HT 1
Wirkungen von Neurotoxinen auf Synapsen
Natürlich vorkommende Neurotoxine finden sich bei verschiedenen Lebewesen. Diese Giftstoffe werden zur Jagd auf Beutetiere oder zur Abwehr von Fressfeinden eingesetzt. Untersuchungen zur Wirkweise dieser Giftstoffe können Aufschluss über die Funktionsweise von Ionenkanälen und Synapsen geben.
Stelle die Erregungsübertragung an einer erregenden chemischen Synapse ausgehend von einem ankommenden Aktionspotenzial als Fließschema dar.
Fasse die in den Abbildungen 1 und 2 dargestellten Ergebnisse zusammen (M 1).
Leite anhand der in den Abbildungen 1 und 2 dargestellten Ergebnisse ab, ob ω-Agatoxin an der Präsynapse oder an der Postsynapse wirkt (M 1).
Leite auf Basis von Abbildung 3 für beide Toxine die Wirkung auf die Erregungsübertragung an der Synapse sowie die Auswirkungen auf den Organismus ab (M 2).
Beurteile, ob die in M 2 dargestellte Hypothese mit den in Abbildung 4 gezeigten Ergebnissen widerlegt werden kann (M 2).
Fasse die in Abbildung 5 dargestellten Messergebnisse zusammen (M 3).
Stelle jeweils eine Hypothese zum Wirkmechanismus von ω-Agatoxin und ω-Conotoxin auf (M 3).
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?M 1 Die Wirkung von ω-Agatoxin auf Insekten
Zahlreiche Lebewesen produzieren Giftstoffe mit neurophysiologischer Wirkung, die für die Jagd auf Beutetiere genutzt werden. Dazu gehören auch die Spinnenart Agelenopsis aperta und Kegelschnecken der Gattung Conus.
A. aperta produziert unter anderem den Giftstoff Omega-Agatoxin, kurz ω-Agatoxin. Um den Wirkort von ω-Agatoxin an der Synapse zu untersuchen, wurden in einem Experiment Muskelzellen von Insekten verwendet. Dazu wurde das postsynaptische Potenzial ohne ω-Agatoxin und in Anwesenheit von ω-Agatoxin gemessen. Die Messung erfolgte jeweils nach elektrischer Reizung des präsynaptischen Neurons (Abb. 1).

Abbildung 1 Postsynaptisches Potenzial an Muskelzellen von Insekten nach elektrischer Reizung des präsynaptischen Neurons. A ohne ω-Agatoxin; B mit ω-Agatoxin
In einem weiteren Experiment wurde das postsynaptische Potenzial nach Zugabe des Neurotransmitters ohne elektrische Reizung des Neurons gemessen (Abb. 2).

Abbildung 2 Postsynaptisches Potenzial an Muskelzellen von Insekten nach Zugabe des Neurotransmitters. A ohne ω-Agatoxin; B mit ω-Agatoxin
M 2 Wirkungen von Giftstoffen auf Gehirnzellen von Ratten
Viele Giftstoffe wirken auch auf Neuronen im Gehirn von Säugetieren. Zur Untersuchung solcher Wirkungen wurden Neuronen aus dem Kleinhirn von Ratten verwendet. Das Kleinhirn ist an der Steuerung von Muskelbewegungen beteiligt.
In einem ersten Experiment wurde zu diesen Neuronen entweder der Giftstoff ω-Agatoxin aus A. aperta oder der Giftstoff ω-Conotoxin aus Kegelschnecken gegeben. Bei diesem und im folgenden Experiment wurde jeweils eine Giftstoff-Konzentration eingesetzt, die eine maximale Wirkung auf den Calciumionen-Strom verursachte. Nach elektrischer Reizung wurden die präsynaptischen Calciumionen-Ströme gemessen und mit einer Kontrolle ohne Gifteinwirkung verglichen (Abb. 3).

Abbildung 3 Relativer CalciumionenStrom ohne Giftstoff und bei Anwesenheit von ω-Agatoxin oder ω-Conotoxin
Eine Synapse kann verschiedene Typen von spannungsgesteuerten Calciumionen-Kanälen besitzen, die sich in ihren neurophysiologischen Eigenschaften und ihren Reaktionen auf Giftstoffe unterscheiden. Es wurde die Hypothese aufgestellt, dass ω-Agatoxin und ω-Conotoxin auf unterschiedliche Typen von spannungsgesteuerten Calciumionen-Kanälen wirken.
Um diese Hypothese zu überprüfen, wurden in einem zweiten Experiment Neuronen aus dem Gehirn der Ratte elektrisch gereizt und anschließend wieder der Calciumionen-Strom gemessen. Dabei wurde die Wirkung von drei verschiedenen Kombinationen der Giftstoffe untersucht. Bei den Kombinationen I und II wurde jeweils zunächst ein Giftstoff zugegeben und der Calciumionen-Strom gemessen (1. Gabe). Danach wurde zusätzlich jeweils der andere Giftstoff zugegeben und erneut gemessen (2. Gabe). Bei Kombination III wurden beide Giftstoffe gleichzeitig zugegeben. Als Kontrolle wurde der Calciumionen-Strom jeweils an Neuronen ohne Giftstoff-Einwirkung gemessen (Abb. 4).

Abbildung 4 Relativer Calciumionen-Strom ohne Giftstoff und bei unterschiedlichen Giftstoff-Kombinationen
M 3 Wirkmechanismen von ω-Agatoxin und ω-Conotoxin
Spannungsgesteuerte Calciumionen-Kanäle bestehen aus Proteinen, deren Raumstruktur verschiedene Funktionsbereiche aufweist. Ein Bereich des Proteins formt eine zentrale Pore, durch welche die Ionen strömen können. Ein anderer Bereich fungiert als Spannungssensor, der die Spannungssteuerung des Calciumionen-Kanals ermöglicht. Der Spannungssensor löst bei Erreichen eines bestimmten Membranpotenzials die Öffnung der Pore aus. Unterschiede im Bereich des Spannungssensors sind die Ursache dafür, dass sich Ionenkanäle bei verschiedenen Membranpotenzialen öffnen. Beide Funktionsbereiche eines Ionenkanals können durch Giftstoffe beeinflusst werden, abhängig vom Wirkmechanismus des jeweiligen Giftstoffs.
In Experimenten wurden die Wirkmechanismen von ω-Agatoxin und ω-Conotoxin genauer untersucht. Dazu wurde in Anwesenheit von ω-Agatoxin oder von ω-Conotoxin die relative Leitfähigkeit von spannungsgesteuerten Calciumionen-Kanälen bei unterschiedlichen Membranpotenzialen gemessen. Zum Vergleich wurden die Leitfähigkeiten jeweils ohne Giftstoff ermittelt (Abb. 5). Die relative Leitfähigkeit gibt die Durchlässigkeit der Calciumionen-Kanäle für Calciumionen an. Bei einer relativen Leitfähigkeit von null Prozent sind alle Calciumionen-Kanäle geschlossen.

Abbildung 5 Relative Leitfähigkeit von Calciumionen-Kanälen bei unterschiedlichen Membranpotenzialen ohne Giftstoff und in Anwesenheit von A ω-Agatoxin oder B ω-Conotoxin
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-
Ankommen eines Aktionspotenzials am präsynaptischen Endknöpfchen.
→ Depolarisation der präsynaptischen Membran.
→ Öffnung spannungsgesteuerter
-Kanäle in der präsynaptischen Membran.
→ Einstrom von
-Ionen in das Endknöpfchen entlang des elektrochemischen Gradienten.
→ Wandrung von transmittergefüllten Vesikeln zur präsynaptischen Membran und deren Verschmelzung (Exozytose).
→ Freisetzung der Neurotransmittermoleküle in den synaptischen Spalt.
→ Diffusion der Neurotransmittermoleküle durch den synaptischen Spalt zur postsynaptischen Membran.
→ Reversible Bindung der Transmittermoleküle an rezeptorgekoppelte, ligandengesteuerte
-Kanäle der Postsynapse.
→ Konformationsänderung und Öffnung der ligandengesteuerten
-Kanäle.
→ Einstrom von
-Ionen in die Postsynapse.
→ Lokale Depolarisation der postsynaptischen Membran und Entstehung eines erregenden postsynaptischen Potenzials (EPSP).
→ Enzymatischer Abbau der Transmittermoleküle im synaptischen Spalt (z. B. durch Acetylcholinesterase).
→ Schließen der ligandengesteuerten
-Kanäle nach Ablösen der Transmitter.
→ Wiederaufnahme der Abbauprodukte in das präsynaptische Endknöpfchen sowie Resynthese und Speicherung des Transmitters in Vesikeln.
Zusammenfassung der Ergebnisse aus Abbildung 1 und 2
-
Bei elektrischer Reizung des präsynaptischen Neurons ohne Toxin erfolgt an der postsynaptischen Muskelzelle eine Depolarisation des Membranpotenzials von
auf ca.
.
Bei elektrischer Reizung des präsynaptischen Neurons unter Einwirkung von
-Agatoxin bleibt die Depolarisation fast vollständig aus und das Ruhepotenzial verharrt quasi konstant bei
mit einer geringen Depolarisation auf ca.
.
-
Bei direkter Zugabe des Neurotransmitters ohne elektrische Reizung entsteht ohne Toxin eine Depolarisation des postsynaptischen Membranpotenzials von
auf etwa
.
Bei direkter Zugabe des Neurotransmitters unter Einwirkung von
-Agatoxin zeigt sich ein im Verlauf und der Amplitude identisches postsynaptisches Potenzial mit einer Depolarisation von
auf etwa
.
Ableitung des Wirkorts von -Agatoxin
-
Die Ergebnisse aus Abbildung 2 belegen, dass die Postsynapse bei Einwirkung von
-Agatoxin voll funktionsfähig ist, da zugegebener Neurotransmitter ungehindert an Rezeptoren binden und das postsynaptische Potenzial auslösen kann.
-
Die transmittergesteuerten Ionenkanäle der postsynaptischen Membran werden durch
-Agatoxin somit weder blockiert noch in ihrer Funktion beeinträchtigt.
-
Da nach präsynaptischer Reizung in Abbildung 1 unter Gifteinfluss jedoch nur ein sehr schwaches postsynaptisches Potenzial gemessen werden kann, erfolgt die Unterbrechung der Erregungsleitung vor dem synaptischen Spalt.
-
-Agatoxin wirkt somit an der Präsynapse.
Wirkung auf die Erregungsübertragung an der Synapse
-
Reduktion des präsynaptischen
-Einstroms bei Anwesenheit von
-Agatoxin auf
im Vergleich zur Kontrolle ohne Giftstoff.
-
Reduktion des präsynaptischen
-Einstroms bei Anwesenheit von
-Conotoxin auf ca.
im Vergleich zur Kontrolle ohne Giftstoff.
-
Verminderte Konzentration von
-Ionen im präsynaptischen Endknöpfchen hemmt das Verschmelzen von Neurotransmittervesikeln mit der präsynaptischen Membran.
-
Verringerte Exozytose führt zu einer verminderten Ausschüttung von Neurotransmittern in den synaptischen Spalt.
-
Geringere Besetzung postsynaptischer Rezeptoren bewirkt die Öffnung von weniger ligandengesteuerten Ionenkanälen.
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Verringertes postsynaptisches Potenzial (EPSP) führt zu einer stark geschwächten oder ausbleibenden Weiterleitung der Erregung an der Synapse.
Auswirkungen auf den Organismus
-
Betroffen sind Neuronen des Kleinhirns, welches eine zentrale Rolle bei der Steuerung und Koordination von Muskelbewegungen einnimmt.
-
Hemmung der Erregungsübertragung im Kleinhirn stört die Weiterleitung von Steuerungssignalen an die Muskeln.
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Symptome auf Organismusebene sind Beeinträchtigungen der Bewegungsabläufe, Koordinationsstörungen, Muskelschwäche und schlaffe Lähmungen.
-
Bei Beutetieren führen diese Bewegungseinschränkungen zur Kampfunfähigkeit und erleichtern das Überwältigen durch die Raubtiere.
Hypothese und Erwartungshaltung
-
Die Hypothese besagt, dass
-Agatoxin und
-Conotoxin an zwei unterschiedlichen Typen spannungsgesteuerter
-Kanäle wirken.
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Bei unterschiedlichen Wirkorten ist bei Sättigungskonzentration eine voneinander unabhängige, additive Hemmwirkung beider Toxine zu erwarten.
-
Bei identischem Wirkort am selben Kanaltyp könnte das zweite Toxin nach maximaler Hemmung durch das erste Toxin keinen zusätzlichen Effekt mehr erzielen.
Auswertung der Versuchsergebnisse aus Abbildung 4
-
-Agatoxin reduziert den relativen
-Strom als Einzelstoff von
auf
, was einer Hemmung von
entspricht.
-
-Conotoxin reduziert den relativen
-Strom als Einzelstoff von
auf ca.
, was einer Hemmung von ca.
entspricht.
-
Kombination I führt nach der 1. Gabe (
-Agatoxin) zu
und nach der 2. Gabe (
-Conotoxin) zu einem Abfall des Reststroms auf ca.
.
-
Kombination II führt nach der 1. Gabe (
-Conotoxin) zu ca.
und nach der 2. Gabe (
-Agatoxin) ebenfalls zu einem Abfall des Reststroms auf ca.
.
-
Kombination III mit simultaner Gabe beider Toxine zeigt identisch eine Absenkung des Reststroms auf ca.
.
Mathematisch-biologische Verknüpfung
-
Die rechnerische Summe der Einzelhemmungen beträgt
.
-
Subtrahiert vom Kontrollwert ergibt sich ein erwarteter Reststrom von
.
-
Die gemessenen Werte aller drei Kombinationen stimmen exakt mit dieser theoretischen additiven Hemmung von
überein.
Beurteilung
-
Die Messdaten belegen, dass beide Toxine unabhängig voneinander additiv wirken und sich nicht am selben Kanal blockieren.
-
Die Hypothese, dass
-Agatoxin und
-Conotoxin auf unterschiedliche Typen von spannungsgesteuerten
-Kanälen wirken, kann mit den Ergebnissen aus Abbildung 4 nicht widerlegt werden, sondern wird experimentell gestützt.
Zusammenfassung der Messergebnisse (Abbildung 5)
-
Kontrollkurve (ohne Giftstoff): Die relative Leitfähigkeit der Calciumionen-Kanäle steigt ab ca.
steil an, erreicht bei ca.
ihren Maximalwert von
und verbleibt dort bis
.
-
Abbildung 5A (
-Agatoxin): Die Leitfähigkeitskurve ist unter Toxineinwirkung im Vergleich zur Kontrolle parallel zu höheren Membranpotenzialen verschoben.
-
Abbildung 5A (
-Agatoxin): Der Anstieg der Leitfähigkeit beginnt erst ab ca.
und erreicht das Maximum von
erst bei ca.
.
-
Abbildung 5B (
-Conotoxin): Die Schwellenspannung für den Beginn der Kanalöffnung liegt wie bei der Kontrolle bei ca.
.
-
Abbildung 5B (
-Conotoxin): Die Leitfähigkeitskurve flacht jedoch stark ab und erreicht bereits bei ca.
ein Plateau bei einer maximalen Leitfähigkeit von nur noch ca.
.
Hypothese zum Wirkmechanismus von -Agatoxin
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-Agatoxin bindet an den Spannungssensor des Calciumionen-Kanals und hemmt dessen Aktivierbarkeit.
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Durch die Umstrukturierung oder Blockade des Spannungssensors wird eine deutlich stärkere Depolarisation benötigt, um die Konformationsänderung zur Kanalöffnung auszulösen.
-
Die maximale Durchlässigkeit der Pore selbst bleibt unbeeinträchtigt, da bei ausreichend hohem Membranpotenzial weiterhin eine Leitfähigkeit von
erreicht wird.
Hypothese zum Wirkmechanismus von -Conotoxin
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-Conotoxin bindet direkt im Bereich der zentralen Pore des Calciumionen-Kanals.
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Das Toxin verengt oder blockiert die Pore physikalisch, wodurch der Fluss von Calciumionen dauerhaft auf maximal
limitiert wird.
-
Die Spannungssteuerung über den Spannungssensor bleibt intakt, da das Öffnen des Kanals weiterhin bei demselben Schwellenpotenzial von ca.
eingeleitet wird.