Block II
Block II Migration
Aufgaben
Gib die formalen Merkmale von M 1 wieder und fasse die genannten Ursachen und das Ausmaß der Republikflucht zusammen.
Erkläre anhand der Statistiken von M 1 und M 2 die Gründe (Push-Pull-Faktoren) und Folgen der innerdeutschen Migration von 1949 bis 1961. Erschließe die Intention von M 1 in der Situation von 1960.
Vergleiche die Abwanderung aus den neuen Bundesländern nach 1990 und deren Folgen mit der innerdeutschen Migration in den 1950er Jahren. (M 3a und 3b)
Die Zuwanderung von Menschen stellt Zuwanderungsgesellschaften immer wieder vor gesellschaftliche Herausforderungen. Erörtere an weiteren historischen (M 4) oder aktuellen Beispielen die mit der Integration2 verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen.
Grundlagen:
Auszüge aus einem Bericht des Ministeriums für Staatssicherheit über die Entwicklung der Republikflucht 1960 und über Maßnahmen und Ergebnisse Ihrer Bekämpfung vom 28.10.1960 (streng geheim). URL: <https://www.stasi-mediathek.de/medien/bericht-ueber-die-entwicklung-der-republikflucht-1960/blatt/67/ff.> (Zugriff 22.05.2026, gekürzt)
Umfang und Struktur der Zuwanderer aus der SBZ/DDR in die BRD 1949-1961 in ausgewählten Jahren. In: Helge Heidemeyer, Flucht und Zuwanderung aus der SBZ/DDR, Droste, Düsseldorf 1994, S. 51f. (gekürzt und bearbeitet)
1957-2001 URL: <https://www.researchgate.net/figure/Abbildung-3-Ost-West-Wanderungen-in-Deutschland-1957-bis-2001_fig1_4876643> (Zugriff 22.05.2026)
1991-2017 URL: <https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-05/ost-west-wanderung-abwanderung-ostdeutschland-umzug> (Zugriff 22.09.2020, bearbeitet)
Jennifer Elrick, Entwicklung der Einwanderung und der Einwanderungspolitik seit dem 19. Jahrhundert, Länderprofile Migration Kanada, Bundeszentrale für politische Bildung, 2013. URL: <www.bpb.de/gesellschaft/migration/laenderprofile/170736/entwicklung>
(Zugriff 10.09.2020, gekürzt)
2Integration ist ein alltäglicher und in der Regel unauffälliger und unspektakulärer wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, kultureller und mentaler Anpassungsprozess, der schrittweise verläuft. Integration verändert bei größeren Bewegungen sowohl die Zuwanderergruppen als auch die Aufnahmegesellschaft.
M 1 Auszüge aus einem Bericht der ZIG
des Ministeriums für Staatssicherheit über die Entwicklung der Republikflucht 1960 und über Maßnahmen und Ergebnisse ihrer Bekämpfung vom 28.10.1960 (streng geheim)
Die Zentrale Informationsgruppe (ZIG) wurde nach dem Juniaufstand 1953 als Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit gegründet und verfasste regelmäßig Lage- und Stimmungsberichte für die Partei- und Staatsführung der DDR.
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Jan. – Sept. 1959 |
Jan.– Sept. 1960 |
Steigerung Pers./% |
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Ärzte |
623 |
744+ |
121 / 19,4 |
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Lehrer |
781 |
1270+ |
489 / 62,6 |
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Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker |
941 |
1495+ |
554 / 58,9 |
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Handwerker und Besitzer von Privatbetrieben |
1211 |
2162+ |
951 / 79,4 |
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Gewerbetreibende |
1165 |
1479+ |
314 / 26,9 |
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Genossensch. u. Einzelbauern |
1404 |
5323+ |
3919 / 379,1 |
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Arbeiter und Angestellte der Industrie |
39.622 ++ |
45.786++ |
6164 / 15,6 |
(+ In diesen Angaben ist der September nur mit vorläufigen Zahlen enthalten. ++ Die Angaben beziehen sich nur auf den Zeitraum Jan.-Aug., da die entsprechenden Zahlen für September 1960 noch nicht vorlieg[en].)
M 2 Umfang und Struktur der DDR-Flüchtlinge 1949-1961 (ausgewählte Jahre)

M 3 Wanderungsbewegungen in Deutschland 1957 bis 2017
M 3a Fort- und Zuzüge in Ost- und Westdeutschland 1957 bis 2001

M 3b

M 4 Einwanderung und Einwanderungspolitik in Kanada
Die Autorin Jennifer Elrick befasst sich mit Motiven der Einwanderung nach Kanada (2013).
Es geht um Auszüge eines streng geheimen Berichts des MfS vom 28.10.1960 über die Entwicklungen der Republikflucht aus der DDR im Jahr 1960 vermutlich an die übergeordneten Parteiorgane der SED. (Adressat wird nicht benannt.) Das MfS verstand sich als „Schild und Schwert“ der SED, war Geheimdienst und Teil des Unterdrückungsapparates innerhalb der DDR. Einzuordnen ist der Bericht (Oktober 1960) in die Zeit vor dem Mauerbau am 13. August 1961. Er besteht aus einem Bericht in Textform unter Einbeziehung von statistischem Material und basiert auf Beobachtungen und konkreten Zählungen der Mitarbeiter des MfS.
Der Bericht stellt als Fluchtursachen fest:
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Die bedeutende Anzahl von Republikfluchten und Abwerbungen wird von sich nicht persönlich verantwortlich fühlenden staatlichen Funktionären unterschätzt, womit eine wirksame Bekämpfung der Flucht unterbleibt bzw. diese sogar begünstigt wird.
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Verstärkt wird die Republikflucht durch unangemessene Maßnahmen, wie z. B. das Nichteingehen auf Kritik sowie das administrierende Auftreten von Funktionären.
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Die fehlende Verbindung zum Volk und das fehlende Vertrauen in die Partei und den Staat werden als Fluchtgrund insbesondere der Intelligenz benannt.
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Gründe für die Republikfluchten liegen aus Sicht des MfS im Nichtverstehen politischer Zusammenhänge, in persönlichen Gründen und in einem rückständigen kleinbürgerlich-religiösen Bewusstsein, was bei den Flüchtenden zu ideologischen Schwankungen führe.
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Hinzu kommen eine mediale westliche Beeinflussung (Funk/TV) und persönliche Kontakte, die das „rückständige Bewusstsein“ der Fluchtwilligen gezielt nutzen, um in den Westen abzuwerben und „falsche“ Schlussfolgerungen hervorzurufen.
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Als begünstigender Faktor wird die ungenügende politische Arbeit von Partei und Massenorganisationen der DDR benannt.
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Von gegnerischen Gerüchten, zeitweiligen ökonomischen Schwierigkeiten und Zweifeln an der wirtschaftlichen Entwicklung werden u. a. der Mittelstand, die technische Intelligenz und auch Arbeiter beeinflusst.
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Die Statistik stellt die Anzahl der 1959 und 1960 aus der DDR geflüchteten Berufstätigen (nach Zählung der Volkspolizei) dar. Unabhängig von der Berufsgruppe stieg die Anzahl der „Republikflüchtlinge“ von 1959 auf 1960 von zwischen 15,6 % bei den Arbeitern und Angestellten bis zu 379,1 % bei den Bauern. Neben den Bauern verliert die DDR (Planwirtschaft) insbesondere Lehrer, Wissenschaftler, Ingenieure, Ärzte, Handwerker und Selbstständige.
Fluchtgründe (push) aus der DDR in den 1950er Jahren waren z. B.
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die mit dem Aufbau der sozialistischen Planwirtschaft verbundenen, staatlich erzwungenen Veränderungen
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Enteignungen und Verstaatlichung von Betrieben in Handwerk/ Industrie sowie Zwangskollektivierung der Landwirtschaft
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die Ausrichtung auf den Aufbau der Schwerindustrie
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Stagnation in der Versorgungslage der Bevölkerung (Konsumgüter) bei gleichzeitiger Erhöhung der Arbeitsnormen ohne Lohnausgleich; breite Unzufriedenheit in der Bevölkerung
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die gewaltsame Niederschlagung des „Volksaufstandes“ 1953
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fehlende freie Wahlen in der DDR, politische Inhaftierungen und Verhaftungswellen in der DDR, Entlassung von Funktionären aus der Partei
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kurzzeitiges Abflauen der Fluchten durch die Verbesserung der Versorgungslage ab 1954 (Lohn- und Rentenerhöhungen, Senkung der Lebensmittelpreise etc.), die Strafbarkeit für „Republikflucht“
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Verschärfung der innenpolitischen Lage ab 1959 (weitere Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft und Verstaatlichung des Handwerks, wirtschaftliche Engpässe).
Folgen für die DDR waren u. a.:
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der Verlust an jungen, gut ausgebildeten Arbeitskräften für den wirtschaftlichen Aufbau in der DDR, welcher aufgrund der planwirtschaftlichen Grundausrichtung nicht zeitnah ersetzt werden konnte,
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sinkende Produktivität, Nichterreichung der Planziele, Mangelversorgung.
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in der BRD verbanden viele Flüchtlinge aus der DDR die Hoffnung auf eine im Vergleich zur DDR bessere persönliche Zukunft (pull) durch u. a.:
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Wirtschaftsmigration bedingt durch den Wirtschaftsaufschwung in der BRD
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Chancen auf berufliche Perspektiven, höhere Verdienste, Hoffnung auf Teilhabe am wirtschaftlichen Wohlstand
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Anziehungskraft der westlichen Konsumgesellschaft
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politische und unternehmerische Freiheiten
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Schutz vor politischer Verfolgung
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familiäre Gründe.
Folgen für die Bundesrepublik: Die Zuwanderung gut ausgebildeter, deutschsprachiger, hoch motivierter und örtlich oftmals sehr flexibler Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt und die damit verbundene Kaufkraftsteigerung trugen zum wirtschaftlichen Aufschwung bei.
M 1 ist eine Bestandsaufnahme des MfS im Jahr 1960 und zugleich eine Warnung an die Partei- und Staatsführung, endlich die aktuellen Entwicklungen zu erkennen und ernst zu nehmen, indem sie die vom MfS vermuteten Ursachen verstehen. Offensichtliches Ziel war es, die Funktionäre von der Notwendigkeit zu überzeugen, gegen die zunehmenden Fluchten wirksame innenpolitische Maßnahmen einzuleiten.
Die durch den Mauerbau 1961 beendete massenhafte Abwanderung wurde nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze (9.11.1989) wieder aufgenommen. Sichtbar wird dies in den kontinuierlich hohen Wanderungsverlusten nach 1990. Nach einem ersten Höhepunkt 1990-1992/93 (1. Abwanderungswelle) verließen infolge des wirtschaftlichen Transformationsprozesses seit 1993 jährlich zwischen 130.000 und 200.000 Menschen die neuen Bundesländer. Ursächlich waren u. a. die Verluste vieler Arbeitsplätze, hohe Arbeitslosigkeit, fehlende Ausbildungsplätze, schlechtere wirtschaftliche Perspektiven sowie eine geringere Bezahlung. Sichtbar ist auch ein erneuter Anstieg der Abwanderung von Mitte der 1990er Jahre bis etwa 2004 (2. Abwanderungswelle), der vorwiegend auf fehlende Ausbildungsplätze und mangelnde Berufsperspektiven für Schulabsolventen zurückzuführen war. Als Folgen dieser jahrelangen Arbeitsmigration (Binnenmigration) vor allem junger, mobiler, gut ausgebildeter Menschen kommt es bis in die jüngste Vergangenheit zu einem beschleunigten demografischen Wandel (Alterung der Gesellschaft, starker Geburtenrückgang, weniger Kinder und Jugendliche, geringeres Arbeitskräftepotential) verbunden mit einer geringeren Kaufkraft, dem Wegfall von Infrastruktur (z. B. ärztliche Versorgung, Kita etc.) bis hin zur Entsiedlung ländlicher Räume und dem (teilweisen) Fehlen qualifizierter Arbeitskräfte.
Im Vergleich mit den 1950er Jahren sollte erkannt werden, dass es signifikante Gemeinsamkeiten gibt, die sich vorwiegend im wirtschaftlichen Bereich verorten lassen – wie zum Beispiel der Wunsch nach besserer Bezahlung.
Anders als nach 1990 gab es in den 50er Jahren keinen Migrationszwang durch fehlende Ausbildungs- und Arbeitsplätze in der DDR.
Herausgearbeitet werden sollte auch, dass politische bzw. religiöse Gründe, die Angst vor Enteignungen, etwaige staatliche Gewaltanwendung oder Arbeitsnormen nach 1990 keine signifikante Rolle mehr spielten, und dass es parallel zu einer regelmäßigen und zugleich deutlich niedrigeren Zuwanderung aus den alten Bundesländern in die neuen Bundesländer kam.
M 4 ist eine journalistische Darstellung zum Zweck der politischen Bildung aus dem Jahr 2013 über die Entwicklung der kanadischen Einwanderungspolitik vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre. Der Text zeigt einerseits den Bedarf an Einwanderung auf, andererseits die versuchte Steuerung durch die kanadische Regierung. Es geht um die gezielte Anwerbung von Einwanderern nach selektiven Kriterien, zu denen die Autorin auch einen Rassismus zählt.
M 4 bietet dazu verschiedene Zugänge an, die Sprache, nationale Herkunft, der kulturelle Hintergrund, die Ausbildung sowie die Bereitschaft der Migranten zur Anpassung an das bestehende Gesellschaftssystem, das sich lange Zeit auf britische Einwanderer fokussiert hat.
Mögliche historische Anknüpfungspunkte wären neben Kanada:
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die Integration von Migranten am Beispiel der USA im 19. Jh.
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die Integration von Vertriebenen und Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg
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die Integration von Gastarbeitern in der Bundesrepublik bzw. von Vertragsarbeitern in der DDR
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aktuelle Fragen der Integration als Folge der Zuwanderung in Folge der Flüchtlingskrise seit 2015.