Block 2 – Materialgestütztes Schreiben
Thema
„Engagement hat viele Gesichter“
Aufgabenstellung
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An deiner Schule finden für die Oberstufe Projekttage zum Thema „Engagement hat viele Gesichter“ statt. Du widmest dich mit deinem Deutschkurs dabei der Frage, ob
Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ihren literarischen Texten politisches Engagement zeigen sollten.
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Verfasse für das Begleitheft der Projekttage einen Kommentar, in dem du zu der strittigen Frage Stellung nimmst.
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Nutze für deine Argumentation die vorliegenden Materialien (1 – 5) sowie deine unterrichtlichen Kenntnisse und Lektüreerfahrungen, gegebenenfalls auch zu Autorinnen und
Autoren vergangener Epochen.
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Formuliere eine geeignete Überschrift.
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Dein Kommentar sollte etwa 1000 Wörter umfassen.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1: Sophia Bender, Karin Spies, Linda Vogt: Engagement oder Autonomie – Begriffsbestimmungen (2009)
Bender, Sophia, Karin Spies u. a. (2009): Engagement oder Autonomie – Begriffsbestimmungen, 11.03.2021
Material 2: Interview von Stephan Bader mit Jonas Lüscher: Schriftsteller a. D. (2018)
Bader, Stephan: Schriftsteller a. D. Interview von Stephan Bader mit Jonas Lüscher. In: Literarischer Monat.
Das Schweizer Literaturmagazin 34 (2018). 11.03.2021
Jonas Lüscher (*1976) ist ein deutscher Schriftsteller.
Material 3: Politische Literatur. Gegen die herrschende Klasse (2015)
Die Literatur mischt sich ein, wird wieder politisch und wehrt sich gegen die kleinen Lösungen
des Pragmatismus. Ein Gespräch mit Jenny Erpenbeck, Ulrich Peltzer und Ilija Trojanow.
Interview: Ijoma Mangold
Mangold, Ijoma: Politische Literatur: Gegen die herrschende Klasse. Interview von Ijoma Mangold mit Jenny Erpenbeck, Ilija Trojanow und Ulrich Peltzer. In: Die Zeit Nr. 41, (08.10.2015), S. 8.
Jenny Erpenbeck, geboren 1967 in Ost-Berlin, ist Schriftstellerin.
Ulrich Peltzer, geboren 1956 in Krefeld, und Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia (Bulgarien), sind Schriftsteller.
Material 4: Harald Martenstein: Über engagierte Literatur (2015)
Martenstein, Harald: Über engagierte Literatur. In: Die Zeit Nr. 42, (15.10.2015), Zeitmagazin.
Harald Martenstein (*1953) ist ein deutscher Schriftsteller und Journalist.
Material 5: Peter Stamm: Mein Kerngeschäft besteht aus Nichtstun (2015)
Stamm, Peter: Mein Kerngeschäft besteht aus Nichtstun. Eröffnungsrede des Bücherfestivals „Zürich liest“. In: Tages-Anzeiger (22. Oktober 2015).11.03.2021.
Peter Stamm (*1963) ist ein deutscher Schriftsteller.
Sprachliche Fehler in den Textvorlagen wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Kommentar: Sollten Schriftstellerinnen und Schriftsteller politisches Engagement zeigen?
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„Ob Autorinnen und Autoren sich politisch engagieren sollten“ – diese Frage steht im Spannungsfeld zwischen Autonomie der Literatur und gesellschaftlicher Verantwortung und fordert eine differenzierte Auseinandersetzung.
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Für ein Literaturverständnis, das die Verpflichtung zum politischen Engagement infrage stellt, sprechen zunächst mehrere grundlegende Aspekte. So eröffnet autonome und zweckfreie Kunst Freiheit und Selbstbestimmung in einer durchökonomisierten und von Nutzdenken bestimmten Welt (M1, M5). Literatur kann damit einen Raum schaffen, der sich bewusst von gesellschaftlichen Zweckbindungen löst und individuelle Perspektiven ermöglicht.
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Zudem besteht die Gefahr, dass eine zu starke Ausrichtung auf politische Inhalte zu einem Verlust an künstlerischer Originalität und Qualität führt (M1, M3, M4, M5). Wenn Literatur primär als Mittel zur Vermittlung politischer Botschaften verstanden wird, kann sie an ästhetischer Tiefe verlieren und in eine funktionale Darstellung abgleiten.
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Darüber hinaus lässt sich politisches Engagement von Autorinnen und Autoren auch kritisch deuten, etwa als Versuch, eine eigene gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit zu kompensieren oder als Ausdruck von Eitelkeit (M4, M5). In diesem Zusammenhang erscheint auch die Kompetenz von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, relevante politische Einsichten zu liefern, fraglich (M4, M5).
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Ein weiteres Argument besteht in einem Literaturverständnis, das Sprache bewusst von politischer Polemik freihält und dadurch die Artikulation von Wahrheiten ermöglicht, die nicht auf eine konkrete Absicht zurückzuführen sind (M5). Literatur wird hier als offene Form verstanden, die sich einer eindeutigen Instrumentalisierung entzieht.
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In diesem Zusammenhang lässt sich auch der Prozess des literarischen Schreibens als ergebnisoffene Wahrheitssuche begreifen, die in einer Form des Nichtwissens gründet und vorschnelle Parteinahmen ausschließt (M4). Ein gelungener literarischer Text zeichnet sich demnach durch Mehrdeutigkeit aus, eröffnet neue Sichtweisen und widersetzt sich eindeutigen Stellungnahmen (M4).
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Zudem besteht die Gefahr, dass engagierte Literatur ins Dogmatische und Thesenhafte abgleitet, wenn sie sich zu stark an außerliterarischen Zielen orientiert (M3). Dadurch kann die Offenheit literarischer Texte eingeschränkt werden.
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Gleichzeitig sprechen gewichtige Argumente für ein Literaturverständnis, das politisches Engagement betont. So wird eine Literatur kritisiert, die im Sinne des „l’art pour l’art“ ausschließlich um sich selbst kreist und sich dadurch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung entzieht (M1). Literatur ist demnach nicht losgelöst von ihrer Zeit zu betrachten.
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Vielmehr besitzt Literatur eine besondere Weltanschauungskompetenz, die es ihr ermöglicht, gesellschaftliche Missstände sichtbar zu machen und die Auswirkungen politischer Entscheidungen auf das Leben des Einzelnen darzustellen (M2, M3). Dadurch kann sie komplexe Zusammenhänge anschaulich vermitteln.
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Daraus ergibt sich eine Verpflichtung zum Engagement als Autor und Bürger angesichts problematischer Entwicklungstendenzen in der Gesellschaft (M2, M3). Literatur kann somit als Medium gesellschaftlicher Reflexion und Kritik fungieren.
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Zudem kann engagierte Literatur ein kritisches und aufgeklärtes Denken fördern, insbesondere bei jungen Leserinnen und Lesern (M2, M3). Sie trägt damit zur Ausbildung einer reflektierten Haltung gegenüber gesellschaftlichen Prozessen bei.
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Darüber hinaus ermöglicht Literatur die Entwicklung von Solidarität, indem sie Identifikationsangebote für ausgegrenzte oder benachteiligte Gruppen schafft (M2, M3). Sie kann somit Empathie fördern und gesellschaftliche Perspektiven erweitern.
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Auch historisch lässt sich der Beitrag engagierter Literatur zur Humanisierung der Gesellschaft belegen, etwa im Kontext der Abschaffung der Sklaverei (M2, M3). Literatur hat somit nachweislich Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen genommen.
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Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass Literatur im Vergleich zu wissenschaftlichen oder philosophischen Texten den Einzelfall in den Mittelpunkt stellt und dadurch die Nöte des Individuums sichtbar macht, da sie Uneindeutigkeit und Ambivalenz zulässt (M2, M3).
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Zudem besitzt Literatur die Fähigkeit, den bestehenden politischen Verhältnissen utopische Gesellschaftsentwürfe entgegenzusetzen und alternative Perspektiven zu eröffnen (M3). Dadurch kann sie neue Denk- und Handlungsräume aufzeigen.
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Unter Einbezug unterrichtlichen Wissens lässt sich ergänzen, dass Literatur sowohl in ihrer autonomen Form als auch in engagierter Ausprägung eine zentrale Rolle spielt. So erkundet etwa die Literatur der Romantik oder um 1900 neue Freiheitsräume, während Texte der Aufklärung zur Entwicklung eines demokratischen und pluralistischen Denkens beitragen.
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Darüber hinaus hat Literatur in der Vergangenheit emanzipatorische Prozesse unterstützt, beispielsweise im Werk von Georg Büchner oder Bertolt Brecht, die gesellschaftliche Missstände thematisierten. Auch in der Gegenwart zeigt sich engagierte Literatur in der Kritik an aktuellen Entwicklungen wie Globalisierung oder sozialer Ungleichheit.
Fazit
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Die Frage nach politischem Engagement in der Literatur lässt sich nicht eindeutig beantworten. Während die Autonomie der Literatur wichtige Voraussetzungen für künstlerische Freiheit schafft, zeigt sich zugleich die bedeutende Rolle engagierter Literatur für gesellschaftliche Reflexion und Veränderung.
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Insgesamt erscheint es daher notwendig, Literatur sowohl als autonomen als auch als engagierten Raum zu begreifen und ihre jeweilige Funktion im Kontext differenziert zu betrachten.