HT 3
Aufgabenstellung
Interpretiere das Gedicht Karawane der Sehnsucht von Yvan Goll.
Vergleiche Golls Gedicht mit Emanuel Geibels Gedicht Sehnsucht hinsichtlich der inhaltlichen Fassung
des Motivs der Sehnsucht, der Sprechsituation und der sprachlich-formalen Gestaltung.
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1: Karawane der Sehnsucht (1919)
Yvan Goll (* 1891 – † 1950)
1 Nymphen: in der griechischen Mythologie weibliche Naturgottheiten
2 Vögel des Schmerzes / Fressen immerzu unser Herz aus: ggf. Anspielung auf den Prometheus-Mythos, in dem Prome-
theus als Strafe dafür, dass er den Menschen das Feuer brachte, an einen Felsen angekettet, täglich von einem Adler ein
Stück seiner stetig nachwachsenden Leber herausgerissen bekommt
3 Elysium, griechisch Elysion: in der griechischen Mythologie die Insel der Seligen
4 Panoptikum, von griechisch Panoptikon: heute üblicher Begriff für ein Wachsfigurenkabinett, früher auch für eine soge-
nannte Wunderkammer, eine Sammlung von Schaustücken und Kuriositäten
5 lechzen: nach etwas mit heftiger Begierde verlangen
Yvan Goll: Karawane der Sehnsucht. In: Gedichte des Expressionismus. Hrsg. von Dietrich Bode. Stuttgart: Reclam Verlag 2001, S. 158.
Anmerkung zum Autor:
Yvan Goll war ein deutsch-französischer Schriftsteller, der in seinen frühen Jahren als Vertreter des
Expressionismus, in seinen späteren Jahren als Vertreter des Surrealismus gilt. Er schrieb auf Deutsch,
Englisch und Französisch.
Material 2: Sehnsucht (1838)
Emanuel Geibel (* 1815 – † 1884)
1 Lorbeer: Die Blätter des Lorbeerbaumes werden seit der Antike für die Ehrung von Dichtern genutzt.
Emanuel Geibel: Sehnsucht. In: Ders.: Gesammelte Werke. Erster Band. Stuttgart: J. G. Cotta’sche Verlagsbuchhandlung 1883, S. 93.
Anmerkung zum Autor:
Emanuel Geibel galt in der Mitte des 19. Jahrhunderts als einer der bekanntesten und erfolgreichsten
deutschen Dichter. Seine Gedichte wurden häufig vertont.
(Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der jeweiligen Textquelle.)
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monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Teilaufgabe 1: Interpretation des Gedichts Karawane der Sehnsucht
Einleitung
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Yvan Golls Gedicht Karawane der Sehnsucht aus dem Jahr 1919 beschäftigt sich mit der menschlichen Sehnsucht nach einem erfüllten, vollkommenen Leben. Dabei wird Sehnsucht nicht als etwas dargestellt, das sich irgendwann stillen lässt, sondern als ein dauerhafter Zustand, der den Menschen immer weiter antreibt.
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Das lyrische Wir befindet sich sinnbildlich auf einer endlosen Wanderung und sucht nach Glück, Liebe und Erfüllung, ohne diese dauerhaft erreichen zu können. Durch die stark bildhafte, teilweise übersteigerte Sprache und die freie formale Gestaltung erhält das Gedicht einen für den Expressionismus typischen, eindringlichen Charakter.
Hauptteil
Die Sehnsucht als endlose Wanderung
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Bereits der Titel Karawane der Sehnsucht verbindet das zentrale Motiv des Gedichts mit dem Bild einer langen Reise. Eine Karawane bewegt sich über große Entfernungen und ist ständig unterwegs. Genau dieses Bild wird gleich zu Beginn aufgenommen, wenn von „unsrer Sehnsucht lange[r] Karawane“ (M 1, Z. 1) gesprochen wird. Die Sehnsucht erscheint dadurch als eine Bewegung, die kein klares Ende besitzt.
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Gleichzeitig wird deutlich, dass das ersehnte Ziel nicht erreicht werden kann. Die Karawane „findet nie die Oase“ (M 1, Z. 2). Die Oase steht dabei sinnbildlich für Ruhe, Erfüllung und Erlösung. Dass sie niemals erreicht wird, zeigt, dass Sehnsucht grundsätzlich unstillbar bleibt. Der Mensch befindet sich somit in einer dauerhaften Suche nach etwas, das ihm immer wieder entgleitet.
Sehnsucht als leidvolle Erfahrung
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Sehnsucht wird im Gedicht nicht nur als antreibende Kraft, sondern auch als schmerzhafte Erfahrung dargestellt. Bereits in den ersten Versen treten die „Vögel des Schmerzes“ auf, die „immerzu unser Herz“ (M 1, Z. 3–4) ausfressen. Dieses gewaltsame Bild verdeutlicht, wie sehr das Verlangen nach etwas Unerreichbarem den Menschen innerlich belastet.
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Die Darstellung kann zudem als Anspielung auf den Prometheus-Mythos verstanden werden, bei dem Prometheus immer wieder von einem Adler gequält wird. Dadurch erhält die Sehnsucht den Charakter einer andauernden Qual, die sich ständig erneuert. Das Verb „fressen“ (M 1, Z. 4) verstärkt die Brutalität des Bildes und zeigt, dass Sehnsucht nicht nur ein sanftes Verlangen, sondern eine existenzielle Belastung sein kann.
Möglichkeit des Glücks und gleichzeitige Unerreichbarkeit
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Auffällig ist, dass das lyrische Wir durchaus weiß, wie Erfüllung aussehen könnte. Es kennt „kühle Wasser“ und „Winde“ (M 1, Z. 5) und stellt fest: „Überall könnte Elysium sein!“ (M 1, Z. 6). Das Elysium bezeichnet in der griechischen Mythologie einen paradiesischen Ort der Seligen und steht hier für vollkommene Erfüllung und Glück.
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Gerade darin liegt jedoch ein Widerspruch. Obwohl Glück theoretisch überall möglich wäre, gelingt es den Menschen nicht, es zu erkennen oder dauerhaft festzuhalten. Stattdessen heißt es: „Aber wir wandern, wir wandern immer in Sehnsucht!“ (M 1, Z. 7). Die Wiederholung von „wir wandern“ betont die Rastlosigkeit. Das lyrische Wir bleibt in Bewegung, obwohl das Ersehnte möglicherweise bereits in unmittelbarer Nähe vorhanden wäre.
Sehnsucht als gefährliches Streben nach dem Unerreichbaren
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In den folgenden Versen wird die Sehnsucht anhand einzelner Menschen konkretisiert. So springt irgendwo ein Mensch aus einem Fenster, um „einen Stern zu haschen“ (M 1, Z. 8–9), und stirbt dabei. Der Stern kann dabei als Symbol für ein unerreichbares Ideal oder einen großen Traum verstanden werden.
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Das Verb „haschen“ (M 1, Z. 9) verdeutlicht den verzweifelten Versuch, etwas eigentlich Unfassbares festzuhalten. Die Sehnsucht kann den Menschen somit dazu bringen, die Grenzen der Realität zu überschreiten und sich selbst zu gefährden. Der Tod des Menschen zeigt besonders drastisch, dass das Streben nach unerreichbarer Erfüllung zerstörerische Folgen haben kann.
Unterschiedliche Erscheinungsformen der Sehnsucht
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Auch die nächste dargestellte Person sucht nach einem Ideal. „Irgendeiner“ sucht im „Panoptikum“ nach seinem „wächsernen Traum“ und liebt ihn (M 1, Z. 10–11). Gemeint ist damit vermutlich eine künstliche, unerreichbare oder illusionäre Vorstellung von Liebe und Erfüllung.
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Die Verwendung der unbestimmten Ausdrücke „Irgendwo“ und „Irgendeiner“ (M 1, Z. 8 und 10) zeigt, dass es sich nicht nur um Einzelschicksale handelt. Vielmehr wird die Sehnsucht als allgemein menschliches Phänomen dargestellt. Jeder Mensch sucht auf seine eigene Weise nach einem Ideal, wobei dieses Ideal häufig nicht wirklich erreichbar ist.
Sehnsucht als universelles menschliches Grundgefühl
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Ab Zeile 12 wird der Blick wieder von den einzelnen Menschen auf die Gemeinschaft gelenkt. Im „lechzende[n] Herzen“ aller Menschen brennt ein „Feuerland“ (M 1, Z. 12). Das Feuer steht dabei für die starke innere Begierde und das niemals erlöschende Verlangen.
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Mit dem Ausdruck „uns allen“ (M 1, Z. 12) macht das lyrische Wir ausdrücklich deutlich, dass niemand von dieser Sehnsucht ausgenommen ist. Sie gehört zum Menschsein selbst. Damit erweitert das Gedicht die zuvor beschriebenen Einzelschicksale zu einer allgemein gültigen Aussage über die menschliche Existenz.
Wasser und Durst als Symbol der unerfüllten Sehnsucht
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Besonders wirkungsvoll ist das Schlussbild. Obwohl mit Nil und Niagara gewaltige Wassermassen vorhanden sind, fließen sie „über uns hin“, während die Menschen „durstiger“ (M 1, Z. 13–14) aufschreien.
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Hier entsteht ein deutlicher Gegensatz zwischen dem Überfluss an Wasser und dem weiterhin bestehenden Durst. Der Durst steht symbolisch für Sehnsucht. Obwohl scheinbar alles vorhanden ist, kann das innere Verlangen nicht gestillt werden. Der Mensch bleibt trotz äußerer Möglichkeiten unzufrieden.
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Das Schlussbild greift damit die zentrale Aussage des Gedichts noch einmal auf: Sehnsucht ist nicht einfach das Verlangen nach einem konkreten Ziel, sondern ein grundlegender Zustand menschlicher Existenz, der sich nicht endgültig erfüllen lässt.
Sprechsituation
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Das Gedicht wird überwiegend aus der Perspektive eines lyrischen Wir gestaltet. Schon zu Beginn spricht das lyrische Ich von „unsrer Sehnsucht“ (M 1, Z. 1) und von „unser Herz“ (M 1, Z. 4). Dadurch bezieht die Sprecherinstanz nicht nur sich selbst, sondern eine größere Gemeinschaft mit ein.
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Besonders deutlich wird dies in der Aussage, dass ein „Feuerland“ „uns allen“ im Herzen brenne (M 1, Z. 12). Die Sehnsucht wird dadurch als universelle menschliche Erfahrung dargestellt. Das lyrische Wir spricht stellvertretend für alle Menschen.
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Zwischendurch richtet sich der Blick auf einzelne, nicht näher bestimmte Personen. Die Formulierungen „Irgendwo“ und „Irgendeiner“ (M 1, Z. 8 und 10) unterstreichen dabei erneut den allgemeinen Charakter. Die dargestellten Menschen sind keine individuellen Figuren, sondern Beispiele für unterschiedliche Formen menschlicher Sehnsucht.
Sprachlich-stilistische Gestaltung
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Das Gedicht ist stark von Metaphern geprägt. Bereits die „Karawane“ (M 1, Z. 1) stellt die Sehnsucht als endlose Reise dar. Die „Oase“ (M 1, Z. 2) steht dementsprechend für das ersehnte Ziel, für Ruhe und Erfüllung. Auch die „Vögel des Schmerzes“ (M 1, Z. 3) sind metaphorisch zu verstehen. Sie verkörpern das Leid, das mit unerfüllter Sehnsucht verbunden ist. Das Bild wirkt besonders drastisch, weil die Vögel das Herz der Menschen immer weiter „aus[fressen]“ (M 1, Z. 4). Am Ende bilden Wasser und Durst eine weitere zentrale Metapher. Trotz der gewaltigen Wassermassen von Nil und Niagara bleibt der Mensch durstig (vgl. M 1, Z. 13–14). Dadurch wird besonders anschaulich verdeutlicht, dass innere Sehnsucht nicht durch äußeren Überfluss gestillt werden kann.
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Mehrfach greift Goll auf mythische oder fantastische Vorstellungen zurück. Mit dem „Elysium“ (M 1, Z. 6) wird ein paradiesischer Ort der griechischen Mythologie genannt. Auch die „Vögel des Schmerzes“ können als Anspielung auf den Prometheus-Mythos verstanden werden (vgl. M 1, Z. 3–4). Die mythischen Bilder vergrößern die Bedeutung des Themas. Sehnsucht erscheint dadurch nicht als alltägliches, individuelles Gefühl, sondern als etwas Zeitloses und Grundsätzliches, das den Menschen seit jeher betrifft.
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Besonders auffällig ist die Wiederholung „wir wandern, wir wandern“ (M 1, Z. 7). Sie betont die endlose Bewegung und vermittelt den Eindruck einer rastlosen, unaufhörlichen Suche. Auch die wiederkehrenden Ausrufe wie „Ach“ (M 1, Z. 5 und 13) verleihen dem Gedicht eine stark emotionale Wirkung. Sie verdeutlichen Verzweiflung und Klage des lyrischen Wirs.
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Goll arbeitet mit drastischen und teilweise übersteigerten Bildern. Ein Mensch springt beispielsweise aus dem Fenster, um einen Stern zu erreichen, und stirbt dabei (vgl. M 1, Z. 8–9). Die extreme Darstellung macht deutlich, wie weit Menschen für ihre Sehnsüchte gehen können. Auch das Schlussbild enthält eine deutliche Übersteigerung. Ganze Flüsse wie „Nil und Niagara“ (M 1, Z. 13) reichen nicht aus, den Durst der Menschen zu stillen. Dieser Gegensatz zwischen gewaltigem Wasserreichtum und unstillbarem Durst verstärkt die Aussage des Gedichts.
Formale Gestaltung
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Das Gedicht besteht aus 14 Versen, weist jedoch keine regelmäßige Strophengliederung auf. Auch ein durchgängiges Reimschema ist nicht erkennbar. Die Verslängen unterscheiden sich teilweise deutlich voneinander.
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Die freie Form passt zum Inhalt des Gedichts. Ebenso wie die Sehnsucht kein festes Ziel erreicht, lässt sich auch der Text nicht in ein streng regelmäßiges Formschema einordnen. Die formale Ungebundenheit unterstützt dadurch den Eindruck von Rastlosigkeit, Bewegung und innerer Unruhe.
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Zahlreiche Ausrufezeichen verstärken zusätzlich die emotionale Intensität. Besonders die Verse „Überall könnte Elysium sein!“ (M 1, Z. 6) und „Aber wir wandern, wir wandern immer in Sehnsucht!“ (M 1, Z. 7) wirken dadurch stark aufgeladen.
Fazit
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Yvan Golls Karawane der Sehnsucht stellt Sehnsucht als ein universelles und grundsätzlich unstillbares menschliches Verlangen dar. Die Menschen suchen ständig nach Liebe, Glück oder einem vollkommenen Zustand, können diesen jedoch nie dauerhaft erreichen.
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Dabei besitzt Sehnsucht eine doppelte Funktion: Einerseits treibt sie den Menschen an und hält ihn in Bewegung, andererseits verursacht sie Schmerz, Unruhe und sogar Selbstzerstörung. Besonders das Bild der endlosen Karawane und der niemals erreichten Oase verdeutlicht diesen Zusammenhang.
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Die expressionistisch geprägte, stark bildhafte Sprache, die mythischen Anspielungen, drastischen Übertreibungen sowie die freie Form verstärken den Eindruck einer ruhelosen und leidvollen menschlichen Existenz.
Teilaufgabe 2: Vergleich von Golls Karawane der Sehnsucht und Geibels Sehnsucht
Überleitung
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Sowohl Yvan Golls Gedicht Karawane der Sehnsucht als auch Emanuel Geibels Gedicht Sehnsucht beschäftigen sich mit einem Menschen, der nach etwas Unerreichbarem verlangt. In beiden Gedichten ist Sehnsucht mit räumlicher Ferne, Bewegung und dem Wunsch nach einem anderen, erfüllteren Zustand verbunden.
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Dennoch unterscheiden sich die Texte deutlich: Während Geibel die Sehnsucht eines einzelnen lyrischen Ichs nach einem konkreter vorgestellten fernen Ort gestaltet, erhebt Goll Sehnsucht zu einem allgemeinen menschlichen Grundzustand. Auch die Sprechsituation und die sprachlich-formale Gestaltung unterscheiden sich entsprechend. Geibels Gedicht umfasst 18 Verse; die hier zugrunde gelegte Textfassung ist öffentlich dokumentiert.
Hauptteil
Gemeinsamkeit: Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem
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In beiden Gedichten richtet sich die Sehnsucht auf etwas, das sich außerhalb der gegenwärtigen Lebenssituation befindet. Bei Goll zieht die „lange Karawane“ der Sehnsucht immer weiter, ohne jemals die ersehnte „Oase“ zu erreichen (M 1, Z. 1–2). Sehnsucht bedeutet somit eine dauerhafte Bewegung auf ein unerreichbares Ziel zu.
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Auch bei Geibel besteht eine deutliche räumliche Distanz zwischen der gegenwärtigen Situation des lyrischen Ichs und dem ersehnten Ziel. Es nimmt eine Ferne wahr, die positiv und verheißungsvoll erscheint, kann sie jedoch nicht erreichen. Das lyrische Ich wird von seiner gegenwärtigen Umgebung festgehalten und erlebt diese Begrenzung als schmerzhaft.
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In beiden Gedichten entsteht Sehnsucht somit aus einem Gegensatz zwischen gegenwärtigem Mangel und vorgestellter Erfüllung.
Geibel: Sehnsucht nach einer konkreten idealisierten Ferne
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Bei Geibel besitzt das Ziel der Sehnsucht deutlich konkretere Konturen. Das lyrische Ich stellt sich ein südliches, sonniges Land mit Natur, antiken Tempeln, Meer und Lorbeer vor. Die Ferne wird dadurch als harmonischer, schöner und beinahe paradiesischer Gegenraum zur eigenen Wirklichkeit gestaltet.
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Die Sehnsucht richtet sich somit auf einen idealisierten Ort, der mit Wärme, Natur, Kunst und Schönheit verbunden ist. Gleichzeitig ist dem lyrischen Ich bewusst, dass es diesen Ort nicht erreichen kann. Gerade aus dieser räumlichen Trennung entsteht das Leid der Sehnsucht.
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Golls Gedicht bleibt dagegen wesentlich abstrakter. Zwar erscheinen ebenfalls Orte wie die „Oase“ oder das „Elysium“ (M 1, Z. 2 und 6), diese stehen jedoch weniger für tatsächlich vorstellbare Reiseziele als für Symbole vollkommener Erfüllung.
Goll: Sehnsucht als universeller menschlicher Zustand
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Goll weitet das Motiv deutlich stärker aus. Die Sehnsucht betrifft nicht nur eine einzelne Person, sondern „uns alle“ (vgl. M 1, Z. 12). Sie ist damit eine grundlegende menschliche Erfahrung.
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Die verschiedenen Beispiele verdeutlichen, dass Menschen ganz unterschiedliche Ziele verfolgen können. Einer möchte einen Stern erreichen, ein anderer liebt einen „wächsernen Traum“ (vgl. M 1, Z. 8–11). Entscheidend ist weniger, wonach sich der einzelne Mensch sehnt, sondern dass er grundsätzlich von Sehnsucht bestimmt wird.
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Goll formuliert daher eine stärker philosophische und existentielle Aussage. Selbst wenn Erfüllung theoretisch „überall“ möglich wäre (vgl. M 1, Z. 5–7), sucht der Mensch weiter. Sehnsucht erscheint als etwas, das nicht dauerhaft gestillt werden kann.
Unterschiedliche Folgen der Sehnsucht
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In beiden Gedichten verursacht Sehnsucht Leid. Bei Geibel wird dieses Leid jedoch vor allem emotional beschrieben. Das lyrische Ich reagiert auf die unerreichbare Ferne mit Schmerz und Traurigkeit. Es empfindet die eigene Lebenssituation als eng und begrenzt, während die Welt draußen weit erscheint. Zudem wird die verrinnende Zeit als Belastung erlebt.
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Bei Goll nimmt das Leiden deutlich drastischere Formen an. Die „Vögel des Schmerzes“ fressen das Herz aus (M 1, Z. 3–4), und ein Mensch stirbt sogar bei dem Versuch, einen Stern zu erreichen (vgl. M 1, Z. 8–9).
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Damit zeigt Goll die Sehnsucht als eine potenziell zerstörerische Kraft, während sie bei Geibel stärker als schmerzhafter Gegensatz zwischen Wunsch und Wirklichkeit erscheint.
Unterschiedlicher Umgang mit der Zeit
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Zeit spielt in beiden Gedichten eine Rolle, jedoch in unterschiedlicher Form. Bei Geibel verschärft die vergehende Zeit die Sehnsucht. Das lyrische Ich erlebt, dass Stunde um Stunde vergeht und damit auch die Jugend schwindet. Die unerfüllte Sehnsucht wird deshalb zusätzlich mit der Angst verbunden, dass sich die erhoffte Möglichkeit nie mehr verwirklichen wird.
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Bei Goll steht weniger die individuelle Lebenszeit als vielmehr die Endlosigkeit der Sehnsucht im Vordergrund. Die Karawane wandert immer weiter (vgl. M 1, Z. 1–2 und 7). Dadurch wirkt das Phänomen zeitlos und über das einzelne Menschenleben hinaus gültig.
Vergleich der Sprechsituation
Geibel: individuelles lyrisches Ich
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Geibels Gedicht wird deutlich von einem lyrischen Ich geprägt. Es betrachtet seine eigene innere Situation und seine Umwelt und beschreibt anschließend seine persönliche Vorstellung eines ersehnten Landes. Dadurch entsteht eine intime und subjektive Sprechsituation.
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Die Sehnsucht ist zunächst die Erfahrung eines einzelnen Menschen. Die Leserinnen und Leser erhalten unmittelbaren Einblick in dessen Gefühle, Träume und Begrenzungen.
Goll: kollektives lyrisches Wir
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Goll verwendet dagegen überwiegend ein lyrisches Wir. Schon zu Beginn ist von „unsrer Sehnsucht“ (M 1, Z. 1) die Rede, später von „unser Herz“ (M 1, Z. 4) und schließlich ausdrücklich von „uns allen“ (M 1, Z. 12).
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Dadurch wird die individuelle Erfahrung verallgemeinert. Das lyrische Wir beansprucht, für die Menschheit insgesamt zu sprechen.
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Die anonymen Figuren „ein Mensch“ und „Irgendeiner“ (M 1, Z. 8 und 10) verstärken diese Wirkung. Ihre Identität ist unwichtig, weil sie stellvertretend für unterschiedliche Menschen und ihre Sehnsüchte stehen.
Wirkung des Unterschieds
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Die unterschiedliche Sprechsituation hängt eng mit der jeweiligen Aussage zusammen. Geibel gestaltet Sehnsucht als persönliche Empfindung eines einzelnen Menschen, der unter der Begrenztheit seiner Lebenssituation leidet. Goll macht daraus dagegen ein allgemein menschliches Existenzproblem.
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Dadurch wirkt Geibels Gedicht persönlicher und gefühlvoller, Golls Text hingegen stärker verallgemeinernd und existenziell.
Vergleich der sprachlich-formalen Gestaltung
Bildlichkeit der Sehnsucht
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Beide Autoren verwenden eine stark bildhafte Sprache, gestalten diese Bilder jedoch unterschiedlich. Geibel arbeitet vor allem mit harmonischen Natur- und Fernbildern. Die ersehnte Welt wird durch Licht, Pflanzen, Meer und südliche Landschaftseindrücke idealisiert. Dadurch entsteht eine schöne, beinahe romantische Gegenwelt zur als begrenzt empfundenen Gegenwart.
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Golls Bilder wirken dagegen deutlich drastischer und teilweise grotesk. Die „Vögel des Schmerzes“ (M 1, Z. 3), fressen das Herz aus, ein Mensch springt aus dem Fenster, um einen Stern zu greifen (vgl. M 1, Z. 8–9), und trotz Nil und Niagara bleiben die Menschen durstig (vgl. M 1, Z. 13–14).
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Damit spiegeln die Bilder bei Geibel eher Idealität und gefühlvolle Sehnsucht, bei Goll dagegen Unruhe, Schmerz und Übersteigerung wider.
Kontraste
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Beide Gedichte arbeiten mit Gegensätzen. Bei Geibel steht die als eng empfundene gegenwärtige Lebenssituation der weiten, leuchtenden Ferne gegenüber. Auch die begrenzte Lebenszeit kontrastiert mit dem großen Wunsch nach Freiheit und Bewegung. Bei Goll sind die Kontraste noch stärker zugespitzt. Obwohl „überall“ ein paradiesischer Zustand möglich sein könnte, wandern die Menschen weiter (vgl. M 1, Z. 5–7). Am Ende stehen gewaltige Flüsse dem weiterhin bestehenden Durst gegenüber (vgl. M 1, Z. 13–14).
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Bei beiden Autoren verdeutlichen die Gegensätze also die Spannung zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, bei Goll wirkt diese jedoch wesentlich radikaler.
Wiederholungen und Ausrufe
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Goll verstärkt die emotionale Wirkung durch Wiederholungen und zahlreiche Ausrufe. Besonders „wir wandern, wir wandern“ (M 1, Z. 7) vermittelt Rastlosigkeit und Endlosigkeit.
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Auch Geibels Text arbeitet mit wiederkehrenden Formulierungen. Die Klage über die Enge der Schranken, die Weite der Welt und die Flüchtigkeit der Zeit wird am Ende erneut aufgenommen. Dadurch entsteht ein deutlich erkennbarer Rahmen und das zentrale Problem wird besonders hervorgehoben.
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Die Wiederholung hat somit in beiden Gedichten eine verstärkende Wirkung. Bei Geibel sorgt sie stärker für formale Geschlossenheit, bei Goll für den Eindruck unablässiger Bewegung.
Formale Unterschiede
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Geibels Gedicht besitzt eine deutlich regelmäßigere und geschlossenere Struktur. Es besteht aus drei sechszeiligen Strophen und weist eine stärker geordnete Reim- und Rhythmusgestaltung auf. Die wiederkehrenden Schlussverse der ersten und dritten Strophe sorgen zusätzlich für formale Geschlossenheit.
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Golls Gedicht umfasst dagegen 14 Verse ohne regelmäßige Strophengliederung. Ein durchgängiges Reimschema fehlt, und auch die Verslängen sind unregelmäßig. Dieser Unterschied lässt sich mit den jeweiligen literarischen Gestaltungsprinzipien verbinden.
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Geibels regelmäßige Form ordnet die persönliche Sehnsucht in eine harmonische lyrische Struktur ein. Golls freie Form wirkt dagegen unruhiger und unterstützt das expressionistische Bild einer rastlosen, von intensiven Gefühlen geprägten menschlichen Existenz.
Schluss
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Beide Gedichte stellen Sehnsucht als ein Verlangen nach etwas dar, das sich der unmittelbaren Erfüllung entzieht. Dabei entsteht jeweils ein Gegensatz zwischen der gegenwärtigen Lebenssituation und einer ersehnten anderen Wirklichkeit. Emanuel Geibel gestaltet Sehnsucht vor allem als persönliches Verlangen eines einzelnen lyrischen Ichs nach einer idealisierten, fernen Welt. Die harmonischen Naturbilder und die regelmäßige Form unterstützen den träumerischen und zugleich melancholischen Charakter des Gedichts.
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Yvan Goll löst die Sehnsucht dagegen stärker vom einzelnen Menschen. Durch das lyrische Wir, die anonymen Beispielpersonen und die drastischen Bilder erscheint sie als universeller, unstillbarer Grundzustand des Menschen. Die freie Form und die expressionistische Übersteigerung verstärken dabei Unruhe und Schmerz.
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Damit liegt der wesentliche Unterschied darin, dass Geibel die individuelle Sehnsucht nach einer konkreter vorgestellten Ferne gestaltet, während Goll Sehnsucht als grundsätzliche und niemals vollständig erfüllbare Bedingung menschlicher Existenz darstellt.