |
398,8 |
4,0 |
|
Asien (ohne chin. Gebiete) |
328,0 |
3,8 |
823,7 |
8,2 |
|
Australien und Neuseeland |
88,4 |
1,0 |
280,0 |
2,8 |
|
unaufgeschlüsselter Rest |
13,0 |
0,2 |
20,2 |
0,3 |
|
Gesamt |
8.658,7 |
100 |
10.025,3 |
100 |
c) Entwicklung der Einnahmen und Ausgaben für die deutschen Kolonien im Deutschen Reich
|
Jahr |
Einnahmen aus Kolonien (in Mio. Mark) |
Ausgaben für Kolonien (in Mio. Mark) |
|---|---|---|
|
1896 |
3,2 |
13,5 |
|
1897 |
3,6 |
8,0 |
|
1898 |
4,7 |
9,2 |
|
1899 |
5,9 |
14,6 |
|
1900 |
6,7 |
17,2 |
|
1901 |
7,5 |
28,9 |
|
1902 |
8,9 |
26,3 |
|
1903 |
9,7 |
29,6 |
|
Jahr |
Einnahmen aus Kolonien (in Mio. Mark) |
Ausgaben für Kolonien (in Mio. Mark) |
|---|---|---|
|
1904 |
12,7 |
133,8 |
|
1905 |
13,4 |
196,6 |
|
1906 |
16,5 |
161,0 |
|
1907 |
21,7 |
167,4 |
|
1908 |
22,4 |
215,0 |
|
1909 |
35,3 |
89,5 |
|
1910 |
35,1 |
93,3 |
|
1911 |
38,8 |
104,4 |
5veraltete Bezeichnung für „Nationaleinkommen“: Maß für in einem Jahr von den Inländern produzierten Sachgüter und Dienstleistungen sowie für die im Zuge dieser Produktion erzielten Einkommen
6Anlagen zur Gewinnung von Salz
7Deutsche Kolonien: Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo, Kiautschou, Deutsch-Neuguinea, Samoa
8Halbkoloniale Gebiete: Bulgarien, Rumänien, Serbien, Türkei, Marokko, China
M 3 Kolonialverbrechen – Herero und Nama fordern neue Verhandlungen
Die „Tagesschau“ berichtete am 26.01.2022 unter der Überschrift „Herero und Nama fordern neue Verhandlungen“ über das Versöhnungsabkommen zwischen der Bundesrepublik und Namibia
Namibia war von 1884 bis 1915 deutsche Kolonie. Deutsche Kolonialtruppen verübten Anfang des 20. Jahrhunderts einen Völkermord* an den Herero und Nama, bei dem weit mehr als 80.000 Menschen starben. Ab 1920 wurde „Deutsch-Südwestafrika“ als Mandatsgebiet des Völkerbundes durch die Südafrikanische Union verwaltet. Seit 1990 ist Namibia souverän. In einem Abkommen mit Namibia 2021 erkannte die Bundesrepublik die Verbrechen als Völkermord an. Nachfahren der Opfer kritisieren, dass sie an den Gesprächen nicht beteiligt waren.
(kommissionsinterne Erstellung für Prüfungszwecke)
9Das Abkommen wurde durch die von der CDU/CSU und SPD gebildeten Regierung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel unterzeichnet. Die seit Dezember 2021 amtierende Regierung aus SPD, B`90/Die Grünen und FDP unter Bundeskanzler Olaf Scholz bekennt sich zu diesem Abkommen.
*Zum Begriff Völkermord/Genozid
Als „Völkermord“ oder „Genozid“ definiert die „UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“ von 1948 eine der folgenden Handlungen, begangen in der Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören:
a) das Töten eines Angehörigen der Gruppe
b) das Zufügen von schweren körperlichen oder seelischen Schäden bei Angehörigen der
Gruppe
c) die absichtliche Unterwerfung unter Lebensbedingungen, die auf die völlige oder
teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen
d) die Anordnung von Maßnahmen zur Geburtenverhinderung
e) die zwangsweise Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Bei der vorliegenden Quelle M 1 handelt es sich um den Auszug aus einem Aufsatz von Dr. Friedrich Fabri, Gründer und Leiter der Evangelischen Gesellschaft für die protestantischen Deutschen in Amerika, der 1879 im Zuge der öffentlichen Debatte um den deutschen Erwerb von Kolonien veröffentlicht wurde.
Der Verfasser positioniert sich klar für einen deutschen Erwerb von Kolonien und fokussiert dabei vor allem wirtschaftliche sowie „kulturmissionarische” Gründe:
-
Handels- und Arbeitspolitik als Voraussetzung für nationalen Wohlstand („gesunde“ Steuer- und Zollpolitik, „reichliche“ und „solide“ Arbeit, „neue“ und „feste“ Absatzmärkte);
-
Erwerb von Kolonien als Grundlage für „richtige“ Handels- und Arbeitspolitik;
-
Deutsches Reich erst im „Vorstadium“ zum Erwerb von Kolonien;
-
Orientierung an englischer Kolonialverwaltung;
-
Deutsches Reich bereits seetüchtig und mit ausgeprägten kaufmännischen bzw. Handelsbeziehungen ins Ausland;
-
Kolonialfrage als „Lebensfrage“ für Entwicklung des Deutschen Reiches;
-
positive Folgen für wirtschaftliche Lage und nationale Entwicklung durch Kolonialerwerb prognostiziert;
-
Befreiung von innenpolitischen Konflikten und Stillstand durch Kolonialerwerb;
-
politische Machtstellung des deutschen Volkes verbunden mit Wahrnehmung des „kulturmissionarischen“ Auftrags;
-
Erhalt gewonnener Machtstellung des Deutschen Reiches auch durch Kolonialerwerb.
Industrialisierung beinhaltet die Umwandlung einer Agrar- in eine Industriegesellschaft, gebunden an technische, wirtschaftliche und soziale Veränderungen.
Zur Entwicklung der Industrialisierung im Deutschen Reich lassen sich u. a. die folgenden Punkte heranziehen:
-
seit etwa 1840 Durchsetzung industrieller Produktionsweise in Deutschland;
-
Eisenbahn als „Motor der Industrialisierung“;
-
Gründerkrach (1873-1879): schwere Wirtschaftskrise im Deutschen Reich nach dessen Gründung;
-
Gründe: Preisverfall im Agrar- und Industriesektor, verschärfte Konkurrenz auf dem Weltmarkt, Steigerung der Produktivität, Erschöpfung des Eisenbahnbaus als „Motor der Industrialisierung“;
-
-
rasanter Anstieg industrieller Produktion: Übergang vom Agrar- zum Industriestaat, Überflügelung Großbritanniens bei industrieller Produktion;
-
zunehmende internationale Vernetzung (Vervierfachung der Exporte von 1871-1914);
-
wichtigste Sektoren der Industrialisierung: Kohleförderung, Eisen- und Stahlproduktion, Rüstungsindustrie, Maschinenbau, Chemieindustrie, Elektroindustrie;
-
Übergang vom Heimgewerbe zur großbetrieblichen Produktion;
-
zu niedrige Binnennachfrage, um Produkte deutscher Industriewirtschaft aufzunehmen (Exportorientierung);
-
Kartellbildung unter deutschen Großunternehmen;
-
Entstehung der Sozialen Frage;
-
Aufkommen der Arbeiterbewegung;
-
Sozialgesetzgebung und Sozialistengesetze als Reaktion auf Arbeiterbewegung.
Aus M 2 können folgende Aspekte entnommen werden:
-
Bedeutungsverlust des primären und Aufstieg des sekundären Wirtschaftssektors zum bedeutendsten Sektor im Deutschen Reich 1870-1913;
-
Kolonien und halbkoloniale Gebiete mit unter 5 % Außenhandelsanteil bei Importen und Exporten des Deutschen Reiches haben einen sehr geringen Einfluss auf gesamte Wirtschaftsleistung;
-
Ausgaben für Kolonien sind konstant höher als Einnahmen für das Deutsche Reich.
Der erwartete Nutzen aus Kolonien bezogen auf die Wirtschaftsleistung des Deutschen Reiches ist nicht nachweisbar. Bedeutsam für die Industrialisierung im Deutschen Reich waren einheimische Standortfaktoren und vor allem europäische Handelspartner.
Die Intention der „Kulturmission“ besteht im Wesentlichen darin, für die Bevölkerung insgesamt eine Identifikationsgrundlage zu schaffen, die die Bedeutung der eigenen Nation, des eigenen Staates in den Vordergrund stellt, überhöht und damit koloniale Eroberungen rechtfertigt. Das Individuum wird in diesem Zusammenhang zu einer Person, die einer übergeordneten Sache dient und persönliche Interessen zurückstellt. Unter dem Deckmantel der Kultur sollten die Völker in den Kolonien, die aus der Perspektive der Kolonialmächte als „minderwertig“ oder „unzivilisiert“ galten, nach deren Maßstäben „bekehrt“ werden.
Die Äußerungen von Fabri 1879 stehen im Zusammenhang mit dem realen Erwerb von Kolonien durch das Deutsche Reich und tragen dazu bei, die Bevölkerung mental und medial auf die kommende Kolonialpolitik vorzubereiten.
Die Beurteilung kann sich u. a. auf folgende Aspekte stützen:
Verbindung zwischen Kulturmission und nationaler Identität bedeutet innenpolitisch:
-
Entwicklung des Nationalismus über den Eliten- zum Massennationalismus bis hin zum Reichsnationalismus/ integralen Nationalismus, der sich über andere erhebt und der eigenen Nation eine bedeutendere Rolle zuweist als anderen;
-
das Ausrichten auf eine gemeinsame Aufgabe, eine gemeinsame „Mission“ in Abgrenzung zu anderen;
-
Ablenken von innenpolitischen Konflikten;
-
Verwischen von unterschiedlichen politischen Interessen und sozialen Unterschieden;
-
Begünstigung der Militarisierung der Gesellschaft und der Verbreitung entsprechender Ideologien mit Vorurteilen, Stereotypen und Feindbildern.
Verbindung zwischen Kulturmission und nationaler Identität bedeutet außenpolitisch:
-
die Zustimmung zu kolonialen Erwerbungen einschließlich der Zerstörung politischer, wirtschaftlicher, sozialer, territorialer Strukturen in den Kolonien;
-
die Christianisierung;
-
die Zerstörung traditioneller Kulturen;
-
die Legitimation der Diskriminierung, Unterdrückung, Ermordung der einheimischen Bevölkerung sowie die Glorifizierung von Kolonisatoren.
Wenn es gelingt, den Gedanken der „Kulturmission“ mit der nationalen Identität zu verknüpfen, wird koloniale und imperialistische Politik kaum bzw. nicht in Frage gestellt.
Die Ausführungen sind mit entsprechenden Beispielen zu belegen. Das Urteil muss sich schlüssig aus der Argumentation ergeben.
Kolonialismus bedeutet die Errichtung von Handelsstützpunkten, die Besiedlung von Ländern, die als militärisch und politisch schwächer gelten im Vergleich zu den Staaten, die die Kolonisation betreiben. Er beinhaltet u. a. die wirtschaftliche Ausbeutung der Kolonien sowie die politische und kulturelle Unterdrückung der dortigen Bevölkerung.
Insbesondere in der Zeit zwischen 1880/90 und 1914 war der Erwerb von Kolonien mit der imperialen Politik europäischer Großmächte verbunden, die sich gegen afrikanische und asiatische Länder richtete.
In der Erörterung können folgende Aspekte zum Tragen kommen:
-
zeitlicher Abstand zum Kolonialismus;
-
Verjährung von Verbrechen in den Kolonien;
-
Aufarbeitung von Verbrechen in den Kolonien;
-
Entschädigungen für Nachfahren von Opfern der Kolonialpolitik;
-
genereller Stand der Aufarbeitung der Kolonialgeschichte;
-
Namibia hat erst seit 1990 die Chance, sich politisch unabhängig und eigenständig mit der Kolonialzeit zu befassen;
-
in Deutschland gab es über Jahrzehnte kaum Interesse an der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit, deshalb erscheint diese jetzt notwendig;
-
die Erinnerungskultur an die Kolonialzeit in ihren verschiedenen Facetten bedarf selbst einer Reflexion;
-
die Debatte um das Versöhnungsabkommen zeigt die Komplexität und die Schwierigkeiten im Umgang mit der Kolonialgeschichte (beginnend beim Namen des Abkommens, bei der Bezeichnung der begangenen Verbrechen, bei der Frage, wer mit welcher Summe entschädigt werden soll, was eine angemessene Entschädigung ist und wer an der Ausarbeitung des Abkommens beteiligt sein soll);
-
unterschiedliche Perspektiven auf die Kolonialgeschichte (Blickwinkel der ehemaligen Kolonien ist unterrepräsentiert);
-
Konflikte um Hinterlassenschaften und Symbole kolonialer Herrschaft – u. a. nachhaltige Einwirkung auf Besitzverhältnisse, Grenzziehungen durch die Kolonialherrschaft, Rückgabe von Kunstgegenständen aus europäischen Museen, Umbenennung von Straßen und Plätzen, die an die Kolonialzeit erinnern (bei den ehemaligen Kolonialmächten und den ehemaligen Kolonien), Umgang mit Denkmälern aus der Kolonialzeit;
-
Fortbestand von Elementen eines strukturellen Rassismus.
Die Argumentation muss zu einem nachvollziehbaren Urteil führen.