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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 2

Thema

Ludwig Tieck (*1773 – †1853), deutscher Dichter

Wohlauf. es ruft der Sonnenschein ...

(Hinweis: Hier wird der erste Vers angegeben, da das Gedicht Bestandteil des Romans Franz Sternbalds Wanderungen ist und keinen Titel trägt.)

und

Hermann Hesse (*1877 – †1962), deutscher Dichter

Reisekunst

Aufgabenstellung

1)

Interpretiere das Gedicht von Ludwig Tieck.

60 %
2)

Vergleiche die Darstellung des Wandermotivs in beiden Gedichten.

40 %

Material

Wohlauf! es ruft der Sonnenschein (1798)

Ludwig Tieck

1
„Wohlauf! es ruft der Sonnenschein
2
Hinaus in Gottes freie Welt!
3
Geht munter in das Land hinein
4
Und wandelt über Berg und Feld!

5
Es bleibt der Strom nicht ruhig stehn,
6
Gar lustig rauscht er fort;
7
Hörst du des Windes muntres Wehn?
8
Er braust von Ort zu Ort.

9
Es reist der Mond wohl hin und her,
10
Die Sonne ab und auf,
11
Guckt übern Berg und geht ins Meer,
12
Nie matt in ihrem Lauf.

13
Und, Mensch, du sitzest stets daheim,
14
Und sehnst dich nach der Fern:
15
Sei frisch und wandle durch den Hain,
16
Und sieh die Fremde gern.

17
Wer weiß, wo dir dein Glücke blüht,
18
So geh und such es nur,
19
Der Abend kommt, der Morgen flieht,
20
Betrete bald die Spur.

21
Laß Sorgen sein und Bangigkeit,
22
Ist doch der Himmel blau,
23
Es wechselt Freude stets mit Leid,
24
Dem Glücke nur vertrau.

25
So weit dich schließt der Himmel ein,
26
Gerät der Liebe Frucht,
27
Und jedes Herz wird glücklich sein,
28
Und finden was es sucht.“

Quelle: Tieck, Ludwig: Frühe Erzählungen und Romane. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1975, S. 831–832.

Reisekunst (1927)

Hermann Hesse

1
Wandern ohne Ziel ist Jugendlust,
2
Mit der Jugend ist sie mir erblichen;
3
Seither bin ich nur vom Ort gewichen,
4
War ein Ziel und Wille mir bewußt.

5
Doch dem Blick, der nur das Ziel erfliegt,
6
Bleibt des Wanderns Süße ungenossen,
7
Wald und Strom und aller Glanz verschlossen,
8
Der an allen Wegen wartend liegt.

9
Weiter muß ich nun das Wandern lernen,
10
Daß des Augenblicks unschuldiger Schein
11
Nicht erblasse vor ersehnten Sternen.

12
Das ist Reisekunst: im Weltenreihn
13
Mitzufliehn und nach geliebten Fernen
14
Auch im Rasten unterwegs zu sein.

Quelle: Hesse, Hermann: Reisekunst. In: Michels, Volker (Hrsg.): Hermann Hesse. Die Gedichte. 1892–1962. Erster Band, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1977, S. 352.

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