Aufgabe 2
Textbezogenes Schreiben: Interpretation literarischer Texte
Thema
Sara Gmuer (* 1980): Achtzehnter Stock (Romananfang; Auszug; 2025)
Aufgabenstellung
Interpretiere den Auszug aus dem Roman Achtzehnter Stock von Sara Gmuer.
Vergleiche auf der Grundlage deiner Interpretationsergebnisse die Darstellung der Figur Wanda mit der Darstellung der Figur Doris aus dem Roman Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun.
Weiter lernen mit SchulLV Plus!
monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Achtzehnter Stock (Romananfang; Auszug; 2025)
Sara Gmuer (* 1980)
Die Ich-Erzählerin Wanda lebt mit ihrer fünfjährigen Tochter Karlie in einem Berliner Hochhaus.
1 Hauptverkehrsstraße, die durch mehrere Berliner Stadtbezirke und Wohnblockviertel führt
2 Ein Agent vermittelt Rollen und verhandelt Verträge für Künstlerinnen und Künstler.
3 Berliner Stadtteil
4 Marke eines Waschmittels
5 in den 1950er Jahren als stimmungsaufhellendes Arzneimittel beworbenes und seit 1981 verbotenes alkoholisches Getränk
6 Erfolgsgeschichten, in denen es jemand „vom Tellerwäscher zum Millionär“ geschafft hat
7 Kurzform für Spätverkaufsstelle, die außerhalb der üblichen Ladenöffnungszeiten geöffnet ist
8 US-amerikanischer Anbieter von Auslandsüberweisungen, insbesondere von Menschen genutzt, die ihre Familien in ihren Herkunftsländern finanziell unterstützen
9 diskriminierende Slangbezeichnung für Menschen mit Herkunft aus Südosteuropa, dem Nahen und Mittleren Osten und Nordafrika
10 abwertende Slangbezeichnung für Menschen deutscher Herkunft
11 Jane Birkin (1946-2023): international bekannte Sängerin, Schauspielerin und Stilikone
12 68er: Anspielung auf die studentische Protestbewegung in den späten 1960er Jahren
13 Schöneberg: Berliner Stadtteil
14 hochwertiger, in einem bestimmten Muster verlegter Holzfußboden
15 erster Kot von Neugeborenen
Quelle: Sara Gmuer: Achtzehnter Stock. Roman. München: Carl Hanser Verlag, 2025, S. 7-15
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
Weiter lernen mit SchulLV Plus!
monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Teilaufgabe 1
Einleitung
-
Der vorliegende Auszug aus dem Roman Achtzehnter Stock (2025) von Sara Gmuer schildert die prekären Lebensumstände der Ich-Erzählerin Wanda, einer alleinerziehenden Mutter und Schauspielerin, die in einem Berliner Hochhaus lebt.
-
Der Text thematisiert Wandas Wahrnehmung ihrer eigenen Lebenssituation im spannungsvollen Konflikt zwischen der familiären Sorgeverantwortung für ihre kranke Tochter Karlie und ihrem berufsbezogenen Streben nach Selbstverwirklichung als Schauspielerin.
-
Es offenbart sich eine fortschreitende Desillusionierung bezüglich früherer Lebensentwürfe, die von finanzieller Instabilität und entwürdigenden Branchenbedingungen geprägt ist, während Wanda gleichzeitig an ihren professionellen Ansprüchen festzuhalten versucht.
Hauptteil
Inhaltliche Analyse
-
Der Text lässt sich inhaltlich in sechs prägnante Sinnabschnitte gliedern, die Wandas äußeren und inneren Weg vom Wohnblock zum Casting nachzeichnen:
-
Der Text beginnt mit einer Beschreibung der unmittelbar erlebbaren Umwelt rund um ein Hochhaus in der Frankfurter Allee. Die unbarmherzige hochsommerliche Hitze, schmelzender Asphalt, vertrocknende Bäume und leidende Hunde vermitteln eine extrem drückende, unheimliche und prekäre Großstadtatmosphäre (vgl. Z. 1-7).
-
Im zweiten Sinnabschnitt reflektiert Wanda über ihren Verzicht auf ein geplantes Casting, da ihre fünfjährige Tochter Karlie krank ist und versorgt werden muss. Sie verzichtet bewusst darauf, die Hilfe ihrer Bekannten (Aylins Mutter) in Anspruch zu nehmen, um deren kritischen Bemerkungen über die vermeintliche Wertlosigkeit des Schauspielberufs auszuweichen. Parallel wird die desolate Wohnzimmersituation mit Essensresten, klebrigen Taschentüchern und dem laufenden Fernseher geschildert (vgl. Z. 8-21).
-
Anschließend wird sich Wanda, beim Betrachten der einschlafenden Tochter, der Kluft zwischen ihren früheren Träumen und der gegenwärtigen Realsituation bewusst. Sie empfindet eine tiefgreifende Diskrepanz zu den ursprungsbezogenen Zielen und artikuliert ihren Widerwillen, so wie die Nachbarn im Wohnblock zu enden. Das Einnehmen des aufgelösten Schmerzmittels (Aspirin) kommentiert sie lakonisch als Versuch, die eigenen bedrückenden Gedanken zu betäuben (vgl. Z. 22-29).
-
Wandas Agent Frank ruft an und lädt sie kurzfristig zu einem exklusiven Casting für eine große Romanverfilmung bei der Produzentin Undine Beulwitz ein. Trotz des verlockenden Angebots reflektiert Wanda desillusioniert über ihre prekäre berufliche Bilanz: Seit zweieinhalb Jahren hatte sie nur einen einzigen Drehtag für eine Waschmittelwerbung (Persil). Nüchtern erteilt sie romantischen Erfolgsgeschichten („vom Tellerwäscher zum Millionär“) eine Absage (vgl. Z. 30-49).
-
Zur Vorbereitung begibt sich Wanda in den örtlichen Spätkauf, um die Drehbuchseiten an einem Kundenrechner auszudrucken. Motiviert von den Ermutigungen ihres Agenten, der sie als „Rohdiamanten“ bezeichnet und mit Jane Birkin vergleicht, prägt sie sich den Text unter Hochdruck ein, um seine Erwartungen nicht zu enttäuschen (vgl. Z. 50-66).
-
Das Vorsprechen findet in einer exklusiven Altbauwohnung in Schöneberg statt, wo eine sterile und arrogante Atmosphäre herrscht. Durch provokatives Verhalten (das Fragen nach einer Zigarette) zieht Wanda die Aufmerksamkeit der Produzentin Undine Beulwitz auf sich. Der gelangweilte Regisseur unterbricht Wandas Vorstellung jedoch schroff und fordert sie auf, den vorbereiteten Text zu vergessen und stattdessen spontan etwas Eigenständiges einzubringen. Trotz existenzieller Selbstzweifel und Fluchtimpulse überwindet sich Wanda und stürzt sich in eine emotionale Improvisation, die sie gedanklich als entgrenzenden Überlebenskampf im Wasser imaginiert. Das Casting endet abrupt nach zwei Minuten ohne jede Rückmeldung oder Dankbarkeit, was bei Wanda zur Selbsterkenntnis führt, sich solchen entwürdigenden Demütigungen nicht mehr aussetzen zu wollen (vgl. Z. 67-105).
Erzählerische Gestaltung
-
Die Erzählung ist im personalen Ich-Erzählverhalten verfasst, was unmittelbare Introspektion und hohe Authentizität erzeugt. Die Darstellung wechselt zwischen szenischem Erzählerbericht, innerem Monolog (vgl. Z. 10–21, 22–29, 76–92) und Elementen eines intensiven Bewusstseinsstroms während des Improvisationsakts (vgl. Z. 93–102).
-
Gesprächssituationen werden überwiegend in indirekter Rede wiedergegeben (z. B. Z. 14–16, 20, 79–83), die punktuell durch zielgerichtet eingesetzte wörtliche Rede durchbrochen wird, um Akzente zu setzen (vgl. Z. 36–40, 58 f., 82).
-
Die äußere Handlung verläuft weitgehend linear im Präsens, ist jedoch von zeitdehnenden Phasen der Gedankenvermittlung (vgl. Z. 86–102), kurzen Rückblenden (vgl. Z. 43 f., 63–66), zeitlicher Raffung (vgl. Z. 50–59) und einem Zeitsprung vor dem Casting (vgl. Z. 66 f.) durchsetzt.
-
Der Text arbeitet mit einer harten Kontrastierung der Handlungsorte: Die desolate, einengende Wohnsituation im Hochhaus der Frankfurter Allee (Plattenbau-Ambiente) steht der exklusiven, elitären Berufsumgebung der Schöneberger Altbauwohnung mit Stuck und Fischgrätenparkett unversöhnlich gegenüber.
Figurengestaltung
-
Ich-Erzählerin Wanda:
-
Wanda ist eine junge attraktive Frau (vgl. Z. 64-66), welche mit ihrer fünfjährigen Tochter Karlie in einem Berliner Hochhaus (Einführung, vgl. Z. 2 f.) in der Frankfurter Allee (vgl. Z. 6) lebt.
-
Sie hat eine aufmerksame Wahrnehmung ihrer Umgebung und ihrer Mitmenschen, z. B. ihrer Wohnsituation (vgl. Z. 1-7, 10 f., 17-20, 23 f.), ihrer Nachbarschaft (vgl. Z. 25 f., 51 f.), ihres Agenten (vgl. Z. 30-35).
-
Wanda versucht die Mutterrolle durch Fürsorge trotz der prekären Situation auszufüllen (vgl. Z. 11-13, 20 f.).
-
Geprägt von Fremdheitserfahrung und Selbstzweifel: gefühlte Diskrepanz zu den Nachbarn bzw. Anspruch, nicht dazuzugehören (vgl. Z. 16 f., 25 f.); resignative Einsicht in die aktuelle Situation (vgl. Z. 24 f.).
-
Sie zeigt ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Ordnung und innerer Ruhe (Aufräumversuch, Aspirin-Konsum, abgekaute Fingernägel) (vgl. Z. 26 f., 29, 78 f., 88).
-
Abgeklärtes Festhalten an dem Ziel, den Schauspielberuf auszuüben (vgl. Z. 41-49), sie hat die letztlich aber Selbsterkenntnis, sich entwürdigenden Situationen nicht mehr aussetzen zu wollen (vgl. Z. 103-105).
-
Wanda zeigt enorme Zielstrebigkeit, Leistungsbereitschaft und Resilienz (vgl. Z. 60-63, 76-79, 86-102.)
-
-
Agent Frank:
-
Er wird als in der Szene bestens vernetzter, aber rau auftretender Vertreter seiner Anliegen gezeichnet („redet wie ein Zuhälter“, Z. 33), der Wanda mit Macho-Sprüchen („Pferdchen“ Z. 34) motiviert und deren Vertrauen genießt (vgl. Z. 34-35).
-
-
Aylins Mutter:
-
Als Bekannte im Hochhaus beaufsichtigt sie gelegentlich Karlie (vgl. Z. 13 f.), begegnet Wandas Berufswunsch jedoch mit unverhohlener Skepsis und erteilt ungefragt Ratschläge, obwohl sie vermutlich selbst auf Sozialleistungen angewiesen ist (vgl. 14-16).
-
-
Regisseur:
-
Er tritt als arrogante, blasierten Machtfigur auf, die gelangweilt und egozentrisch agiert (vgl. Z. 70 f., 79 f.). Durch schroffe Zurechtweisungen, spontane Ästhetik-Wechsel („vergiss bitte den Text“ Z. 82) und das kommentarlose Beenden des Castings demonstriert er seine uneingeschränkte Hierarchieposition.
-
-
Produzentin Undine Beulwitz:
-
Sie repräsentiert die verfeinerte, privilegierte Schlüsselinstanz des Filmgeschäfts (vgl. Z. 72-75), die Distanz wahrt und Wanda erst Beachtung schenkt, als diese sie direkt und unkonventionell um eine Zigarette bittet (vgl. 76 f.).
-
Sprachliche Gestaltung
-
Erzeugung von Unmittelbarkeit und Authentizität, durch vorherrschen von parataktischem Satzbau (vgl. Z. 68–70, 93 f.), gehäuften Wiederholungen (vgl. Z. 85, 86 f., 90 f.), Anaphern mit dem Personalpronomen „Ich“ (Z. 24–26, 93 f., 104 f.), bildhaften Ellipsen (vgl. Z. 67–69, 88), Appositionen (vgl. Z. 30, 104 f.), Verwendung verkürzter Präfixe (z. B. „runterklettern“, Z. 87; „runterschauen“, Z. 87 f.), grammatikalischer Elisionen (z. B. „lief's“, Z. 90 f.) und die Generalisierung durch das Indefinitpronomen „man“ (Z. 11, 34, 42).
-
Wandas Resilienz und ihr existenzielles Ringen im Filmgeschäft werden über ein durchgängig entfaltetes Wortfeld des Wassers versinnbildlicht (vgl. Z. 93–102). Die bildhafte Überlebensmetaphorik beim Casting verknüpft den im Gedankenspiel imaginierten Kampf gegen die Wellen mit der realen Anstrengung um berufliche Anerkennung. Steigernde Elemente wie Klimaxe, Vergleiche („schwarz und zäh wie Kindspech“, Z. 98 f.) und reflektierende Sentenzen („Wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung“, Z. 86 f., 99 f.) bringen ihren Durchhaltewillen zum Ausdruck.
-
Der wiederholte Einsatz der adversativen Konjunktion „aber“ dient Wanda als sprachliches Mittel zur Selbststeuerung und Gefühlsunterdrückung in Überforderungssituationen (vgl. Z. 11, 17, 86).
-
Das Hochhaus wird hyperbolisch und durch Vergleiche veranschaulicht („wie die Krone einer Pappel“, „als wäre es besoffen“, Z. 1 f.). Hyperbeln und Alliterationen veranschaulichen zudem die drückende Sommerhitze (vgl. Z. 3–7) sowie die bedrückende Atmosphäre des Krankenlagers im Wohnzimmer (vgl. Z. 8 f., 18–20, 23, 28).
-
Die benachteiligte Berliner Hochhausgegend an der Frankfurter Allee (vgl. Z. 6 f., 50–52) bildet einen harten Kontrast zur exklusiven Schöneberger Casting-Adresse (Z. 67–69). Wanda passt sich sprachlich flexibel an (Alltagssprache, Fachbegriffe, Vulgärsprache wie „Fick dich“, Z. 38).
-
Frank bedient sich salopp-herablassender Branchensprache („Pferdchen“, Z. 33 f., 62 f.) und Ellipsen (vgl. Z. 36 f., 40 f.).
-
Der Regisseur wiederum dominiert das Gespräch durch egozentrisch-blasierte Aussagen in indirekter Rede (vgl. Z. 71 f., 79–83), Branchenjargon (vgl. Z. 81) und drängende Wiederholungen („zwei Minuten“, Z. 71 f.).
Fazit
-
Der Romanauszug veranschaulicht den kräftezehrenden Versuch einer alleinerziehenden Frau, individuelle Selbstverwirklichungsansprüche und berufliche Ambitionen gegen die harten Widerstände einer prekären sozialen Realität und der familiären Fürsorgepflicht zu behaupten.
-
Wandas Erleben ist geprägt von existenzieller Unsicherheit, schmerzhaften Selbstzweifeln und einer fortschreitenden Entzauberung des eigenen Lebensentwurfs.
-
Der Text stellt zugleich eine scharfe Gesellschafts- und Branchenkritik an den unberechenbaren, hierarchischen und objektifizierenden Arbeitsbedingungen der Unterhaltungsindustrie dar.
Teilaufgabe 2
Überleitung
-
Die Interpretation des Romanauszugs zeigt Wanda als eine verantwortungsbewusste, resiliente und kämpferische Frau, die in der Berliner Gegenwart an den Hürden sozialer Prekarität und entwürdigender Berufsstrukturen leidet.
-
Im Folgenden wird die Darstellung der Figur Wanda mit der Figur Doris aus Irmgard Keuns weltwirtschaftskrisenzeitlichem Roman Das kunstseidene Mädchen (1932) vergleichend gegenübergestellt.
Hauptteil
Gemeinsamkeiten
-
Beide Romane nutzen eine fokussierte Ich-Perspektive in Form einer unbeschönten, introspektiven Schilderung des Berliner Großstadtlebens, wodurch hohe Subjektivität und Authentizität erzeugt werden.
-
Sowohl Wanda als auch Doris erleben das Leben als unabhängige Frauen in Armut, wirtschaftlicher Instabilität und struktureller Fremdbestimmung. Wanda gerät durch die diskontinuierliche Auftragslage im Schauspielgewerbe und die Alleinerziehenden-Rolle unter Druck; Doris leidet unter fehlender Qualifikation und den Folgen der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre.
-
Beide Protagonistinnen orientieren sich an Wünschen nach sozialem Aufstieg und gesellschaftlicher Geltung (Wanda strebt professionelle Anerkennung als Filmschauspielerin an; Doris träumt von einem luxuriösen Dasein als wahrgenommener „Glanz“).
-
Trotz ihrer Träume verfügen beide Figuren über eine scharfe Menschenkenntnis, einen nüchtern-realistischen Blick auf ihre Umwelt sowie die ständige Angst vor sozialem Abstieg und Obdachlosigkeit.
Unterschiede
-
Wanda tritt als gereifte, erwachsene, resiliente und selbstregulierende Figur auf, deren Handeln von Verantwortungsbewusstsein für ihre Tochter geprägt ist. Doris hingegen wird als jugendliche, naive und romantischen Scheinidealen nachjagende Figur gezeichnet.
-
Wanda leidet unter einem reflexiven Konflikt aus Fremdheitsgefühl und einsetzender Desillusionierung bei bewusstem Beharren auf Würde. Doris' Weg verläuft von naiver Selbstundurchschautheit hin zur späteren Einsicht in den eigenen Selbstbetrug.
-
Wanda führt ein eigenständiges Leben als Alleinerziehende mit einem festen, wenn auch ärmlichen Wohnsitz im 18. Stock. Doris besitzt kein eigenes Heim, ihr Status schwankt extrem zwischen Luxus und Obdachlosigkeit und ist vollständig von ihren Männerbeziehungen abhängig.
-
Wanda lebt als alleinerziehende Mutter, ohne dass eine Partnersuche thematisiert wird. Doris agiert promiskuitiv und nutzt das traditionelle Männerbild des Versorgers aus, um sich aushalten zu lassen.
-
Wanda ist über ihren Beruf informiert, fachlich ehrgeizig, hochgradig leistungsbereit und wird von einem professionellen Agenten vertreten. Doris ist unqualifiziert, verlässt sich auf Tricks, Aussehen, Zufall und schauspielert primär im Alltag, anstatt den Beruf professionell zu erlernen.
Schluss
-
Der Vergleich verdeutlicht, wie zwei literarische Frauenfiguren aus unterschiedlichen Epochen die Suche nach weiblicher Autonomie in der Berliner Großstadt verarbeiten.
-
Während Irmgard Keun mit Doris die Tragik einer jungen Frau vor Augen führt, die an der Illusion von Aufstieg und der existenziellen Abhängigkeit von Männern zerbricht, entwirft Sara Gmuer mit Wanda das Porträt einer modernen, hochbelastbaren Mutter, die dem Ausbeutungssystem der Unterhaltungsindustrie trotzt.
-
Beide Romane geißeln gesellschaftliche Verhältnisse, die weibliche Selbstbestimmung bedrohen – Keuns Werk über die ökonomische Auslieferung in den 1930er Jahren, Gmuers Roman über die subtile Entwürdigung im Prekaritätssystem der Gegenwart.