Block 1 – Textanalyse
Thema
Juli Zeh: Zu wahr, um schön zu sein (2006)
Aufgabenstellung
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Analysiere den Text Zu wahr, um schön zu sein von Juli Zeh.
Berücksichtige dabei den Aufbau der Argumentation, die sprachlich-stilistische Gestaltung und die Intention. (ca. 70 %)
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Setze dich mit Juli Zehs Position zur Fiktionalität als Merkmal von Literatur auseinander. (ca. 30 %)
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Juli Zeh: Zu wahr, um schön zu sein (2019)
Zeh, Juli: Nachts sind das Tiere. Essays. München: btb Verlag 2016, S. 46 -53.
Juli Zeh (*1974) ist eine deutsche Schriftstellerin und Juristin.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Teilaufgabe 1
Thema und Textsorte
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Der Text thematisiert die Kritik an der Erwartungshaltung und am fehlenden Fiktionalisierungsverständnis vieler Rezipienten erzählender Literatur.
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Es handelt sich um einen Essay (vgl. Z. 108).
Darstellung des Argumentationsgangs und der wesentlichen Inhalte
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Der Text beginnt mit einem Einstieg, der sich auf die Erinnerung an den kindlichen Eskapismus der Autorin bezieht (vgl. Z. 1–7). Daran anschließend erfolgt eine Hinführung zum Themenschwerpunkt durch Ausführungen über erdachte Geschichten der Autorin, die sowohl ihrer kindlich-realen Welt entlehnt als auch der Fantasie entnommen seien, wobei ihr das Fiktive dieser Geschichten stets bewusst gewesen sei (vgl. Z. 7–14).
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Im weiteren Verlauf wird das Problem der Literaturexegese am Beispiel einer Lesung Zehs verdeutlicht, indem Publikumsreaktionen geschildert und zugleich die Kontroverse zwischen Autorin und Publikum hinsichtlich autobiografischer Bezüge in literarischen Texten reflektiert wird (vgl. Z. 15–54). Dabei erfolgt zunächst eine Aufzählung einer Vielzahl unerwarteter Publikumsfragen, die sich aus der Suche nach biografischen Bezügen zwischen Autorin und Roman nähren (vgl. Z. 15–23).
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Anschließend beschreibt die Autorin humorvoll ihren Schaffensprozess, der auf persönlichen Erfahrungen, der Kraft der Fantasie und dem Anwenden literarischer Gestaltungsmittel basiert (vgl. Z. 24–31). Daraufhin erklärt sie die fiktionale „Verfremdung“ biografischer Versatzstücke als unabdingbaren Bestandteil ihres Schreibprozesses und als notwendige Motivation zur Beantwortung der Fragen aus dem Publikum (vgl. Z. 32–40).
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Diese Position wird durch einen literaturhistorischen Exkurs gestützt, in dem sie bekräftigt, dass literarische Texte grundsätzlich nicht der Wahrheit verpflichtet seien (vgl. Z. 41–48). Abschließend werden erneut Publikumsreaktionen wiedergegeben und die Autorin zeigt eine gespielte Ratlosigkeit angesichts der mangelnden Einsicht in das dargestellte Fiktionalitätsprinzip (vgl. Z. 49–54).
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Im Anschluss daran übt die Autorin Kritik an einer sich zunehmend verändernden und aus ihrer Sicht falschen Rezeption von Literatur. Diese Entwicklung wird anhand aktueller Erscheinungen des Literaturbetriebs belegt und im Begriff „Metrofiktionalität“ (Z. 67) zusammengefasst, der ein programmatisches Missverständnis bei der Einordnung von Erzähltem und Erlebtem bezeichnet (vgl. Z. 55–71).
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Darauf folgt das Aufzeigen eines Widerspruchs, der sich in verschiedenen Medienformaten erkennen lässt: Einerseits besteht ein kommerziell bedingter Drang nach Unmittelbarkeit bzw. Authentizität, andererseits existiert gleichzeitig ein Bedürfnis nach dem Schutz personenbezogener Informationen (vgl. Z. 72–84).
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Zudem räumt die Autorin absurd anmutende Tendenzen zeitgenössischer Ich-Erzählungen ein und kritisiert das Verlangen nach Authentizitätsbehauptungen als Gefahr für das Verständnis von Literatur, da dadurch die Distanz zwischen Autor und Erzähler aufgehoben werde (vgl. Z. 85–91).
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Im weiteren Verlauf betont die Autorin die gattungsimmanente Notwendigkeit der Fiktionalisierung autobiografischer Erlebnisse mit dem Ziel einer literarisch ästhetisierten, überindividuellen Aneignung. Dabei grenzt sie literarische Texte deutlich von pragmatischen Texten ab (vgl. Z. 92–105).
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Die Argumentation wird zusätzlich abgesichert, indem die Autorin auf fiktionale Elemente auch in pragmatischen Texten verweist. Als Beispiel dient die eingangs erwähnte Kindheitserinnerung sowie der generelle und unschädliche Zweifel an der Faktizität eines Textes (vgl. Z. 106–111).
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Abschließend richtet die Autorin einen Appell an die Rezipienten literarischer Werke, das Prinzip der Fiktionalität anzuerkennen (vgl. Z. 111–113).
Sprachlich-stilistische Gestaltung und ihre Wirkung
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Die Autorin gewinnt die Aufmerksamkeit der Leserschaft durch einen persönlichen Einstieg, der durch das Possessivpronomen „Meine“ (Z. 1) gekennzeichnet ist. Zudem setzt sie gezielt Frage- und Ausrufesätze ein (z. B. Z. 52 f.; Z. 69–73) sowie Sprachspiele wie im Titel oder in der Formulierung „das ending immer happy“ (Z. 13 f.). Auch Neologismen wie „präklimatisierten“ (Z. 3) tragen zur Aufmerksamkeit bei.
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Zur Herstellung von Nähe zwischen Leserschaft und dem schreibenden „Ich“ verwendet sie häufig die 1. Person Singular („Ich“, vgl. Z. 5–105) und bezieht am Ende die Leserschaft durch das Personalpronomen „wir“ ein (vgl. Z. 111–113). Indirekte Leserbezüge wie „kein vernünftiger Leser“ (Z. 109) verstärken diese Wirkung.
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Die Authentizität wird durch wörtliche und indirekte Zitate von Publikumsfragen gesteigert, beispielsweise „Ob und inwieweit die Geschichte […]“ (Z. 18 f.) oder „Aber stimmt es nicht, sagt jemand im Publikum, […]“ (Z. 49).
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Kontrastwirkungen entstehen durch antithetische Formulierungen wie „Gut und Böse“ (Z. 11) sowie „Wahrheit“ und „lügen“ (Z. 46). Darüber hinaus erfolgt ein Wechsel zwischen Alltags- und Fachsprache sowie zwischen narrativen (vgl. Z. 1–7) und faktisch-wissenschaftlichen Passagen (vgl. Z. 102–104).
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Der Text vermittelt einen wissenschaftlich-analytischen Eindruck durch die Verwendung von Fachbegriffen aus verschiedenen Disziplinen, etwa „Indizienprozess“ (Z. 56), „mikroskopieren“ (Z. 60) oder „discours und histoire“ (Z. 90 f.), sowie durch Begriffe wie „textimmanenten“ (Z. 103). Hinzu kommen Neologismen wie „Metrofiktionalität“ (Z. 67) und Bezüge auf historische und zeitgenössische Autoritäten wie „Platon“ (Z. 43) und „Volker Weidermann“ (Z. 59). Der überwiegend hypotaktische Satzbau verstärkt diesen Eindruck.
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Zur Veranschaulichung nutzt die Autorin bildhafte Darstellungen wie „streiche das Ganze durch ein Sieb und kleide es in Sprache“ (Z. 29 f.) oder „medialen Durchlauferhitzer“ (Z. 83) sowie Vergleiche wie „wie ein Kind“ (Z. 93).
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Die Eindringlichkeit wird durch Hyperbeln wie „lebensrettender Selbstverteidigung“ (Z. 5) sowie durch die Aufzählung von Komparationsformen „echt! […] echter! […] am echtesten!“ (Z. 72 f.) gesteigert, wodurch zugleich ein ironischer Duktus erzeugt wird.
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Die Originalität und der Unterhaltungswert des Textes zeigen sich in Neologismen und Komposita wie „Fiktionalisierungsgeschichte“ (Z. 1) und „weglektorieren“ (Z. 64), in alltagssprachlichen Wendungen wie „todlangweilig“ (Z. 39) sowie in Anglizismen wie „stay fictional“ (Z. 112 f.).
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Die Dringlichkeit des Themas wird durch Aktualitäts- und Zeitbezüge vermittelt, etwa durch die einleitende Retrospektive (vgl. Z. 1–14), durch Zeitangaben wie „Etwa zwanzig Jahre später“ (Z. 15), durch rhetorische Fragen (vgl. Z. 49 f.) sowie durch den abschließenden Trikolon mit Ausrufesatz (vgl. Z. 111 f.).
Intention des Textes
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Die Autorin stellt einen Bruch in der Literaturrezeption dar und sensibilisiert für die Notwendigkeit einer aufgeschlossenen Haltung gegenüber der Fiktionalität literarischer Texte.
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Gleichzeitig übt sie Kritik an der durch moderne Medien veränderten Erwartungshaltung der Rezipienten und betont den Unterschied zwischen literarischen und pragmatischen Texten. Abschließend richtet sie einen Appell an die Leserschaft, die Kunstform des fiktionalen Schreibens zu schätzen und zu bewahren.
Teilaufgabe 2
Position der Autorin
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Die Autorin vertritt die Position, dass Fiktionalität ein unabdingbares Wesensmerkmal von Literatur ist.
Zustimmende Auseinandersetzung
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Die Position kann zustimmend aufgegriffen werden, indem ausgewählte Inhalte der Textvorlage betont und anhand eigener Beispiele und Erfahrungen konkretisiert werden. Dies kann unter anderem die Umsetzung in unterschiedlichen Medienformaten betreffen, ebenso wie eine literaturhistorische Betrachtung der Bedingungen von Fiktionalität.
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Zudem kann auf gattungsspezifische Merkmale verwiesen werden sowie auf die Problematik der Reduzierung der Autorin oder des Autors auf die in Texten dargestellte Gedanken- und Gefühlswelt.
Ablehnende Auseinandersetzung
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Eine ablehnende Auseinandersetzung kann durch Kritik an ausgewählten Inhalten der Textvorlage erfolgen, ebenfalls unter Einbezug eigener Beispiele und Erfahrungen. Dabei kann etwa die Simulation einer Realität als Ziel von Fiktionalität hervorgehoben werden oder das gesellschaftliche Bedürfnis nach Echtheit und Unmittelbarkeit.
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Auch der kommerzielle Erfolg faktischer Darstellungen fiktionaler Inhalte in verschiedenen Medien sowie die Möglichkeit einer an scheinbar realen Ereignissen partizipierenden Lesart können angeführt werden.
Fazit
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Ein abschließendes Fazit fasst die eigene Position zur Bedeutung der Fiktionalität als Merkmal von Literatur zusammen.