Block 4 – Gedichtinterpretation
Thema
Ingeborg Bachmann: [Die Welt ist weit] (1952)
Aufgabenstellung
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Interpretiere Ingeborg Bachmanns Gedicht „[Die Welt ist weit]“ unter besonderer Berücksichtigung des Reisemotivs.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Ingeborg Bachmann (* 1926 – † 1973): [Die Welt ist weit] (1952)
Ingeborg Bachmann: Sämtliche Gedichte. München Zürich: R. Piper & Co. Verlag 1982, S. 32 f.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
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Das Gedicht thematisiert den Rückblick eines lyrischen Ichs auf die eigene Lebensreise und die Bestandsaufnahme des inneren Zustands am Ende des Lebens. Zugleich eröffnet es einen Ausblick auf Erlösung im Jenseits.
Sprechsituation
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Das lyrische Ich stellt in aufzählender Form Erfahrungen und Beobachtungen zum Verlauf des Lebens dar. Gleichzeitig reflektiert es seine eigene Verfassung am vermeintlichen Lebensende.
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In den letzten Strophen weitet sich die zunächst individuelle Perspektive aus und geht in eine Aufforderung an ein Gegenüber beziehungsweise an die Leserschaft über, einen optimistischen Ausblick auf das Jenseits einzunehmen, insbesondere in Strophe 4 und 5.
Inhalt und Aufbau
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Das Gedicht ist inhaltlich so aufgebaut, dass Strophe 1 eine gewisse Sonderstellung einnimmt, während die Strophen 2 und 3 sowie 4 und 5 jeweils enger miteinander verbunden sind. Dies zeigt sich unter anderem an der Wiederholung des jeweils ersten Verses.
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In Strophe 1 erfolgt ein metaphorischer Rückblick des lyrischen Ichs auf die eigene Lebensreise. Dabei werden Größe und Vielfalt der Welt hervorgehoben, etwa in Form von Ländern und Wegen (vgl. V. 1 f.), von Zivilisation und Natur (vgl. V. 3–6), von Sprachen und Einstellungen (vgl. V. 7–9) sowie von vielgestaltigen, unbeständigen Kräften (vgl. V. 10).
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Strophe 2 ist geprägt von Resignation am Lebensende über ein unerreichtes Lebensziel (vgl. V. 11 f.). Darüber hinaus erkennt das lyrische Ich, dass schmerzliche und verlustreiche Erfahrungen ein wesentlicher Teil dieser Lebensreise gewesen sind (vgl. V. 13–15).
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In Strophe 3 wird der Zustand der Sehnsucht beschrieben (vgl. V. 16 f.), zugleich aber auch das Bewusstsein der zunehmenden Bewegungs- und Hilflosigkeit sowie der Verlust einer Zukunftsperspektive hervorgehoben (vgl. V. 18–21). Hinzu kommt die nun deutlich spürbare Verkleinerung der eigenen Erfahrungs- und Erlebniswelt (vgl. V. 22).
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Strophe 4 bringt die Sehnsucht nach der Verheißung des Jenseits zum Ausdruck (vgl. V. 23–25). Gleichzeitig wird die Hoffnung auf eine Linderung der Lebensqualen entfaltet (vgl. V. 26–28).
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In Strophe 5 wird schließlich eine glückliche Zukunft jenseits des irdischen Lebens imaginiert (vgl. V. 29–31). Damit verbunden sind ein optimistischer Ausblick und ein Appell an ein Gegenüber, sich Gott anzuvertrauen (vgl. V. 32–34).
Sprachliche und formale Gestaltung
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Die Vielzahl individueller Lebenserfahrungen und Empfindungen spiegelt sich bereits in der äußeren Form des Gedichts wider. Es besteht aus fünf Strophen mit unterschiedlicher Versanzahl zwischen fünf und sieben Versen, wobei Strophe 1 mit zehn Versen besonders hervorsticht. Auch die Verslängen sind durchgehend unterschiedlich.
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Hinzu kommt ein variierendes Reimschema. Zunächst dominieren häufig Paarreime, die in den Strophen 1 bis 3 fast durchgängig regelmäßig auftreten und nur durch die Sonderstellung der Wiederholungen in Vers 11 und 16 unterbrochen werden. In den Strophen 4 und 5 fehlt dagegen ein durchgehendes Reimschema.
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Außerdem verzichtet das Gedicht auf ein festes Metrum. Die Zahl der Hebungen ist unregelmäßig, und es treten sowohl stumpfe als auch klingende Kadenzen auf. Dadurch entsteht ein Eindruck von Beweglichkeit und Offenheit, der zu den vielfältigen Erfahrungen des lyrischen Ichs passt.
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Die titelgebende Aussage wird durch Alliteration und Wiederholung in Vers 1 besonders hervorgehoben. Zusätzlich wird diese Aussage durch Hyperbeln, etwa in Vers 2 und Vers 3, veranschaulicht und akzentuiert.
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Die Menschheitsgeschichte erscheint als ein Kommen und Gehen, was durch einen antithetischen Verweis auf Vergangenheit und Zukunft in Vers 4 verdeutlicht wird.
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Die Vielgestaltigkeit der Welt, die als „Gesänge der Vielfalt“ (V. 8) bezeichnet wird, wird sowohl hinsichtlich der Natur als auch der Zivilisation sprachlich gestaltet. Dies geschieht etwa durch Antithesen (vgl. V. 5; V. 6), durch Metaphern zu verschiedenen Sprachen wie „voll Stimmen“ (V. 7) und durch Bilder für unterschiedliche Ansichten und Perspektiven wie „Wein aus fünf Bechern“ (V. 9) oder „vier Winde in ihrem wechselnden Haus“ (V. 10).
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Der Ist-Zustand in den Versen 11 und 16 sowie die in die Zukunft blickende Aussage in den Versen 23 und 29 werden durch die Wiederholung sentenzhafter Sätze betont. Dazu passt die überwiegend parataktische Syntax, die vor allem in den Versen 17 bis 21 auffällt.
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Schmerzliche äußere Einflüsse auf das individuelle Leben werden durch Metaphern aus der Gefühlswelt, der Sinneswahrnehmung und dem Bereich persönlicher Habseligkeiten veranschaulicht, etwa durch „meinem Lieben“ (V. 13), „Aug“ (V. 14) und „Gewand“ (V. 15).
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Die Intensität belebender und schmerzlicher Wahrnehmungen wird durch Personifikationen, Anaphern und Parallelismen gesteigert, etwa in den Versen 7 f. und 13 f.
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Ein Eindruck von Stillstand und Starre entsteht durch die antithetische Verwendung des Begriffsfelds des Gefangenseins. Dazu gehören Ausdrücke wie „verkettet“ (V. 17), „Grenzen“ (V. 18), „Gesicht, das nach unten sieht“ (V. 20) und „Schlaf, der nicht wandern will“ (V. 21).
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Diesem Eindruck wird jedoch das Bedeutungsfeld der Freiheit entgegengesetzt. So stehen Bilder wie „Vogel [...] gerettet“ (V. 18) und „Wasser, das in die Mündung zieht“ (V. 19) für die Möglichkeit einer noch ausstehenden Befreiung.
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Die Heilkräfte der Natur werden durch sprachliche Bilder und Personifikationen hervorgehoben, etwa durch „Rinde aus rotem Sonnenband“ (V. 26) oder „schneidet der Wind unser Herz / und kühlt es mit Tau“ (V. 27 f.).
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Die transzendente Ebene wird durch Natur- und Farbmetaphern betont. So steht „Hinter der Welt wird ein Baum stehen“ (V. 23, V. 29) ebenso wie „mit Blättern aus Wolken / und einer Krone aus Blau“ (V. 24 f.) oder „Schale aus Gold“ (V. 31) für das Jenseits und die Unendlichkeit. Der Ausdruck „in Gottes Hände“ (V. 34) verweist zudem auf das Paradies als Reich Gottes.
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Die Zeitlichkeit und das nahende Lebensende werden durch die Metapher „Herbst der Zeit“ (V. 33) hervorgehoben. Der Schluss besitzt durch den Imperativ in Vers 32 einen deutlichen Appellcharakter und endet zugleich versöhnlich und zufrieden mit den Worten „in Gottes Hände“ (V. 34).
Das Reisemotiv
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Das Reisemotiv wird im Gedicht unterschiedlich verwendet und verbindet die Vorstellungen von Lebensreise, Erkenntnisgewinn und schließlich auch der Reise zu Gott beziehungsweise ins Jenseits.
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Die Welt erscheint für das lyrische Ich zunächst als weiter und prinzipiell zugänglicher, also bereisbarer Ort (vgl. V. 1). Das lyrische Ich hat intensiv gelebt und ist gereist, wodurch es Natur, Städte und Menschen in ihrer Vielfalt kennengelernt hat (vgl. V. 2–6). Dabei nimmt es die bereiste Welt stets neugierig und mit allen Sinnen wahr (vgl. V. 7 f.).
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Gleichzeitig wird die Rastlosigkeit dieser Lebensreise deutlich. Sie erscheint als Ausdruck der Suche nach Glück und Erfüllung im Irdischen (vgl. V. 9 f.).
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Mit den Versen 11 und 16 wird die Endlichkeit dieser Lebensreise reflektiert. Darin liegt ein Einschnitt und Wendepunkt, der mit der Erkenntnis verbunden ist, dass die Reise stets auch Verlust und Schmerz mit sich gebracht hat (vgl. V. 13–15) und letztlich kein Ziel erreicht wurde (vgl. V. 12).
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Zugleich zeigt sich, wie schwer dem lyrischen Ich das Loslassen vom ständigen Unterwegssein und von der bereisten Welt fällt. Im Innehalten wird nun die eigene Hilflosigkeit besonders deutlich (vgl. V. 19–21).
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Das Sehnsuchtsmotiv verstärkt sich, indem die bevorstehende Reise nicht mehr nur weltlich verstanden wird, sondern geistig über die Welt hinaus und auf das Jenseits gerichtet ist (vgl. V. 23 f.).
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Eine symbolische Verdichtung erfährt das Reisemotiv durch das Bild des fruchttragenden Baumes. Dabei eröffnet sich ein doppelter Assoziationsrahmen. Einerseits kann die Frucht der Erkenntnis gemeint sein, die an die Vertreibung aus dem Paradies erinnert („eine Frucht in den Wipfeln“, V. 30). Andererseits steht dieses Bild für die Heimkehr in Gottes Reich am Lebensende („wenn sie im Herbst der Zeit / in Gottes Hände rollt“, V. 33 f.).
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Letztlich erscheint das Lebensende und der Tod als Befreiung im Überrealen und Unendlichen. Damit ist eine optimistisch konnotierte letzte Reise verbunden, nämlich die Aufnahme in Gottes Reich (vgl. V. 34).
Deutung
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Das Gedicht stellt die menschliche Existenz als vielfältige, in Teilen quälende Reise dar, die in Desillusion über Nichterreichtes mündet. Zugleich ist diese Lebensreise von Erfahrungen, Erkenntnissen und Verlusten geprägt.
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Darüber hinaus bringt der Text eine religiös motivierte Hoffnung auf Linderung der Lebensqualen im Jenseits sowie auf Frieden zum Ausdruck.
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Zudem richtet sich ein Appell an die Leserschaft, ebenfalls auf das Erreichen dieses glücklichen Endzustandes zu vertrauen.
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Bei der Untersuchung des Reisemotivs können auch mögliche Verweise auf epochentypische Gestaltungselemente und Motive, etwa aus der Romantik, einbezogen werden.