Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 4

Thema

Sensitivity Reading

Aufgabenstellung

  • Eine überregionale Wochenzeitung hat einen Beitrag zu „Sensitivity Reading“ veröffentlicht und im Rahmen eines Schreibwettbewerbs dazu aufgerufen, sich zu der Frage zu positionieren, ob literarische Texte durch sogenannte „Sensitivity Reader“ auf möglicherweise diskriminierende Inhalte und Sprachverwendung untersucht und infolgedessen ggf. überarbeitet werden sollen. Der Siegerbeitrag soll im Kulturteil der Zeitung veröffentlicht werden.

  • Verfasse für den Schreibwettbewerb einen argumentierenden Beitrag, in dem du zu dieser strittigen Frage Stellung nimmst. Nutze dazu die vorliegenden Materialien 1 bis 5 und beziehe dein im Unterricht erworbenes Wissen, unter anderem über Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen, sowie eigene Erfahrungen ein.

  • Formuliere eine geeignete Überschrift.

  • Verweise auf die Materialien erfolgen unter Angabe des Namens der Autorin bzw. des Autors und ggf. des Titels.

  • Dein argumentierender Beitrag sollte ca. 1100 Wörter umfassen. (Die Wortzahl ist unter dem Text anzugeben.)

Material

1: Sensitivity Reading: Absurde Zensur oder zwingender Eingriff? (2024)

Jennifer Heinzel

1
Sensitivity Reading bezeichnet die gezielte Überprüfung von Büchern auf politisch korrekte
2
Aussprache1. Mit diesem sensiblen Lektorieren neuer Werke sollen rassistische Ausdrücke und
3
gefährliche Stereotype vermieden werden. Das Ziel: Literatur soll so diskriminierungsfrei wie
4
möglich gestaltet werden. Spezielle Agenturen bieten diese Form des Lektorats an, bei dem
5
darauf geachtet wird, dass die lektorierende Person selbst Teil der Randgruppen ist, auf die sich
6
die Sensibilitätslesung bezieht. Zum Beispiel: Schreibt ein Autor oder eine Autorin etwas über
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eine muslimische Person, kann eine muslimische Person über eine Agentur vermittelt und als
8
Sensibilitätsleser:in engagiert werden.
9
Die Buchbranche, so scheint es, steht dem Thema Sensitivity Reading gespalten gegenüber.
10
Während einige Verlage und Autor:innen bei fast jedem ihrer Werke auf Sensitivity
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Reader:innen zurückgreifen, lehnen andere das sensible Lektorieren ihrer Werke gänzlich ab.
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So hat sich zum Beispiel Schriftsteller und Bestseller-Autor Salman Rushdie auf Twitter2
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äußerst kritisch zu Wort gemeldet, nachdem der Puffin-Verlag die Kinderbücher von Roald
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Dahl auf kritische Ausdrücke geprüft und dann einige Passagen abgeändert hatte. Der Puffin-
15
Verlag erklärte im Februar 2023, dass davon Themen wie Gewicht, psychische Gesundheit,
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Gewalt, Gender und Hautfarbe betroffen seien. So wurden Wörter wie „fett“ und „hässlich“ aus
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den Werken komplett gestrichen. Änderungen, die vielen Kritiker:innen zu weit gehen.
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Rushdie bezeichnete die Eingriffe als „absurde Zensur“. Der Verlag solle sich schämen, die
19
Bücher verändert zu haben, so der Autor. Viele Nutzer:innen stimmten zu. Auch Andreas
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Steinhöfel, der deutsche Übersetzer der Dahl-Texte, war Rushdies Meinung. Er ging noch einen
21
Schritt weiter und bezeichnete die Änderung in den Dahl-Texten dem Deutschlandfunk zufolge
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als „Kunst- und Geschichtsverfälschung“. Er sprach in dem Zusammenhang von Maßnahmen,
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die man so nur aus einem totalitären System kenne.
24
Die Querelen rund um die Dahl-Werke sind jedoch nur ein Beispiel und Teil einer größeren
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Diskussion. Auch deutsche Verlage sehen sich immer wieder mit der Debatte rund um
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Sensitivity Reader:innen konfrontiert. Auf Anfrage des stern antwortet Simon Decot, Vorstand
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Programm beim Bastei Lübbe Verlag, dass die Zusammenarbeit mit Sensitivity Reader:innen
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für den Verlag ein wichtiges Werkzeug im Lektoratsprozess einiger Titel sei – besonders dann,
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wenn es darum gehe, Diversität abzubilden und unterschiedliche Personengruppen authentisch
30
zu repräsentieren. „Mit ihrer Expertise unterstützen Sensitivity Reader:innen uns und unsere
31
Autorinnen dabei, Vorurteile, Stigmatisierungen und Fehlinformationen zu vermeiden. Das
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bedeutet sowohl ein Überprüfen der Texte auf potenziell diskriminierende Inhalte als auch auf
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einen inklusiven Sprachgebrauch.“
34
Ähnlich wie der Bastei Lübbe Verlag handhaben es inzwischen auch weitere Verlage, die sich
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mal mehr und mal weniger stark für die Nutzung von Sensibilitätsleser:innen einsetzen. Die
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Autorin Dr. Lisa Pychlau-Ezli findet diese Entwicklung gut. Sie hat Germanistik und
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Sportwissenschaften in Frankfurt studiert, in der germanistischen Mediävistik3 promoviert und
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arbeitet nun freiberuflich als Literaturkritikerin und im Verlagswesen. Sie hat das Buch „Wer
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darf in die Villa Kunterbunt?“ veröffentlicht, in dem sie über den Umgang mit Rassismus in
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Kinderbüchern schreibt. Gegenüber dem stern sagt sie: „Kindermedien reproduzieren sehr oft
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Diskriminierungsformen wie Rassismus, Antisemitismus oder Sexismus und Lookismus4.“
42
Genau da könne eine ausführliche Auseinandersetzung mit den kritischen Teilen diverser
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Klassiker helfen. „Viele Leute verbinden diesen Begriff mit Einschränkungen, Verboten oder
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Cancel Culture5. Darum geht es aber gar nicht“, sagt Dr. Pychlau. „Was hier manchmal als
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Extremform der politischen Korrektheit hingestellt wird, ist im Prinzip einfach nur eine
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Miteinbeziehung von Gruppen, die früher nicht gefragt wurden.“
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Die Literaturkritikerin plädiert für Aufklärung und frühe Auseinandersetzung mit
48
unangenehmen Themen wie Rassismus, Antisemitismus und Sexismus. Deshalb betont sie
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gegenüber dem stern, wie wichtig Kinderbücher in dieser Debatte sind. Nur so kann man die
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„rassistische Sozialisation von Anfang an vermeiden“.
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Um ihren Punkt deutlich zu machen, nennt sie ein konkretes Beispiel: In vielen Kinderbüchern
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sind schwarze, asiatische und muslimische Kinder wenig bis gar nicht repräsentiert. „Weiße
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deutsche Kinder lernen dadurch, dass nur sie ‚normal‘ und schwarze Kinder ,anders‘ und nicht
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wirklich zugehörig sind.“ Gleichzeitig fehlt Kindern aus marginalisierten Gruppen die
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Möglichkeit, sich in solchen Büchern positiv repräsentiert zu sehen. „Diese Mechanismen
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laufen ganz subtil ab, so dass sie nicht auf den ersten Blick erkannt und reflektiert werden“,
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erklärt Lisa Pychlau. Sie schlussfolgert daraus die Gefahr, dass Kinder durch die falsche
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Repräsentation in Kinderbüchern Rassismen verinnerlichen und dadurch unweigerlich in
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Zukunft selbst reproduzieren. Sie ist deshalb der Meinung, dass man reale Diskriminierung
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tatsächlich einschränken könnte, wenn man Texte für Kinder diskriminierungsfrei hielte. [...]

1 Aussprache: Gemeint ist hier Sprache.

2 Twitter: frühere Bezeichnung des sozialen Netzwerks X.

3 Mediävistik: Wissenschaft von der Erforschung des Mittelalters.

4 Lookismus: Diskriminierung von Menschen allein auf Grund des Aussehens.

5 Cancel Culture: politisches Schlagwort, das systematische Bestrebungen zum partiellen sozialen Ausschluss von Personen oder Organisationen bezeichnet, denen beleidigende, diskriminierende, rassistische, antisemitische, verschwörungsideologische, frauenfeindliche, homo- oder transphobe Aussagen bzw. Handlungen vorgeworfen werden.

Quelle: Heinzel, Jennifer (14.01.2024): Sensitivity Reading: Absurde Zensur oder zwingender Eingriff? <https://www.stern.de/kultur/sensitivity-reading--wenn-texte-politisch-korrekter-werden-sollen-34356430.html>. 20.07.2024

Hinweis: Jennifer Heinzel (*1998) ist als redaktionelle Mitarbeiterin in der Online-Redaktion der Zeitschrift STERN tätig.

2: Klischee lass nach (2020)

Lisa Santos

1
Der russische Bösewicht, die sexgeile Lesbe oder die exotische Schönheit. In vielen Romanen
2
wird Diversität zum Klischee. sensitivity-reading.de möchte das ändern. Autor*innen können
3
dort nach Themen wie Rassismus, Muslimfeindlichkeit oder Behindertenfeindlichkeit suchen
4
und eine betroffene Person auswählen, die sie gegen Honorar bei ihren Texten berät.
5
Die Idee kommt aus den USA und wird in Deutschland kontrovers diskutiert. Kritiker*innen
6
sehen darin die Zensur von Autor*innen und das Ende der Literatur. Der Kolumnist Harald
7
Martenstein bezeichnete die Plattform beispielsweise als „Literaturprüfstelle“: Sensitivity
8
Reading würde die Vielfalt nicht fördern, sondern viel mehr einschränken, da Autor*innen
9
dadurch nicht mehr frei schreiben könnten. Dabei lebe die Literatur gerade von Vielstimmigkeit
10
und der persönlichen Meinung der Autor*innen. Für die Befürworter*innen wiederum sind
11
Sensitivity Reader ein längst fälliger Schritt gegen Klischees und Diskriminierung. Hier
12
erzählen [zwei]1 von ihrer Arbeit.
13
Victoria Linnea, Mitbegründerin des Netzwerks und selbst Sensitivity Reader
14
Thema: Rassismus
15
[...] Wenn ich als Sensitivity Reader einen Text lese, markiere ich nicht nur, was
16
diskriminierend ist, sondern erkläre auch, warum und welche Auswirkungen das hat. Asiatisch
17
gelesene Menschen wie ich werden beispielsweise oft sehr devot oder sexualisiert dargestellt.
18
Das ist entwürdigend und rassistisch. Ein weit verbreitetes Klischee ist auch, dass wir alle Nerds
19
seien, meist Musiker*innen oder Mathematiker*innen. Abgesehen davon, dass das natürlich
20
nicht stimmt, wirft man uns damit auch alle in einen Topf.
21
Obwohl Romane diese Diskriminierungen in der Gesellschaft reproduzieren können, hat die
22
sensibilisierte Darstellung der Charaktere für große Verlage oft keine Priorität: Sie richten sich
23
mehrheitlich an ein weißes Publikum. Sensitivity Reading ist ein politisches Thema, zu dem
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sich einige nicht eindeutig positionieren wollen. Es ist aber eine Entwicklung erkennbar, und
25
immer mehr Publikumsverlage arbeiten mit Sensitivity Readern zusammen.
26
Trotzdem kommt unsere Arbeit nicht immer gut an. Es gibt Leute, die uns böse Mails schreiben
27
und uns beschimpfen, weil wir angeblich Zensur betreiben. Dabei sagen wir immer, dass
28
Autor*innen natürlich schreiben dürfen, was sie möchten. Wir wollen nur dafür sensibilisieren,
29
dass man als Autor*in Verantwortung für seinen Text trägt. Bis heute lese ich in Geschichten
30
das Wort „Schl***auge“ Das ist für mich und die meisten asiatisch gelesenen Menschen
31
schmerzhaft.
32
Tristan Lánstad, Sensitivity Reader
33
Thema: Abneigung gegen dicke Menschen
34
Wenn ich in meiner Freizeit Bücher lese, fällt mir oft auf, dass dicke Menschen überhaupt nicht
35
vorkommen. Oder nur in kleinen Rollen: die gemütliche Wirtin, die Knödel serviert, oder der
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dümmliche Witzbold. Eine beliebte Klischeefigur ist auch die dicke beste Freundin, die selbst
37
keinen eigenen Charakter hat, aber immer lustig ist und die Protagonistin unterstützt. Gerne
38
wird dann gesagt, sie sei zwar dick, aber trotzdem attraktiv. Warum? Weil wir in der deutschen
39
Gesellschaft insgesamt ein negatives Bild von dicken Menschen haben: unästhetisch, faul,
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disziplinlos, gemütlich oder unhygienisch. Das hat auch damit zu tun, dass wir Gesundheit und
41
die Vorstellungen, die wir davon haben, so sehr glorifizieren. Der vermeintlich perfekte Mensch
42
ist nicht dick, hat keine Behinderungen oder psychischen Krankheiten.
43
Vielen ist nicht klar, dass sich diese realen Diskriminierungen auch in erfundenen Geschichten
44
widerspiegeln. Ich selbst schreibe beispielsweise Fantasy-Geschichten und weiß, dass man da
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häufig über Dinge schreibt, mit denen man keine persönlichen Erfahrungen hat. Ich kann
46
natürlich dazu recherchieren, aber vieles denke ich mir aus. Das ist ja der Kern von Fantasy.
47
Nur ist meine Fantasie nicht frei: Jede erfundene Welt ist ein Konstrukt unserer Vorstellung
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und wird dementsprechend stark von dem geprägt, was wir kennen. Deswegen gibt es auch in
49
Fantasy-Geschichten viele fettfeindliche Klischees.

1 [zwei]: Im Originaltext stellen drei Sensitivity Reader ihre Arbeit vor. Wegen der vorgenommenen Kürzung wurden zwei Beiträge ausgewählt.

Quelle: Santos, Lisa: Klischee lass nach. <https://www.fluter.de/sensitivity-reader-deutschland>. 21.07.2024

Hinweis: Lisa Santos ist Medienpädagogin und Journalistin und u. a. für die Zeitschrift FLUTER tätig.

3: Die Schriftstellerin: Angst ist gefährlich (2023)

Juli Zeh

1
Wenn ein Buch erscheint, ist man als Autor oder Autorin nervös. Man fragt sich, wie es
2
aufgenommen werden wird, hofft und bangt, durchlebt vielleicht die eine oder andere schlaflose
3
Nacht. Das ist normal. Jeder Künstler kennt die Furcht vor Ablehnung und Misserfolg. Solche
4
Ängste sind Teil des Schaffensprozesses. Man muss lernen, damit zu leben.
5
Nicht normal ist es hingegen, wenn sich eine Autorin während des Schreibprozesses zu fragen
6
beginnt, ob sie eine Figur erschaffen darf, die eine andere Herkunft, ein anderes Geschlecht
7
oder eine andere sexuelle Orientierung besitzt als sie selbst. Oder wenn ein Autor überlegt, ob
8
es in Ordnung ist, veraltete Sprechweisen zu benutzen. Oder einer Figur provokante Reizwörter
9
in den Mund zu legen. Ob in einer Geschichte Figuren mit zweifelhaften politischen Ansichten
10
vorkommen können oder ob von krasser psychischer oder physischer Gewalt die Rede sein
11
darf. Solche Fragen betreffen nicht die literarische Qualität eines Textes. Sondern die Frage, ob
12
der Text überhaupt Literatur sein darf. Was tun, wenn einen derartige Ängste befallen? Mediale
13
Reiz-Reaktions-Muster kann man nicht ändern. Sich selbst durch Anpassung dagegen absichern
14
zu wollen, würde die eigene Arbeit gefährden. Ich habe mich entschieden, mit meinem Verlag
15
darüber zu sprechen. Zum einen habe ich erklärt, dass mir Sensitivity-Lektorate nicht helfen,
16
sondern meine Angst vergrößern. Ein Sensitivity-Lektorat ist eine Überprüfung des Textes auf
17
Verletzungsgefahr. Es soll Autorin und Werk davor bewahren, durch faktische Irrtümer oder
18
durch die Verkennung kultureller Empfindlichkeiten versehentlich starke negative Emotionen
19
zu erregen. In Bezug auf faktische Irrtümer mag das angehen. Aber wenn eine Lektorin an den
20
Rand schreibt, dass sich ein Mädchen im Text besser in eine weibliche Schulkameradin
21
verlieben sollte, ist das eher der Versuch, bewusst Progressivität zu demonstrieren oder sogar
22
sich gegen sogenannte Shitstorms abzusichern. Solche Lektoratshinweise führen eher zur
23
Sorge, dass sich in meinen Texten irgendwann niemand mehr verlieben darf. Solche Gedanken
24
machen das Erschaffen von Literatur unmöglich.

Quelle: Zeh, Juli: Die Schriftstellerin: Angst ist gefährlich. <https://www.zeit.de/2023/17/kunstfreiheit-kulturbetrieb-diversitaet-cancel-culture>. 21.07.2024

Hinweis: Juli Zeh (*1974) ist Schriftstellerin und Juristin.

4: sensitivity readers (2019)

Lectrr

Cartoon zu sensitivity readersCartoon zu sensitivity readers

Quelle: Lectrr: sensitivity readers (Cartoon). <https://lectrr.be/nl/item/2019_03_06_Sensitivity_readers-1>. 03.01.2025

Hinweis: Lectrr ist belgischer Cartoonist.

5: Alles so schön keimfrei hier (2023)

Ijoma Mangold

1
Die Autonomie der Kunst war das große Projekt der Moderne. Ihr sollten durch keine Moral
2
Fesseln angelegt werden. Der Künstler, das Originalgenie, sollte gegen jeden guten Geschmack
3
verstoßen dürfen, er sollte die moralischen Konventionen seiner Zeitgenossen testen, das war
4
seine job description. Edel, hilfreich und gut zu sein war eine Forderung, die für den Philister
5
galt, nicht für den Künstler. Der war für den Skandal, das Zweideutige, das Dämonische
6
zuständig. Ein Freigeist – so wie im 18. Jahrhundert in Frankreich der Ausdruck „Philosoph“
7
Synonym war für Libertin: jemanden, der sich nicht an den sexuellen Moralkodex der
8
Gesellschaft hält.
9
Als kehrten wir zurück in den Viktorianismus1 des nun wiederum 19. Jahrhunderts, hören die
10
Künstler seit einigen Jahren auf, von diesem Freifahrtschein Gebrauch zu machen. Die Künste
11
werden immer stärker auf die neueste Moral der Gegenwart festgelegt, damit ja niemand an
12
ihnen Anstoß zu nehmen braucht. Zum einen betrifft das das kulturelle Erbe: Wo die
13
Moralvorstellungen der Gegenwart und der Vergangenheit zu weit auseinanderklaffen, wird
14
korrigierend in die Überlieferung eingegriffen. [...]
15
Zum anderen wird die zeitgenössische Kunstproduktion immer mehr in den Dienst der
16
Repräsentation genommen. Das Zauberwort heißt Diversity [...]: Wenn nur genügend PoCs,
17
People of Colour, in einer Kunstausstellung oder Theateraufführung vorkommen, dann sind
18
alle beruhigt, und es darf mit dem Segen des Antirassismusbeauftragten und den
19
Sponsorengeldern der Diversity-Verantwortlichen der Konzerne gemeinschaftlich gefeiert
20
werden. So geht Nestwärme heute.
21
Ziel ist es nicht mehr, ästhetisches Neuland zu betreten, sondern alle öffentlich akklamierten
22
Identitätsgruppen ins Bild zu setzen – wie früher bei einem Dorfumzug, wo auch alle Stände
23
und Gilden vertreten sein mussten. Heute lautet die zentrale Frage nicht mehr: Was hat einer zu
24
sagen? Sondern: Wer spricht? Beziehungsweise: Wer darf über was sprechen? [...]
25
Der außerkünstlerische Maßstab ist in all diesen Fällen die Identität. Sie ist die heilige Kuh, vor
26
der alle das Knie beugen. Da sind keine Frivolitäten erlaubt. Niemand will hier bei einer
27
Blasphemie erwischt werden. Deshalb legen Schriftsteller ihre Manuskripte sogenannten
28
Sensitivity-Readern vor, die überprüfen, ob der Roman auch so geschrieben ist, dass die
29
Gefühle etwaiger Minderheitengruppen nicht verletzt werden. Was gibt den Sensitivity-
30
Readern ihre Kompetenz und moralische Autorität? Nun, es ist natürlich wieder die Identität,
31
die zu einem umso mächtigeren Phantasma aufgebläht wird, je mehr die westlichen
32
Gesellschaften angeblich divers und fluide werden. Wer sich öffentlich äußert, gilt als Stimme
33
einer bestimmten kollektiven Gruppe, nicht mehr als eigensinniger Denker mit einer alle
34
überraschenden Meinung zu den Dingen. Es ist, als wären unsere Gedanken nur mehr ein
35
Ausfluss unserer Identitäts-DNA. So wie man früher unter Marxisten nach dem
36
Klassenstandpunkt fragte, entscheidet heute die Identitätszugehörigkeit über das Gewicht eines
37
Arguments. Der Machtkampf der Redeordnungen hat sich auf die Hinterbühne verschoben, wo
38
darüber entschieden wird, welche biografische Konstellation als marginalisiert und damit als
39
diskursmächtige Sprecherposition gelten kann.
40
Für die Kunst ist das eine absurde Situation, denn sie wollte ja genau diese Kategorien sprengen.
41
Die eigene Herkunft, das eigene Sein zu transzendieren2 war einer ihrer höchsten Ansprüche.
42
Die Individualität des Künstlers ließ sich nichts vorschreiben, schon gar nicht ließ er seine
43
Kunst durch kollektive Gruppen in Anspruch nehmen. [...]
44
Doch es bleibt ein Trost: Seit die Diversity-Beauftragten darauf achten, dass identitätspolitisch
45
alles hübsch sauber sortiert ist, hat die Kunst wieder die Chance, anstößig zu sein. Was könnte
46
ihr Besseres passieren? [...]

1 Viktorianismus: Der Begriff bezieht sich auf die Regentschaft der Königin Viktoria, die 1837 begann und 1901 endete. Typisch für die Zeit ist ein geschlossenes, an Moralprinzipien des Groß- und Kleinbürgertums ausgerichtetes und stark durch Religiösität geprägtes Gesellschaftsbild.

2 transzendieren: überschreiten.

Quelle: Mangold, Ijoma: Alles so schön keimfrei hier. <https://www.zeit.de/2023/17/kunst-freiheit-moral-ideologie-identitaetspolitik>. 03.01.2025

Hinweis: Ijoma Mangold (*1971) ist Literaturkritiker und Autor.

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