Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 1

Thema

Johann Wolfgang von Goethe (*1749 – †1832), deutscher Dichter

Faust. Der Tragödie Erster Teil, Auszug aus der Szene Vor dem Tor

Aufgabenstellung

  • Interpretiere den Szenenauszug.

Material

Faust. Der Tragödie Erster Teil

Vor dem Tor

Johann Wolfgang von Goethe

Der im Mittelalter lebende Universitätsprofessor Faust unternimmt mit seinem Assistenten Wagner einen Spaziergang. Dabei treffen sie auf das Ostern feiernde Volk, das Faust als Arzt verehrt. In dem folgenden Szenenauszug reagiert Faust auf die Hochachtung der Menschenmenge.

[...]

Er geht mit Wagnern weiter.


WAGNER
1
Welch ein Gefühl mußt du, o großer Mann!
2
Bei der Verehrung dieser Menge haben!
3
O! glücklich! wer von seinen Gaben
4
Solch einen Vorteil ziehen kann.
5
Der Vater zeigt dich seinem Knaben,
6
Ein jeder fragt und drängt und eilt,
7
Die Fiedel stockt, der Tänzer weilt.
8
Du gehst, in Reihen stehen sie,
9
Die Mützen fliegen in die Höh’:
10
Und wenig fehlt, so beugten sich die Knie,
11
Als käm’ das Venerabile1

FAUST
12
Nur wenig Schritte noch hinauf zu jenem Stein,
13
Hier wollen wir von unsrer Wandrung rasten.
14
Hier saß ich oft gedankenvoll allein
15
Und quälte mich mit Beten und mit Fasten.
16
An Hoffnung reich, im Glauben fest,
17
Mit Tränen, Seufzen, Händeringen
18
Dacht’ ich das Ende jener Pest
19
Vom Herrn des Himmels zu erzwingen.
20
Der Menge Beifall tönt mir nun wie Hohn.
21
O könntest du in meinem Innern lesen,
22
Wie wenig Vater und Sohn
23
Solch eines Ruhmes wert gewesen!
24
Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann,
25
Der über die Natur und ihre heil’gen Kreise,
26
In Redlichkeit, jedoch auf seine Weise,
27
Mit grillenhafter Mühe sann.
28
Der, in Gesellschaft von Adepten2
29
Sich in die schwarze Küche schloß,
30
Und, nach unendlichen Rezepten,
31
Das Widrige zusammengoß.
32
Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier,
33
Im lauen Bad, der Lilie vermählt
34
Und beide dann, mit offnem Flammenfeuer,
35
Aus einem Brautgemach ins andere gequält.
36
Erschien darauf mit bunten Farben
37
Die junge Königin im Glas,
38
Hier war die Arzenei, die Patienten starben,
39
Und niemand fragte: wer genas?
40
So haben wir, mit höllischen Latwergen3,
41
In diesen Tälern, diesen Bergen,
42
Weit schlimmer als die Pest getobt.
43
Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben,
44
Sie welkten hin, ich muß erleben
45
Daß man die frechen Mörder lobt.

WAGNER
46
Wie könnt Ihr Euch darum betrüben!
47
Tut nicht ein braver Mann genug,
48
Die Kunst, die man ihm übertrug,
49
Gewissenhaft und pünktlich auszuüben?
50
Wenn du, als Jüngling, deinen Vater ehrst,
51
So wirst du gern von ihm empfangen;
52
Wenn du, als Mann, die Wissenschaft vermehrst,
53
So kann dein Sohn zu höh’rem Ziel gelangen.

FAUST
54
O glücklich! wer noch hoffen kann
55
Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen.
56
Was man nicht weiß das eben brauchte man,
57
Und was man weiß kann man nicht brauchen.
58
Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut
59
Durch solchen Trübsinn nicht verkümmern!
60
Betrachte wie in Abendsonne-Glut
61
Die grünumgebnen Hütten schimmern.
62
Sie rückt und weicht, der Tag ist überlebt,
63
Dort eilt sie hin und fördert neues Leben.
64
O daß kein Flügel mich vom Boden hebt,
65
Ihr nach und immer nach zu streben!
66
Ich säh’ im ewigen Abendstrahl
67
Die stille Welt zu meinen Füßen,
68
Entzündet alle Höhn, beruhigt jedes Tal,
69
Den Silberbach in goldne Ströme fließen.
70
Nicht hemmte dann den göttergleichen Lauf
71
Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten;
72
Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten
73
Vor den erstaunten Augen auf.
74
Doch scheint die Göttin endlich wegzusinken;
75
Allein der neue Trieb erwacht,
76
Ich eile fort ihr ew’ges Licht zu trinken,
77
Vor mir den Tag, und hinter mir die Nacht,
78
Den Himmel über mir und unter mir die Wellen.
79
Ein schöner Traum, indessen sie entweicht.
80
Ach! zu des Geistes Flügeln wird so leicht
81
Kein körperlicher Flügel sich gesellen.
82
Doch ist es jedem eingeboren,
83
Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,
84
Wenn über uns, im blauen Raum verloren,
85
Ihr schmetternd Lied die Lerche singt;
86
Wenn über schroffen Fichtenhöhen
87
Der Adler ausgebreitet schwebt,
88
Und über Flächen, über Seen,
89
Der Kranich nach der Heimat strebt.

WAGNER
90
Ich hatte selbst oft grillenhafte4 Stunden,
91
Doch solchen Trieb hab’ ich noch nie empfunden.
92
Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt,
93
Des Vogels Fittig werd’ ich nie beneiden.
94
Wie anders tragen uns die Geistesfreuden,
95
Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
96
Da werden Winternächte hold und schön,
97
Ein selig Leben wärmet alle Glieder,
98
Und ach! entrollst du gar ein würdig Pergamen,
99
So steigt der ganze Himmel zu dir nieder.

FAUST
100
Du bist dir nur des einen Triebs bewußt;
101
O lerne nie den andern kennen!
102
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
103
Die eine will sich von der andern trennen;
104
Die eine hält, in derber Liebeslust,
105
Sich an die Welt, mit klammernden Organen;
106
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust5
107
Zu den Gefilden hoher Ahnen.
108
O gibt es Geister in der Luft,
109
Die zwischen Erd’ und Himmel herrschend weben,
110
So steiget nieder aus dem goldnen Duft
111
Und führt mich weg, zu neuem buntem Leben!
112
Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein!
113
Und trüg’ er mich in fremde Länder,
114
Mir sollt’ er um die köstlichsten Gewänder,
115
Nicht feil um einen Königsmantel sein.

1 Venerabile: der Verehrungswürdige.

2 Adept: Schüler, Lernender.

3 Latwerg: hier Medizin.

4 grillenhaft: launenhaft, sonderbar, wunderlich.

5 Dust: Staub.

Quelle: Schöne, Albrecht (Hrsg.): Johann Wolfgang Goethe. Faust. Texte. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1999, S. 54–58.

Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!

monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?

SchulLV