Block 1 – Textanalyse
Thema
Gustav Seibt: Sire, geben Sie Begriffsfreiheit! (2019)
Aufgabenstellung
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Analysiere den Text von Gustav Seibt. Berücksichtige dabei den Gedankengang, die sprachlich-stilistische Gestaltung sowie die Intention des Textes. (ca. 70 %)
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Nimm begründet Stellung zu Seibts Position zum Framing als Element öffentlicher Meinungsbildung. (ca. 30 %)
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Gustav Seibt (*1959): Sire, geben Sie Begriffsfreiheit! (2019)
Seibt, Gustav: Sire, geben Sie Begriffsfreiheit! In: Süddeutsche Zeitung (23./24.02.2019), S. 17.
Gustav Seibt (*1959) ist Literaturkritiker, Essayist und Historiker.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Teilaufgabe 1
Thema und Textsorte
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Der Text Sire, geben Sie Begriffsfreiheit! von Gustav Seibt ist ein essayistischer Text, der die Problematisierung des sprachlichen Phänomens des Framings als Mittel der Beeinflussung vornimmt und zugleich die besondere Leistung sprachlicher Bilder in der Literatur und im pragmatischen Kontext herausstellt.
Gedankengang und inhaltliche Struktur
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Zu Beginn werden Beispiele für Metaphern und deren Wirkung in der Literatur angeführt, die insbesondere dazu dienen, neue Blickwinkel auf die Welt zu eröffnen (vgl. Z. 1–11). Daran anschließend erfolgt eine Fokussierung des thematischen Schwerpunktes, indem Literatur als Mittel beschrieben wird, Abstand und Freiheit von Sprache zu gewinnen sowie durch ungewöhnliche Formulierungen zu erkennen, dass jede Rede die Welt immer wieder neu zeigen und schaffen kann (vgl. Z. 12–15).
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Im weiteren Verlauf wird der Framing-Begriff unter Rückgriff auf die Diskussion um das ARD-Diskussionspapier eingeführt, wobei konkrete Inhalte und unterschiedlich assoziierte Sprachbilder aufgegriffen werden (vgl. Z. 16–28). Darauf folgt die Darstellung der Theorie des Framings sowie deren Ausgestaltung im ARD-„Manual“, wobei zwei zentrale Argumente formuliert werden: Zum einen das unausweichliche Funktionieren des Framings, insofern als Sprache vorrational, unbewusst und direkt über das Gehirn wirke, und zum anderen die Annahme, dass eine rationale Bearbeitung von Gedanken jenseits des Framings unmöglich sei (vgl. Z. 29–44).
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Diese Argumente werden im Anschluss systematisch entkräftet. Zunächst erfolgt die Entwertung des ersten Arguments zur Wirkungsmacht des Framings, indem die Behauptung zurückgewiesen wird, dass „Denken“ ein rein körperlicher Vorgang sei, und damit die naturalisierende Vorstellung eines ausschließlich physiologischen Denkens kritisiert wird (vgl. Z. 45–56). Darauf aufbauend wird das zweite Argument widerlegt, indem ein Widerspruch zwischen der behaupteten absoluten Abhängigkeit von Frames und der tatsächlichen Fähigkeit des Produzenten zum bewussten Wechsel zwischen Frames sowie zur Reflexion über Framing aufgezeigt wird (vgl. Z. 57–70).
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Im weiteren Verlauf wird ein vorhandenes Bewusstsein für das Phänomen Framing herausgestellt und an konkreten Beispielen veranschaulicht. Dabei erfolgt sowohl die Entlarvung eines euphemistischen Frames als auch das menschenverachtende Umdeuten von Framingbegriffen durch rechtspopulistische Sprache, wodurch die gesellschaftliche Relevanz des Phänomens verdeutlicht wird (vgl. Z. 71–80).
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Daraufhin erfolgt ein Rückbezug auf die befreiende Kraft literarischer Sprache, wobei eine diskursive Entflechtung von Sprache und Frames vorgenommen und eine deutliche Positionierung gegen die Aussagen des Manuals formuliert wird (vgl. Z. 81–88). In der anschließenden Hauptargumentation wird das Framing-Denken als gesellschaftsspaltende Tendenz mit manipulatorischen Konsequenzen dargestellt. Dabei wird sowohl eine gesellschaftspolitische Spaltung und Verrohung des Diskurses beschrieben als auch auf die Gefährdung verfassungsrechtlicher Grundlagen der Demokratie verwiesen (vgl. Z. 89–104).
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Abschließend erfolgt ein Rückbezug auf die griechische Antike und die Ursprünge der Demokratie, verbunden mit einem Appell an die Medien, eine an diese Tradition anknüpfende Diskurskultur zu bewahren (vgl. Z. 105–110).
Sprachlich-stilistische Gestaltung und Funktion
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Die sprachlich-stilistische Gestaltung dient der gezielten Leserlenkung sowie der Unterstützung der Argumentation. Zur Gewinnung der Aufmerksamkeit der Leserschaft werden ungewöhnliche sprachliche Bilder eingesetzt (vgl. Z. 1–5), ebenso Anaphern („Man kann“, Z. 1–4; vgl. Z. 54), eine elliptische Exclamatio („Metaphern!“, Z. 6) sowie metaphorische Erläuterungen („durch den plötzlichen Funkenflug“, Z. 10; vgl. Z. 43 f.). Ergänzend zeigt sich eine essayistische Schlagfertigkeit (vgl. Z. 89–97).
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Zur sprachlichen Distanzierung von der Gegenposition und deren Abwertung verwendet der Autor Konjunktive („Nun könnte man sagen“, Z. 36; vgl. Z. 45) sowie Modalverbkonstruktionen („Warum sollte es unmöglich sein“, Z. 65; vgl. Z. 36 f.).
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Darüber hinaus kommen unpersönliche sowie unbestimmte „es“- bzw. Passivkonstruktionen („Da wird Gehirnforschung bemüht, da werden“, Z. 54 f.) zum Einsatz. Zusätzlich werden indirekte und direkte Zitate in ironischem Kontext verwendet (vgl. Z. 54–62), ebenso Alliterationen („schrillsten Stelle“, Z. 38; „Politik zu Propaganda“, Z. 95) sowie klar negativ konnotierte Begriffe wie „Selbstwidersprüchlichkeiten“ (Z. 89) oder „Spindoktoren“ (Z. 98). Der Text weist zudem einen überheblichen Grundton auf (vgl. Z. 29–35, Z. 71–74).
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Die Kritik am Framing wird außerdem durch eine Dichotomie von Opfer und Täter bzw. Unwissenden und Wissenden verdeutlicht. Dies geschieht durch den Einsatz von Antithesen (vgl. Z. 75–77, Z. 90–93), Depersonalisierung (vgl. Z. 48 f., Z. 93 f.), Klimax (vgl. Z. 75–77, Z. 95–97) sowie Trikolon („vorrational, unbewusst, direkt“, Z. 31; vgl. Z. 95–97). Ergänzend wird eine Gewaltmetaphorik verwendet, etwa durch Begriffe wie „Sprachmanöver“ (Z. 29) oder „Sklavensprache […] Aufstand“ (Z. 80).
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Zur Ausweisung eines literarischen und geisteswissenschaftlichen Expertentums und zur Abgrenzung von behavioristischen Deutungsmustern greift der Text auf intertextuelle Bezüge zurück (vgl. Überschrift, Z. 1–5, Z. 78–80). Zudem wird Bildungssprache und Fachvokabular verwendet („Poesie ist […] Entautomatisierung von Sprache“, Z. 84 f.; vgl. Z. 6, Z. 12–15, Z. 106–109) sowie negativ konnotierte Begriffe für die Gegenseite („krude […] Modelle“, Z. 52).
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Die Strukturierung der Argumentation erfolgt durch eine konsequente Ausführung von Behauptung, Argumentation und Beispiel (vgl. z. B. Z. 1–10). Zudem wird auf vorangehende Aussagen Bezug genommen (vgl. Z. 57 und Z. 63 f.). Fragen dienen sowohl als Gelenkfunktion innerhalb des Textes („Warum beschäftigen wir uns mit Dichtung und Literatur?“, Z. 12) als auch als Mittel der Pointierung („Warum sollte es unmöglich sein […]?“, Z. 65 f.; vgl. Z. 100–102).
Intention des Textes
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Der Text verfolgt die Intention einer kritischen Auseinandersetzung mit der Framingtheorie und lehnt die These der Unvermeidbarkeit von Framing ab.
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Dabei wird ein freiheitlicher Umgang mit Sprache, insbesondere in der Literatur, als positives Gegenmodell zur behavioristischen Funktionalisierung von Sprache herausgestellt.
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Darüber hinaus wird Kritik an Medien und Politik, insbesondere am Beispiel der ARD, hinsichtlich eines bewusst manipulativen Einsatzes von Framing in entmündigendem Sinn geübt.
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Abschließend erfolgt ein Appell an die Leserschaft, die demokratischen Fundamente nicht durch das Menschenbild des Framingkonzepts unterminieren zu lassen.
Teilaufgabe 2
Seibts Position zum Framing
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Seibt vertritt die Position der Zurückweisung der These der Unvermeidbarkeit von Framing in der Produktion und Rezeption von Texten und lehnt eine absolute Vereinnahmung durch Frames ab.
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Gleichzeitig äußert er Kritik an Medien und Politik hinsichtlich eines bewusst manipulativen Einsatzes von Framing, der in einem entmündigenden und demokratische Grundlagen unterminierenden Sinn erfolgt.
Zustimmende Auseinandersetzung
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Eine zustimmende Auseinandersetzung mit Seibts Position umfasst die Ablehnung der Aussage, dass es kein rationales Denken gebe, unter Verweis auf pseudowissenschaftliche Zirkelschlüsse sowie auf die Fähigkeit des Menschen, Frames zu hinterfragen und aktiv umzugestalten.
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Darüber hinaus wird die Annahme relativiert, dass jedes Verarbeiten von Fakten innerhalb von Frames stattfindet, da eine Entlarvung von Frames durch den Rezipienten möglich ist.
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Zudem wird darauf hingewiesen, dass Beobachtungen und Aussagen innerhalb eines Referenzrahmens stattfinden und dem Regulativ eines öffentlichen Diskurses unterliegen.
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Ergänzend kann ein Appell aus medienethischer Sicht erfolgen, Framing im Rahmen der Möglichkeiten zu vermeiden, sowie ein Rekurrieren auf historische Gegenmodelle als Orientierung für moderne Gesellschaften.
Ablehnende Auseinandersetzung
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Eine ablehnende Auseinandersetzung hebt hervor, dass Framing in der Alltagsbeobachtung zwar teilweise durchschaut wird, jedoch dennoch wirksam bleibt, und dass Frames sogar dann noch funktionieren können, wenn sie erkannt worden sind.
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Zudem wird die einseitige Perspektive auf Framing als ausschließlich böswillig-manipulative Praxis kritisiert, wobei andere mögliche Funktionen, etwa pädagogische Wirkungsmöglichkeiten, ausgeblendet werden.
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Darüber hinaus wird die verkürzende und polemisierende Darstellung der Framingtheorie durch das punktuelle Herausgreifen einzelner Aspekte aus dem Diskussionspapier kritisiert.
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Schließlich wird ein herabwürdigendes Pauschalurteil und Generalverdacht gegenüber Berufsgruppen, die Framing nutzen, beanstandet.
Fazit
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Die Auseinandersetzung mit Seibts Position zeigt eine kritische Bewertung der Framingtheorie, bei der sowohl zustimmende als auch ablehnende Perspektiven berücksichtigt werden können.
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Entscheidend bleibt die Reflexion über die Wirkung von Sprache sowie deren Bedeutung für demokratische Diskurse.