Block 2 – Materialgestütztes Schreiben
Thema
Klimawandel
Aufgabenstellung
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Dein Deutsch-Kurs beschäftigt sich im Rahmen einer Schreibwerkstatt mit Möglichkeiten literarischen Engagements für aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen. Die Ergebnisse sollen in einem Themenheft für interessierte Mitschülerinnen und Mitschüler, Lehrkräfte und Eltern zusammengestellt werden.
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Verfasse als Vorwort für dieses Themenheft einen informierenden Beitrag, in dem die Möglichkeiten und Probleme, das Phänomen des Klimawandels literarisch abzubilden, dargestellt werden. Berücksichtige dabei besonders die Kategorie „Climate Fiction“.
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Nutze für den Beitrag die Materialien 1 bis 4 und beziehe unterrichtliches Wissen und ggf. eigene Lektüreerfahrungen ein.
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Formuliere eine geeignete Überschrift.
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Verweise auf die Materialien erfolgen unter Angabe des Namens des Autors bzw. der Autorin und ggf. des Titels.
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Der Beitrag sollte etwa 1200 Wörter umfassen.
Material
1: Climate Fiction Festival – Programmheft (2020)
Literaturhaus Berlin
Das Literaturhaus in Berlin ist eine öffentliche Institution der Kulturförderung des Landes Berlin, die dem Publikum Informations- und Austauschmöglichkeiten durch Lesungen, Diskussionen, Ausstellungen, Aufführungen usw. bietet. Im Jahr 2020 fand dort ein Literaturfestival zu „Climate Fiction“ statt.
Quelle: Literaturhaus Berlin (2020): Climate Fiction Festival – Programmheft 2020. <https://www.climate-fiction-festival.de/clifi.html>. 15.01.2022
2: Auf der Sturmhöhe der Zeit: Wie Climate Fiction vom aufgeheizten Planeten erzählt (2022)
Thekla Dannenberg
Thekla Dannenberg (*1970) ist Journalistin und Literaturkritikerin.
Quelle: Dannenberg, Thekla (13.03.2022): Auf der Sturmhöhe der Zeit: Wie Climate Fiction vom aufgeheizten Planeten erzählt. <https://www.deutschlandfunk.de/auf-der-sturmhoehe-der-zeit-wie-climate-fiction-vom-aufgeheizten-planeten-erzaehlt-100.html>. 01.11.2022
3: Natur ausbeuten, mal anders (2018)
Anne Haeming
Anne Haeming (*1978) ist Journalistin und Kulturwissenschaftlerin.
Quelle: Anne Haeming (26.11.2018): Natur ausbeuten, mal anders. <https://www.spiegel.de/kultur/literatur/nature-writing-natur-ausbeuten-mal-anders-a-1239470.html>. 01.11.2022
4: Der Klimawandel als Randthema in der deutschen Literatur (Transkript einer Radiosendung, 2019)
Andrea Gerk
Andrea Gerk (*1967) ist Autorin und Moderatorin und arbeitet u. a. für das Radioprogramm „Deutschlandfunk Kultur“; Sieglinde Geisel (*1965) ist Journalistin und Literaturkritikerin.
Sprachliche Fehler in den Textvorlagen wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
Quelle: Andrea Gerk (09.09.2019): Der Klimawandel als Randthema in der deutschen Literatur. <https://www.deutschlandfunkkultur.de/climate-fiction-co-der-klimawandel-als-randthema-in-der-100.html>. 01.11.2022
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Wie Literatur den Klimawandel erzählt – Möglichkeiten und Grenzen der Climate Fiction
Einleitung
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Der Klimawandel gehört zu den drängendsten gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart und betrifft Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Alltag gleichermaßen.
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Deshalb stellt sich auch für die Literatur die Frage, wie sie auf diese globale Krise reagieren kann und welche Formen des literarischen Engagements möglich sind.
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Besonders der Begriff Climate Fiction hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen und bezeichnet literarische Texte, die sich ausdrücklich mit Ursachen, Folgen und Zukunftsszenarien des Klimawandels beschäftigen.
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Schon das Literaturhaus Berlin macht im Programmheft zum Climate Fiction Festival deutlich, dass Literatur die „planetarische Gesamtrichtung“ nicht ignorieren dürfe, weil sie sonst selbst an Bedeutung verliere (M1).
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Literatur kann den Klimawandel zwar nicht politisch lösen, aber sie kann Wahrnehmung schärfen, emotionale Betroffenheit erzeugen und neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten entwerfen.
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Zugleich ist die literarische Darstellung des Klimawandels mit erheblichen poetologischen Problemen verbunden, weil das Thema sehr komplex, global und wissenschaftlich geprägt ist (M2, M4).
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Im Folgenden sollen daher die Möglichkeiten und Probleme der literarischen Abbildung des Klimawandels dargestellt werden, wobei besonders die Kategorie der Climate Fiction im Mittelpunkt steht.
Hauptteil
Bedeutung von Literatur im Kontext des Klimawandels
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Literatur kann im Zusammenhang mit dem Klimawandel als ein wichtiger kultureller Akteur verstanden werden, der gesellschaftliche Entwicklungen nicht nur spiegelt, sondern auch kommentiert und mitprägt.
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Das Literaturhaus Berlin betont, dass Literatur angesichts einer drohenden Klimakatastrophe nicht harmlos bleiben dürfe, sondern sich den existenziellen Fragen der Gegenwart stellen müsse (M1).
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Daraus ergibt sich die Vorstellung, dass Literatur nicht außerhalb gesellschaftlicher Krisen steht, sondern selbst Teil der öffentlichen Auseinandersetzung ist.
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Gerade weil der Klimawandel oft in Zahlen, Statistiken und wissenschaftlichen Modellen beschrieben wird, kann Literatur eine andere Form des Zugangs eröffnen.
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Sie besitzt das Potenzial, abstrakte Entwicklungen in konkrete Bilder, Figurenkonstellationen und Zukunftsentwürfe zu überführen (M2, M4).
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Dadurch kann sie wissenschaftliche Erkenntnisse nicht ersetzen, aber auf ästhetische Weise erfahrbar machen.
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Thekla Dannenberg hebt hervor, dass wir sowohl naturwissenschaftliche als auch poetische Sprache brauchen, weil reine Information allein nicht ausreiche, um Ignoranz und Verantwortungslosigkeit zu überwinden (M2).
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Literatur kann also helfen, Wissen nicht nur rational zu erfassen, sondern emotional und moralisch zu verarbeiten.
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Genau darin liegt eine ihrer größten Chancen im Umgang mit dem Klimawandel.
Definition und Merkmale der Climate Fiction
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Climate Fiction oder Cli-Fi bezeichnet eine Literaturform, die sich mit dem Klimawandel und seinen gesellschaftlichen, ökologischen und politischen Folgen beschäftigt (M1, M2).
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Der Begriff ist erkennbar an Science-Fiction angelehnt, geht aber nicht vollständig in dieser auf (M2).
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Nach dem Literaturhaus Berlin bewegt sich Climate Fiction zwischen Dystopie und Utopie, zwischen Imagination und Wirklichkeit sowie zwischen Spekulation und Sachbezug (M1).
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Charakteristisch ist, dass nicht nur Naturveränderungen dargestellt werden, sondern auch Fragen nach Verantwortung, Handlungsoptionen und Zukunftsentwürfen behandelt werden (M1, M4).
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Dabei geht es häufig um das Überleben größerer Gemeinschaften oder sogar der gesamten Menschheit (M1).
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Anders als beim stark subjektiv ausgerichteten Nature Writing steht in der Climate Fiction nicht in erster Linie das individuelle Naturerlebnis, sondern die kollektive Dimension der Krise im Vordergrund (M1, M3).
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Das Literaturhaus Berlin ordnet Climate Fiction zudem in den interdisziplinären Bereich des Ecocriticism ein (M1).
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Zugleich wird betont, dass Climate Fiction kein klar abgrenzbares Genre und kein Epochenstil ist (M1).
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Vielmehr umfasst der Begriff sehr unterschiedliche Formen erzählender Literatur und sogar andere Medien wie Film, Drama, Graphic Novel oder Computerspiel (M1).
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Diese Offenheit zeigt, dass Climate Fiction eher durch ihr Thema und ihre Perspektive als durch feste formale Merkmale bestimmt ist.
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Literaturwissenschaftlich ist außerdem bedeutsam, dass Climate Fiction seit etwa 2011 ausdrücklich als Forschungsfeld beschrieben wird (M1).
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Das Literaturhaus Berlin verweist auf Johns-Putra und Trexler, die zeigen, dass der Klimawandel nicht nur ein Thema ist, sondern grundlegende erzählerische Strukturen verändert (M1).
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Damit wird Climate Fiction nicht nur thematisch, sondern auch poetologisch als innovativ beschrieben (M1).
Möglichkeiten der literarischen Darstellung des Klimawandels
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Eine wichtige Möglichkeit der Literatur besteht darin, Zukunftsentwürfe zu entwickeln und dadurch Szenarien sichtbar zu machen, die politisch und gesellschaftlich erst noch bevorstehen (M1, M2).
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Das Literaturhaus Berlin verweist ausdrücklich auf dystopische, realistische, utopische und kämpferische Fragestellungen (M1).
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Literatur kann also Untergangsszenarien entwerfen, autoritäre Reaktionen auf die Klimakrise durchspielen oder Alternativen zu gegenwärtigen Wirtschafts- und Lebensformen imaginieren (M1).
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Gerade diese Offenheit zwischen Warnung und Hoffnung macht die Climate Fiction besonders leistungsfähig.
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Sie beschränkt sich nicht auf die bloße Beschreibung der Gegenwart, sondern lotet Möglichkeiten des zukünftigen Handelns aus (M2).
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Thekla Dannenberg betont ebenfalls, dass Climate Fiction nicht bloß apokalyptisch arbeite, sondern spekulativ, ökotopisch oder aktivistisch neue Welten erkunde (M2).
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Damit erhält Climate Fiction auch einen politischen Charakter, weil sie häufig nicht neutral bleibt, sondern deutlich Position bezieht (M2).
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Ein weiteres Potenzial besteht darin, globale Zusammenhänge über Einzelschicksale oder exemplarische Situationen anschaulich zu machen.
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Literatur kann sinnlich verdichten, was wissenschaftlich oft nur abstrakt beschrieben wird (M2, M4).
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Gerk/Geisel verweisen darauf, dass viele Menschen erst dann reagieren, wenn sie die Folgen körperlich spüren (M4).
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Genau hier kann Literatur ansetzen, indem sie Erfahrungen, Ängste und Verluste erzählerisch erfahrbar macht (M4).
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Hinzu kommt, dass Climate Fiction häufig neue Beziehungen zwischen Mensch, Natur und Gesellschaft entwirft.
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Nach Trexler wird der Ort selbst zum aktiven Bestandteil des Geschehens und nicht mehr nur zur Kulisse (M1).
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Dadurch verändert sich die klassische Erzählweise, weil Natur als handelnder Faktor erscheint (M1).
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Außerdem kann Climate Fiction Brücken zwischen Wissenschaft und Kunst schlagen.
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Dannenberg greift dazu Le Guin auf, die Naturwissenschaft und Poesie als komplementäre Erkenntnisformen beschreibt (M2).
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Literatur kann dadurch wissenschaftliche Fakten in subjektiv erfahrbare Bedeutung überführen (M2).
Verhältnis von Climate Fiction zu Science-Fiction und Nature Writing
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Climate Fiction steht in einem engen Verhältnis zur Science-Fiction, ist aber nicht mit ihr identisch (M1, M2).
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Besonders Science-Fiction behandelt Zukunftsfragen und gesellschaftliche Transformationen konsequent und eignet sich daher für Klimathemen (M2, M4).
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Dennoch umfasst Climate Fiction auch realistische und gegenwartsnahe Formen und ist damit breiter angelegt (M1).
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Gleichzeitig ist ihre Rezeption stark durch den Science-Fiction-Kontext geprägt (M2, M4).
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Ein weiteres Vergleichsfeld ist das Nature Writing.
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Anne Haeming beschreibt Nature Writing als Schreiben, das das individuelle Naturerleben und die Selbstreflexion des Ichs in den Mittelpunkt stellt (M3).
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Das Literaturhaus Berlin grenzt Climate Fiction davon ab, indem es die kollektive und zukunftsorientierte Perspektive betont (M1).
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Während Nature Writing eher gegenwartsbezogen und subjektiv ist, richtet Climate Fiction den Blick auf globale Entwicklungen und Zukunftsszenarien (M1, M3).
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Dennoch bestehen Überschneidungen, da auch Nature Writing politisch relevant sein kann.
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Geisel weist darauf hin, dass die verstärkte Aufmerksamkeit für Natur auch daraus resultiert, dass sie zunehmend bedroht ist (M4).
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Dadurch kann auch Nature Writing als indirekte Form der Auseinandersetzung mit der Klimakrise verstanden werden (M4).
Probleme und Grenzen der literarischen Darstellung
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Ein zentrales Problem besteht in der enormen Komplexität des Klimawandels als globales und langfristiges Phänomen (M2, M4).
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Dannenberg referiert die These von Ghosh, dass der Roman als bürgerliche Gattung nur bedingt geeignet sei, diese Dimension abzubilden (M2).
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Der Roman ist traditionell auf individuelle Figuren, überschaubare Räume und wahrscheinliche Ereignisse ausgerichtet (M2).
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Der Klimawandel dagegen überschreitet diese Grenzen, da er sich über lange Zeiträume und globale Räume erstreckt (M2).
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Dadurch entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen individueller Erzählform und kollektiver Problematik (M2).
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Auch Gerk/Geisel betonen, dass es bislang keinen zentralen Klimaroman gebe und das Thema oft nur als Kulisse diene (M4).
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In vielen Texten bleibt die Klimakrise ein Hintergrundphänomen, während individuelle Konflikte im Vordergrund stehen (M4).
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Ein weiteres Problem ist die Gefahr der politischen Instrumentalisierung von Literatur.
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Geisel weist darauf hin, dass Literatur durch zu starke Zweckbindung ästhetisch an Qualität verlieren könne (M4).
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Damit verbunden ist die Gefahr eines moralisierenden oder belehrenden Tons (M2, M4).
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Auch die Darstellung wissenschaftlicher Daten ist eine Herausforderung.
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Zahlen und Messwerte sind zwar relevant, aber oft schwer anschaulich und erzählerisch wirksam zu gestalten (M4).
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Trojanow beschreibt, dass solche Daten die Vorstellungskraft zunächst nicht anregen (M4).
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Literatur benötigt jedoch sinnliche und emotionale Zugänge.
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Zudem besteht die Gefahr einer Überlastung durch Katastrophenszenarien.
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Ein Übermaß an Dystopien kann zu Ermüdung oder Abstumpfung führen (M2, M4).
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Daher ist es notwendig, auch differenzierte und offene Zukunftsbilder zu entwickeln.
Eigene Einordnung und unterrichtliches Wissen
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Literatur hat historisch immer wieder auf gesellschaftliche Krisen reagiert und diese reflektiert.
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Auch der Klimawandel fügt sich in diese Tradition ein und fordert neue Formen literarischer Darstellung.
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Im Unterricht wird deutlich, dass Literatur besonders wirksam ist, wenn sie individuelle und allgemeine Ebenen miteinander verbindet.
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Genau darin liegt jedoch die Herausforderung der Climate Fiction, da sie ein globales Problem erzählbar machen muss (M2).
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Eigene Lektüreerfahrungen zeigen, dass besonders Zukunftsentwürfe und dystopische Szenarien eindrücklich wirken können.
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Gleichzeitig können auch naturbezogene Texte die Aufmerksamkeit für bedrohte Lebensräume schärfen (M3, M4).
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Climate Fiction sollte daher als offenes literarisches Feld verstanden werden, das verschiedene Formen des Engagements ermöglicht.
Fazit
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Literatur bietet vielfältige Möglichkeiten, den Klimawandel darzustellen und gesellschaftlich wirksam zu reflektieren.
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Besonders die Climate Fiction rückt die Klimakrise ins Zentrum und macht ihre existenziellen Dimensionen sichtbar (M1).
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Sie verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit ästhetischer Gestaltung und eröffnet neue Perspektiven auf Zukunft und Verantwortung (M2).
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Gleichzeitig ist sie kein klar abgegrenztes Genre, sondern ein offenes und interdisziplinäres Feld (M1).
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Die Darstellung des Klimawandels stellt jedoch hohe Anforderungen an die Literatur, da sie globale, komplexe und kollektive Prozesse erzählbar machen muss (M2, M4).
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Zudem besteht die Gefahr einer ästhetischen Schwächung durch zu starke politische Funktionalisierung (M4).
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Gelungene Climate Fiction zeichnet sich daher durch die Verbindung von Erkenntnis, Imagination und ästhetischer Qualität aus.
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Literatur kann den Klimawandel nicht lösen, aber sie kann dazu beitragen, ihn verstehbar und erfahrbar zu machen.
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Gerade darin liegt ihre besondere Bedeutung für die Gegenwart.