Block 1 – Textanalyse
Thema
Iris Radisch: Dankrede zur Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises (2020)
Aufgabenstellung
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Analysiere den Text Dankrede zur Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises von Iris Radisch. (ca. 70 %)
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Setze dich mit Iris Radischs Verständnis von Literatur auseinander. Berücksichtige dabei dein unterrichtliches Wissen über Funktionen von Literatur. (ca. 30 %)
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Radisch, Iris (31.10.2020): Dankrede zur Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises. 19.09.2022
Iris Radisch (*1959) ist eine deutsche Literaturkritikerin, Journalistin und Buchautorin. Sie erhielt 2020 den Johann-
Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
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Thema und Textsorte
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Im Zentrum des Textes steht die Entstehung eines lebensbestimmenden Interesses an Literatur bei Radisch durch das Staunen über die Absurdität des Lebens sowie das Empfinden einer besonderen Leseerfahrung bei der Lektüre bestimmter literarischer Werke als Lebenshilfe.
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Gleichzeitig handelt es sich um eine Dankrede im Rahmen der Verleihung eines Literaturpreises.
Gedankengang und wesentliche Inhalte
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Zu Beginn erfolgt ein Einstieg mittels Rückblick auf die eigene Lesebiographie in der Kindheit, wobei insbesondere die Zeitgebundenheit und die Lebensumstände im geteilten Berlin hervorgehoben werden (vgl. Z. 1–17). Daran anschließend erfolgt die Hinführung zur Bedeutung der Literatur für Radisch und für viele ihrer Generation als Teil der Bewältigung des absurden Daseins in der Nachkriegszeit (vgl. Z. 18–28).
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Im weiteren Verlauf wird das Lesen und Schreiben über Literatur als Ausdruck des Staunens über die Welt dargestellt sowie die literarische Verarbeitung des Absurden durch die Avantgarde des 20. Jahrhunderts geschildert (vgl. Z. 29–61). Dabei wird mit Verweis auf Albert Camusʼ „Mythos des Sisyphos“ die Sinnlosigkeit menschlicher Existenz und das Staunen darüber hervorgehoben. Zudem werden aus einem Empfinden des Fremdheitsgefühls entstandene Vorlieben innerhalb der Literatur beschrieben, die sich in Elementen einer „inneren Bibliothek“ (Z. 55) zeigen. Ebenso wird das Unsicherheits- und Heimatlosigkeitsempfinden von Radisch und ihrer Generation verdeutlicht.
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Darauf folgt eine Überleitung, in der Alltagsbeobachtungen der Autorin zur fehlenden Authentizität und sprachlichen Eigenständigkeit vieler Menschen geschildert werden („Texttafel“, Z. 63) (vgl. Z. 61–66).
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Im Anschluss formuliert Radisch eine bekenntnishafte These und erläutert die Bedeutung des „Hörbarwerden[s] der inneren Stimme“ (Z. 70) als Merkmal ihres Literaturverständnisses (vgl. Z. 67–106). Dabei wird die Erfahrung einer inneren Stimme beim Lesen als Qualitätsmerkmal von Literatur im Gegensatz zu einem oberflächlichen, rein inhaltsorientierten Literaturkonsum hervorgehoben. Gleichzeitig erfolgt eine Problematisierung des Begriffs „eigene Stimme“ (Z. 75). Zudem wird das Authentische von Literatur unter Bezug auf subjektive Leseerfahrungen sowie auf Albert Camus und Roland Barthes hergeleitet. Darüber hinaus formuliert Radisch einen Appell an die Literaturkritik, die „inneren Stimmen“ (Z. 97) stärker als Qualitätsaspekt zu berücksichtigen. Abschließend ergibt sich eine literaturtheoretische Schlussfolgerung, wonach die „innere Stimme“ ein zentrales Motiv für das literarische Schreiben darstellt.
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Den Abschluss bildet ein Fazit über Literatur als Erweckungserlebnis, in dem Literatur als ästhetische Form der Daseins- bzw. Existenzbewältigung verstanden wird (vgl. Z. 107–114).
Sprachlich-stilistische Gestaltung und Funktion
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Die sprachlich-stilistische Gestaltung dient der gezielten Leserlenkung und der Unterstützung der Argumentation. Aufmerksamkeit wird erzeugt durch den Einstieg mit persönlichen Hintergründen, etwa durch das Possessivpronomen „mein Leben“ (Z. 2), sowie durch Neologismen wie „Kriegsenkel-Boomer“ (Z. 19). Zudem werden Ich-Botschaften zur Darstellung prägender Lektüreerfahrungen eingesetzt (vgl. Z. 29 f.), ebenso wie alliterierende Sprachspiele („mit Büchern zu Büchern bekehren“, Z. 21 f.) und phrasenhafte Generalisierungen („Man ist für immer ein Kind seiner Zeit.“, Z. 15).
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Eine Steigerung der fachlichen Bedeutsamkeit erfolgt durch die Einbindung von Zitaten literarischer bzw. philosophischer Autoritäten wie Wilhelm Genazino, Albert Camus, Roland Barthes und Martin Walser. Gleichzeitig zeigt sich eine vertiefte literaturtheoretische Reflexion durch Fachbegriffe wie „Avantgarde“ (Z. 57) und „ästhetischer Existenzialismus“ (Z. 43) sowie durch prägnante Neologismen wie „Gesamtmerkwürdigkeit des Daseins“ (Z. 25), „innere Bibliothek“ (Z. 55), „innerer Bildschirm“ (Z. 63) und „Konfektionssprachen“ (Z. 100). Dabei wird „große Literatur“ (Z. 71) aufgewertet und Literatur aus „Konfektionssprachen“ (Z. 100) abgewertet.
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Zur Steigerung der Eindringlichkeit verwendet der Text eine anschauliche Wortwahl mit illustrierendem Adjektivgebrauch („in den gut gefüllten Buchregalen eines kunstsinnigen deutschen Nachkriegshaushaltes“, Z. 19 f.; „hochprozentige atmosphärische Absurdität“, Z. 26), Aufzählungen von Autorinnen und Autoren (vgl. Z. 50–54), die Betonung der persönlichen Perspektive („Ich glaube“, Z. 81) sowie Konditionalsätze („Wenn ich mir […] etwas wünschen darf“, Z. 96). Ergänzt wird dies durch Metaphorik („Einbrechen des Absurden in das Leben“, Z. 29 f.) und Parallelismen („Man steht auf, man trinkt Kaffee, …“, Z. 30 f.).
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Die Kritik an gesellschaftlicher Oberflächlichkeit wird durch Hyperbeln („Masse der sprachlich Dressierten und Gehirngewaschenen“, Z. 77 f.) und Metaphern („vermüllen […] die inneren Speicherplätze“, Z. 110) zugespitzt. Insgesamt zeigt sich ein elaborierter Sprachgebrauch mit variabler Syntax sowie ein Wechsel zwischen Aussage- und Fragesätzen. Besonders auffällig ist die Verwendung des Wortfelds „Stimme“ („unverstellte Stimme“, Z. 81; „innere Stimme“, Z. 89; „eigene Stimme“, Z. 102) im Kontrast zu „Schallplattenaufnahme“ (Z. 65) sowie das Wortfeld Sprache („unbefleckte Sprache“, Z. 76).
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Darüber hinaus wird die existenzielle Verbindung von Literatur und Alltag durch Bezüge zu wiederkehrenden Alltagserfahrungen (Tagesrhythmus, Zugfahren; vgl. Z. 31 f., Z. 61 f.) verdeutlicht. Die besondere Bedeutung von Literatur wird zudem durch bildhafte Darstellungen („unbefleckte Sprache“, Z. 76), Vergleiche („pfingstwunderhaft“, Z. 77) und pathetische Formeln („unsichere Heimat“, Z. 59; „ein zweites Leben geschenkt“, Z. 107 f.) veranschaulicht.
Intention des Textes
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Der Text verfolgt die Intention, das ästhetische Potenzial von Literatur hervorzuheben, insbesondere als Möglichkeit, das Staunen über die Sinnlosigkeit menschlicher Existenz zu verbalisieren und diese Erkenntnis zu bewältigen. Gleichzeitig wird für eine erfahrungsorientierte Lesehaltung plädiert, die Sensibilität für Authentizität des Erzählens voraussetzt.
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Darüber hinaus übt Radisch Kritik an einer oberflächlichen, rein inhaltsorientierten Literaturkritik und formuliert einen Appell zur stärkeren Wertschätzung literarischer Qualität und Ästhetik.
Teilaufgabe 2
Literaturverständnis der Autorin
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In der Rede wird ein Literaturverständnis deutlich, das zwischen „großer Literatur“ (Z. 71) und durchschnittlicher literarischer Massenproduktion unterscheidet. Dabei erscheint „große Literatur“ als Hilfe zur Bewältigung von Lebenskrisen und zur Reflexion existenzieller Lebenserfahrungen.
Auseinandersetzung mit dem Literaturverständnis
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Literatur wird als Ausdruck gemeinsamer Erfahrungen und Haltungen einer Generation verstanden und erfüllt damit eine Orientierungsfunktion. Gleichzeitig ermöglicht sie ein Ergriffensein vom Schicksal literarischer Figuren sowie eine Identifikation mit literarischen Vorbildern. Darüber hinaus wird „große Literatur“ als Hilfe zur Lebensbewältigung im Sinne einer Katharsis-Funktion hervorgehoben, deren Wirkung sich in nachhaltigen Leseeindrücken zeigt.
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Kritisch erscheint die teilweise sehr scharfe Gegenüberstellung von Hoch- und Trivialliteratur sowie die starke Gewichtung ästhetischer Aspekte gegenüber einer möglichen Handlungsorientierung. Zudem wird eine individuelle Erfahrung, insbesondere das Aufwachsen im geteilten Berlin, verallgemeinert und mit einer weitreichenden Bedeutungszuschreibung an Literatur verbunden. Auch kann die Wirkungsmacht von Literatur überschätzt wirken, etwa im Vergleich zu Erfahrungen mit schulischer Pflichtlektüre. Darüber hinaus ist das dargestellte Literaturverständnis eng mit dem spezifischen Berufsbild der Autorin verbunden und daher nur eingeschränkt auf die Mehrheit übertragbar.
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Gleichzeitig lässt sich das Verständnis erweitern, indem weitere Funktionen von Literatur berücksichtigt werden. So kann Literatur auch als Möglichkeit der Realitätsflucht und des Probehandelns dienen oder zur Entschleunigung und zum Lesegenuss beitragen. Ebenso ermöglicht sie kulturelle Teilhabe und Wissensaneignung durch die Rezeption kanonisierter Werke sowie die Auseinandersetzung mit historischen und gesellschaftlichen Prozessen.
Fazit
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Das dargestellte Literaturverständnis betont die existenzielle Bedeutung ästhetisch anspruchsvoller Texte, lässt sich jedoch durch weitere Funktionen von Literatur sinnvoll ergänzen und relativieren.