Thema 3 – Erschließen literarischer Texte
Aufgabenstellung
Lies den Auszug aus der Erzählung Ein Kind sorgfältig und bearbeite dann die folgenden Aufgaben:
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Fasse den Inhalt des Textes zusammen.
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Beschreibe sprachliche Auffälligkeiten des Textes und deren Wirkung.
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Charakterisiere den achtjährigen Jungen.
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Kann manchmal auch das Scheitern an einem Vorhaben zur persönlichen Weiterentwicklung beitragen? Lege deinen Standpunkt zu dieser Frage in etwa 250 Wörtern dar.
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Nach dem Frühstück brachten die Großeltern den Jungen wieder zu seiner Mutter. Erzähle lebendig und anschaulich, wie das Aufeinandertreffen verlaufen sein könnte. Bringe auch die Gedanken und Empfindungen der Figuren zum Ausdruck.
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Thomas Bernhard
Der folgende Text ist ein Auszug aus der autobiografischen Erzählung „Ein Kind“ des österreichischen
Schriftstellers Thomas Bernhard (1931 – 1989), der in seiner Kindheit eine Zeit lang in Traunstein lebte.
1 hier in der Bedeutung „Stiefvater“
2 hier im Sinne von „meine Angehörigen“
Quelle: Thomas Bernhard: Ein Kind, Salzburg/Wien: Residenz Verlag, 2004, S. 7 – 26 (Erstveröffentlichung: 1982) (Text zu Prüfungszwecken verändert)
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Der Erzähler schildert, wie er im Alter von acht Jahren beseelt von dem auf Anhieb gelungenen Versuch, mit dem Rad zu fahren, zu seiner Tante nach Salzburg aufbricht. Doch sein übermütiges Unterfangen scheitert und er kehrt mit einem schlechten Gewissen zurück.
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Als achtjähriges Kind nimmt sich der Erzähler, ohne um Erlaubnis zu fragen, das Fahrrad seines Vormunds und probiert damit erstmals, Rad zu fahren. Begeistert davon, dass ihm dies bereits beim ersten Versuch gelungen ist, will er sofort und ohne jemandem Bescheid zu geben, seine sechsunddreißig Kilometer entfernt lebende Tante in Salzburg besuchen.
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Weil er glaubt, dass ihn seine Angehörigen für sein Radfahrtalent bewundern würden, fürchtet er für seine unerlaubte Unternehmung auch keine negativen Konsequenzen. Mit zunehmender Entfernung von Traunstein schwindet jedoch sein überschwängliches Glücksgefühl als Radfahrer zusehends: Er muss zwischenzeitlich das Rad schieben und hat seine Kleidung beschädigt.
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Ein Sturz infolge einer gerissenen Fahrradkette zwingt den Ich-Erzähler schließlich umzukehren. Dabei gerät er in ein heftiges Gewitter und zugleich wächst in ihm mehr und mehr die Angst vor den Konsequenzen seines Handelns. Verzweifelt findet er Unterschlupf in einem belebten Gasthaus, wo man auf seine missliche Lage aufmerksam wird und sich zwei junge Männer bereit erklären, ihn und sein Fahrrad in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages nach Hause zu bringen.
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Dort angekommen beschließt der Junge aus Furcht vor seiner Mutter, zunächst seinen geliebten Großvater aufzusuchen. Die Begegnung mit diesem vermittelt dem Ich-Erzähler das Gefühl, trotz des Vorgefallenen herzlich auf- und angenommen zu sein.
Aufgabe 2 – Sprachliche Auffälligkeiten des Textes und deren Wirkung
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Bei der Wortwahl fallen zunächst treffende, die jeweilige Situation veranschaulichende Verben und Adjektive auf, z. B. „hatte … gestemmt“ (Z. 9–11), „laufen … lassen“ (Z. 14), „rast dahin“ (Z. 29), „katapultiert“ (Z. 40 f.), „kostbare“ (Z. 9), „beispiellosen“ (Z. 31), „ölbeschmierten, … blutigen“ (Z. 36). Daneben finden sich einige Partizipien, z. B. „verschmiert, zitternd“ (Z. 43 f.) und „schiebend“ (Z. 53), die die Verzweiflung des Protagonisten betonen; „stammelnd“ (Z. 56) unterstreicht die Verärgerung der Mutter.
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Stellenweise verwendet Bernhard „veraltete“ Ausdrücke, z. B. „trat … meine erste Runde“ (Z. 1 f.), „Automobilen“ (Z. 46) und „angesprochen zu sein“ (Z. 67 f.), die der Zeit der Handlung entsprechen. Das herausstechende Fremdwort „Triumphator“ (Z. 12, Z. 27) dient zur Verdeutlichung des außerordentlichen Glücksgefühls des Ich-Erzählers beim Radfahren. Einige weitere Fremdwörter, z. B. „Enthusiasmus“ (Z. 38), „Inferno“ (Z. 51) und „Autorität“ (Z. 75), sorgen für sprachliche Abwechslung.
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Darüber hinaus finden sich Übertreibungen, z. B. „Beherrscher der Welt“ (Z. 31), „das war das Ende“ (Z. 41) und „die Landschaft … in ein Inferno verwandelte“ (Z. 50–52). Sie zeigen die kindlichen, ausufernden Empfindungen des Jungen. Zahlreiche Superlative dienen zur Beschreibung des mit dem Radfahren verbundenen Hochgefühls und Stolzes, z. B. „den höchsten, ja den allerhöchsten Grad ihrer Verblüffung“ (Z. 18 f.), „gegen die größten Hemmnisse“ (Z. 22) und „die größte Entdeckung“ (Z. 27). Die Personifikation „Brutale Wassermassen ergossen sich“ (Z. 52) veranschaulicht die als ausweglos empfundene Situation.
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Auch der Satzbau weist mehrere Auffälligkeiten auf. Zum Teil finden sich komplexe Satzkonstruktionen. Die Zeilen 2–6 drücken das Überwältigtsein von dem gelungenen ersten Radfahrversuch und den Drang aus, sofort weiterfahren zu wollen. Die Zeilen 48–52 vermitteln den abrupten Stimmungswechsel durch das sich entladende Gewitter.
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Daneben finden sich zahlreiche Einschübe. „Ich hatte, ganz ohne um Erlaubnis zu bitten, das kostbare Fahrrad“ (Z. 9) betont die Kühnheit der Unternehmung. „Wem, außer mir, gelingt es“ (Z. 20) zeigt das selbstbewusste, stolze Auftreten des Kindes. „Wie sie, nicht zum ersten Mal, die Polizeiwachstube“ (Z. 54 f.) führt sein schlechtes Gewissen angesichts offenbar wiederholten Fehlverhaltens vor Augen.
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Die Ausrufesätze, die zum Teil elliptisch sind, verdeutlichen ebenfalls die Gefühle des Jungen. „Wenn die Meinigen wüssten, … bewundern könnten!“ (Z. 17 f.) ist Ausdruck des Stolzes über die Fähigkeit, Rad zu fahren. „Wem … gelingt es schon … nach Salzburg!“ (Z. 20–22) und „So also begegnet der Radfahrer der Welt: von oben!“ (Z. 29) dienen der Betonung des Hochgefühls.
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Parallelismen wie „Ich hatte … gemacht, … ich hatte … gegeben“ (Z. 27 f.) heben die Bedeutsamkeit des Radfahrkönnens für den Ich-Erzähler hervor. Der Fragesatz „Sollte sich … eine Tragödie entwickeln?“ (Z. 35 f.) deutet den Wechsel von Hochgefühl zu Desillusionierung an.
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Außerdem treten Anaphern, vor allem in Kombination mit dem Personalpronomen „ich“, auf. „Ich hatte den Ort Straß vor mir. Ich schwang mich …“ (Z. 36 f.) unterstreicht die Entschlossenheit des Ich-Erzählers. Die Formulierungen „Ich hatte … Ich blickte … Es rührte sich nichts. Es war …“ (Z. 71 f.) und „Ich verklemmte … Ich liebte …“ (Z. 76–78) bringen die Zurückgeworfenheit des Jungen auf sich selbst angesichts seines schlechten Gewissens und der anstehenden Entschuldigung zur Geltung.
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Stilistisch ist eine gehobene und zugleich übertriebene Ausdrucksweise auffällig. Sie dient einerseits dazu, die mit dem Radfahrkönnen verbundene neue, nahezu ekstatische Erfahrung des Ich-Erzählers auszudrücken, z. B. „mein Werk vollbringen“ (Z. 25) und „hatte meiner Existenz eine neue Wendung gegeben“ (Z. 28). Andererseits bringt sie die mit dem Scheitern des Ausflugs einhergehende Desillusionierung zum Ausdruck, z. B. „verunglückten Existenz“ (Z. 46 f.), „meine Armseligkeit“ (Z. 62) und „meine Erbärmlichkeit“ (Z. 66). Die komplexen Satzstrukturen geben zudem die starke Emotionalität des erzählten Geschehens auch stilistisch angemessen wieder.
Aufgabe 3 – Charakterisierung des achtjährigen Jungen
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Bei dem Ich-Erzähler handelt es sich um einen achtjährigen Jungen, der mit seinem Stiefvater (vgl. Z. 1) und seiner Mutter (vgl. Z. 54) in Traunstein (vgl. Z. 2) lebt.
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Der Junge ist begeisterungs- und genussfähig. Dies zeigt sich beispielsweise in den Formulierungen „auserwählte Klasse der Radfahrer hatte ich … bewundert“ (Z. 6–8), „kostete ich die Glückseligkeit“ (Z. 26), „die größte Entdeckung meines bisherigen Lebens“ (Z. 27) und „beispiellosen Hochgefühl“ (Z. 31).
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Außerdem liebt er seinen Großvater, zu dem er – auch im Vergleich zu seiner Mutter – ein besonders enges bzw. vertrauensvolles Verhältnis hat. Dies wird an den Aussagen „mein wie nichts auf der Welt geliebter Großvater“ (Z. 23 f.), „Auf ihn setzte ich jetzt wieder alles“ (Z. 56 f.) und „musste den Gang zu meiner Mutter über … Großvater machen“ (Z. 74) deutlich.
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Zu seiner Mutter hat er ein offenbar angespanntes Verhältnis. Er stellt sich vor, „wie sie … ratlos, wütend, von dem schrecklichen, fürchterlichen Kind stammelnd“ nach ihm sucht (Z. 54–56). Gleichzeitig stellt er fest: „Ich liebte meine Mutter, aber ich war ihr kein lieber Sohn, … alles Komplizierte meinerseits überstieg ihre Kräfte“ (Z. 59–61).
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Der Junge ist darüber hinaus mutig. Dies zeigt sich an „den kühnen … Entschluss“ (Z. 4) und daran, dass er die Stadt verlässt, „Ohne einem einzigen … ein Wort gesagt zu haben“ (Z. 12 f.).
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Einerseits zeigt er sich sehr selbstbewusst, geradezu übermütig. Dies wird deutlich in „Kein Mensch hatte mich diese … Kunst gelehrt, ich hatte, ganz ohne um Erlaubnis zu bitten“ (Z. 8 f.) sowie „Wem, außer mir, gelingt es schon“ (Z. 20). Andererseits ist er aber auch rasch desillusioniert, verängstigt und niedergeschlagen. Dies zeigen die Formulierungen „meiner verunglückten Existenz“ (Z. 46 f.), „heulte ich unaufhörlich“ (Z. 54), „von einer unbarmherzigen Angst geschüttelt“ (Z. 59), „meine Armseligkeit“ (Z. 62) und „meine Erbärmlichkeit“ (Z. 66).
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Außerdem handelt der Junge vorschnell, was die Aussage „ohne über das Wie nachzudenken“ (Z. 10 f.) verdeutlicht.
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Er ist zudem darauf bedacht, auf andere einen positiven Eindruck zu machen. Dies zeigt sich in „wenn sie mich sehen und bewundern könnten!“ (Z. 18). Nach seinem Sturz dagegen heißt es: „Ich … blickte mich um. Es hatte mich niemand beobachtet. Es wäre zu lächerlich gewesen“ (Z. 41 f.). Im Gasthaus wird ebenfalls deutlich, wie wichtig ihm die Wahrnehmung durch andere ist: „wurde meine Erbärmlichkeit nicht zur Kenntnis genommen … Ich schämte mich“ (Z. 66 f.).
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Darüber hinaus ist der Junge schuldbewusst. Schon zu Beginn nimmt er das Fahrrad „nicht ohne schmerzendes Schuldbewusstsein“ (Z. 10). Später gesteht er sich ein: „Es war mir klar: Ich hatte mich unerlaubt aus dem Staub gemacht und dazu auch noch das Rad … ruiniert“ (Z. 57 f.).
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Der Junge gibt nicht vorschnell auf. Dies zeigen die Aussagen „es war jetzt mehr aus … Ehrgeiz“ (Z. 37 f.) und „ich durfte nicht aufgeben“ (Z. 62).
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Schließlich liebt er „die Stille und die Leere“ (Z. 78 f.) Traunsteins.
Aufgabe 4 – Begründete Stellungnahme
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Meiner Meinung nach kann das Scheitern an einem Vorhaben durchaus zur persönlichen Weiterentwicklung beitragen. Niederlagen sind zwar zunächst enttäuschend, können einem aber wichtige Erfahrungen vermitteln.
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Ein wichtiger Grund dafür ist, dass man aus Fehlern lernen kann. Wenn ein Vorhaben nicht gelingt, sollte man überlegen, woran es gescheitert ist. Vielleicht hat man sich überschätzt, sich nicht ausreichend vorbereitet oder mögliche Schwierigkeiten nicht bedacht. Wer seine Fehler erkennt, kann beim nächsten Versuch besser handeln und ähnliche Probleme vermeiden.
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Dies zeigt sich auch am Jungen in Thomas Bernhards Erzählung. Zunächst ist er überzeugt davon, unmittelbar nach seinem ersten erfolgreichen Radfahrversuch allein bis nach Salzburg fahren zu können. Dabei überschätzt er seine Fähigkeiten und handelt „ohne über das Wie nachzudenken“ (Z. 10 f.). Erst als seine Unternehmung scheitert, wird ihm bewusst, welche Folgen sein vorschnelles Verhalten hat. Er erkennt seine Schuld und muss lernen, mit den Konsequenzen seines Handelns umzugehen.
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Scheitern kann außerdem Durchhaltevermögen fördern. Wer eine schwierige Situation bewältigt, erkennt, dass er auch mit Rückschlägen umgehen kann. Der Junge gibt trotz des kaputten Fahrrads, des Gewitters und seiner Angst nicht vollständig auf. Dadurch sammelt er Erfahrungen, die ihm bei späteren Herausforderungen helfen können.
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Natürlich führt nicht jedes Scheitern automatisch zur Weiterentwicklung. Entscheidend ist, wie man anschließend damit umgeht. Wer bereit ist, das eigene Verhalten kritisch zu betrachten und aus Fehlern zu lernen, kann an einer Niederlage wachsen. Deshalb bin ich der Meinung, dass Scheitern durchaus wertvoll sein kann. Nicht die Niederlage selbst entwickelt einen Menschen weiter, sondern die Fähigkeit, aus ihr zu lernen.
Aufgabe 5 – Erzählung
Nach dem Frühstück machten wir uns gemeinsam auf den Weg nach Traunstein. Großvater ging neben mir, Großmutter folgte uns. Je näher wir dem Taubenmarkt kamen, desto schwerer wurden meine Schritte. Ich konnte an nichts anderes denken als an meine Mutter. Wie würde sie reagieren? Sicher hatte sie die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Wieder stellte ich mir vor, wie sie ratlos und wütend auf der Polizeiwachstube stand und von ihrem „schrecklichen, fürchterlichen Kind“ sprach. Am liebsten wäre ich stehen geblieben. „Nun komm“, sagte Großvater ruhig. Seine Stimme war bestimmt, aber nicht böse. Ich wusste, dass ich jetzt nicht mehr davonlaufen konnte. Als wir vor unserem Haus standen, blickte ich auf das deformierte Fahrrad. Allein dieser Anblick ließ mein schlechtes Gewissen wieder stärker werden. Ich hatte mich unerlaubt aus dem Staub gemacht und auch noch das Fahrrad meines Vormunds ruiniert. Langsam stiegen wir die Treppe hinauf. Vor der Wohnungstür blieb ich stehen. Mein Herz klopfte so heftig, dass ich glaubte, Großvater müsse es hören. Er klopfte. Fast sofort hörte ich schnelle Schritte. Die Tür wurde aufgerissen. Meine Mutter stand vor uns. Ihr Gesicht war blass, ihre Augen waren gerötet. Einen Augenblick lang sagte niemand etwas. Sie sah mich nur an. „Da bist du ja!“, brachte sie schließlich hervor. In ihrer Stimme lagen gleichzeitig Wut, Erleichterung und Erschöpfung. Ich senkte den Kopf. „Es tut mir leid.“ „Es tut dir leid?“, rief sie. „Weißt du überhaupt, was du uns angetan hast? Die ganze Nacht wusste ich nicht, wo du bist! Die Polizei hat nach dir gesucht!“ Ich wagte nicht, sie anzusehen. Sie hatte recht. Alles, was ich mir auf dem Rückweg ausgemalt hatte, schien nun einzutreffen. „Ich wollte doch nur nach Salzburg“, murmelte ich. Meine Mutter verstummte. „Nach Salzburg?“ Ich nickte. „Allein? Mit dem Fahrrad?“ Wieder nickte ich. Sie sah mich an, als könne sie nicht glauben, was sie gerade gehört hatte. Für einen Moment dachte ich, nun würde sie mich anschreien oder schlagen. Doch plötzlich trat sie auf mich zu und zog mich fest an sich. „Du schreckliches Kind“, flüsterte sie. „Du schreckliches, fürchterliches Kind.“ Ich merkte, dass sie weinte. Auch mir liefen nun die Tränen über das Gesicht. Die Angst, die mich seit Stunden begleitet hatte, ließ langsam nach. Großvater stand ruhig neben uns. Schließlich sagte er: „Er ist wieder da. Und er ist gesund. Das ist jetzt das Wichtigste.“ Meine Mutter löste sich von mir und betrachtete mich lange. „So etwas machst du nie wieder.“ „Nein“, sagte ich leise. Natürlich wusste ich, dass damit noch nicht alles erledigt war. Das kaputte Fahrrad war noch da, und meine Mutter würde mir bestimmt noch einiges sagen. Doch in diesem Moment spielte das keine Rolle. Ich war wieder zu Hause. Und obwohl ich wusste, dass ich etwas Falsches getan hatte, spürte ich, dass mir verziehen werden konnte.