Aufgabe 1
Thema
Johann Wolfgang von Goethe (*1749 – †1832), deutscher Dichter
Faust. Der Tragödie Erster Teil, Auszug aus der Szene Vor dem Tor
Aufgabenstellung
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Interpretiere den Szenenauszug.
Material
Faust. Der Tragödie Erster Teil
Vor dem Tor
Johann Wolfgang von Goethe
Der im Mittelalter lebende Universitätsprofessor Faust unternimmt mit seinem Assistenten Wagner einen Spaziergang. Dabei treffen sie auf das Ostern feiernde Volk, das Faust als Arzt verehrt. In dem folgenden Szenenauszug reagiert Faust auf die Hochachtung der Menschenmenge.
[...]
Er geht mit Wagnern weiter.
1 Venerabile: der Verehrungswürdige.
2 Adept: Schüler, Lernender.
3 Latwerg: hier Medizin.
4 grillenhaft: launenhaft, sonderbar, wunderlich.
5 Dust: Staub.
Quelle: Schöne, Albrecht (Hrsg.): Johann Wolfgang Goethe. Faust. Texte. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1999, S. 54–58.
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Das Drama Faust. Der Tragödie erster Teil von Johann Wolfgang von Goethe thematisiert die existenzielle Suche des Menschen nach Erkenntnis und Sinn.
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Der vorliegende Auszug aus der Szene „Vor dem Tor“ zeigt Faust im Spannungsfeld zwischen äußerer Verehrung und innerer Selbstkritik.
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Im Zentrum stehen der Gegensatz unterschiedlicher wissenschaftlicher Anspruchshaltungen sowie die Problematik menschlicher Begrenzung und Entgrenzung.
Hauptteil
Inhalt und Aufbau
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Zu Beginn beschreibt Wagner die große Verehrung, die Faust durch das Volk erfährt, und stellt ihn als „großen Mann“ dar (Z. 1).
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Die Reaktionen der Menge, die innehalten und sich beinahe verneigen (vgl. Z. 8–11), verdeutlichen eine starke Idealisierung Fausts.
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Faust lenkt das Gespräch daraufhin bewusst auf seine Vergangenheit und erinnert sich an seine Tätigkeit als Arzt während der Pest.
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Dabei beschreibt er, dass er einst hoffnungsvoll und im Glauben versucht habe, die Krankheit zu besiegen (vgl. Z. 16–19).
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Im weiteren Verlauf äußert Faust jedoch starke Selbstzweifel und empfindet den Beifall der Menge als „Hohn“ (Z. 20).
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Er kritisiert sowohl sich selbst als auch seinen Vater und stellt deren wissenschaftliche Arbeit als unzulänglich dar (vgl. Z. 22–23).
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Besonders drastisch ist seine Einsicht, dass ihre Methoden den Patienten geschadet haben könnten (vgl. Z. 38–43).
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Wagner zeigt daraufhin kein Verständnis für Fausts Zweifel und betont stattdessen die Bedeutung pflichtbewusster wissenschaftlicher Arbeit (vgl. Z. 46–49).
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Faust wendet sich anschließend der Natur zu und entwickelt eine Sehnsucht nach Entgrenzung und Erkenntnis.
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Seine Vorstellung, der Sonne zu folgen (vgl. Z. 64 ff.), verdeutlicht den Wunsch nach Überwindung menschlicher Grenzen.
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Wagner reagiert erneut einseitig und hebt die Bedeutung des Studiums und der Bücher hervor (vgl. Z. 94–98).
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Am Ende formuliert Faust seinen inneren Konflikt in der Aussage „Zwei Seelen wohnen […] in meiner Brust“ (Z. 102).
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Diese beschreibt die Spannung zwischen weltlicher Bindung und geistigem Streben.
Figuren und Beziehung
Faust
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Faust erscheint als hochreflektierter und intellektueller Charakter, der sein eigenes Handeln kritisch hinterfragt.
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Er ist von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen geprägt, da er seine wissenschaftliche Tätigkeit als unzureichend empfindet.
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Gleichzeitig zeigt sich sein hoher Anspruch auf Erkenntnis, der über praktische Wissenschaft hinausgeht.
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Seine Sehnsucht nach Entgrenzung deutet jedoch auch auf eine gewisse Selbstüberschätzung hin.
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Zudem ist ihm bewusst, dass Wagner seine innere Zerrissenheit nicht nachvollziehen kann.
Wagner
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Wagner wird als naiv und oberflächlich dargestellt, da er die Verehrung Fausts unkritisch übernimmt.
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Er vertritt ein angepasstes und pflichtorientiertes Wissenschaftsverständnis.
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Seine Aussagen zeigen, dass er Fausts tiefere Konflikte nicht versteht.
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Dadurch wirkt er geistig beschränkt und deutlich weniger reflektiert.
Beziehung
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Die Beziehung ist durch ein deutliches Ungleichgewicht geprägt, da Wagner Faust bewundert und sich ihm unterordnet.
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Gleichzeitig wird ein grundlegender Gegensatz sichtbar:
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Faust steht für kritische Reflexion und das Streben nach Erkenntnis.
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Wagner verkörpert Anpassung und Begrenzung.
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Eine echte Verständigung zwischen beiden Figuren ist daher nicht möglich.
Sprachlich-stilistische Analyse
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Die Verwendung von Interjektionen wie „O“ und „Ach“ verstärkt die emotionale Ausdruckskraft von Fausts Äußerungen.
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Akkumulationen wie „Tränen, Seufzen, Händeringen“ (Z. 16–17) verdeutlichen seine innere Verzweiflung.
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Metaphern wie das „Meer des Irrtums“ (Z. 55) symbolisieren Fausts Orientierungslosigkeit.
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Das Motiv der „Flügel“ (Z. 64 ff.) steht für den Wunsch nach Freiheit und Erkenntnis.
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Antithesen, etwa zwischen Wissen und Nicht-Wissen (Z. 56–57), verdeutlichen zentrale Gegensätze.
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Hyperbeln wie „Gift an Tausende“ (Z. 43) verstärken die dramatische Selbstanklage.
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Insgesamt dient die Sprache dazu, Fausts innere Zerrissenheit und den Gegensatz zu Wagner zu verdeutlichen.
Schluss / Fazit
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Die Szene verdeutlicht ein grundlegendes menschliches Dilemma zwischen Begrenzung und dem Streben nach Entgrenzung.
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Faust erkennt die Grenzen menschlicher Erkenntnis und leidet an der Unzulänglichkeit seines Wissens.
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Gleichzeitig strebt er nach höherer Erkenntnis und versucht, diese Grenzen zu überwinden.
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Wagner steht im Gegensatz dazu für eine begrenzte, angepasste Form der Wissenschaft, die sich mit dem Bestehenden zufriedengibt.
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Die Gegenüberstellung beider Figuren zeigt, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht nur Wissen, sondern auch kritische Reflexion erfordert.
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Insgesamt wird deutlich, dass menschliches Streben nach Erkenntnis immer mit innerer Zerrissenheit verbunden ist und vollständige Erkenntnis unerreichbar bleibt.